Foto: Horstson
Alle regen sich auf. Über Touristen, über Foodtrucks, über die Latte-Macchiato-Eltern mit ihren Lastenrädern, die so entschlossen wirken, als würden sie gleich die Republik retten – mindestens aber den richtigen Kürbis kaufen. Doch wer am Dienstag- oder Freitagmorgen unter der Hochbahn der Isestraße entlangschlendert, merkt schnell: Hier läuft es. Zu gut sogar. Und nichts scheint verdächtiger als ein Wochenmarkt, der einfach funktioniert.
Früher, so beginnt jede gute Verklärung, war der Isemarkt ein Ort der Notwendigkeit. Kartoffeln im Netz, ein Stück Käse, ein paar Sätze mit jemandem, der einen kannte oder zumindest so tat. Es war nicht hübsch, aber ausreichend. Vor allem: Es war egal, wie es aussah, solange es satt machte. Heute ist es ein Bühnenstück.
Ein Markt, der sich selbst aufführt. Regionalität als Dekoration, Handwerk als Pose, Preise als moralische Prüfung. Wer hier einkauft, kauft nicht ein – er positioniert sich. Zwischen Pastinaken und Sauerteig wird Haltung ausgestellt wie Ware. Und die Ware hat gefälligst eine Geschichte zu haben, sonst bleibt sie liegen wie ein schlechter Tweet.
Die Händler heißen nicht mehr Karl oder Ingrid. Jetzt sind es Matteo und Sofia, die einem erklären, warum genau dieses Brot eigentlich ein Lebensentwurf ist. Man bezahlt kontaktlos und trägt die Beute in Taschen, die aussehen, als hätten sie schon mehrere Demos gesehen, aber noch nie eine Waschmaschine. Und während alle noch davon schwärmen, wie „lebendig“ und „vielfältig“ das alles ist, wird im Hintergrund aussortiert. Zu viel Vielfalt ist nämlich auch wieder schlecht.
Das Bezirksamt hat beschlossen, dass der Markt ein bisschen zu sehr nach Gegenwart aussieht. Zu viele Foodtrucks, zu viele spontane Ideen, zu viel Internet auf Rädern. Also zurück zur Ordnung: Wer heute einen Tagesplatz will, soll bitte Dinge verkaufen, die man versteht. Kartoffeln. Blumen. Irgendetwas aus Holz. Hauptsache, es wirkt, als hätte es schon vor 30 Jahren niemanden gestört.
Der Rest? Darf sich gern weiterhin selbst verwirklichen – nur eben nicht hier. Oder sich jeden Morgen neu bewerben, als wäre der Isemarkt eine Mischung aus „Deutschland sucht den Superhändler“ und Sozialkundeunterricht.
Natürlich betrifft das alles nur die ohne festen Platz. Die Etablierten bleiben. Bestandsschutz ist schließlich die ehrlichste Form von Fortschritt. Und Imbissstände wird es auch weiterhin geben – ein paar. So viele, dass niemand verhungert, aber zu wenige, damit es nicht nach Spaß aussieht. Das Ergebnis ist beeindruckend: Ein Wochenmarkt, der so gut funktioniert, dass er sich leisten kann, wieder langweilig zu werden. Kuratiert, reguliert, geschniegelt. Spontaneität nur noch als kontrollierte Ausnahme. Chaos? Bitte nur nach Anmeldung.
Und während hier unter der Hochbahn die perfekte Balance aus Angebot und Anspruch feinjustiert wird, stehen ein paar Kilometer weiter südlich – Luftlinie vielleicht dreieinhalb – in St. Georg immer weniger Stände. Dort gibt es keine überhitzten Foodtrucks, die man aussortieren müsste. Dort fehlt es schon an denen, die überhaupt noch aufbauen. Man könnte das ungerecht finden.
Man könnte aber auch sagen: So sieht Erfolg aus. Der eine Markt wird so begehrt, dass er sich seine Händler aussuchen kann. Der andere so irrelevant, dass sich niemand mehr die Mühe macht, ihn zu retten. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe.
Der Isemarkt ist kein Wochenmarkt mehr, er ist ein System. Eines, das entschieden hat, was hierhin gehört – und was nicht. Und das dabei so überzeugt wirkt, dass man fast vergisst, dass Märkte einmal genau davon lebten, dass sie eben nicht wussten, wer morgen kommt. Aber keine Sorge: Die Kartoffeln sind weiterhin tadellos.

No Comments