Warum ist Philip Treacy der bekannteste Hutmacher der Welt, warum kennen wir Alexander McQueen oder warum ist Stella Tennant nach wie vor, trotz vier eigenen Kindern, eines der gefragtesten Models der Welt? Die Antwort ist ganz einfach, weil es eine Frau gab, die Isabella Blow hieß.
Isabella Blow wird oft in einem Atemzug mit der Italienerin Anna Piaggi genannt, doch außer einem exzentrischen Auftritt verband sie mit der Italienerin fast gar nichts. Isabella Blow war zwar ausgefallen, doch im Gegensatz zu Piaggi total bodenständig. Eigenschaften, die besonders ein Volk in Europa spielerisch und selbstverständlich verbinden kann: die Briten. Man nennt es „English Eccentrics“, ein Begriff, den sie aber nicht hören möchte …
Aber eigentlich war Blow viel mehr, als sie mit ihren Alexander McQueen Couture-Jacken und den manchmal wie Skulpturen wirkenden Philip Treacy Hutpyramiden nach außen hin erschien. Oft wurde sie nur als „Muse“ tituliert, was ihr aber nie gerecht wurde, denn die Frau, die mit Putzjobs anfing, stammte zwar aus einer guten britischen Familie der Upperclass, aber sie bekam kein großes Erbe. Isabella Blow war eigentlich das, was man eine Selfmadefrau nennt. Mode war schon immer ihr Thema und sie begann ihre Karriere bei Swarovski und Dupont, wurde dann Journalistin und Redakteurin bei Tatler, den Sunday Times und später dann die Assistentin von Anna Wintour bei Vogue.
Aber irgendwie liegt Isabella Blows Hauptverdienst darin, dass sie ein ungeheures Gespür zur Entdeckung von Talenten hatte und alles dafür tat, diese Talente zu unterstützen und finanzierte, wie in dem Fall von Alexander McQueen, ganze Kollektionen. In ihrem Haus nahe des Eaton Places in London räumte sie das Erdgeschoss und eröffnete ihm einen Laden. „Ganz oder gar nicht“ war ihre Devise, denn sie liebte die britische Mode.
Vielleicht war es ihre verschrobene Psyche, die sie Angst vor Menschen haben ließ. Sie ließ sich nicht gern umarmen oder küssen, war eher schüchtern und wartete, bis man auf sie zu kam. Ihr Bruder war als Kind ertrunken, ihre Eltern ließen sich scheiden und in entscheidenden Momenten ihres Lebens war sie häufig allein. Sie litt jahrzehntelang unter schweren Depressionen, und obwohl es erst hieß, sie starb 2007 an den Folgen von Krebs, stellte sich später heraus, dass sie sich das Leben nehmen wollte und einen Tag später dann ihren Verletzungen erlag.
Ihr Nachlass sollte bei Sotheby’s in London 2010 versteigert werden und die Sammlung drohte die Zersplitterung. Kurz vorher finanzierte aber ihre Freundin Daphne Guinness gemeinsam mit einigen Weggefährten den Gesamtkauf des Nachlasses.
Dass Isabella Blow das absolute Idol und Stilvorbild von Daphne Guinness ist, kann die 45-jährige Exzentrikerin ja bis heute nicht verleugnen – sie ist eine Art Nachfolgerin von ihr und selbst Lady Gaga hat schon Kostüme von ihr eins zu eins kopiert.
Isabella Blow kreierte mit der Hilfe der Menschen die sie förderte und die sie auch liebte, einen völlig eigenständigen und unverwechselbaren Stil. Schade, dass solche Menschen in der Mode immer weniger werden. Auch in England scheint es dort an Nachwuchs zu fehlen …
Wer sich nun aber erste Inspirationen holen will, hat jetzt die Möglichkeit, die wunderbare Ausstellung „Isabella Blow: Fashion Galore!“ in den „Embankment Galleries“ im Somerset House in London anzuschauen.
Isabella Blow stand dafür, was Mode sein soll – ein Ausdrucksmittel, das vieles stark überzeichnet. Aber eins kann Mode nicht: die Hilfeschreie der Seele überdecken.
Wie schade, dass Isabella Blow den Kampf verloren hat, denn die britische Mode könnte sie auch heute noch gut gebrauchen …
„Isabella Blow: Fashion Galore!“ ist eine Hommage an Issie, wie sie Philip Treacy immer nannte, und absolut sehenswert …
„Embankment Galleries“ im Somerset House
Strand, London WC2R 1LA, Vereinigtes Königreich
Täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet (außer an den Feiertagen)
Die Ausstellung „Isabella Blow: Fashion Galore!“ läuft noch bis zum 02. März 2014





