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Peter’s Cutting – Isabella Blow: Fashion Galore!

Warum ist Philip Treacy der bekannteste Hutmacher der Welt, warum kennen wir Alexander McQueen oder warum ist Stella Tennant nach wie vor, trotz vier eigenen Kindern, eines der gefragtesten Models der Welt? Die Antwort ist ganz einfach, weil es eine Frau gab, die Isabella Blow hieß.

Isabella Blow wird oft in einem Atemzug mit der Italienerin Anna Piaggi genannt, doch außer einem exzentrischen Auftritt verband sie mit der Italienerin fast gar nichts. Isabella Blow war zwar ausgefallen, doch im Gegensatz zu Piaggi total bodenständig. Eigenschaften, die besonders ein Volk in Europa spielerisch und selbstverständlich verbinden kann: die Briten. Man nennt es „English Eccentrics“, ein Begriff, den sie aber nicht hören möchte …
Aber eigentlich war Blow viel mehr, als sie mit ihren Alexander McQueen Couture-Jacken und den manchmal wie Skulpturen wirkenden Philip Treacy Hutpyramiden nach außen hin erschien. Oft wurde sie nur als „Muse“ tituliert, was ihr aber nie gerecht wurde, denn die Frau, die mit Putzjobs anfing, stammte zwar aus einer guten britischen Familie der Upperclass, aber sie bekam kein großes Erbe. Isabella Blow war eigentlich das, was man eine Selfmadefrau nennt. Mode war schon immer ihr Thema und sie begann ihre Karriere bei Swarovski und Dupont, wurde dann Journalistin und Redakteurin bei Tatler, den Sunday Times und später dann die Assistentin von Anna Wintour bei Vogue.

Aber irgendwie liegt Isabella Blows Hauptverdienst darin, dass sie ein ungeheures Gespür zur Entdeckung von Talenten hatte und alles dafür tat, diese Talente zu unterstützen und finanzierte, wie in dem Fall von Alexander McQueen, ganze Kollektionen. In ihrem Haus nahe des Eaton Places in London räumte sie das Erdgeschoss und eröffnete ihm einen Laden. „Ganz oder gar nicht“ war ihre Devise, denn sie liebte die britische Mode.

Vielleicht war es ihre verschrobene Psyche, die sie Angst vor Menschen haben ließ. Sie ließ sich nicht gern umarmen oder küssen, war eher schüchtern und wartete, bis man auf sie zu kam. Ihr Bruder war als Kind ertrunken, ihre Eltern ließen sich scheiden und in entscheidenden Momenten ihres Lebens war sie häufig allein. Sie litt jahrzehntelang unter schweren Depressionen, und obwohl es erst hieß, sie starb 2007 an den Folgen von Krebs, stellte sich später heraus, dass sie sich das Leben nehmen wollte und einen Tag später dann ihren Verletzungen erlag.
Ihr Nachlass sollte bei Sotheby’s in London 2010 versteigert werden und die Sammlung drohte die Zersplitterung. Kurz vorher finanzierte aber ihre Freundin Daphne Guinness gemeinsam mit einigen Weggefährten den Gesamtkauf des Nachlasses.
Dass Isabella Blow das absolute Idol und Stilvorbild von Daphne Guinness ist, kann die 45-jährige Exzentrikerin ja bis heute nicht verleugnen – sie ist eine Art Nachfolgerin von ihr und selbst Lady Gaga hat schon Kostüme von ihr eins zu eins kopiert.

Isabella Blow kreierte mit der Hilfe der Menschen die sie förderte und die sie auch liebte, einen völlig eigenständigen und unverwechselbaren Stil. Schade, dass solche Menschen in der Mode immer weniger werden. Auch in England scheint es dort an Nachwuchs zu fehlen …
Wer sich nun aber erste Inspirationen holen will, hat jetzt die Möglichkeit, die wunderbare Ausstellung „Isabella Blow: Fashion Galore!“ in den „Embankment Galleries“ im Somerset House in London anzuschauen.

