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Vom Ort zum Motiv: Über Sichtbarkeit, Sehnsucht und das Risiko, entdeckt zu werden

Foto: © Steffen Sinzinger

Die Gegenwart hat ein merkwürdiges Verhältnis zu festen Formen. Sie liebt das Flüchtige, aber sie reist zuverlässig zu den alten Steinen. Schloss Montfort ist so ein Stein geworden: historisch genug, um Gewicht zu haben, aber offen genug, um als Hintergrund für sehr unterschiedliche Lebensentwürfe zu dienen. Wer hier sitzt, schaut selten nur auf den See. Meist schaut er ein Stück weit auch auf sich selbst – oder auf das, was er dafür hält.

Kurzum, man kann Orte auf zwei Arten betrachten – als Ergebnis von Geschichte oder als Bühne der Gegenwart. Am interessantesten sind jene, bei denen beides gleichzeitig nicht ganz aufgeht. Das Schloss Montfort ist so ein Fall. In der Gegenwart wird diese Kulisse neu genutzt. Wo früher repräsentiert wurde, wird heute gefrühstückt, Kaffee getrunken oder einfach gesessen – manchmal länger als geplant, was entweder für die Qualität des Ortes spricht oder für die Trägheit des Moments. Die gastronomischen Angebote orientieren sich an Regionalität und Saison, was gut zum Gesamtbild passt, auch wenn es inzwischen fast zum Standard geworden ist.

Interessant ist weniger das Schloss selbst als die Art, wie es verwendet wird. Es ist nicht mehr nur ein Motiv, sondern ein Raum, der in Anspruch genommen wird. Ähnlich wie bei Kleidung entfaltet sich die Wirkung erst im Gebrauch – durch Menschen, durch Situationen, durch das, was zufällig entsteht und später gern als stimmig erinnert wird.
Allerdings hat sich in den letzten Jahren eine weitere Dynamik eingeschlichen. Manche Orte kippen – leise zunächst, dann sehr sichtbar. Sie werden durch Influencer entdeckt, geteilt, reproduziert, bis sie schließlich weniger Ort als Hintergrund sind. Ein gut platzierter Ausschnitt, ein paar wiedererkennbare Perspektiven, und plötzlich entsteht ein visueller Konsens darüber, wie dieser Ort „gemeint“ ist. Der Preis dafür ist bekannt: Überlauf, Warteschlangen für den richtigen Blickwinkel, Austauschbarkeit der Erfahrung.

Foto: © Steffen Sinzinger

Vor diesem Hintergrund wirkt das Schloss Montfort bislang fast zurückhaltend. Und genau darin liegt die eigentliche Spannung: dass jede Beschreibung bereits Teil jener Sichtbarkeit wird, die man zugleich fürchtet. Und dann sitzt man dort und isst. Ein gebratenes Zanderfilet mit Acquerello Risotto, wie es sein soll – mit genau der richtigen Ernsthaftigkeit, die nicht ausgestellt werden muss, sondern einfach da ist. Dazu vielleicht ein Glas Wein, das den Nachmittag nicht kommentiert, sondern begleitet. Es ist diese Art von Küche, die nichts beweisen will und gerade deshalb überzeugt: solide, regional, selbstverständlich gut.

Man lehnt sich zurück, der Blick fällt aufs Wasser, die Alpen stehen ruhig im Hintergrund, als hätten sie alle Eile längst abgelegt. Für einen Moment ist das kein Konzept und kein Motiv, sondern einfach ein Ort, der funktioniert, ohne sich dafür zu rechtfertigen.
Und während der Kaffee kommt, bleibt diese leise, fast altmodische Hoffnung, dass es noch eine Weile so bleibt. Dass die nächste Welle eher über den See zieht als durch die Feeds. Und dass die Influencer-Invasion vielleicht einfach vorbeizieht, ohne hier allzu genau hinzuschauen …

Meinung News

Wüstenstaub und Wegwerfglamour

Fast wie Coachella – nur ohne Wüste, Influencer und Polyester: das Riesenrad in Hamburg; Bild: Horstson

Neulich stand ich in Hamburg vor dem Riesenrad und fragte mich, ob auch in diesem Jahr ein solches Karussell 9.500 Kilometer entfernt seine Runden dreht. Und siehe da – dieser Tage läuft Instagram wieder mit Bildern von Influencern über, die allesamt aussehen, als hätten sie sich direkt aus einem Polyester-Katalog in die kalifornische Wüste teleportiert.

