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Der Palm Springs Modernismus: Louis Vuitton Cruise 2016

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Weiter geht die Reise zu Architektur-Pilgerstätten der Moderne. Das Haus Louis Vuitton lud zur Präsentation der Womenswear in die USA nach Palm Springs in Kalifornien. Auf einem der schönsten Hügel gelegen liegt das Vermächtnis einer der bekanntesten Komiker der amerikanischen Filmgeschichte – Bob Hope und seiner Frau Dolores. Die beiden hatten sich 1973 von dem Avantgarde Architekten John Lautner ein riesiges Haus bauen lassen, was sich weit öffnet und stolz über die Stadt blickt. So viel Avantgarde schien das Paar aber nur außen zu ertragen, denn ganz ihrem Hollywoodstar Image gerecht, ist es innen im Fünfziger Jahre Star-Style mit Candy Shop-Appeal eingerichtet und wird so den Wohngewohnheiten des damals schon in die Jahre gekommenen Schauspielers gerecht.
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Genau dieser Gegensatz zwischen monumentaler Architektur und dem weichen, verspielten Dekor der Inneneinrichtung war Nicolas Ghesquières Inspiration für die Cruise Saison. Vor ein paar Jahren entdeckte er bei einem privaten Besuch den Reiz dieser Location und regte an, dort die Show zu inszenieren, um so einen neuen Kontext für seine Looks zu schaffen.
Außerdem besinnt sich das Haus Vuitton zurzeit gerne darauf, Amerikas Markt wieder stärker in den Fokus zu nehmen – Verkauf ist schließlich nicht der letzte Grund, warum große Defilees veranstaltet werden.
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Palm Springs glänzte am sechsten Mai nicht nur durch strahlenden Sonnenschein, sondern auch durch die Gäste. Neben der fast vollständig erschienenen Modepresse der ganzen Welt – viele kamen direkt aus Seoul von der Chanel-Schau – hatten sich auch zahlreiche Prominente eingefunden. Sogar Frankreichs Galionsfigur, Catherine Deneuve, hatte den Weg über den Atlantik nicht gescheut, um dabei zu sein.

Nicoles Ghesquière, künstlerischer Direktor der Damenkollektion, scheint Cruise Kollektionen zu lieben, denn auch die zweite (seine erste zeigte er auf dem Palast Platz in Monte Carlo) entspricht vom Umfang, von der Kreativität und den eingeflossenen Ideen mindestens der einer Hauptkollektion. Es fällt auf, dass er im Gegensatz zu seiner Zeit bei Balenciaga, wo er versuchte, den Stil konsequent zu vervollkommnen und die Linie durchzog, bei Louis Vuitton extrem viel Wert auf die Eigenständigkeit einer jeden Saison legt. Seine Grundelemente, die Sixties- und Seventies-Roots, typische, schon immer von Ghesquière geliebte Modejahrzehnte, sind dabei immer präsent. So fehlt in keiner Kollektion der Blouson mit dem Strickbund, kurze Jacken und die gemusterten Röcke und der Patchwork Materialmix.
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Nicolas Ghesquière gibt Louis Vuitton das, worunter die Marke jahrelang in den Prêt-à-porter Kollektionen litt. Vuitton hatte keine Heritage in dem Bereich und keine Vorbilder aus der Geschichte des Hauses, die in diesem Bereich eine Stilistik zugrunde gelegt haben.
Vuittons Cruise Kollektion hat als Wurzel, wie könnte es bei einem Gepäckhersteller auch anders sein, das Reisen. Diesmal geht es eben nach Palm Springs und die Handschrift ist zu hundert Prozent Ghesquière.
Er schert sich nicht um Trends oder Tendenzen, schielt nicht zu anderen. Und kein anderer Designer mixt so viele Materialien miteinander: Hightech-Materialien gegen Spitze und Vinyl gesetzt, Seide mit Baumwolle entschärft. Doch im Vordergrund dieser Kollektion stehen – zumindest für mich – der Seventies Strick und die Kleider.
Zu den Highlights zählten aber auch die Kleider und Pyjamas mit weit fließenden Hosen in Crêpe de Chine und Gazar – mal unifarben, mal bedruckt mit großen Kettenmustern, immer seiner Inspiration folgend, Schlichtheit und harte Materialien gegen den feminin fließenden Stoff zu setzen. So setzt er mit Nieten besetztes Leder als Sättel oder Applikationen auf, Goldpailletten Stickereien und immer wieder die gekreuzten, wie Sicherheitsgurte wirkenden Taillenbetonungen.
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Die Kollektion erinnerte in Teilen an moderne Versionen der Hollywood-Garderobe von Stars wie Joan Crawford oder Claudette Colbert. Abendkleider im Stil der Dreißiger Jahre und der Stepp der Morgenmäntel der Diven, wenn sie in ihren Garderoben bei Metro Goldwyn Mayer für die Drehs fertiggemacht wurden – Nicolas Ghesquière muss tonnenweise recherchiert haben. Die Mäntel „vuittonisiert“ er durch Dessins und moderne Hightech-Materialien.
Highlights hier die drapierten und raffiniert gesmokten Oberteile, die Erinnerungen an Irene of Hollywood und an die Filmkostüme der legendären Kostümbildnerin Edith Head wach werden ließen. Die Pyjamas sind feminin, dagegen Biker Jacken, modifizierte Bomber oder Kroko-Stutzer. Trägerhosen im Stil von Mary Tyler Moore und ein bisschen Mad Max dazugegeben und, wie immer bei Ghesquière, Reißverschlüsse oder Druckknöpfe als Verschlusslösungen …
Bei den Farben, superedle Blau-Nuancen, Schwarz, wunderschönes sattes Oliv und warme Terra-Töne. Wollweiß als Hommage an den Sommer und Lieblingsfarbe der Filmdiven – Ghesquière überrascht mit raffinierten Details an jedem Teil.
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Härte gegen Raffinesse gesetzt, das Ganze in einer avantgardistischen Location präsentiert, ergibt eine fantasievolle Hommage von Nicolas Ghesquière für Vuitton an das Business, das die Region berühmt gemacht hat. Es wird eines klar: er hat sich dazu entschlossen, seinen eigenen Weg zu gehen und nicht die „Patentlösung“ zu suchen, um zu sagen es sei der „Vuitton Stil“. Dadurch lässt er einerseits Überraschungen zu. Andererseits setzt es beim schnellen Rhythmus der Kollektionen aber auch größte Kreativität und ein Team voraus, das ständig in der Lage ist, Visionen zu entwickeln – harte Arbeit, die Ghesquière aber nicht nur auf einen Kundentypus beschränken lässt.
Eine sehr eigene und intellektuelle Kollektion, deren Kleider und Pyjamas das absolute Highlight der nächsten Saison bilden dürften.

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  • Siegmar
    19. Mai 2015 at 11:49

    wie immer klasse Artikel, das John Lautner Haus würde ich gerne mal ansehen. Bei der Kollektion bin ich mir nicht sicher welche Kundin tatsächlich angesprochen werden soll. Mir gefällt sie nicht wirklich.