Männermode

Jacquemus „Le Gadjo“ – Männerkollektion Frühling/Sommer 2019

(Le Gadjo de Simon Porte Jacquemus F/S 2019, Lucien Pages Communication)

Mit seiner ersten Männerkollektion – „Le Gadjo“ – hat sich der französische Designer Simon Porte Jacquemus, der seit einigen Jahren die Modeszene mit südfranzösischem Charme erfüllt, einen Herzenswunsch erfüllt.
Bereits im Januar hatte er auf Instagram, seinem Hauptmedium, verkündet, dass ein neuer Job in Sicht sei. Nicht nur seine 500.000 Follower mutmaßten, dass der Shootingstar zu einem der großen Häuser wechseln würde, um einen lukrativen Posten als Chefdesigner anzunehmen, Gerüchte erfüllten die Branche aufgrund eines einzigen Instagram-Beitrages.
Dann im März, als er seine neue Kollektion im Petit Palais zeigte, die Auflösung. Jacquemus, der gern Streetwear-Label trägt, wird seine erste Herrenkollektion im Juni präsentieren – sein Sweatshirt beim Abschluss des Defilees verkündete es in großen Lettern.


Le Gadjo de Simon Porte Jacquemus F/S 2019, Lucien Pages Communication

Der 29-Jährige ist in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswertes Talent, nicht nur seine Kollektionen „Les Santons de Provence“ und „La Bomba“ beeindruckten die Modewelt; Jacquemus spricht durch seine erschwingliche Preispolitik, obwohl alles Made in Europe ist, eine Altersgruppe an, von der andere Modehäuser nur träumen. Er beherrscht nicht nur die Mode, sondern vor allem die mit jeder Facette ausgestattete Selbstdarstellung. Dabei nimmt man ihm absolute Authentizität ab, da er ironisch und ohne Scheu mit allen Klischees arbeitet, die er geschickt für seine Marke nutzt. Dass der liebe Gott ihn so gut aussehen ließ und seine Mutter ihm als Kind sagte, dass er mit seinem Lächeln jeden gewinnen kann – etwas, was neben allerlei Kollektions-Posts und der immerwährenden Sonnenscheinfotos seiner provenzalischen Heimat zum Markenkern geworden ist. Klischees und seine Liebe zu Frankreich sind genau das Rezept, was die heile Welt der französischen Mode besonders für den asiatischen Markt höchst attraktiv macht. Der Gute weiß wie es geht und seine „Selfies“ werden mittlerweile von professionellen Fotografen gemacht und die Redakteure haben genau das richtige Material, um es im Print oder Online zu übernehmen.

Vive la Modernité – Simon Porte Jacquemus steht mit beidem Beinen im Leben und ist ein moderner Designer, dem es altmodisch darum geht Themenkollektionen zu machen. Das macht seine Marke zum Kult – man nehme nur den Strohhut, den jeder kennt. Seine Codes verbindet er mit absoluter Tragbarkeit. Das wird ihm manchmal zur Last gelegt, aber genau wie Alexandre Matiussi von Ami gehört er einer Generation an, die auch gefallen will. Es nutzt dem besten Designer nichts, wenn er nichts verkauft. Ein bisschen Normcore in jedem Teil, aber mit besonderem Kick, genau das, was die klassischen Häuser nicht schaffen und die „Generation Jacquemus“ nicht erreichen.
Vielleicht aufgrund seiner Lebensgeschichte ist der Selfmadedesigner nicht der Erste, der die Gelegenheit beim Schopf packt, einen, wie wir wissen, nicht unbedingt unbefristeten Job bei Dior & Co. anzunehmen, sondern lieber seine Eigenständigkeit bewahrt. Was sicherlich ab einer gewissen Umsatzgrenze immer schwieriger wird: Seine finanzielle Freiheit zu behalten, denn die Erstellung der Kollektion, Vorfinanzierung von Produktion und Vertrieb sind heute kaum noch von kleinen Labeln zu finanzieren.


Le Gadjo de Simon Porte Jacquemus F/S 2019, Lucien Pages Communication

Jedes Wochenende, wenn er sein Atelier am Quai Valmy in Paris verlässt, fährt Simon Porte Jacquemus mit dem TGV vom Gare de Lyon nach Hause in die Provence. Das geht in Frankreich blitzschnell, trotz 800 Kilometer in 3 Stunden. Wir alle wissen, auch aus diversen Horstson-Berichten, dass er Streifen mag, die Sonnenblumen in der Provence und Marseille und den strahlendblauen Himmel liebt. Seine Mode spricht die Sprache genau dieser Elemente und er erscheint wie ein moderner Christian Lacroix, der seine Triumphe mit genau den gleichen Inspirationen feierte. Man musste kein Prophet sein, um zu vermuten, dass er sicherlich genau diese Elemente mit tragbaren selbstverständlichen Looks, die er selbst oder seine Freunde gern tragen, in die Kollektion einfließen lässt und genau so ist es geschehen.

Am letzten Tag der Männer-Fashion-Week in Paris, fast alle Kollektionen für den nächsten Sommer sind gezeigt, machte sich die gesamte Modemeute, bunt gemischt aus Journalisten, Freunden und Kunden auf, um genau mit diesem TGV gen Marseille zu fahren, denn Jacquemus hatte die einsamen felsumstellten Strandbuchten der Calanques, direkt neben der Hafenstadt Marseille, der zweitgrößten Stadt Frankreichs, gelegen, gewählt, um seine gecasteten Models seine neue Kollektion vorführen zu lassen. Die Calanque des Sourmiou, eine der schönsten Buchten wird zur Jacquemus-Bühne.
Frontrow? Fehlanzeige! Die Plätze, blaue Liegelaken platt auf dem Strand, das Panorama, der Sunset über dem Mittelmeer an einem schönen warmen Sommerabend.
Jacquemus schafft es immer wieder, den immensen Materialeinsatz und gigantischen Aufwand, den andere Brands betreiben, durch simple Ideen charmant alt aussehen zu lassen. Die Natur bildet an diesem Abend eine grandiose Kulisse.


