Selbst die Grande Dame der Modekritik, Suzy Menkes, wusste Anno 1994 noch nicht genau, wen sie da vor sich hatte … Als Tom Ford im Herbst 94 erste Mod-Designs in der Gucci-Schau zeigte, quittierte Mrs. Menkes die Models in ihren weißen Etui-Minis und auf Stilettos, die Mr. Ford aus dem klassischen Gucci-Loafer entwickelte, in der International Herald Tribune als „Lolitas im Drogenrausch“.
Was nichts daran änderte, dass es dieser Moment war, der Designchefin Dawn Mellows zum Rückzug brachte, Tom Ford an die Spitze des Gucci Designs, ihm und dem „Designstudio“ die für die Erneuerung der Marke nötige Freiheit gab.
Wollte man den bestmöglichen Creative Director für eine am Boden liegende Luxusmarke Anfang der Neunziger erschaffen, der neben den Entwürfen der Kleider sein bester Marketing Supervisor, ein Trendscout, strategischer Planner, ein Motivforscher und sein eigener Pressesprecher ist, es kommt immer Tom Ford dabei heraus …
Man sagt ja, eine der beiden Gehirnhälften dominiert unser Wesen und Tun, die Talente und Fähigkeiten. Man ist nicht Ingenieur, Vertriebschef, Buchhalter und Künstler zugleich … trotzdem scheint es ausgerechnet in der Mode diesen Typus Hybrid zu geben, Karl Lagerfeld war der Erste, Tom Ford dazumal der jüngste und beste.
Seinen amerikanischen Pragmatismus hatte er während der Ausbildungsjahre in der Seventh Avenue in New York im Tagesgeschäft bei Perry Ellis erprobt; dann zog es ihn nach Europa, Gucci war so gut wie am Ende, als Dawn Mellows den jungen Kollegen ins Team berief. Man muss sich das bildlich vorstellen: In einer der ersten Shows präsentierte Ford einen einzigen Schuh, den Gucci-Clog, und es gab für die Models nur insgesamt sechs Paar dieser Schuhe … je zwei in Schwarz, Beige und Rosa. Im fliegenden Wechsel zog ein Model nach seinem Abgang die Schuhe aus und das nächste schlüpfte hinein.
„Ich bin ein kommerzieller Designer. Darauf bin ich stolz. Ich wollte nie etwas anderes sein. Wieder und wieder habe ich gesagt, dass ich mir diese Branche ausgesucht hatte, um Frauen schöner zu machen. Und dabei kommt es darauf an, den Moment zu nutzen. Wie finde ich heraus, was eine Frau sich als nächstes wünschen wird …“ So, Tom Ford zu seiner Ausrichtung als Kreativer.
Er hatte sich in Florenz in die Marke und ihre aus den Siebzigern stammende Jetset-DNA so lange versenkt, bis er sicher war, dass es richtig sei, dort anzuknüpfen und trotzdem einen eigenen Weg einzuschlagen. Ihm war klar, ein echtes Gucci Revival musste eher auf soliden Zahlen, denn auf Verehrung gründen. Zuerst musste er herausfinden, was die Menschen wollen … und schon in seiner ersten Show als Chefdesigner, das war Anfang 1995, war nach der ersten Verbeugung nach der Show klar, dass Tom Ford nun ein Star war.
Die Rückschau auf ein Ereignis vor so langer Zeit, gibt sicher einigen hier und mir die Gelegenheit, sich zu erinnern zu versuchen, ob man das damals sofort gemerkt hatte, was so vollkommen neu und großartig war. Wir hatten ja den Grunge noch nicht überstanden und Hedonismus und das Schwelgen in Luxus waren nicht eben in Mode.
Aber schaut einfach selbst; jeder ab dem „richtigen“ Alter erinnert sich an Amber Valetta in diesem Mohairmäntelchen zum Seidenstretchhemd und den Hip Huggers aus Samt, oder?
„Gucci“ Autumn/Winter 95/96 Milan … Teil I
Drei weitere Teile kommen dann am Ende, die jüngeren Leser kennen diese Show vermutlich noch nicht … Damit wurde eine neue Ära eingeläutet, in der Gucci großen Einfluss auf das Geschäft mit Mode hatte. Den Einfluss von Tom Ford. „Ich fühlte mich, als liefe ich aus einem dunklen Tunnel auf etwas Neues und Aufregendes zu …,“ sagte Ford … „für mich war es ein Riesenschritt in die richtige Richtung.“
Fords Nachdenken über das Wesen des Berühmtseins – Kooperationen mit Stars, all das hat Gucci zu der Marke der Neunziger gemacht. Im Sog des Erfolges von Tom Ford wurden andere junge Designer berufen, Marc Jacobs ging zu Louis Vuitton, Michael Kors zu Celine, Narciso Rodriguez zu Loewe, John Galliano zu Givenchy und später zu Dior und Alexander McQueen folgte auf Galliano bei Givenchy … Die jungen Designer demokratisierten die Mode. Accessoires und Düfte wurden zu den Einstiegsdrogen für Kundinnen, die sich ein Outfit erst mal noch nicht kaufen konnten.
Als Madonna dann bei den VH1 Awards mit Big Hair in seinen tief sitzenden Hüfthosen erschien, zeigte sich, dass die Idee, Prominenz in den Mittelpunkt des Gucci Revivals zu stellen, brillant war. Man fragte Madonna vor laufender Kamera, was sie da tragen würde, und sie antwortete: „Gucci, Gucci, Gucci!“ Damit begann alles.
