Meinung

Modeblogger-Melancholie

(Foto: Screenshots von Spiegel.de, Berliner Zeitung, C’est Clairette, Der Standard, Die Zeit; Collage: Horstson)

Es ist schon einige Wochen her, als mich nach der Lektüre des Artikels „Sleeping Beauties“ (in der Stil-Beilage des Spiegels, mittlerweile als „Blick zurück nach vorn“ auch Online abrufbar, Bezahlbereich) von Barbara Markert vor Begeisterung Melancholie erfasste. Barbara Markert war bis 2017 auch als Parisoffice auf dem Blog Modepilot bekannt und als eine der Handvoll profilierten ModebloggerInnen Deutschlands sehr beliebt. Doch irgendwann war dann Ende, was aus meiner Sicht auch mit der gruseligen Trivialisierung deutscher Modeblogs zu tun haben konnte … wer weiß das schon.
Auffallend ist, dass mittlerweile alle Cracks mittlerweile damit aufgehört haben, ihre deutschen Modeblogs zu schreiben oder für solche zu schreiben. Wie überaus schade!

Naturgemäß kann man den ehemals besten ModebloggerInnen als Autoren und Autorinnen in Printmedien folgen. Was sich bei allen sehr empfiehlt.
Nur ist es wichtig, darauf hinzuweisen, welche Expertise deutschen Modeblogs mit dem Abgang bzw. dem Verschwinden der Blogs dem Anschein nach unwiederbringlich verloren gegangen ist.
Wer aus der heutigen Auswahl exponierter ModebloggerInnen Deutschlands sollte Barbara Markert, (Siems Luckwaldt (Nahtlos), Anne Feldkamp (Blica), Claire Beermann (C’est Clairette) oder unseren fabelhaften Peter Kempe im Bereich der Berichte zur High Fashion und Haute Couture auch nur annähernd ersetzen?

Ehemalige Modeblogger wandern zu Instagram

Die heutige Generation ist entweder ohnehin nur auf Instagram mit „Grützenbildchen vertreten“, veröffentlicht monatelang keine Berichte und wenn dann mal welche kommen, hat man ein Haus gekauft oder ein Kind bekommen und ähnliches. Das sind auch alles sehr erhellende, persönliche Themen, nur haben die nichts mit dem Schreiben über Mode zu tun.
Fazit: Da werden lange Sendepausen von eher schlichten Berichten zum Geld verdienen kurzfristig unterbrochen. Fast hätte ich vergessen, manch Modebloggerin ist so in ihr Aussehen verschossen, dass selbst produzierte „Editorials“ mit eigenen Fotos der Content des ehemaligen Modeblogs sind.
Das wirft ein interessantes Licht auf jene AkteurInnen, die früher reflexartig behaupteten, studierte ModejournalistInnen zu sein, die gar nicht anders könnten, als diese Passion auf dem eigenen Modeblog schreibend auszuleben. Nur eben schneller, besser, weil direkter als die „alten Krähen“ in ihren Hochglanzmagazinen …

So viel ist klar: Die guten alten Zeiten kommen nicht wieder zurück. Ich kann die Cracks gut verstehen. Wer will denn unbedingt Teil einer Szene sein, die von wenigen Ausnahmen abgesehen trivial und langweilig oder sogar peinlich ist.
Dadurch sind viele Leser abgewandert oder gucken nur noch sporadisch herein. Die Kommentarkultur wurde praktisch abgeschafft. Und ohne Kommentare weiß man als BloggerIn nichts über die LeserInnen … für die man schließlich schreibt …
In diesem Sinne, wie Horst mir das mal auf hanseatisch beigebracht hat, „na denn gute Nacht Marie“, liebe exponierte BloggerInnen der Neuzeit!

