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Pool, Palmen, Perspektivlosigkeit

Ich sitze also im Urlaub. Wenn man so will „Pool (ohne Promis) unter Palmen“, um gleich zum eigentlichen Thema dieses kleines Beitrags überzuleiten. Die Sonne arbeitet verlässlich, der Rosé schwitzt leise vor sich hin, und ich habe – wie man das so hat zwischen zwei Schwimmeinheiten und der dritten Portion Müßiggang – plötzlich Zeit. Zeit, mich mit dem Œuvre jener Gestalten auseinanderzusetzen, die man gemeinhin Reality-Stars nennt. Ein großes Wort für ein erstaunlich kleines Gesamtwerk.

Nun könnte man meinen, dass man Tage, wenn nicht Wochen bräuchte, um sich durch diese Karrieren zu arbeiten. Schließlich sind es ja Stars. Aber die gute Nachricht ist: Es ging schneller. Erschreckend schnell. Nach erstaunlich kurzer Zeit drängt sich eine Erkenntnis auf, so klar wie das Poolwasser am frühen Morgen: Diese Geschichten sind auserzählt. Und zwar nicht, weil sie einst besonders reichhaltig gewesen wären, sondern weil sie nie wirklich etwas geliefert haben.

Was auffällt: Es wird lauter. Krawalliger. Schriller. Wo früher noch ein halbherzig inszenierter Konflikt reichte, braucht es heute den permanenten Ausnahmezustand. Dauerempörung, Dauereskalation, Dauerbeleidigung. Es ist, als hätten alle Beteiligten kollektiv beschlossen, dass Substanz völlig überschätzt wird, solange man nur oft genug „Sendezeit“ oder „Skandal“ ruft. Das Problem ist nur: Wenn alles ein Skandal ist, ist nichts mehr einer.

Dabei reisen diese Figuren unermüdlich weiter – von Show zu Show, von Format zu Format, von Strandvilla zu Container. Es ist ein Wanderzirkus der Immergleichen. Man kennt die Rollen, man kennt die Reaktionen, man kennt sogar schon die Tränen, bevor sie fallen. Es ist nicht einmal mehr Déjà-vu, es ist eher ein Dauerloop. Dieselben Geschichten, nur vor wechselnder Kulisse. Mal Palmen, mal Alpen, mal Plastiksofa im Studio. Inhaltlich bleibt es bei der immergleichen dünnen Suppe.

Und so sitzt man da, zwischen Chlorgeruch und leiser Musik, und fragt sich: Was kommt danach? Wenn die Eskalationsspirale ihren Höhepunkt längst überschritten hat, wenn selbst der lauteste Streit nur noch ein müdes Schulterzucken hervorruft – was bleibt dann noch? Vor allem aber: Möchte man diesen Plattformen wirklich weiterhin Raum geben? Für immer mehr vom Immergleichen, nur noch ein bisschen greller ausgeleuchtet?

Vielleicht ist es an der Zeit, das Offensichtliche auszusprechen: Der Lack ist ab. Nicht ein bisschen, sondern flächendeckend. Was bleibt, ist ein System, das sich selbst reproduziert, ohne noch irgendeinen Mehrwert zu erzeugen – außer vielleicht für jene, die daran verdienen. Für alle anderen ist es vor allem eines geworden: langweilig.

Und damit zurück zur eigentlichen Frage, die sich zwischen zwei Sonnenliegen fast aufdrängt: Wie konnte es überhaupt so weit kommen – und noch viel wichtiger – wie bekommen wir es wieder weg?

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