Damenmode

Métiers d‘Art 2018/19 – Chanel in New York City

(CHANEL Paris New York 2018/19 Métiers d’art by Olivier Saillant)

Auf keinen Monat im Modekalender eines Jahres freue ich mich so sehr, wie auf den Dezember. Obwohl es dort eigentlich kaum neue Kollektionen zu sehen gibt, bietet Chanel mit seiner Métiers d‘art Kollektion einen Höhepunkt, die seit vielen Jahren nicht nur eine Hommage an das Handwerk ist, sondern auch genau das symbolisiert, wofür Luxusmode ursprünglich kreiert wurde, nämlich um zum Träumen einzuladen. Außerhalb der normalen Fashion Weeks hat diese besondere Kollektion immer einen Bezug zu speziellen Orten und Verbindungen, die mit Gabrielle Chanels Stil oder ihrer Biografie zu tun haben, manchmal auch mit den Inspirationen, die sie oder Karl Lagerfeld hinzugefügt haben und die mittlerweile zu den ikonischen Klassikern des Hauses gehören. So standen in den vergangenen sechzehn Jahren Tokio, New York, Monte Carlo, London, Salzburg, Rom, Edinburgh und Hamburg als Location und Pate für die Kollektion. In Paris wurden die Welten des alten Byzanz, opulente Adaptionen von Bombay oder die russische Seele Moskaus in kunstfertige Meisterwerke umgesetzt. Immer mit dem Link zu einer besonderen Inspiration oder Reise Chanels, manchmal adaptiert Lagerfeld aber auch einfach seine eigenen Adaptionen und mixt das Ganze stets temporär auf.


CHANEL Paris New York 2018/19 Métiers d’art

Coco Chanel reiste 1931 das erste Mal via New York nach Hollywood und sicherlich war die damals schon megaerfolgreiche Pariser Couturière, die aus der französischen Provinz stammte, überwältigt von der Skyline dieser Stadt. Sam Goldwyn von Metro Goldwyn Mayer hatte sie eingeladen,um seine Stars einzukleiden. Chanels damaliger Lebensgefährte, der Designer Paul Iribe hatte zu dieser Zeit schon mit ihm gearbeitet und unter anderem auch für den damals berühmtesten Regisseur Cecil B. DeMille das Monumentalwerk „Die Zehn Gebote“ 1924 ausgestattet. Iribe gab der Bibelsaga ein komplett neues Gesicht und sein opulentes Dekor und Kostümbild war inspiriert durch das von Howard Carter zwei Jahre zuvor im Tal der Könige aufgefundene Grab des Tutanchamun, einer der archäologischen Sensationen des Zwanzigsten Jahrhunderts. Allerdings schaffte Iribe eine völlig eigene Version davon, die Elemente des Art déco vorwegnehmend. Nicht nur Künstler der Zeit, auch die Architekten des Chrysler-Buildings nahmen viele seiner Elemente auf. New York adaptierte überhaupt alles gierig, was aus der Filmmetropole Hollywood kam.

Lagerfelds Verbindung mit New York ist eine längere Geschichte und neben seiner Freundschaft zu Andy Warhol und Antonio Lopez, die ihn seit den sechziger Jahren immer wieder nach New York führten, sind viele seiner Kollektionen ob für Fendi, Chloé oder Chanel nicht selten große Erfolge gewesen, durch seine amerikanische Kundschaft. In den siebziger und achtziger Jahren führte er seine eigenen Parfums selbst in New York ein und regelmäßige Trunk Shows mit dem Designer gehörten in jedem Jahr auf den festen Kalender von Bergdorf Goodman oder Barneys. Die Stadt, die niemals schläft, ein Füllhorn der Inspiration für Karl seit Jahrzehnten. Man durfte also gespannt sein, welche Facetten er für die „Chanelisation“ in diesem Jahr verbinden würde. Und für Überraschungen ist Karl Lagerfeld ja immer gut.


Courtesy of CHANEL Metropolitan Museum of Art

Karl Lagerfeld wählte den Tempel von Dendur im Metropolitan Museum of Art in New York als Location und Dekor, um die Chanel Métiers d’art 2018/19 Paris – New York-Kollektion zu präsentieren.
Inspiriert vom Geist des imposanten Ausstellungsraums und dem außergewöhnlichen Savoir-faire, welches die mittlerweile 26 Chanel Paraffection Ateliers leisten können, lieferte der Designer eine geniale, subtile und moderne Interpretation der Faszination, die von den Chanel-Codes ausgeht und verband diese mit der ägyptischen Kultur, wie sie in den Gräbern der Pharaonen gefunden wurde. „Die ägyptische Zivilisation hat mich schon immer fasziniert: Ich lasse mich von einer Idee inspirieren, die ich verwirklichen kann“, erklärt Karl Lagerfeld.


