Damenmode

Gucci Frühling/Sommer 2017 – Magische Lichter by Alessandro Michele

(© Courtesy of Gucci)

Als Alessandro Michele letzte Woche seine neueste Kollektion für Gucci präsentierte, glich es einem Paukenschlag. Wie erwartet lieferte der Designer einen weiteren Baustein einer Marke, die im Moment alles anders macht, als alle anderen Luxusbrands. Die Kollektion spaltet gleichermaßen Modepresse und Konsumenten in Fans des Designers oder in Kritiker. Letztere können – mit Verlaub gesagt – meist gar nichts mit der eingeschlagenen Richtung, von grenzenloser Übertretung von sämtlichen Konventionen, von Begriffen wie Bekleidung oder tragbarer Luxusmode und zum eindeutigen Bekenntnis zur Individualität anfangen.

Gucci und Alessandro Michele gehen den Weg, der für die Marke die Abgrenzung zum immer stärker werdenden Markt des Einerleis darstellt. Sie versuchen durch Individualisierungen Businesskleidung, Jeans und Lederjacken, Sneaker und sogar ihre Loafer attraktiv zu machen. Langeweile scheint im Sortiment nicht einen Zentimeter Platz zu haben. Jedes Teil strotzt vor Details und will als Einzelteil glänzen.
Wer Geld bei der Luxusmarke ausgibt, bekommt viele Ideen, sehr viel Fantasie und noch mehr Geschichten, die sich hinter jedem einzelnen Design befinden, mitgeliefert. Genau das ist es, was die Fans begeistert und die Kritiker ungläubig schauen lässt. Entweder man ist bereit, sich auf den bunten Zirkuswagen der Fantasie zu setzen und das Leben als Fest der Mode zu feiern oder man lässt es eben – dann ist man allerdings bei der Florentiner Traditionsmarke, die alles auf den Kopf stellt und trotzdem ihren Werten treu bleibt, falsch und sollte sich anderen Brands zuwenden.

Man kann Alessandro Michele nicht vorwerfen, dass er keinen Bogen voller Intelligenz und mit Tiefgang, mit Wissen und der Auseinandersetzung mit verschiedensten Kulturen, Literatur, Kostümgeschichte und die Verbindung von Hochkultur und Zeitgeist spannt. Er traut sich, Dinge zu vermischen, die kein anderer Designer wagt, die aber eine eigene Handschrift zeigen – eine Handschrift, die sicherlich das ein oder andere kriselnde Modehaus nur zu gern imitieren würde. Ein Grund mehr, warum es sich lohnt, die neue, sehr opulente Frühjahr/Sommer-Kollektion 2017 genau zu betrachten und die Inspirationen und Beweggründe des Designers zu erklären.
Alessandro Michele macht genau das, für was Luxusmode steht – er gibt den Menschen das an Träumen, an die sie nicht zu glauben wagen, wie es einmal Diana Vreeland ausdrückte.
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© Courtesy of Gucci

Das Dekor, ganz in rot gehalten und mit Poufs im Stil von Mae West, erinnert an ein Hollywoodset. Der Catwalk wurde mit Sternen bedruckten Teppichboden ausgelegt und wirkt wie ein Walk of Fame: „It was the idea of Hollywood. It’s the most glamorous place I’ve been in my life“, wie Michele seine Intuition für die Schau erklärt. Andere Designer würden jetzt so weiter machen, aber der Designer liefert viele weitere Ideen.
Und diese Ideen haben bei ihm immer mit dem zu tun, was wir wirklich in unserer Realität sehen und mit dem, was sich in unserem Kopf in dem Moment, wo wir ein Buch lesen, das wir mögen oder das uns prägt; eine Theateraufführung sehen, die uns beeindruckt, oder auch Musik hören und die wir nicht vergessen können.
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© Courtesy of Gucci
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© Courtesy of Gucci

Grundgerüst der aus vielen einzelnen magischen Lichtern bestehenden Kollektion und Looks sind literarische Zitate, die Michele aus Büchern als logische Erkenntnisse gewinnt. In einer immer simpler werdenden Welt, die immer uniformer wird, ein grenzenlos reizvoller Ansatz, der viel Mut erfordert und auch, dass man sich darauf einlässt. Er gibt einem zu Oberflächlichkeit verurteiltem Metier wie der Mode neue Facetten. Außer Gucci gibt nur das Haus Chanel Karl Lagerfeld die Freiheit, sich solcher nicht massenkompatiblen Philosophien zu bedienen. Das jedoch unterscheidet die Magie oder die „Nicht-Magie“ von Mode; sie führt die Mode in die Zukunft. Was heute unverstanden wirkt, erweitert in der Zukunft die Sichtweise der Normalität.
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© Courtesy of Gucci
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© Courtesy of Gucci

Die Kollektion erzählt wundersame, trügerische und unorthodoxe Geschichten, die nicht zwangsläufig die Realität widerspiegeln. Sie dienen eher als magische Lichter und Zerrspiegel, die Sprachen, Symbole und Codes verändern. Ziel dieses Spiels ist es, „für einen Moment die Stabilität der Wahrnehmung zu zerstören, sodass der Verstand gezwungen ist, sich einer Sinnespanik zu unterziehen” wie es der französische Philosoph Roger Caillois ausdrückte.
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© Courtesy of Gucci
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© Courtesy of Gucci

