Peter beschreibt die Kollektionen von Alessandro Michele gerne mit „Wimmelbilder der Mode“. Er meint damit, dass man immer wieder etwas bei einer Gucci-Kollektion entdeckt, selbst wenn man der Meinung ist, die Entwürfe in- und auswendig zu kennen. So ergeht es mir mit der aktuellen Herbst/Winter-Kollektion: Vor einigen Tagen entdeckte ich dort die Flammen-Sneaker, gestern dann die Kooperation mit GucciGhost und heute eine Zusammenarbeit mit den Peanuts.
Alessandro Michele
(Bild: Glen Luchford)
Nachdem die für den Sommer im Berliner Europa Center fotografierte Kampagne eher den Charme der Siebziger und Achtziger Jahre West-Berlins hatte und die fantasievollen Gegensätze von Alessandro Micheles romantischen Gucci-Statements vereinigte – frei nach dem Motto: Härte trifft auf Verspieltheit – geht es nun in eine Stadt, die wie keine andere für den stetigen unruhigen Dialog zwischen Tradition und Moderne steht: Tokio.
Dass die Japaner mit ihrem unendlichen Drang nach Neuem und dem Talent, die unmöglichsten Sachen und Trends, der Mischung aus Mangakultur und schintoistischer Tradition zu kombinieren, Alessandro Michele reizen, lag auf der Hand.
Bild: Courtesy of Gucci
Bei der etwas ausgedünnten Mailänder Fashion Week, die aufgrund der Entscheidung einiger Labels, ihre Herrenkollektionen im September gemeinsam mit den Damen vorzustellen, Lücken aufwies, wurde eine Schau heiß erwartet: Gucci. Nachdem Alessandro Michele erst Anfang Juni in der Londoner Westminster Abbey seinen Mix aus englischer Jugendkultur und des goldenen Zeitalters von Elisabeth I. und einer Prise edwardianischem Dandytums gezeigt hatte, ging es nun im Gucci Hauptquartier in einem neongrünen, fast futuristisch anmutenden Dekor auf eine ganz andere Entdeckungsreise.
(Bild: Courtesy of Gucci)
Eine der wirklichen Moderevolutionen der Neunziger Jahre war, als der aus Texas stammende Tom Ford durch die Vermittlung von Dawn Mello zum verstaubten Societylabel Gucci kam. In den Siebziger Jahren verkam die Marke durch familiäre Querelen zum Duty-free-Label und setzte kaum noch Impulse. Doch als Tom Ford bei Gucci den Posten des Designers übernahm, begann die Revitalisierung des Brands. Es gilt seitdem, dass man durch totale Brüche auch totgesagte Labels revitalisieren kann. Nachdem es in den Achtziger Jahren das erste Mal gelang, ein Haus zu modernisieren – Karl Lagerfeld fing damals bei CHANEL an – verhalf der damals noch unbekannte Ford Gucci durch eine Mischung aus New Yorker Jetset-Stil, Studio 54-Athmosphäre und einer gehörigen Portion Sex zum Innovationslabel.
Kaum sind die Cruise Shows vorbei und die letzten Töne der Choräle in Westminster Abbey von Alessandro Micheles Gucci-Schau verklungen, zieht die Fashion Crowd weiter zur Mailänder Herrenmodewoche. Michele beeindruckt Saison für Saison mit seinen innovativen und fantasievollen Looks, die die Modewelt komplett auf den Kopf stellen. Sein Feuerwerk an Ideen scheint ungebremst und mixt in ungeheurer Opulenz Zitate der Mode und Kunstgeschichte mit Modernität und einem Füllhorn von Fabeltieren, Tigern, Schlangen und Drachen. Seine Flora und Fauna aus Renaissancestichen, von viktorianischen Oblaten und Dekor aus Verdi Opern – gemixt mit den Gucci-Codes – lässt bei jedem Teil die Herzen der Modefreaks höher schlagen. Ob die Vermischung der Geschlechter oder die Vision, die Romantik in die Mode zurückzubringen – jeder kann sich seine eigene Scheibe davon abschneiden.
Gucci schlägt konsequent den Weg ein, ein Luxusbrand zu werden, das alles anders macht und, wie in einem bunten Bazar des 19. Jahrhunderts, seine Kunden auf Entdeckungsreise schickt.
(Bild: Courtesy of Gucci)
Eigentlich sind die Cruise Kollektionen aus den Garderoben entstanden, die die Passagiere auf den Kreuzfahrten oder den Überfahrten trugen. Da solche Fahrten meist nach Weihnachten stattfanden, handelte es sich bei den Entwürfen um die Sachen, die zwischen der Winter- und Sommerkollektion gebraucht wurden, um gut angezogen durch die einzelnen Klimazonen zu kommen. Das hat sich in den letzten Jahren komplett geändert und so sind daraus, besonders in den „Leading 5“ der Modehäuser, also Chanel, Louis Vuitton, Dior, Prada und natürlich auch Gucci, eigenständige und umfangreiche Saisons geworden.
Collections United – Gucci zeigt gemeinsam Männer- und Frauenkollektion
Posted on 6. April 2016(Bild: Courtesy of Gucci)
Bei kaum einem Designer liegt es so auf der Hand, die Männer- und Frauenkollektionen gemeinsam zu präsentieren, wie bei Alessandro Michele. Guccis Geschlechter übergreifende Modelle und die stilistische Gesamtkonzeption der Linien ist seit Micheles Berufung zum Creativ Director eng miteinander verbunden.
Die Kollektionen werden ab Anfang 2017 gemeinsam präsentiert – in den neuen Räumen des Headquarters in der Via Mecenate in Mailand.
Zuviel des Guten kann wundervoll sein – ein Satz, den Mae West prägte. Ich weiß nicht, wie die amerikanische Schauspielerin über Gucci, geschweige denn über die neue Prefall-Kampagne von Gucci denken würde. Vielleicht würde sie sich aber auch bestätigt fühlen, wenn sie die Kollektion von Alessandro Michele sieht.
Letzte Woche gab François-Henri Pinault, CEO von Kering, die Ergebnisse der französischen Markenholding bekannt und lobte, dass Gucci auf einem guten Weg ist. Die Ergebnisse haben sich verbessert und das Potential von Gucci sei immens. Das ist für einen Wirtschaftsboss schon sehr viel, denn meistens bedeutet schweigen schon ein Lob. Also gute Aussichten für den Mann, der aus einer ganz anderen Welt kommt, nämlich einer Welt der intelligenten Kreativität und der Energie, mit seinen Visionen die komplette Marke umzudrehen: Alessandro Michele.
Und so war es auch Michele, der mit der Herbst/Winter-Kollektion 2016 den Auftakt für die Mailänder Schauen machte.
Bild: Courtesy of Gucci
Unglaubliche 84 Looks hat Alessandro Michele zusammen mit seinem Team für die Prefall-Kollektion von Gucci entworfen. Wahnsinn – doch es ist zu hoffen, dass Michele das Tempo durchhält und sich nicht verheizen lässt.