Wenn ich die Schau für den darauf folgenden Winter heute gucke, sehe ich mich in diese Zeit versetzt, in der die Branche wusste: Tom Ford hat der Mode den Hedonismus zurück gebracht, neu gemacht und auf der Höhe der Zeit interpretiert … ohne Gucci zum Klon der eigenen Marken-DNA zu machen … alles war so frisch und modern, die weißen Kleider kann man heute noch tragen … und bekäme oder bekommt dafür gleich viele bewundernde Blicke und Komplimente.
Wer mag, schaut rein … einige der besten weißen Kleider der Modegeschichte an den richtigen Frauen: Georgia Grenville, Kirsty Hume, Guinevere van Seenus, Chandra North, Carolyn Murphy und Kate Moss …
„GUCCI by TOM FORD“ The fabulous white dresses 1996
Man muss nicht extra dazu sagen, dass auch Suzy Menkes Skepsis der Anerkennung für diese Leistung gewichen war. Auch wer nicht alle seine Ideen leiden mag, dieser frische Zugang zur Mode, der ihn immer wieder die richtigen Dinge sagen und tun ließ, den könnte so mancher der jungen Kollegen von heute gebrauchen.
Ford sieht Mode als Zuschauersport. „Einige machen mit und viele sehen zu.“ … „Die Modebranche basiert auf absichtlich Nutzlosem!“ „Es amüsiert mich, wenn mich Leute fragen, ob Mode und Business vereinbar seien. Mein Ziel als Modedesigner ist es, etwas zu kreieren, von dem Menschen glauben, es haben zu müssen. Wenn sie es unbedingt haben müssen, dann kaufen sie es. Wenn sie es kaufen, machen wir Umsatz. Und mit Umsatz läuft das Geschäft.“
Tom Ford ist Realist. Das sollte man vielleicht als junges Talent verinnerlichen, dass es das ist, was gute Mode auch wirtschaftlich erfolgreich macht. Nicht das Talent alleine ist entscheidend, ohne die Gabe, die Motive von Kunden (Frauen und Männern) in jeder Saison auf den Punkt zu bringen, und sich nicht in Fantasien zu flüchten, bleibt der Erfolg oft aus. Beispiele dafür gibt es zuhauf. Solche, von Marken, die von den wenigen Tom For’d und Lagerfeld’s dieser Welt gerettet wurden, nur wenige.
„Eines der vielen Talente, die Tom Ford als Designer besitzt, ist die geheimnisvolle Aura, mit der er, Saison für Saison, die außergewöhnliche Wandlung von Gucci und Yves Saint Laurent umgab. Ich ging zu seinen Shows und erwartete Überraschung und Entzücken – keine Selbstverständlichkeit, wenn man so viele Shows besucht, wie ich –, und jedes Mal erlebte ich genau das. Trotzdem habe ich keine Ahnung, wie ihm das gelungen ist. Worin besteht das Geheimnis seiner unerschöpflichen Erfindungsgabe, seines untrüglichen Gespürs für die Provokation, die zeitgenössische Mode idealerweise auszeichnet?“ Anna Wintour
Es ist der Designer, der dem Unternehmen Persönlichkeit verleiht. Gut nachzuvollziehen an der Mühsal der Labels, die ihre Kollektionen ohne einen Namen oder als Team präsentieren. Das, worum es bei Gucci in den Neunzigern und bis zum Ausstieg mit Partner Domenico Del Sole 2003 ging, hatte der Markenerneuerer Ford der Welt gezeigt: „ … bei Gucci ging es immer darum, hochelegante, sehr glamouröse, schöne, schicke und gepflegte Frauen und Männer zu kleiden.“
Mode wirkt als Stimmungsaufheller, sie verjüngt. Auch wenn man schon alt ist, kann man sich mit einem schönen neuen Anzug, einem Kleid und ein paar glänzenden Schuhen an den Füßen wieder attraktiver und um einige Jährchen jünger fühlen. Tom Ford war immer schon der Meinung, wir sollten uns alle bemühen, gut auszusehen … weil diese kleinen Bemühungen auch unsere Psyche beleben. „Und das ist der Beitrag der Mode zur Lebensfreude!“ … sagt er ganz kurz.
Als Tom Ford verkündete, dass keine Einigung mit Jean-Henri Pinault (damals noch PPR, heute Kering) erzielt wurde und die letzten Shows für Gucci und Yves Saint Laurent stattfanden, war er auf dem Titel der New York Times. Und der Hof, den er seinen Nachfolgern übergab, war bestens bestellt.
Tom Ford: „Mir gefällt der Gedanke, dass ich Mitte der Neunziger der Mode wieder einen gewissen Hedonismus verliehen habe. Sexualität ist in meiner Arbeit stets gegenwärtig!“ … aber auch dieser hier ist von Mr. Ford: „Es mag seltsam klingen, aber ich finde Menschen nackt schöner als angezogen. Man kann nur auf eine Weise nackt sein, aber es gibt tausende Möglichkeiten, sich schlecht anzuziehen.“
„Gucci“ Autumn/Winter 95/96 Milan … Teil II
„Gucci“ Autumn/Winter 95/96 Milan … Teil III
„Gucci“ Autumn/Winter 95/96 Milan … Teil IV
Wer wie ich ein ziemlich großer Ford-Fan ist (unter anderem auch deshalb, weil er sagt, nett sein ist bei Menschen in seiner Umgebung das Wichtigste!), dem empfehle ich noch das hier: Tom Ford: Ten Years by Graydon Carter & Bridget Foley.
PS: Zu dem Bild am Ende, Liliana Domnguez, in der berühmten und sehr begehrten YSL Bauernbluse, gibt es eine kafkaeske Geschichte: „Die Macht der Mode kann erschreckend sein. Am 11. September gingen in unserer New Yorker Boutique von Yves Saint Laurent 42 Anrufe von Frauen ein, die unsere Bauernbluse wollten,“ so Tom Ford.