Isabella Blow stand dafür, was Mode sein soll – ein Ausdrucksmittel, das vieles stark überzeichnet. Aber eins kann Mode nicht: die Hilfeschreie der Seele überdecken.
Wie schade, dass Isabella Blow den Kampf verloren hat, denn die britische Mode könnte sie auch heute noch gut gebrauchen …
„Isabella Blow: Fashion Galore!“ ist eine Hommage an Issie, wie sie Philip Treacy immer nannte, und absolut sehenswert …

„Embankment Galleries“ im Somerset House
Strand, London WC2R 1LA, Vereinigtes Königreich
Täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet (außer an den Feiertagen)
Die Ausstellung „Isabella Blow: Fashion Galore!“ läuft noch bis zum 02. März 2014

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The Neiman Marcus Connection – Mademoiselle geht nach Dallas

Stammkundin Lynn Wyatt wird sich sicherlich freuen, dass endlich mal die Chanel Präsentation der neuen „Art et Métiers“ Kollektion in ihre Heimatstadt Dallas nach Texas kommt …
Am 11.Dezember stellt das Haus Chanel unter dem Titel „Paris-Dallas“ seine alljährlich mit großer Spannung erwartete Kollektion vor, die der Handwerkskunst und den Paraffections Ateliers unter einem geografischen Motto gewidmet ist. Für Lagerfeld ist Wyatt der Inbegriff der Texanerin und sicherlich hat sie seine Inspiration beflügelt. Aber wer nur Cowboyhüte und Boots erwartet, wird sicherlich enttäuscht – die Assoziation zu Dallas kommt natürlich aus der tiefen Geschichte des Unternehmens.

Nun geht es nach Moskau, Schanghai, Bombay, Edinburgh und Deauville dorthin, wo man schon immer Mademoiselle die Stange gehalten hat. Eigentlich eine Fortsetzung der Aktivitäten zum hundertsten Jubiläum der Boutique Eröffnungen in Deauville, wo Coco Chanel ihren ersten Store aufgemacht hat: Die Amerikaner waren es, die bei Chanels Comeback im Jahre 1954 sofort die Vision ihrer neuen Linie begriffen und im Gegensatz zu Europa ihre Orderbücher sofort öffneten. Vorreiter war damals Stanley Marcus, der Besitzer der Kaufhauskette Neiman Marcus, der Chanel nach Dallas holte und ihr sogar einen Mode Oscar verlieh. Etwas früher – Anfang der dreißiger Jahre – hatte ein anderer Amerikaner Chanel im Land der unbegrenzten Möglichkeiten bekannt gemacht: Der US-amerikanische Filmproduzent Samuel Goldwyn kleidete in Hollywood Gloria Swanson ein, worauf die amerikanische Kundschaft bereits damals zahlreich nach Paris strömte, um sich mit Kreationen von Coco Chanel einzudecken. Bis zur Öffnung des Eisernen Vorhangs machte dann die Society der Park Avenue den Löwenanteil der Couture Kundinnen aus. Das Band zwischen dem Pariser Traditions-Modehaus und Amerika sitzt also tief und fest.

Um genau diese Zeit der Eroberung von Amerika durch Chanel zu beschreiben, hat sich Karl Lagerfeld wieder etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Drehte Lagerfeld in der letzten Saison den achtzehnminütigen Schwarz-Weiß-Film „Once Upon a Time“, hat er sich jetzt mit „The Return“ genau in diese Zeit versetzt, als nach siebzehnjähriger Abwesenheit die Art Deco Salons wieder geöffnet wurden und am 5.Februar 1954 die erste Haute-Couture-Schau wieder auf dem Kalender der Modewoche stand.
Nicht nur, dass am Stadtrand von Paris, das Dekor und die Salons von Chanel für den dreißigminütigen Film rekonstruiert und mit vielen Original Teilen bestückt wurden, sondern, ganz den Erfolgsfilmen der Zeit entsprechend, wählte Lagerfeld auch die aufwendige „Technicolor“ Farbfilm Variante, um die Aura perfekt zu transportieren. Für heutige Begriffe ist dieser Schritt gleichermaßen ungewohnt wie faszinierend, ähnlich wie uns die Atmosphäre der Mad Man Serie begeistert hat.

