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Der schönste Kontrollverlust des Sommers

Es gibt diesen Moment, an dem Hamburg kurz aufhört, Hamburg sein zu wollen. Während dieser Text online geht, schlängelt sich der Tross der bunt dekorierten Lkw bereits über die Reeperbahn. Aus Boxen dröhnen Lieder, die seit Jahrzehnten unbeirrt dieselben drei Akkorde umarmen wie alte Bekannte. Auf den Ladeflächen wird getanzt, unten wird mitgesungen, irgendwo öffnet bereits jemand das erste Dosenbier des Tages mit jener Ernsthaftigkeit, die andere für Champagnerflaschen reservieren. Und über allem hängen Wolken.v

Vielleicht fällt das heute ohnehin alles ins Wasser. Vielleicht verwandelt sich Polyester in einen tragbaren Schwamm und Pailletten entwickeln endlich ihre lang ersehnte Funktion als Regenabweiser. Dem Schlagermove wäre das egal. Diese Veranstaltung hat schon immer den Eindruck vermittelt, dass sie sich von der Realität allenfalls den Wetterbericht erklären lässt.
Der Schlagermove ist Deutschlands größte Demonstration für schlechten Geschmack. Und das meine ich als Kompliment. Hier treffen Farben aufeinander, gegen die selbst Verkehrsschilder dezent wirken. Schlaghosen in Orange. Netzhemden in Pink. Perücken, die aussehen, als hätte Dolly Parton einen Friseursalon in Wacken eröffnet. Gürteltaschen in einer Dichte, bei der man vermuten muss, sie würden inzwischen irgendwo in Billbrook industriell gezüchtet. Dazwischen Sonnenbrillen, die vermutlich schon 1978 niemandem wirklich standen.

Es ist ein modischer Totalschaden. Und genau deshalb so wunderbar. Denn der größte Irrtum über den Schlagermove ist die Annahme, hier wolle irgendjemand cool sein. Das Gegenteil ist der Fall. Coolness stirbt bereits am Ortseingang. Sie wird von einer Boa aus Kunstfedern erwürgt und anschließend mit „Mendocino“ verabschiedet.

Über die Musik müssen wir trotzdem reden. Schlager ist das kulinarische Äquivalent zu Spargel aus dem Glas. Niemand würde behaupten, das sei Haute Cuisine. Aber erstaunlich viele greifen trotzdem zu. Die Reime sind vorhersehbar, die Harmonien kennen keine Überraschungen, und jeder zweite Song klingt, als wäre er bereits auf der Rückfahrt vom letzten Schützenfest entstanden. Denn, wer Schlager liebt, muss musikalisch nicht mutig sein. Wer Schlager hasst, ist es häufig auch nicht.
Gerade unter den selbsternannten Musikästheten gehört die Verachtung des Genres inzwischen zum guten Ton. Da wird jede neue Indieband gefeiert, deren Sänger klingt, als hätte er seit Wochen ausschließlich feuchte Pappe gegessen. Man trägt Bandshirts, die niemand kennt, sammelt Vinyl in Sonderpressungen und erklärt spätestens nach dem zweiten Naturwein, dass Pop seit den Achtzigern ohnehin tot sei.

Das ist manchmal genauso vorhersehbar wie „Fiesta Mexicana“. Doch die Schlagerfans dagegen überraschen. Nicht, weil sie plötzlich über die Produktionsästhetik von Brian Eno diskutieren würden. Sondern weil sie erstaunlich selten so tun, als seien sie etwas anderes als das, was sie sind. Sie wissen, dass Roland Kaiser kein Leonard Cohen ist. Sie möchten auch gar nicht, dass er einer wird. Sie wollen tanzen. Singen. Freunde treffen. Einen Nachmittag lang die Welt gegen Konfetti eintauschen. Das wirkt fast radikal. Ausgerechnet jetzt. Während jede Woche eine neue Empörungswelle durchs Netz schwappt, während jede Kleinigkeit sofort zum kulturpolitischen Endgegner erklärt wird, marschiert hier ein Konvoi aus Glitzer, Bier und Schlaghosen stoisch über die Reeperbahn. Und Hamburg diskutiert derweil über Alkohol. Ausgerechnet ein Abschnitt der diesjährigen Pride-Parade führt durch die jüngst erklärte Alkoholverbotszone am Steindamm in St. Georg. Plötzlich wird ernsthaft darüber debattiert, ob auf ein paar hundert Metern auf Bier verzichtet werden kann. Man fragt sich unweigerlich: Würde derselbe Versuch beim Schlagermove funktionieren? Ein paar hundert Meter alkoholfrei zwischen zwei Lkw? Wahrscheinlich wäre das das eigentliche gesellschaftliche Großexperiment dieses Sommers. Nicht aus Sorge um die Musik – die würde es vermutlich überstehen. Sondern um das Selbstverständnis der Dosenbierlogistik. Vielleicht liegt genau hier die eigentliche Pointe.

Der Schlagermove ist nicht intelligent. Er will es auch gar nicht sein. Er ist laut, schrill, geschmacklos und ungefähr so subtil wie eine Nebelmaschine auf einem Andrea-Berg-Konzert. Aber er ist auch erstaunlich friedlich. Niemand erklärt anderen Menschen ihre Identität. Niemand hält Vorträge über kulturelle Aneignung von Schlaghosen. Niemand eröffnet Grundsatzdebatten über die gesellschaftliche Relevanz von Glitzerwesten. Man tanzt. Man lacht. Man singt Texte mit, deren literarische Qualität ungefähr auf Höhe einer Glückskeksbotschaft liegt. Und vielleicht ist genau das der Luxus unserer Zeit. Nicht ständig Recht haben zu müssen. Nicht alles deuten zu müssen. Nicht permanent performen zu müssen. Einfach für ein paar Stunden vollkommen albern sein. Aber jedes Jahr aufs Neue lässt sich beobachten, wie hunderttausende Menschen etwas schaffen, woran der Rest der Gesellschaft erstaunlich oft scheitert: Sie verbringen gemeinsam einen Tag, ohne sich gegenseitig die Welt erklären zu wollen.
Horstson wird trotzdem auch morgen keinen Schlager hören. Das wäre dann doch zu viel verlangt.

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