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Paris Openings – Chanel: In der Brasserie Gabrielle

Chanel Prêt-à-porter Fall Winter 2015 2016 dekor Brasserie Gabrielle
Photo by Olivier Saillant

Am Dienstag zeigte Karl Lagerfeld die Chanel Herbst-Winter Prêt-à-porter Kollektion. Das Grand Palais wurde dafür in einen Ort verwandelt, der pariserischer nicht sein könnte. Man fühlte sich gleich wie in der berühmten Brasserie Lipp oder dem Café de Flore, das seit jeher einer der Lieblingsplätze von Lagerfeld in Saint Germain ist. Der Dekor war wie immer perfekt bis ins letzte Detail umgesetzt, inklusive der typischen, etwas grummeligen, in die Jahre gekommenen Kellnern und den wackeligen Champagnerkühler-Haltern.
Nicht fehlen durften die rot gepolsterten Sitzbänke, von denen man in den Cafés den ganzen Tag beobachten kann, wie sich manches Schicksal der Pariser Bourgeoisie – egal, ob das Kennenlernen oder die bevorstehende Scheidung – an einem der kleinen Tische entschieden wird. Der Franzose beschließt vom wirtschaftlichen Fortschritt bis hin zur Verlobung der Tochter alles in diesen Traditionshäusern beim Essen.
Chanel Prêt-à-porter Fall Winter 2015 2016 dekor Brasserie Gabrielle
Photo by Olivier Saillant

Der Fußboden des Dekors glich dem Original bis zur letzten Fliese. Später stand dann hinter der Bar der Mann, der als sechzehnjähriger Schüler nach Paris kam und sofort von dem Treiben und der Freizügigkeit im Café Flore beeindruckt war …
In den fünfziger Jahren konnten Männer, deren Herz für Männer schlugen, im ersten Stock des Cafés sehr diskret miteinander flirten und sich kennenlernen. Später wurde das Café dann mit Antonio Lopez, Yves Saint Laurent und Jacques de Bascher Treffpunkt von Lagerfelds Freunden und so manche seiner Ideen wurden sicherlich im Flore oder gegenüber in der Brasserie Lipp geboren. Gabrielle Chanel selbst ging Sonntags gern mit Lilou und Christian Marquand oder den Brüdern Mille ins „la Coupole“, wohingegen die Mädchen, die am Tag in den Salons die Kollektion vorführten, abends die neuesten Kreationen im „Closerie de Lilas“ ausführten – allen voran Vera Valdez, Betty Saint, Marie-Hélène Arnaud und Mimi d’Arcangues.
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Photos by Karl Lagerfeld

Nach Chanels Comeback 1954 hatten die Models genau die Schuhe an, die in der neuesten Kollektion einen grandiosen Wiedereintritt in unsere Zeit feiern: Slingpumps, mit festen und flachen Blockabsatz, einen Fersenriemen und einer Spitze, die an Löffelbiskuit erinnert, den man in Kaffee eintaucht und bei dem sich die dunklere Farbe absetzt. Ein Schuh, der neben der „2.55“-Tasche und dem berühmten Tweedkostüm zu einem DER Jahrhundertklassiker von Mademoiselle wurde.
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Photos by Karl Lagerfeld

Die Winterkollektion schließt sich sehr an Chanels Looks der ungeheuer erfolgreichen Sechziger Jahren an, als sie praktisch den Löwenanteil der Modemagazine, vor allem der amerikanischen, hinter sich hatte und sich ihr Stil immer mehr perfektionierte. Die Chanel-Frau der nächsten Saison trägt Tweedkostüme und Bleistiftröcke, gibt sich sehr „damig“ und zeigt sich in der Essenz des Hauses.
Gesteppter, vergoldeter Medaillon-Schmuck (Lagerfelds achtziger Jahre bei Chanel lassen grüßen!), Kettengürtel und Broschen, die Chanel auf jedes ihrer Kostüme vor dem Defilee setzte – alles findet sich in seiner Urform wieder. A-Linien-Kleider mit glockigen Röcken – Chanels bevorzugte Rocklänge bis ans Knie, ihre Grundsätze vereinigt in einem Defilee, das ihr sicherlich die höchste Freude bereitet hätte. Schon einmal, 1996, zeigte Karl Lagerfeld mit Stella Tennant eine ähnlich konsequente „Chanel-Kollektion“, die mit den kurzen akkuraten Haaren und einer „ladyliken“ Silhouette perfekt die Brücke der modernen Frau zu den Idealen des Hauses Chanel schlug.
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Photos by Karl Lagerfeld

Die „neue“ Chanel-Frau muss nicht krampfhaft auf blutjung machen. Sie bekennt sich dazu, dass sie Tweedkostüme und weiße Blusen mit Schleifen, Redingote-Jacken und allerlei weiblichen Froufrou wie Fransenröcke oder auch Strickkleider und Pullunder in Mustern des Art déco liebt. Sie schwelgt in Klassik wie Chiffonblusen mit Galons oder Plissee-Einsätzen, trägt Pierrot-Blusen und englische Strickensembles.
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Photos by Karl Lagerfeld

Es scheint, als wenn Chanel eine hemmungslose Arie auf die Klassik und das „Gut-Angezogen-Sein“ singt und die Frau nicht mehr Rockstar, Kurtisane oder sexy Bitch sein muss. Sie bekennt sich bedingungslos zu dem, was viele Frauen gerne wären, nämlich eine elegante „Dame“. Gut angezogen sein und bis in die Fingerspitzen Stil ausstrahlen. In unruhigen wechselhaften Zeiten wächst die Sehnsucht nach Beständigkeit und Sicherheit. Die bewundernden Blicke der Besucher im Café Flore sind diesen Mädchen mehr als sicher und das Auge wird durch Schönheit, Qualität und Harmonie verwöhnt!
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Photos by Karl Lagerfeld

Die Winterkollektion von Chanel ist wie eine Quintessenz von allem, wofür das Haus und der Stil steht. Sie ist wie eine Reise durch über hundert Jahre Stil, der alle Moden überdauert und halbjährlich neu geboren wird. Karl Lagerfelds Hommage an den Charme der Weiblichkeit und das kokette Spiel mit den Codes des Haues. Mehr Chanel geht nicht – nach Feminismus-Demonstration und Supermarktbesuch geht es zurück zu den angenehmen Seiten des Lebens. Einfach nur die Eleganz für sich in Anspruch zu nehmen. Es lebe die Bourgeoisie à la Chanel!

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  • HappyFace313
    12. März 2015 at 20:48

    🙂 Klingt alles ausgesprochen gut! Freue mich darauf mehr von dieser Kollektion zu sehen!
    Liebe Grüße 🙂

  • Die Woche auf Horstson – KW 11/2015 | Horstson
    15. März 2015 at 10:43

    […] gab es Peters Sicht auf die kürzlich gezeigte Chanel-Kollektion für den Winter: Chanel: In der Brasserie Gabrielle 2) My-My-tten im Leben: Das Brillen-Label “Mykita” hat es Julian angetan (mir […]