Geraldine Chaplin spielt in „The Return“ Coco Chanel und in den weiteren Rollen sind Rupert Everett, Lagerfelds langjährige Freundin Arielle Dombasle, Lady Amanda Harlech, Anna Mouglalis, Vincent Darré und Sam McKnight zu sehen.
Seine Premiere feiert „The Return“ am 10.Dezember 2013, dem Vorabend der Art et Métiers Präsentation. Für Menschen, die nicht zur Familie Ewing gehören, gibt es den Film natürlich auch auf chanel.com zu sehen sein. Als kleine Einstimmung heute schon mal den Teaser mit Rupert Everett im Interview.

Vielleicht wird in der Kollektion ja genau das zu sehen sein, wovon heute noch jede Frau träumt und deren Grundstein in genau der Comeback Linie enthalten war: die schönsten Kostüme, simpel, weiblich – eine Art Uniform, die im Sturm die Mode eroberten und ihrer Schöpferin bis heute Unsterblichkeit verliehen haben.
Wir sind sehr gespannt auf den Film und natürlich die Dallas-Connection – schade, dass J.R.Ewing das nicht mehr erlebt.

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Schottische Nachhaltigkeit – Gentlewoman

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The Fashion Factory of Scotland – Photographer Benjamin Alexander Huseby, Stylist Jacob K, Makeup Mathias van Hooff, Casting Director Paul Isaac; Gentlewoman 13/14

Eine der faszinierendsten Modemagazine ist derzeit sicherlich die Gentlewoman. Sie erscheint nur einmal pro Saison, also zwei Ausgaben im Jahr, und stellt Mode in fast unvergänglicher und ästhetischer Form da. Eine grenzenlose Zeitlosigkeit scheint über dem Magazin zu liegen, obwohl die schönsten und neuesten Kollektionen präsentiert werden. Zum einen liegt das an der Art, wie das Team kuratiert, zum anderen an der Fotoauffassung und dem Styling der Produktionen. Außergewöhnlich auch, dass es sehr viel in gut gemachten Artikeln und Interviews zu lesen gibt.
Fast wie Bücher bewahrt man das Magazin auf und jede Ausgabe wirkt wie ein Zeitdokument.

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Peter’s Cutting – Absolutely Fabulous Vera Valdez

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Vera Valdez, fotografiert von Karl Lagerfeld; Bild: Courtesy of Chanel

Als jetzt Karl Lagerfelds Fotoaustellung „The Little Black Jacket“ ihre glanzvolle Eröffnung in São Paulo in Brasilien feierte, fiel unter den Ehrengästen besonders eine Dame auf: Vera Valdez, mit vollständigem Namen Vera Barreto Leite Valdez.
Die Brasilianer feiern sie als eine ihrer größten Theaterschauspielerinnen, sie ist fast 78 Jahre alt, hat eine tadellose Figur und posiert noch heute für die brasilianische Vogue. Die Chanel Jacke an ihr sieht aus wie auf ihren Körper gemeißelt und ist immer noch eine wahnsinnig attraktive Frau.
Was aber nur die wenigsten Menschen an diesem Abend ahnen: ihre Geschichte ist enger mit Coco Chanel verbunden, als die von Gastgeber Karl Lagerfeld …

