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Mode, Standort, Streitigkeiten

(Bild: Frankfurt Fashion Week)

Hui, da wehte gestern aber ein stürmischer Wind durch die digitalen Straßenschluchten von Instagram und Konsorten. Ich meine damit nicht die, zu einer Millionen Prozent begründete Anteilnahme, friedliche Mobilisierung und Unterstützung der Black Lives Matter-Bewegung im Kampf gegen Rassismus, die bereits seit ein paar Tagen dafür sorgt, dass leichte Outfits gegen ernste Themen getauscht werden. Nein, vielmehr meine ich den Aufschrei und das enorme Presseecho zum vermeintlichen Wegzug der Fashion Week in Berlin (was nicht korrekt ist, denn schlussendlich zieht nur die Premium Group nach Frankfurt und initiiert dort die Frankfurt Fashion Week). Kaum eine Schlagzeile hat gestern so sehr meine Timeline dominiert und Stimmen hervorgebracht, die irgendwo zwischen pöbelnd, destruktiv und unreflektiert argumentierend einzuordnen sind.

Ich gebe zu, dass auch ich keine wirklich fundierte Aussage zur Causa „Premium: Wegzug aus Berlin Richtung Frankfurt“ treffen kann. Aber ich kann lesen und Artikel scannen, die das Thema fundiert aufgreifen. Und klar, auch ich könnte mich vorschnell von Emotionen leiten und in Nostalgie eintauchen lassen. Dann würde ich sofort schreiben: Was für eine Vollkatastrophe, ich war doch immer so gerne in Berlin auf der Fashion Week und warum denn jetzt plötzlich nach Frankfurt reisen? Genau so könnte ich plump-dumm sagen: Ach genial, ich muss doch gar nicht reisen, weil ich doch in Frankfurt wohne. Viel eher – und das ist ja eigentlich das Allerwichtigste – würden meine Gedanken in Richtung Kreative wandern, die sich vorsorglich in der Hauptstadt angesiedelt haben und ggf. in die Röhre schauen und von echten Perspektiv- und Existenzängsten geplagt sind.

Das alles könnte ich just und in der Minute online stellen und in diesem ganzen Rhabarber an sauer-süßen Meinungen und vermeintlicher Modefachexpertise mit traurigen Smileys und haschenden Hashtags untermischen. Mache ich aber nicht. Warum? Weil ich glaube, dass man jetzt erstmal abwarten muss statt eine „Glas-Halb-Leer-Stimmung“ zu befeuern. Vielleicht ist der Wegzug der Premium ja ein genialer Weckruf für die Mode in Berlin, vielleicht auch nicht und sie wandert völlig zurecht an den Main. Vielleicht wird sie genau dort wesentlich erfolgreicher und vielleicht klappt es dort nicht und es wird weiterhin die Berliner Luft dominieren. Wir wissen es zum aktuellen Zeitpunkt nicht und können jetzt erstmal nur abwarten und ggf. (falls man mittendrin steckt und nicht nur als schreibender Zaungast agiert) schleunigst überlegen, wie und wo man fortan Formate spielen möchte.

Ich für meinen Teil habe nämlich irgendwann gestern den Überblick verloren und den Kopf geschüttelt als es nur noch hieß: „Frankfurt stehlt Berlin die Modenschau“. Ähm, solche Pauschalisierungen à la Bild-Zeitung helfen doch niemanden weiter und verzehren doch die gesamte Situation. Klar, die Stimmung ist gereizt und dennoch, es sind doch nicht alle Zelte in der Hauptstadt abgebrochen. Oder doch? Belehrt mich eines Besseren, falls ich das falsch annehme und zu optimistisch bin. Die Berliner Fashion Week für Januar auf jeden Fall gesetzt und die Sommerausgabe, so zumindest der Plan, ihren Termin bestmöglich zu den anderen Schauen in Mailand, Paris und London anpassen. Könnte das Announcement von der Premium nicht auch ein Weckruf für alle Beteiligten sein?

Mein Appell in dieser verrückten „jeder muss mal kurz schreien und Endzeitszenarien skizzieren“-Zeit: Wahrnehmen, sammeln, sich ein Bild verschaffen und dann überlegen, was man und vor allem wie kommuniziert und repostet. Mir sind zig hässliche Kommentare im Kopf geblieben à la „Endlich sind wir die Tillman los“ und noch wesentlich negativere Umschreibungen auf einzelne Personen bezogen. Vielleicht sollte man auch einfach mal berücksichtigen, dass es durchaus wirtschaftliche Kräfte im Hintergrund gibt, die eine solche Entscheidung vorangetrieben haben? Ggf. kommen jetzt die richtigen Käufer nach Frankfurt und machen „Fashion made in Germany“ wieder größer? Ich möchte an dieser Stelle gerne zum Nachdenken anregen, Gespräche anschieben und kein „So ist es richtig, so ist es falsch oder FFM vs. BER“-Bashing provozieren. Zudem möchte ich auf diesen FAZ-Artikel von Alfons Kaiser verweisen, den ich in dem ganzen Wirr an Informationen und Entrüstung als sehr sortiert und informativ empfunden habe.

Jetzt aber zu euch: Was geht euch zum gestern aufgeploppten Stichwort „Frankfurt Fashion Week“ durch den Kopf?