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Twink forever?

So wie ich hier am Pool liege, Sonne auf der Haut, halb im Wasser, halb im Scrollen durch nichts, passiert es irgendwann ganz automatisch: Die Gedanken lösen sich. Erst vom Alltag, dann vom Körpergefühl, dann von allem, was irgendwie nach Struktur aussieht. Und dann, völlig unerwartet, taucht er auf – der Twink.

Ein Begriff, der früher beiläufig über einen selbst gesagt wurde. „Du bist so ein Twink.“ Damals klang das weder wie ein Kompliment noch wie ein Konzept, eher wie ein Nebensatz in einer Nacht, die ohnehin schon zu lang war. Man hat es nicht hinterfragt. Warum auch? Es war einfach da, wie Eiswürfel im Drink oder Chlorgeruch in der Luft.

Und vielleicht liegt es auch an der Natur dieses Ortes, an der Lage dieses Hotels, dass diese Gedanken überhaupt erst so weich werden dürfen. Ein Ort, an dem das Süße des Nichtstuns nicht nur erlaubt ist, sondern Programm. Und an dem sich das Publikum ganz selbstverständlich in genau jene Kategorien aufteilt, die man sonst nur heimlich denkt: die Twinks, die Noch-Twinks, die Ehemaligen. Alle gleichermaßen entspannt, alle gleichermaßen sonnenbeschienen, alle irgendwie im selben Zustand des freundlichen Stillstands.

Denn hier verbringen sie den Tag nebeneinander: die, die man auf den ersten Blick so nennen würde, und die, bei denen der Begriff vielleicht noch im Nachhall existiert, aber schon etwas leiser geworden ist. Und dazwischen dieses große, träge Einverständnis, dass niemand heute irgendwohin muss außer vielleicht zur nächsten Liege oder zur Bar.

Und jetzt liegt man hier, etwas älter, etwas sonnenbewusster, und merkt: Dieser Begriff ist nicht verschwunden. Er hat nur den Kontext gewechselt. Aus einer lockeren Zuschreibung ist plötzlich eine kleine philosophische Störung geworden. Was war das eigentlich – Twink sein? Und noch irritierender: Kann man das überhaupt noch sein, wenn niemand mehr es selbstverständlich sagt?

Der Twink, so viel ist klar, war nie nur ein Körper. Er war ein Moment. Eine Art ästhetischer Zwischenstand: jugendlich genug, um nicht ernst genommen zu werden, attraktiv genug, um trotzdem Aufmerksamkeit zu bekommen, und unbeschwert genug, um sich selbst nicht allzu wichtig zu nehmen. Eine perfekte Unschärfe, die genau deshalb funktioniert hat, weil sie nie festgehalten werden wollte.

Am Pool wirkt diese Erinnerung fast ironisch. Während nebenan jemand mit Sonnenbrille und perfekt dosierter Lässigkeit ins Wasser steigt, stellt sich die Frage: Ist das noch Twink? Oder schon eine andere Kategorie, die niemand freiwillig googelt?

Natürlich ist das alles ein Spiel mit Begriffen. Und gleichzeitig erstaunlich ernst. Denn hinter dem harmlosen Label steckt ein ziemlich hartnäckiges Ideal: Jugend als Zustand, der nicht nur schön, sondern auch selbstverständlich ist. Als würde der Körper irgendwann beschließen, sich selbst zu erklären – oder eben nicht mehr.

Früher war das egal. Man war einfach da, wurde gesehen, vielleicht eingeordnet, vielleicht auch nicht. Heute ist die Frage plötzlich anders herum: Will man überhaupt noch in diese Kategorie fallen? Oder ist sie längst zu einer Art Erinnerung geworden, die man nur noch aus der Distanz betrachten kann, so wie einen früheren Urlaub oder eine alte Playlist?

Der Reiz des Twinks liegt vermutlich genau darin: in dieser scheinbaren Mühelosigkeit. Keine Geschichte, die schwer wird. Keine Vergangenheit, die sich ins Profil drängt. Nur Oberfläche, Bewegung, Licht. Und genau deshalb ist er auch so flüchtig – er funktioniert nur, solange man nicht zu lange hinschaut.

Hier, zwischen Wasser, Hitze und diesen sehr langsamen Gedanken, wirkt die Frage fast überflüssig und gleichzeitig unvermeidbar. War ich das mal? Bin ich das noch? Und wenn nicht – was genau ist dann eigentlich passiert?

Vielleicht ist die ehrlichste Antwort eine unspektakuläre: Nichts Dramatisches. Nur Zeit. Und ein Blick, der sich verändert hat.

1 Comment

  • paule
    14. April 2026 at 23:12

    es gibt noch andere dieser begriffe. einer davon ist der „dandy“, was ist er? was war er und was ist er heute oder vor 20 jahren gewesen?

    schön, dass die texte hier wieder lesenswerter werden. ich denke, die leser werden bald wieder mehr werden.

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