Der Spiegel, Die Zeit, Der Standard: Wo es von Modebloggern heute zu lesen gibt

Hier noch einige Links zu Berichten von Anne Feldkamp, die unter anderem für den Standard schreibt.
Claire Beermanns Blog C’est Clairette ist noch aktiv. Allerdings kommen da keine neuen Berichte mehr. Es lohnt sich aber auch, die alten zu lesen, wenn man Freude an sehr gutem Handwerk hat. Und in Die Zeit sind Claires Artikel laufend zu finden.
Siems Luckwald, zu dessen Zeiten mit dem Blog Nahtlos! man Gespräche über Pullover von Hermès führen konnte, die Made To Mesure angefertigt wurden und werden, schreibt für verschiedene Medien wie capital und andere Magazine.
Barbara Markert schreibt für den Spiegel und weitere Magazine. Lebt in Paris und ist Teil der Szene, über die sie berichtet.
Und der großartige Peter Kempe, hat heute wie schon damals mit Aufträgen namhafter Marken sehr gut zu tun, seine Kolumne in der Berliner Zeitung ist absolut lesenwert. Auch lohnt es, durch alte Berichte auf Horstson zu scrollen, diese wieder zu lesen und sich darüber zu freuen, dass es mal Zeiten gab, in denen ein ausgewiesener Spezialist für Haute Couture und High Fashion und das Handwerk, das von wenigen Häusern am Leben erhalten wird, für die Horston-Leser so zeitlose Artikel, wie einen Bericht über Ratatouille und den besonderen Laden Dehillerin in der rue Coquilliere im Marais-Viertel von Paris zu schreiben, aus dem Ratatouilles Töpfe waren.

Gastautorin: Eva Parke

7 Comments

  • Carsten
    13. Mai 2022 at 20:31

    Vor vielen Monden, ich erinnere mich aber noch, gab es eine einfache Frage, die gerne fachkundig beantwortet wurde:
    Was ist denn gerade in Paris groß in Mode?

    Der Sachverstand und die Beobachtungsgabe wären wohl noch da.
    Nur ist die Mode weg.
    Die Mode wurde modisch.
    Das Modische wurde zum Zeitgeist, dem man den (Geist) nur noch in Klammern setzen möchte.

    Die Modeeule sieht alles, dreht den Kopf und schweigt.

  • Eva Parke
    16. Mai 2022 at 09:50

    @CARSTEN
    Damit, wohin sich viele der High-Fashion-Kollektionen entwickelten, hat es gewiss auch zu tun, dass das Bloggen über Mode von jenen, die etwas davon verstehen und Geschmack haben, beinahe eingestellt wurde. Man konnte das auch daran festmachen, dass Kollektionen wie jene von Nicolas Ghesquiere für Louis Vuitton kaum noch rezensiert werden und LV bildet da nur die Spitze des Eisbergs schwer verständlicher Kreationen.

    Auch ich tue mir ausgesprochen schwer damit, das Handwerk zu lobern, wenn Menschen in den zeitgeistigen Klamotten einfach seltsam aussehen.

    Aber die Schreibmüdigkeit hat hier bei uns auch damit zu tun, dass exponierte BloggerInnen den Stimmungsmarkt an sich gerissen haben; man nur noch positiv kommentieren oder besser gersagt lobhudeln durfte und am Ende kam dann auch noch diere als Feminismus verpackte falsche Frauensolidarität dazu, die eingefordert wurde. Die Branche hat sich kaputtgelobt.

    Das hatte und hat nichts mit dem Berichten und Reflektieren von Mode zu tun und Du triffst ins Schwarze.

  • Thorsten
    18. Mai 2022 at 08:13

    Da hat sich etwas verändert, nicht nur bei den Bloggern. Ich stelle seit geraumer Zeit fest, dass Mode mich nicht mehr interessiert, weil die Kollektionen so nichts-sagend, austauschbar und meiner Meinung nach auch hässlich geworden sind. Bei Mode geht es nicht mehr um Design, sondern nur noch um Business. Das spiegelt sich auch bei Horstson. Wo es früher Beiträge über Mode gab, liest man jetzt nur noch Meldungen von Kooperationen, mit denen Labels versuchen, die Leere, die sie wohl selbst wahrnehmen, zu übertünchen. Ein Artikel wie dieser ist da eine erfreuliche Ausnahme.

