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Zwischen Bastide und Biolabel

Foto: © Steffen Sinzinger

Es gibt Orte, die wirken, als sei ihre Erscheinung Ergebnis wiederholter Abstimmung darüber, wie Südfrankreich auszusehen hat. Lavendelreihen im definierten Abstand, Zypressen als vertikale Markierungen, Kieswege, die weniger auf Verkehr als auf Verlangsamung ausgelegt scheinen. Die Provence erfüllt solche Bildvorstellungen seit Langem mit einer gewissen Kontinuität. Während andernorts noch an der Formulierung „authentischer Erlebnisse“ gearbeitet wird, stehen dort Bastiden in der Landschaft, ohne erkennbaren Erklärungsbedarf.

Auch die Domaine du Grand Fontanille an den Nordhängen der Alpilles lässt sich in diese Umgebung einordnen: ein historisches Landgut mit Gartenanlagen, Wasserbecken, Terrassenstrukturen und einer Ruhe, die häufig mit älteren Anwesen assoziiert wird. Naturpark, Olivenhaine, Weinberge, Pferdehaltung – vieles entspricht den gängigen Erwartungen an die Region. Die Frage, ob diese Übereinstimmung eher Nähe oder Distanz zur Realität erzeugt, bleibt offen.
Die Gegenwart pflegt dabei ein ambivalentes Verhältnis zu solchen Orten. Landwirtschaft soll möglichst handwerklich erscheinen, aber ohne Überhöhung. Nachhaltigkeit gilt als Voraussetzung, ohne belehrend zu wirken. Tradition wird akzeptiert, solange sie visuell anschlussfähig bleibt. Ländliche Projekte bewegen sich damit häufig zwischen tatsächlicher Produktion und einer sorgfältig moderierten Erzählung von Lebensstil.
Die Domaine wird von der Familie Leuschner geführt, die das über längere Zeit vernachlässigte Anwesen schrittweise instand setzt und die landwirtschaftliche Nutzung neu organisiert hat. Die Rebflächen wurden dabei neu strukturiert, lokale Akteure aus Handwerk und Landwirtschaft eingebunden, also genau jene Mischung, die es braucht, um einen Betrieb in die Region einzubetten.
Auf dem Gelände übernehmen inzwischen auch Pferde Teile der Bodenbearbeitung – eine Entscheidung, die sich je nach Perspektive entweder als pragmatische Methode oder als sehr anschauliche Rückkehr zu früheren Arbeitsweisen lesen lässt. Ergänzt wird das Ganze durch den Einsatz von Tieren in verschiedenen Pflegekonzepten, was die Landschaft zusätzlich in einen Zustand versetzt, in dem Arbeit und Darstellung nur noch schwer voneinander zu trennen sind.

Foto: © Steffen Sinzinger

Auch im Weinbau werden gängige zeitgenössische Standards aufgegriffen: Bio-Zertifizierung, regionale Produktion und klassische Rebsorten wie Syrah, Grenache oder Cabernet Sauvignon. Die Bezeichnungen der Cuvées – etwa „La Source“ oder „Le Carré“ – bleiben dabei bewusst zurückhaltend, was inzwischen fast schon selbst zu einem erkennbaren Stilmerkmal geworden ist. Kulinarischer Quiet Luxury, wenn man so will.
. Für die Weinbereitung ist Nicolas Jourdan verantwortlich, ausgebildet im Burgund und mit Stationen in verschiedenen renommierten Betrieben der Region. Sein Profil steht damit für eine häufig anzutreffende Verbindung aus regionaler Verankerung und beruflicher Mobilität, die im Diskurs über Authentizität regelmäßig als besonders stimmig gilt.

Und dann ist da noch Leonie Leuschner, die zwischen Berlin und der Provence pendelt und nebenbei eine bemerkenswert französische Haltung zum Essen pflegt: unkompliziert, gemeinschaftlich, ohne großes Theater. Ihr aktuelles Lieblingsgericht ist eine Quiche. Natürlich eine Quiche. Frankreich hätte vermutlich diplomatische Beziehungen beendet, wäre an dieser Stelle von Chia-Pudding die Rede gewesen. Dabei ergibt das durchaus Sinn. Eine Quiche ist im Grunde die kulinarische Schwester der Provence selbst: wandelbar, entspannt, etwas rustikal, aber mit genug Eleganz, um nie banal zu wirken. Spargel, Pilze, Tomaten, Speck – alles darf hinein, nichts muss. Dazu ein Glas Rosé oder Crémant Brut, und plötzlich sieht selbst ein Dienstagabend aus wie ein Wochenende südlich von Avignon.
Vielleicht liegt die Funktion solcher Orte genau in dieser Verschiebung: weniger als abgeschlossene Idealräume, eher als Angebote für eine geringfügig andere Wahrnehmung von Zeit. Weniger Verdichtung, mehr Wiederholung. Weniger Selbstdarstellung, mehr Substanz. Oder, um es provenzalisch auszudrücken: lieber noch ein Stück Quiche als der nächste Life-Coach-Podcast.

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