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Peter’s Cutting – Absolutely Fabulous Vera Valdez

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Vera Valdez, fotografiert von Karl Lagerfeld; Bild: Courtesy of Chanel

Als jetzt Karl Lagerfelds Fotoaustellung „The Little Black Jacket“ ihre glanzvolle Eröffnung in São Paulo in Brasilien feierte, fiel unter den Ehrengästen besonders eine Dame auf: Vera Valdez, mit vollständigem Namen Vera Barreto Leite Valdez.
Die Brasilianer feiern sie als eine ihrer größten Theaterschauspielerinnen, sie ist fast 78 Jahre alt, hat eine tadellose Figur und posiert noch heute für die brasilianische Vogue. Die Chanel Jacke an ihr sieht aus wie auf ihren Körper gemeißelt und ist immer noch eine wahnsinnig attraktive Frau.
Was aber nur die wenigsten Menschen an diesem Abend ahnen: ihre Geschichte ist enger mit Coco Chanel verbunden, als die von Gastgeber Karl Lagerfeld …
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Vera Valdez; Bild: Courtesy of Chanel

Vera Valdez wurde in Brasilien geboren und kam als Teenager nach Paris, um dort ihre Ausbildung zu absolvieren. Heute völlig normal, dass junge Leute ein Auslandsjahr oder Stipendium machen, war es Anfang der 50er Jahre fast eine Sensation, als die lebenslustige Vera nach Paris kam. Bildhübsch und fast exotisch, war sie schnell im Nachtleben und Künstlerkreisen unterwegs, lernte zum Beispiel Jean Cocteau kennen und genoss die damals freie Lebensart die im Nachkriegsfrankreich herrschte. Sie war kein Kind von Traurigkeit und ihr Charme und Aussehen öffnete ihr jede Tür.
Elsa Schiaparelli wurde auf sie aufmerksam, sie lief erste Schauen als Model und machte unter anderem mit Christian Dior große Tourneen nach Japan und Deutschland, in denen „der“ Modeschöpfer der Zeit seine Kollektionen präsentierte. Alles fast ein Skandal, denn damals wurde man ja erst mit 21 Jahren volljährig und Models waren viel älter als heute. An einer Sechzehnjährigen würde heute keiner mehr Anstoß nehmen, damals war es allerdings eine Novität.
Schnell sitzt sie für Helmut Newton, Richard Avedon, Willy Rizzo und Frank Horvat Model und die Fotos erscheinen in Magazinen wie Elle, Harper’s Bazaar, Vogue oder Marie Claire.
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Vera Valdez; Bild: Courtesy of Chanel

1954 beschloss Coco Chanel ihr Modehaus wieder zu eröffnen und jede ihrer Kollektionen in der Rue Cambon zu zeigen. Sie engagiert die erst 17-jährige Vera Valdez als Model, die Chanel gemeinsam mit der schüchternen Marie-Hélène Arnauld und Mimi d’Arcangues, die Chanel ihre Zigeunerin nannte, exklusiv für das Haus verpflichtet. Damals wurden die Mädchen fest angestellt und mussten jeden Nachmittag den Kundinnen im ersten Stock die Modelle der Saison vorführen, die ihnen speziell auf den Leib geschneidert waren. Später kam noch Betty Catroux dazu, die, bevor sie Yves Saint Laurents Muse wurde, ihre Karriere auch bei Mademoiselle begann. Damals war der Beruf des Mannequins in Häusern wie Dior, Chanel, Givenchy oder Balenciaga auch ein gesellschaftliches Sprungbrett und alle Mädchen heirateten erfolgreiche, meist wohlhabende Männer.
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Vera Valdez; Bild: Courtesy of Chanel