  • Horst
    18. Mai 2022 at 09:40

    Danke für den schönen Beitrag! Ich denke, dass sich einiges verändert hat – da braucht man Durchhaltevermögen, wenn man sieht, dass die Budgets zu Instagram und Co. fließen, weil da die Reichweite skalierbarer erscheint.
    Ob es langfristig reicht, einen Influencer sieht, der random an einem Tag eine Tasche von XY und einen Tag später von YX wird sich zeigen. Tiefe kann ein IG-Post nicht geben, erklären, warum die Tasche 2000 Euro kostet auch nicht…

  • Eva Parke
    18. Mai 2022 at 13:05

    @THORSTEN

    Ich schließe mich dem Dank von Horst gerne an.

    Dass Du aussprichst, was nicht zu übersehen ist, aber niemad in der Branche gerne erinbekennt, freut mich: Ja, Vieles ist unglaublich nichtssagend und hässlich. Ich empfinde es als dekadent und überflüssig, dass man immer mehr Outfits gezeigt bekommt, in denen man nicht gut aussieht … dafür weiss dann jeder, aus welcher Kollektion die Teile stammen.

    Sehr schade ist das. Sicher war auch auf Horstson früher mehr über Mode zu lesen, aber das muss erst mal geschrieben werden (ich schreibe mir das gerne hinter die Ohren), wir sind hier keine Vollzeitblogger oder Influencer, haben richtige Berufe.

    Ich gehe wie Horst tendenzierll davon aus, dass der Zauber der Insta-Stars irgendwann verblassen wird. Wer von uns, die wir an Mode und dem Handwerk interessiert sind, kennt denn die Leute, die Caro Daur & Co. nacheifern, weil sie und andere die 97. Tasche für 4.000€ aufwärts trägt, mit der sie in meinen Augen noch immer aussieht, wie eine attraktive „Vorstadtfriseurin mit Sixpack“, die sich sehr hübsch verkleidet hat … Den Unterschied zur Vorstandfriseurin zu deren Gunsten möchte ich auch nicht unerwähnt lassen: Die hat etwas gelernt und beherrscht ihren Beruf!!!

    Danke

    Eva

  • vk
    18. Mai 2022 at 13:43

    grosser fan von podcasts. klar, anderes medium. zu fashion fehlt mir aber da noch wirklich gutes. BOF podcast zb leidet meines empfinden nach irrsinning darunter, dass sich die leute so wichtig nehmen. alles ist weltrettung, nachhaltigkeit, blablabla… irrsinnig schwergaenig. son bisschen gefangen im schlimmen strudel self-conciousness.
    richtig geile fashion talks. ich koennt sowas den ganzen tag hoeren. gibt es aber irgendwie kaum.
    oder kennt jemand was?
    hinweise oder taetlich abhilfe erbeten.

  • JayKay
    24. Mai 2022 at 16:45

    Instagram ist nunmal momentan vorherrschend. Im Umkehrschluss wird demnach auch Mode gemacht, die „Instagramable“ ist und an der man sozusagen auf einem Bild ablesen kann, wer der Hersteller ist und wie schön bunt man darin aussehen kann. Und an der Masse an unterschiedlichen Bildchen, die man vorgesetzt bekommt, zählt eher, was sich davon noch im Gehirn einbrennen kann um nicht komplett unterzugehen. Hier ist kein Platz für raffinierte Details oder Geschichten, die erzählt werden wollen. – Was ich sehr schade finde. Aber alles hat seine Zeit und ich glaube, dass irgendeine Form von Blogs eine Renaissance erleben werden. Und dann müsste sich die Mode auch wiederum anpassen. Ob ich das noch erleben darf? 🙂

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