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Paris Fashion Week

Guy Laroche Spring Summer 2014 – Best Simple Chic

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Bild: Guy Laroche

Auf der Pariser Modewoche fiel uns, abseits der großen Modehäuser, ganz besonders die Kollektion der Traditionsmarke Guy Laroche auf. Laroche, schon immer bekannt für seinen sportiven Chic, hat den Wandel aus dem ursprünglichen Couture Haus seines Begründers zur eigenständigen Marke mit eigenem Profil seit einigen Jahren erfolgreich mit dem äußerst sympathischen Chefdesigner Marcel Marongiu vollzogen.
Das Stammhaus in der Avenue François 1 er, mit seinen bezaubernden schmiedeeisernen Gittern mit kleinen Vögeln, strahlt Klarheit und gleichzeitig subtile Eleganz aus und ein Besuch lohnt sich immer. Wer luxuriöses Prêt-à-porter sucht, das sich aber selbstverständlich in den Alltag seiner selbstbewussten Trägerin einfügt, findet dort garantiert neue Lieblingsstücke.

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Peter’s Cutting – Der fabelhafte Monsieur Fath

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„Jacques Fath“ von Jeromine Savignon; Assouline Verlag

Wenn ich meine Mutter als Kind fragte, wer ihr Lieblingsmodeschöpfer sei, dann antwortete sie mir stets: Jacques Fath. Und sie fügte hinzu, dass Fath, wenn er nicht so früh gestorben wäre, bestimmt einmal viel berühmter als Dior geworden …
Als ich dann die ersten Bilder von ihm sah, fand ich einen schlanken, gut aussehenden und sehr humorvoll dreinblickenden Mann vor, immer in der Begleitung von schönen, sehr weiblich angezogenen Frauen im typischen 50er Jahre Stil. Fath zog eben nicht nur Frauen an, sondern liebte die Frauen auch sehr …

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Yves Saint Laurent – das Genie im Film

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Im Januar 2014 werden verwirrenderweise gleich zwei Filme über das Leben des Yves Henri Donat Mathieu-Saint-Laurent veröffentlicht. Den Film „Yves Saint Laurent“ von Jalil Lespert und Pierre Niney in der Rolle des Designers stellen wir euch heute vor …

Wer aber Lust hat, sich schon im Vorfeld auf das Thema „Yves Saint Laurent“ einzustellen, dem sei zusätzlich das gerade erschienene Buch über die Vorbereitungen der sagenhaften Versteigerung der Kunstsammlungen und des Interieurs des Appartements in der Rue de Babylone empfohlen. Luc Castel beschreibt in „Yves Saint Laurent – Les derniers Jours de Babylone“ aber auch eindrucksvoll die Leere, die das Genie hinterließ.
Als Yves Saint Laurent im 2008 starb, ging eine ganze Modeepoche zu Ende. Eine fast unglaubliche Geschichte, dass ein in Nordafrika geborenes und zeitlebens depressives Genie und sein Partner die berühmteste Modemarke der Welt aufbauten.
Kongenial und mit großer Selbstverständlichkeit bildeten Saint Laurent und Bergé durch ihre spannungsreiche Kombination so etwas wie eine Atombombe des Modebusiness: Yves Saint Laurent mit seinen Ideen, Pierre Bergé mit seinem untrüglichen Geschäftssinn.

Die Problematik des Yves Saint Laurent, mit 21 Jahren die Nachfolge des überragenden Christian Dior anzutreten, Synonym für das Modediktat zu der Zeit und das Aushängeschild der Haute Couture Frankreichs zu werden, ist zwölf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ein Skandal. Keiner traut dem unverschämt jungen Mann zu, so ein Haus und eine Kollektion zu verantworten. Mit Argusaugen nimmt die Presse im Januar 1958 die Kollektion unter die Lupe. „La Ligne Trapèze“ war ein sagenhafter Triumph, der mit einem Schlag die Haute Couture verjüngt.
Kurz zuvor lernt Yves den Kunstagenten Pierre Bergé kennen – eine Liebe und ein Spannungsfeld für sein ganzes Leben. Bergé besitzt genau die Eigenschaften, die Saint Laurent nicht besitzt.
Nach dem Bruch des Hauses Dior mit Saint Laurent, plant das Paar sich selbstständig zu machen. Bergé organisiert Geldgeber, ebnet den Weg und hält Saint Laurent lebenslang den Rücken frei. Yves‘ Ängste vor dem Versagen und der Druck, der auf jeder Kollektion lastet, werden zur großen Depression und zum Lebensproblem des Ausnahmetalents.
Die rasante Entwicklung und immer revolutionärer werdenden Kollektionen, die Erfindung der Rive Gauche Boutiquen und Saint Laurents Zwiespälte, werden in dem Film auf eindrucksvolle Weise dargestellt.

