Kunst

„Le fil rouge“ – der rote Faden im Espace Louis Vuitton

Hans Op de Beeck, „The Thread“ (Szenenbild), 2015; Foto: © Espace Louis Vuitton, Hans Op de Beeck

Drei Orte, acht zeitgenössische Künstler, zwölf Werke – zusammengehalten von einem roten Faden. Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Vielmehr ist es ein spannendes Konzept, welches fast zeitgleich in München, Paris und Tokio stattfindet, und von dem man – um beim Thema zu bleiben – regelrecht „umgarnt“ wird. Mit „Le fil rouge“ präsentiert Louis Vuitton zurzeit eine Gruppenausstellung, die sich dem Faden als Medium in der zeitgenössischen Kunst widmet und der sich wie der oft zitierte rote Faden durch die Espace-Sammlungen in Frankreich, Japan und Deutschland zieht.
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Michael Raedecker „enter exit“, 2014; Foto: © Peter White, Courtesy of Espace Louis Vuitton

Schon seit 2006 widmen sich die Espaces von Louis Vuitton Ausstellungen, in denen überwiegend zeitgenössische oder Kunst der jüngeren Vergangenheit gezeigt wird. Das Kulturengagement von Louis Vuitton ist vielfältig – die Firma sieht darin die gleichermaßen große wie schöne Aufgabe, Kunst, unabhängig von Vuittons Kerngeschäft, zu fördern. Auch leistet Louis Vuitton einen Beitrag zum aktuellen Diskurs in der zeitgenössischen Kunst, indem zum Teil neue kuratorische Ansätze einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden.
Der erste Espace wurde übrigens in Paris eröffnet. Es folgten dann „Kunsträume“ in Tokio, Singapur und Venedig, bis dann im letzten Jahr in München der erste Espace in Deutschland seine Pforten öffnete. Nach den Ausstellungen „No Such Thing As History: Four Collections and One Artist“ und jüngst „IN SITU-1“ feierte dort nun „Le fil rouge“ seine Premiere.
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Tracey Emin; Foto: Courtesy of Espace Louis Vuitton

Die von Michiko Mono kuratierte Ausstellung zeigt, wie unterschiedlich man den Faden als Medium in der Kunst einsetzen kann. So wurde der Fokus in den jeweiligen Espaces auch komplett unterschiedlich gesetzt: In Tokio wird mit Werken von Ghana Amer, Michael Raedecker und Tatiana Trouvé ein allgemeiner Überblick über die Verwendung des Fadens präsentiert, wohingegen in Paris mit Werken von Fred Sandback, Isa Melsheimer und Chiharu Shiota raumgreifende Installationen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Nun muss man, um zumindest einen Teil der Ausstellung zu sehen, weder nach Frankreich noch nach Japan fahren, sondern es reicht eine Reise nach München. Der Fokus liegt hier mit Werken von Ghada Amer, Tracey Emin und Michael Raedecker auf stickereibasierte Arbeiten. In allen drei Städten wird zudem der Kurzfilm „The Thread“ von Hans Op de Beeck gezeigt.
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Ghada Amer, „Encyclopedia of Pleasure“, 2001; © Espace Louis Vuitton, Ghada Amer

Das größte Werk, zumindest in München, ist Ghada Amers „Encyclopedia of Pleasure“. Auf 57 Segeltuch-Boxen ist in Teilen die Übersetzung des Buches „Jawami ‚al-ladhdha“ – eine arabische Enzyklopädie aus dem 10. Jahrhundert – zu lesen. Es handelt sich um Texte, die sich offen und ohne Verurteilungen den Themen ‚Sexualität‘ im Eigentlichen und ‚Homosexualität‘ im Besonderen widmen. Das Buch obliegt im arabischen Raum der Zensur und sollte man es doch finden, fehlen zumeist die Kapitel, die Amers in ihrer Arbeit zitiert und die eindeutig sexuellen Inhalt haben. Heute wäre eine Veröffentlichung des Buches undenkbar – früher war der Umgang mit Sexualität im Islam eben viel offener.
Die Britin Tracey Emin, vielen spätestens durch die Zusammenarbeit mit Longchamp bekannt (ich ärgere mich immer noch, mir 2004 keine Tasche aus der Collaboration gekauft zu haben), präsentiert einen weiblichen Akt, den man erst auf den zweiten Blick als „Stickerei“ entlarvt.
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Michael Raedecker „mimicry“, 2014; Foto: © Peter White, Courtesy of Espace Louis Vuitton

Von Michael Raedecker sind zwei Werke zu sehen: „enter exit“ und „Mimikry“. Die Motive lassen sich auch hier erst auf den zweiten Blick erkennen und manchmal, muss ich zu meiner Schande zugeben, auch dann nicht. Besonders spannend findet der Niederländer den Faden als Medium, da dadurch ein Zusammenspiel aus Hochkunst und Kunsthandwerk ermöglicht wird – und zieht dadurch gleich einen „Le fil rouge“ zu seinem Gastgeber – Louis Vuitton.
Im ersten Stock des Espace München empfiehlt es sich, als Abschluss des Besuchs im Espace, den Kurzfilm „The Thread“ von Hans Op de Beeck anzuschauen – eine Reminiszenz an eine chinesische Legende, die den roten Faden anders interpretiert, als wir es kennen: Eine rote Schnur, die die Gottheit Yue Lao als eine Art Fußkettchen um den Knöchel zweier Menschen, die Seelenverwandte symbolisieren, legt und die eines Tages heiraten werden. Der Film, ca. 15 Minuten lang, war für mich definitiv das Highlight der Ausstellung, als ich sie vor ein paar Tagen besucht habe. Und er zieht den roten Faden sehr offensichtlich nach Paris und Tokio weiter – vielleicht besucht einer unserer Leser „Le fil rouge“ auch in den anderen Städten und nimmt den Faden dort wieder auf …

„Le fil rouge“
curated by Michiko Kono

Espace München
29. Januar bis 11. April 2015

Maximilianstraße 2a
Geöffnet: Montag – Freitag 12–19 Uhr, Samstag 10–18 Uhr

Espace Paris
06.Februar bis 03. Mai 2015

Espace Tokio
08. April bis 31. Mai 2015

Der Eintritt ist in allen Espaces frei.

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  • blomquist
    2. Februar 2015 at 10:58

    Da werde ich am kommenden Freitag sofort hinstiefeln!

  • PeterKempe
    2. Februar 2015 at 11:58

    Paris, ich komme! ☺️

  • Tim
    2. Februar 2015 at 13:44

    Steht bei meinem nächsten München Besuch auf meiner Liste. Hatte ich mir schon längst mal vorgenommen.

  • Die Woche auf Horstson – KW 06/2015 | Horstson
    8. Februar 2015 at 11:37

    […] und haben einen ersten Blick auf die aktuelle Ausstellung im Espace Louis Vuitton riskiert: “Le fil rouge” 2) Peter hat eine Jacke von Valentino zu seinem Objekt der Begierde auserkoren. 3) Jan sagt uns, […]