Coco Chanel erkannte die Werbewirksamkeit ihrer „Blouson Chanel Gang“, wie sich die Mädels selbst nannten, stattete sie mit schönen Kleidern und Kostümen aus und hielt sie dazu an, abends auszugehen, um so ihre Botschaft in die Pariser Gesellschaft zu tragen. Das ließ sich Vera nicht zweimal sagen und wurde bald zu einem der führenden Mädchen des Pariser Nachtlebens. Viele Schauspieler und Intellektuelle verliebten sich in das Model und sie hatte eine Affäre nach der anderen. Auch Alkohol und Drogen wurden von ihr freudig konsumiert. Affären mit Louis Malle und Bernardo Bertolucci wurden ihr genauso nachgesagt, wie mit dem bekanntesten französischen Psychologen. Ihr brasilianisches Temperament brachte sie aber auch dazu, das sie in den 60er Jahren nur unter Schwierigkeiten aus ihrer brasilianischen Heimat wieder nach Frankreich zurück kam, weil sie wegen Drogenbesitzes im Gefängnis saß.
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Bild: Courtesy of Chanel

Die wilde und bildschöne Vera war der Favorit von Coco Chanel und ihren Kundinnen. Alles, was Vera vorführte oder in dem sie fotografiert wurde, avancierte zum Kassenschlager. Chanel bestand darauf, dass ihre Kollektionen auch nur an „ihren“ Mädchen in den Magazinen gezeigt wurden und neben dem Model Suzy Parker war Vera bei den Fotografen der absolute Liebling.
Über die unglaubliche Zeit von 1954 bis 1971, dem Jahr als Chanel ihre letzte Kollektion entwarf und starb, ging sie Tag ein Tag aus in die Rue Cambon.

Danach ging sie nach Brasilien zurück und wurde das, was sie schon immer sein wollte, nämlich Theaterschauspielerin. Die Disziplin, die ihr und den anderen Mädchen Mademoiselle eingebläut hatte, erwies sich jetzt als ideale Voraussetzung. Vera hat immer wieder zwischendurch Modeaufnahmen gemacht und nach der Gründung der brasilianischen Vogue wurde sie so etwas wie die „Lauren Hutton“ dieses Mediums.
Angesprochen auf ihr Alter, reagiert sie heute mit einem Schmunzeln und wundert sich darüber, die Kleider von Schiaparelli, die sie als Neuheit auf der Place Vendôme präsentierte, mittlerweile der Stolz von Modemuseen sind.
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Bild: Courtesy of Chanel

Für die „The Little Black Jacket“ Ausstellung bat Karl Lagerfeld Vera ihm Portrait zu sitzen und machte ein Bild von ihr, welches sie in der Jacke zeigt, die sie lebenslang getragen hat. Dabei wäre man gern Mäuschen gewesen, denn mit Sicherheit konnte Vera Karl noch einiges berichten. Vera Valdez – mit ihren vielen Gegensätzen, ihrem Temperament und all ihren Brüchen – ist sicherlich eine der interessantesten Gesichter von Chanel, die es ganz besonders lohnt, wiederzuentdecken.

Chanels Mädchen waren immer ihre Aushängeschilder und sie sagte immer, dass sie auch ein bisschen ihren Charakter beschrieben und genau so waren, wie sie selbst gern gewesen wäre – die schöne, wilde Vera Valdez. Coco wäre heute noch stolz auf sie …

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  • Siegmar
    18. November 2013 at 11:54

    wunderbarer Artikel über eine Frau die ganz viel Ausstrahlung hat.

  • Horst
    18. November 2013 at 12:53

    Die sieht schon doll aus, wobei sie mir jetzt besser gefällt!

  • Kat
    18. November 2013 at 13:42

    Ich bin da ganz bei meinen Vorrednern. Schöner Artikel und schöne Frau 🙂

  • Daisydora
    18. November 2013 at 13:51

    Wieder etwas gelernt … ein sehr schöner Bericht … und so viel scheint sich seit damals nicht geändert zu haben, was die Karriereverläufe der Models anbelangt … Danke, Peter 🙂

  • Markus Brunner
    18. November 2013 at 16:43

    wow, die ist ja supertoll, hatte noch nie von ihr gehört!

  • monsieur_didier
    18. November 2013 at 21:57

    …ein toller Artikel, die Frau beeindruckt mich sehr…
    mit ihrer frühen Geschichte genau so wie mit ihrer heutigen…!

  • thomas
    19. November 2013 at 12:18

    solch geschichten kennt nur peter 😉