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Meinung News

Pool, Palmen, Perspektivlosigkeit

Ich sitze also im Urlaub. Wenn man so will „Pool (ohne Promis) unter Palmen“, um gleich zum eigentlichen Thema dieses kleines Beitrags überzuleiten. Die Sonne arbeitet verlässlich, der Rosé schwitzt leise vor sich hin, und ich habe – wie man das so hat zwischen zwei Schwimmeinheiten und der dritten Portion Müßiggang – plötzlich Zeit. Zeit, mich mit dem Œuvre jener Gestalten auseinanderzusetzen, die man gemeinhin Reality-Stars nennt. Ein großes Wort für ein erstaunlich kleines Gesamtwerk.

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Gesellschaft News

Twink forever?

So wie ich hier am Pool liege, Sonne auf der Haut, halb im Wasser, halb im Scrollen durch nichts, passiert es irgendwann ganz automatisch: Die Gedanken lösen sich. Erst vom Alltag, dann vom Körpergefühl, dann von allem, was irgendwie nach Struktur aussieht. Und dann, völlig unerwartet, taucht er auf – der Twink.

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Meinung News

Zwischen Dünen, Dresscodes und Dämmerlicht

Was tut sich denn da..? Ich bin seit einigen Tagen in Maspalomas vor Ort, sitze meist am Rand eines der besten Restaurants am Platz – was hier weniger Übertreibung als Grundhaltung ist – und betrachte das Treiben aus jener privilegierten Distanz, die es erlaubt, alles zu sehen, ohne selbst Teil davon zu werden. Ein stiller Beobachter also, mit Blick auf eine Szenerie, die sich Abend für Abend neu inszeniert.

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Meinung News

Weniger Glanz, mehr Haltung: Wie Modemagazine ihre Auflagen retten können

Totgesagte leben länger: Modemagazine; Foto: Horstson

Die gute Nachricht zuerst: Modemagazine sind nicht tot. Sie liegen nur etwas zu lange dekorativ auf dem Couchtisch – neben der Duftkerze, die man auch eher fürs Ambiente als für den eigentlichen Zweck gekauft hat. Die schlechte Nachricht: Die Auflagen sinken seit Jahren. Papier wird teurer, die Inflation nagt am Portemonnaie, und die Leserinnen und Leser haben gelernt, dass man Trends auch kostenlos im Sekundentakt auf dem Smartphone serviert bekommt. Warum also noch drucken?

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Meinung News

Weshalb Quiet Luxury das lauteste Flüstern unserer Zeit ist

Quiet und Loud Luxury liegen manchmal dicht beieinander; Bild: Horstson

Es fängt an, wie es immer anfängt, zum Beispiel mit einem Luxuspullover, der kein Luxus sein will. Beige vielleicht, oder ein Grau, das sich zwischen Nebel und Staub nicht festlegen mag. Der Preis? Diskret versteckt – und ungefähr auf Wochenendtrip-Niveau. Willkommen im Zeitalter des Quiet Luxury. Man erkennt es vor allem daran, dass man es nicht erkennt.
Quiet Luxury ist die elegante Absage an jene Epoche, in der Identität in Großbuchstaben über die Brust lief. Logos wie Nummernschilder, Gürtelschnallen mit Landebahn-Ambitionen. Damals galt: Wer hat, der zeigt – möglichst in Versalien.

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Warum der Strafraum längst auch ein Laufsteg ist

Bild: Courtesy of Guess

Es gibt diese eine Szene, die sich jedes Wochenende millionenfach wiederholt – ein Fußballer steigt aus dem Mannschaftsbus – und trägt dabei nicht einfach nur irgendetwas. Nein, er inszeniert sich. Sonnenbrille, perfekt sitzende Jeans, Hoodie mit Haltung. Der Weg vom Bus in die Kabine ist längst zur inoffiziellen Fashion Week des Rasens geworden.

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