Jalil Despert führt in dem Film die Regie, Pierre Niney, Guillaume Gallienne und Charlotte le Bon sind die Hauptdarsteller. In Frankreich läuft der Film am 8.Januar 2014 an und bei uns hoffentlich im Frühjahr des selben Jahres. Sicherlich sollte man es als völlig eigenständige Filmhandlung sehen und nicht als 1:1 Übersetzung von Saint Laurents Biografie.
Es ist auf jeden Fall ein lohnender Film für Saint Laurent Fans oder alle, die es gerne werden möchten …

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„Esprit Dior – Miss Dior“-Ausstellung im Grand Palais Paris

Die Geschichte von „Miss Dior“ und den Kampagnen, die es seit 1947 gibt, wären schon eine ganze Ausstellung wert, aber die Auswirkung auf Künstlerinnen und ihre Inspiration hat nun den Anreiz für eine große „Miss Dior“-Retrospektive im Grand Palais gegeben. Christian Dior, der sich viel mit Künstlern umgab und Freundschaften mit Christian Bérard oder auch Jean Cocteau pflegte, betrieb, bevor er sein Modehaus begründete, lange Jahre eine Galerie in Paris. Eigentlich gehörte seine große Liebe schon früh den Malern, Skulpteuren und vor allem der Kreativität und den Darstellungsformen, mit denen sich Künstler ausdrücken …

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Modeschätze – Chanel Barbie Candy Colour Collection 1995

Ein Modeschatz der besonderen Art tauchte neulich ganz zufällig beim Aufräumen meiner Archive wieder auf und inspirierte mich, an eine besondere Kollektion von Karl Lagerfeld für Chanel zu erinnern. Die Frühjahr-Sommer Kollektion 1995 für die Chanel Boutique Kollektion wurde im Oktober 1994 in den Zelten im Louvre präsentiert und man war schon ganz gespannt, was Karl Lagerfeld zeigen würde. Es war augenscheinlich, dass er, nachdem er in den 80er Jahren die Marke entstaubt hatte und die Signale und Ikonen des Hauses erneuerte, jetzt zur totalen Wandlung der Marke ansetzte.
Schon 1992 hatte er mit der Biker Kollektion das Ruder umgelegt und wurde wesentlich jünger und persiflierte Mademoiselles Stil auch stärker. Zudem begann er langsam aber sicher, natürlich auf raffinierte Art, Streetstyle in die Entwürfe einfließen zu lassen.

Die Welt hatte sich verändert, zwar stellten bei Chanel noch die Europäer, Amerikaner und die Japaner den größten Kundenanteil, jedoch wurde die Nachfrage aus den Ländern stärker, die bis 1989 praktisch von unserer Welt durch den Eisernen Vorhang ausgeschlossen waren. Heute kaum vorstellbar, wo das Luxusklientel überwiegend aus ehemals sowjetischen Staaten, China, Taiwan etc. kommt. Damals erschienen das erste Mal vermehrt Russen bei den Schauen.Auch der Geschmack begann sich unter dem Einfluss neuer Käufergruppen zu wandeln. Chanels Mode war nie als „sexy“ zu bezeichnen, auch das änderte Lagerfeld und hatte neben „Schiesser Unterhosen“, die unter knappen Tailleurs getragen wurden, immer mehr kleine Bustiers oder auch durchaus gewagt geschnittene Röcke gezeigt. Für Chanel interessierten sich plötzlich auch die Töchter der Kundinnen und es gelang Lagerfeld mit der Frühjahr-Sommer Kollektion 1995 der Durchbruch bei der jungen Zielgruppe.