Le Gadjo de Simon Porte Jacquemus F/S 2019, Lucien Pages Communication

Jacquemus‘ Kollektion, bestehend aus 33 Looks, übersichtlich und nicht überfordernd und seine Partnerschaft mit Woolmark, die als Hauptsponsor für die Stoffentwicklungen und Prototypen gewonnen werden konnten, zeigen auch gleich, dass leichte Merinowolle durchaus nicht nur in Winterkollektionen einzusetzen ist. Jacquemus zaubert daraus wunderbar komfortable und lässige Hosen, Pullover und Sakkos in strahlenden Sommerfarben daraus. Alles ist tragbar, was ich in heutigen Zeiten durchaus nicht als Schimpfwort empfinde, in denen Mode, zumindest in Europa, nicht mehr als Statussymbol fungiert, das haben längst die Asiaten für uns eher zum Trauma werden lassen.

Sportswearelemente, wie Drawstring-Hosen und Speedos, Bobs in den französischen Farben und Crossbody-Bags werden mit Sonnenblumen und Matisse-Druck-Hemden und Signalfarben wie knallgelb und feuerwehrrot gemischt. Alles könnte man, wenn man wie ich in der Provence lebt, eins zu eins in seinen Kleiderschrank hängen und würde immer perfekt angezogen sein. Baggy-Pants, Cargo-Hosen sowie Skater-Shorts, alles Lieblingsstücke, die Jacquemus gern selber trägt. Tracksuits aber artig und gepflegt, geringelte Polo-Pullis und ein himmelblaues Matrosenhemd, dazu seine kleinen Brustbeutel und Credit-Card Holder in leuchtenden Colourblockings. Sommerliche Flechtgürtel und bunte große Nylontaschen, die wahlweise zu Strandtaschen, Weekendern oder Backpacks werden. Lässigkeit, die niemals off wirkt und durch feines Khaki, gebrochenes Weiß und Sandtönen mit wunderbaren klaren Leuchtfarben elegant kombiniert wird. Wer genauer hinsieht, merkt, dass Formalwear nur in Anklängen mit Krawatten und feinen Super100-Stoffen, dann doch immer wieder mit einem easy-going und mit Sportswearelementen versehenden Stil angeglichen wird.

Wer Sensationen oder sogar revolutionäreres Design erwartet, der ist bei Jacquemus falsch, genau so wie beim Design der Marke Ami von Alexandre Matiussi. Es geht um Dinge, die zu Lieblingsstücken werden, die bei Jacquemus gute Qualität und Zeitlosigkeit bedeuten, die man von morgens bis abends trägt und die in den nächsten Kollektionen aufergänzt werden.
Seine Damen Sachen sind schon beliebte Sammler Items und altern zeitlos, wie Souvenirs von unvergesslichen Reisen. Jacquemus ist ein Träumer, der eine heile aber realistische Welt kennt und diese in Kleidung umsetzt, die perfekt zu unserem Alltag passt, chic, sexy und nicht marktschreierisch überlabelt daher kommt.
Es geht ihm nicht darum das Rad der Mode neu zu erfinden, sondern seine Sicht einer heutigen französischen Mode, mit genau dem, wofür wir die Franzosen lieben, zu zeigen. Bei jedem Stück schwingt seine Liebe zu seinem Heimatland mit und er sagt selbst, der Grund für seine erste Herrenkollektion war, dass er sich verliebt hat. Sein breites Lächeln und der volle Körpereinsatz, beides zeigt er uns gern auf Instagram, sind nur eine Komponente, aber er weiß genau, dass nur Sympathieträger zu sein nicht auf die Dauer reicht, um im gigantisch umkämpften internationalen Milliardenmarkt der Fashion zu bestehen. Dennoch trotzdem muss man ja nicht gleich seine Leichtigkeit verlieren.
Ich hoffe, dass Simon Porte Jacquemus noch lange seine Unabhängigkeit behält und nicht den Verlockungen von Konzernversprechungen erliegt. Mir gefällt die Selbstverständlichkeit seiner Männermode sehr und das Fischerhemd, das Sonnenblumenhemd und der Trikolore Bob werden ganz sicherlich Teil meiner nächsten Sommergarderobe sein. Apropos Garderobe: Jacquemus selbst spricht von einer „Dressing-Collection“, die eigentlich alles beinhaltet, was man(n) braucht.

Simon Porte Jacquemus „Le Gadjo“ ist wie ein schöner Urlaub in der Provence und davon kann man auch in Stockholm, London oder Tokio träumen. La vie est belle – und der nächste Sommer mit Jacquemus ein bisschen französischer in unseren Kleiderschränken.

2 Comments

  • Stephan Meyer
    29. Juni 2018 at 09:31

    Das ist mir irgendwie zu simpel und erinnert mich so´n bisschen an die KaDeWe-oder Printemps-Herrenabteilung vor 20 Jahren :-))

  • thomash
    4. Juli 2018 at 15:06

    sehr gute hosen!

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