Foto: Courtesy of Gucci
Es gibt Momente in Mailand, in denen man sich unweigerlich an die Ära von Tom Ford bei Gucci erinnert fühlt: jene kalkulierte Sinnlichkeit, das selbstbewusste Spiel mit Körper, Oberfläche und Pose. „Gucci Primavera“ knüpft atmosphärisch an dieses Kapitel an – ohne es zu kopieren.
Inszeniert in einem monumentalen, museumshaften Raum zwischen Marmorstatuen, formuliert die Kollektion (die übrigens Damen- und Herrenkollektion beinhaltet) den Anspruch, Gucci als kulturellen Bezugspunkt zu begreifen. Unterschiedliche Archetypen, Identitäten und Dresscodes werden nicht nivelliert, sondern bewusst nebeneinandergestellt. Der Soundtrack – fünf Genres, kuratiert von loki – verdichtet sich zu einer einheitlichen Klangästhetik. Vielfalt als kontrollierte Komposition.
Formal etabliert Primavera ein neues Vokabular aus Silhouetten, Texturen und Materialien. Der Fokus liegt auf Leichtigkeit und körpernaher Konstruktion: nahtlose Stücke, hitzeversiegelte Kanten, präzise geschwungene Säume. Das eröffnende, makellos weiße Minikleid aus Hosiery-Stoff wirkt wie ein Reset – reduziert und doch aufgeladen mit Femme-fatale-Attitüde.
Mehrere Looks variieren dieselben Jacken mit Rock, Legging-Hose oder klassischer Trouser – vom Büro bis zur Bar. Fließende Tailoring-Stoffe treffen auf tief sitzende Jacken und Hosen mit horizontalen Taschen, die die Körperhaltung verändern. Neue Hybridformen – Tracksuits, die zu Trackdresses mutieren, Leggings, die mit Hosen verschmelzen, ultrafitte Oberteile-Jacken-Fusionen – unterstreichen den produktzentrierten Ansatz.
Federn säumen Bubble-Blousons, weiche Leder verleihen Bikern und schmalen Hosen Beweglichkeit. Renaissance-Anspielungen – Adonis-Silhouetten, ein an Botticellis Venus erinnerndes weißes Kleid – treffen auf Partyboy-Zweiteiler, hochgeschlitzte Roben und ein rückenfreies Abendkleid (von Kate Moss getragen), das einen mit Diamanten besetzten White-Gold-GG-Tanga freilegt.
Auch Accessoires folgen dem Prinzip der Aktualisierung: Die Bamboo 1947 erscheint mit schlankerem Volumen und flexiblem Ledergriff; archivalische Minaudières werden funktional erweitert. Der neue Sneaker „Manhattan“ kombiniert Basketball-Minimalismus mit Mocassin-Leichtigkeit, während Giovanni- und Cupertino-Loafer die Strenge klassischer Lederschuhe auflösen.
Primavera formuliert damit weniger ein theoretisches Manifest als eine pragmatische Vision. Produkte, die eigenständig funktionieren und unterschiedliche Trägerinnen und Träger adressieren – ohne intellektuelle Überhöhung und dabei sexy as Hell. Vielleicht liegt genau darin die leise Parallele zur Tom-Ford-Zeit … Sinnlichkeit nicht als Zitat, sondern als Haltung.











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