CHANEL Paris New York 2018/19 Métiers d’art

Die Linien sind klar und einfach, die Formen sind rein und geometrisch: eine grafische Stärke, die der Klarheit des Chanel-Stiles genau so entspricht, wie der zweidimensionalen Ästhetik der Pharaonen Kultur. Was dann folgt, ist ein opulenter Gold- und Farbrausch, der dabei subtil, wie durch die Jahrtausende ausgeblichen, trotzdem raffiniert und nicht aufdringlich wirkt. Der Look ist schlank, lebendig und ultrafeminin, die Hüften werden durch einen breiten Gürtel betont, die Schultern mit einem Plastronkragen. Wie grafische Silhouetten auf den Papyrusrollen defilieren die Models im Schatten des Tempels. Tageskleider, Anzüge und Mäntel werden knielang getragen, der Saum ist vorne etwas kürzer und nimmt gelegentlich den Reiz eines Wickelrockes an. Alles scheint wie golden von der Sonne gepudert zu sein und besonderes Augenmerk liegt auf den goldenen Leggings und Hosen, die in Lagerfelds entworfenen ägyptischen Tempelsandalen oder goldenen Overknees mit kunstvollen Emailleabsätzen aus dem Hause Massaro stecken.

Gold, das mythisch die Botschaft der Sonne im alten Ägypten symbolisierte und mit der Verehrung des Sonnengottes Aton seinen Höhepunkt erreichte ist „die Message“ dieser Kollektion. Gold, das schon von Gabrielle Chanel so geschätzt wurde, ist überall und wird mit so vielen Variationen zu einer eigenen Farbe: mit der Zeit gealtertes und brüniertes Gold, Gold, das von Sonnenlicht reflektiert wird, funkelndes Gold, mattes Gold, knisterndes Gold, das Discogold der Siebziger Jahre und Gold mit bronzefarbener Patina.
Neben Beige, Schwarz und Weiß brillieren Türkis oder Lapislazuliblau, Korallenorange, Ockergelb, dunkles Purpur oder Korallenrot. Die Tweeds sind unglaublich filigran und aufwendig gewebt aus Mohair, Goldfäden und Baumwollfäden, bestickt mit winzigen Steinquadraten aus Koralle oder Gold oder mit Minipyramiden aus Türkis, Jade und kupfernen Stabpailletten, die allem eine strukturierte und reliefartige Oberfläche verleihen.


CHANEL Paris New York 2018/19 Métiers d’art

Jede Silhouette ist voller subtiler Details, die von den Ready-to-Wear-Ateliers in der Rue Cambon raffiniert umgesetzt wurden. Die enge Verbundenheit zwischen Karl Lagerfeld und der Chanel Métiers d‘art vermischt, als fortwährender kreativer Dialog, die verschiedenen Kulturen und die Einflüsse der heutigen New Yorker Flashlights mit einer Hommage an die ägyptische Kultur.
Die Skylines der Wolkenkratzer und der Art déco Schmuck Gabrielle Chanels werden zu Stickereien und Accessoires. Disco-Outfits à la Palladium und Studio 54 kreuzen den Runway, die sofort zu meinen Favoriten avancieren. Eine Fliegerjacke mit Patches aus Goldfäden wird mit einer Street-Art-Grafik bedruckt. Rote und orangefarbene Lederhosen, die mit verlaufenden Graffiti besprüht sind, werden mit popfarbigen XL-Kaschmirpullovern und einem bespraytem Canvasshopper getragen.


Courtesy of CHANEL by Olivier Saillant

„New York ist eine Energie und ein Schmelztiegel der Kulturen, es ist sehr anregend“, sagt Karl Lagerfeld und die Reminiszenz an die Straßen von New York von heute wird in Kooperation mit dem Graffiti-Künstler Cyril Kongo umgesetzt. Kongo ist Horstson Lesern spätestens seit 2011 bekannt, als er mit dem Pariser Traditionshaus Hermès farbenfrohe Graffiti Seidentücher schuf, die schnell zu gesuchten Sammleritems wurden.
Neben den Einladungen für die Show, sowie dem Cover der Pressemappen, entwarf Kongo Drucke für Jacken, Kleider und Taschen der Kollektion. Verbunden mit den Stickereien von Montex und Lesage werden sie zu wandelnden modernen Kunstwerken. Pharrell Williams, Botschafter des Hauses Chanel, erscheint wie die Reinkarnation des Echnaton, in der Version des 21. Jahrhunderts und Alton Mason in Strickpulli und goldener Lederhose wirkt wie mit einer Zeitmaschine aus Straßen New Yorks in das goldene ägyptische Zeitalter versetzt.

Unverfroren lässt Lagerfeld seiner Fantasie freien Lauf um eine ganz von allen Modetendenzen gelösten Kunstkollektion voller Innovationen zu zeigen. Das Verschwimmen der Historie, gepaart mit dem Handwerk von heute und Chanels eigenem Stil schafft die Vision, die ein Feuerwerk von Ideen beinhaltet.
Lagerfelds direkter Bezug zur altägyptischen Zivilisation ist der Skarabäuskäfer. Sie wurde vom Haus Goossens mit einer Form hergestellt, die ursprünglich von ihrem Gründer Robert Goossens – Gabrielle Chanels Lieblingsschmuckdesigner – entworfen wurde. Der Skarabäus ist allgegenwärtig und unterstreicht zahlreiche Silhouetten: Er wird als Halskette, Knöpfe, Gürtelschnalle, Ohrringe und Minaudières getragen. Als Symbol der Ewigkeit, ein zyklisches Symbol für die Sonne, die jeden Tag wiedergeboren wird und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vereint: wie New York, so Karl Lagerfeld, die Stadt, die niemals schläft und als Begriff für die Vereinigung von sämtlichen Facetten von Modernität, Kulturen und Gegensätzen steht.

  • fred
    10. Dezember 2018 at 21:16

    BRAVO KL> BRAVO PK!!!