Auch wenn heute die Modenschauen großartige Spektakel sind, wirken sie wohl organisierter und auch nicht mehr so wie ein Hexenkessel. Erst einmal waren die Räumlichkeiten in den Zelten, die im Cour Carrée aufgestellt wurden, viel kleiner und sie wirkten mit den Zuschauern und vor allem den wahnsinnig vielen Fotografen komplett überfüllt.
Jede Zeitschrift, heute würden wahrscheinlich die Controller in den Verlagen zusammenbrechen, schickte entweder seinen eigenen Fotografen oder beauftragte vor Ort einen Foto-Korrespondenten. Stunden vor der Schau wurde mit Tape ein winziges 20x20cm kleines Quadrat wie eine Art Grundstück abgeklebt, dem Standort des Fotografen während der Schau. Dann mussten aber noch die Assistenten und die Jungs, die die Filme ran schleppten, postiert werden. Ein Chaos sondergleichen und der Runway war stets wie ein gigantischer Tresen in einer Großraumdisco belagert. Heute, wo alle selbst mit Handy oder iPad filmen oder twittern, dass sie bei Chanel sitzen, sei gesagt, dass man als Besucher gar nicht fotografieren durfte, geschweige denn etwas veröffentlicht wurde, ohne Absprache. Außerdem waren auch alle damit beschäftigt, sich die einzelnen Durchgänge zu merken bzw. sich Notizen zu machen. Insgesamt war alles sehr laut und von einer gespannten Atmosphäre geprägt.

Als die Schau mit den Klängen von Amanda Lears „Follow me“ begann, kam dann die Überraschung: die Armada von Supermodels, Claudia Schiffer, Naomi Campbell, Nadège Dubospertus, Shalom Harlow, Marpessa Hennink, Veronica Webb, Nadja Auermann, Yasmin Ghauri, Carla Bruni und Linda Evangelista sahen aus, als wenn Barbie für den Bois de Boulogne bei Chanel eingekauft hatte.

Fußkettchen, winzige candyfarbene Jäckchen, kurze, bis oben geschlitzte Glockenröckchen, die einen Strasstanga sehen ließen und Plateau Stilettos. Eine Verjüngung in dieser Form hatte es bei Chanel noch nicht so direkt gegeben. Fast jedes Mädchen trug in der Schau eine Strassbrosche in bunten Bonbonfarben, die wie Talmi wirkte und für die Chanel aber einen extra Produzenten suchen musste, um genau diesen Effekt zu bekommen. Diese „billigen“ Strassbroschen wurden später der Renner und für damalige sagenhafte 1.500 DM rasend verkauft. Durchsichtige, CC applizierte Taschen mit breiten Ketten, kleine Lacktaschen in Beautycase- oder Herzform schienen direkt der Mattel Kult-Puppe aus dem rosa Haus gestohlen zu sein. Daraus zogen die Models Chanel Plastiktüten, die sie ins Publikum werfen – es sollte alles ein wenig ein cheap wirken. Genau eine dieser Tüten, die ich damals voller Stolz nach Hause trug, hat jetzt zur Wiederentdeckung dieser Kollektion geführt.