Das Erzählprinzip ist non-linear; es besteht aus Brüchen, Löchern, Vorsprüngen, Querverweisen und unvorhersehbaren Verbindungen. Ein inselartiger, metamorphischer Anspruch, in dem Gedanken unkontrolliert übersprudeln und keiner Tradition folgen. Eine bewusst unsystematische und dadurch lebendige Philosophie. Wenn es stimmt, dass in geschlossenen Systemen organisierte Gedanken erbarmungslos sind, weil „sie das Unausgedrückte ausschließen und durstig hinter sich zurücklassen, bis es an Durst stirbt” wie es der Schriftsteller und Aphoristiker Elias Canetti schrieb, dann ist es nötig, diese Systeme zu durchbrechen, um neue Bedeutungen zu erzeugen und das Unerwartete zu kultivieren.
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© Courtesy of Gucci
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© Courtesy of Gucci

Jeder der Looks zitiert diese Gedankenschichten und Farben und Materialien wechseln sich ab; Schlichtheit folgt auf Opulenz. Die Jahrzehnte purzeln wie in einem Leben an uns vorbei. Ein schwarz-weißes Abendensemble im Stil von Yves Saint Laurent oder ein scharf geschnittener Hippie Hosenanzug, der mit Nieten besetzt ist, folgen nacheinander. Fliegerbrillen, die an Antoine de Saint-Exupéry erinnern, wurden zu Abendkleidern mit Latexhandschuhen, die zu Love Bracelets getragen werden, gestylt. Jeder Look erfordert mehrere Blicke, um immer wieder neue Überraschungen zu erleben.
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© Courtesy of Gucci

Die Kollektion polarisiert hundertfach und lädt ein, an der Karawane durch und in die Mode teilzunehmen. Wer dabei sein will, ist herzlich eingeladen. Es wird aber nicht versucht, jedem gerecht zu werden. Viele Labels haben das verlernt. Die Kunden sind es nicht mehr gewohnt, dass Luxus nicht demokratisch ist und eben nicht jeden bedienen soll.
Der Weg von Gucci geht weiter und setzt sich in eine eigene Richtung fort, die gleichermaßen eigene Konstanten etabliert hat und die Icons bewahrt. Was könnte einer Marke, die so viel Tradition hat, Besseres geschehen, als dass ihre Werte durch neue ergänzt werden und souverän in die Zukunft geführt werden. Der Massenmarkt hat’s längst kapiert: Hier wird die Musik geschrieben, nach denen bei ihnen später die Kunden tanzen. Freie Fahrt für die Fantasie in der Mode …

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  • Gerold
    28. September 2016 at 10:18

    Oh wie habe ich auf diesen Artikel gewartet.
    jeden Satz so eingesogen wie die Details der Kollektion.
    Geistreich!
    Schön das die Gucci nicht jede gefallen will – sonst wäre sie das einerlei mit dem wir uns in der Mode seit Jahren befriedigen müssen!
    weiter so… mehr so… von Gucci und Horstson
    Merci Peter!

  • PeterKempe
    28. September 2016 at 10:22

    Danke du bist ein Schatz !

  • René
    28. September 2016 at 11:06

    Das mag alles stimmen, aber es sieht nach Fasching aus. Sorry!

  • siegmar
    28. September 2016 at 13:01

    Ich finde es wunderbar, die Einstellung von Gucci und die Mode von Alessandro Michele

  • vk
    28. September 2016 at 19:04

    was ein spass, peter! du bist ja wirklich ein beacon of enlightenment, ein leuchtstrahl der aufklaerung.
    jetzt schaut euch so was an: „… Das Erzählprinzip ist non-linear; es besteht aus Brüchen, Löchern, Vorsprüngen, Querverweisen und unvorhersehbaren Verbindungen. Ein inselartiger, metamorphischer Anspruch, in dem Gedanken unkontrolliert übersprudeln und keiner Tradition folgen. Eine bewusst unsystematische und dadurch lebendige Philosophie. …“ – hochoriginelle, ganz persoenliche wahrnehmungsreflexion mit der klarheit von gueltigkeit.
    „… Die Jahrzehnte purzeln wie in einem Leben an uns vorbei. …“ – wunderbar. das layering an stilverweisen im detail zu schaetzen, dazu braucht es aufmerksamkeit und einschlaegiges wissen, wovon mir beides eher unzureichend zu verfuegung steht, aber den kaskadierenden impressionen, die zwar in irgendeiner weise einen stilkosmos bilden, von ihrer bedeutung aber komplett offen sind, keinen dogmatismus nahelegen, das ist ein fest auch fuer mich. fuer jeden eigentlich, der tage flanierend in der london, paris oder new york genossen hat, verfuehrt vom wirrwarr und treiben. die kunst, die kunst, das leben. peters schoene skizze ist zeugnis und plaidoyer. raus und augen auf! ein grosser spass. das ist die welt.

  • PeterKempe
    28. September 2016 at 20:27

    Wenn man das Leben jeden Tag als Geschenk wahrnimmt und nicht als staendige Bedrohung kann man auch sich locker mit dem Thema Mode auseinandersetzen .Mode ernst nehmen aber nicht das Gewicht verleihen als handele man dort mit Lebens rettenden Medikamenten ist meine Devise.Danke fuer dein wunderbares Kompliment .

  • Horst
    29. September 2016 at 00:39

    Ich find’s geil. Komplett drüber, aber geil! 😀

  • siegmar
    29. September 2016 at 15:59

    @ vk
    wie wunderbar dein Text, sehr erfrischend zu lesen 🙂

  • vk
    30. September 2016 at 14:56

    bester siegmar, lieben dank!

  • vk
    1. Oktober 2016 at 17:26

    lektueretipp von mir / required reading
    http://www.gq.com/story/my-son-the-prince-of-fashion

  • Gucci Queercore-Schuhkollektion | Horstson
    3. Dezember 2016 at 21:27

    […] und unorthodoxe Geschichten, die unterhalten oder manchmal sogar unbequem sein können. Peter erklärte es in seinem Beitrag zur kommenden Spring/Summer-Kollektion mit einem non-linearen […]