Strass übersäte Bikinis, gern auch zwei- oder dreifarbig, werden unter kleinen Jacken getragen. Karierte, pastellfarbene Kostüme wirken wie abgeschnittene 40er Jahre Tailleurs. Lack-Trenchcoats werden über knappe Kleider oder Bodystockings getragen … Die Chanel Frau geht 1995 sexy und aggressiv in Angriffsstellung. Kussmünder auf Kleidern und Taschen, Las-Vegas-Farben überall. Die gesamte Kollektion wirkte wie eine große Sommerparty.
Aber Lagerfeld schafft es immer wieder, den Bogen zu schlagen und ein Ass aus dem Ärmel zu ziehen: Vera Gottliebe Anna Gräfin von Lehndorff, genannt Veruschka! Diana Vreelands Kultmodel der 60er Jahre gab in einem schlichten Anzug und Ensembles aus Jersey so etwas wie den Übergang zu Chanels Stammklientel. Der zweite geniale Schachzug war die sehr gerne von Coco getragene Kombination einer weiten Leinenhose im Marlene-Stil, zu einem schwarzen Oberteil in Kombi mit einem Haarband und Kaskaden von Perlenketten darüber. Serge Lifar trägt Coco in diesem Look auf dem berühmten Foto von 1937 auf der Schulter in Roquebrune-Cap-Martin an der Côte d’Azur.
Genau dieses wird der Keylook für unzählige Kombinationen der Matrosenhose mit kleinen schwarzen Jäckchen, Pullovern, T-Shirts und Jerseys. Die besten Männermodels der Zeit wurden einzig und allein dafür gebucht, die Supermodels hereinzutragen. Im Gegensatz zu heute, wo wesentlich weniger Durchgänge zu sehen sind und die meisten Mädchen nur einmal laufen, mussten damals die Models für ihre hohen Gagen noch richtig arbeiten, denn alle Mädchen haben alle Durchgänge in den einzelnen Themen. Fotografen schreien ununterbrochen Namen, um einen Blick oder Posing zu bekommen – „Claudia!“ und „Linda!“ schallt es zwischen „Shalom!“ oder „Nadège!“.

Der Katalog, der zu dieser Kollektion erschien, ist mittlerweile ein richtiges Sammlerstück und zeigt genau den Spirit der Kollektion. Das Frühjahr 1995 ist eine der Key-Collections von Chanel, die eine wichtige Wandlung einleiteten.
Karl Lagerfeld präsentierte am Ende der Schau sogar die großartige Victoire de Castellane. De Castellane war seine damalige Accessoires Designerin und engste Mitarbeiterin (heute arbeitet sie bei Dior und ist dort für die Haute Joaillerie zuständig). Fast 20 Jahre später merkt man irgendwie, dass die Marke einen gewaltigen Sprung machte und der Siegeszug von Chanel war nicht mehr aufzuhalten.

In Vintage Auktionen sind die originellen Taschen und Accessoires bis heute ein Renner und es lohnt sich, die Schau noch einmal anzuschauen. Claudia Schiffer und Co. als Mädchen vom Bois de Boulogne – eine der Kult-Kollektionen von Karl Lagerfeld für Chanel.

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Peter’s Cutting – S.T. Dupont: You light up our life!

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Simon Tissot Dupont; Bild: S.T. Dupont

Es gibt Dinge, die sind scheinbar so eng mit einer Marke verknüpft, dass sie zum Synonym für einen Gegenstand werden, obwohl die Firma eine ganz andere Geschichte hat und sie woanders verwurzelt ist. Genau so geht es S.T. Dupont.
Es gibt eigentlich nur einen Weg, jemanden stilvoll Feuer für seine Zigarre oder Pfeife anzubieten, und zwar mit einem Feuerzeug von S.T. Dupont. Es ist auch in Zeiten, in denen rauchen fast verpönt ist, immer noch das absolute Schmuckstück, das zur Grundausstattung des klassischen Gentleman gehört. Das wie ein kleiner Kanister geformte Gasfeuerzeug ist entweder aus guillochiertem Silber, Gold oder aus feinstem Chinalack – einem Material, in dessen Verarbeitung S.T. Dupont Weltmeister zu sein scheint.

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