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Zwischen Halstuch und Haltung: Die Rückkehr der Seide

Foto: Courtesy of Gucci

Seidentücher sind wieder im Trend. Das verrät kein Report, sondern schon der kürzeste Berlin-Aufenthalt: In Mitte wird der Knoten zur Pose, in Charlottenburg zur diskreten Reminiszenz, und selbst dort, wo sonst Kapuzen dominieren, blitzt plötzlich ein Hauch Riviera auf. Es ist die Rückkehr des angenehm Überflüssigen – und damit des eigentlich Interessanten.

Unter dem Titel „The Art of Silk“ werden Archivmotive neu aufgelegt, ausgewählt von Demna aus einem florentinischen Fundus, der noch aus einer Zeit stammt, in der Muster keine ironischen Zitate waren. Namen wie „Your Majesty“ oder „Il Gattino“ wirken heute fast anrührend in ihrer Ernsthaftigkeit. Ein Projekt aus dem Haus Gucci, das sich seiner eigenen Bildsprache wieder annähert.

Die Motive: Flora, Tiere, ein wenig Meer. Besonders die Blumen, 1966 von Vittorio Accornero entworfen, tragen jene altmodische Opulenz, die man inzwischen fast vermisst. Dass zwei Varianten für die neuen Galerien des Los Angeles County Museum of Art entstanden sind, überrascht kaum – Mode sucht die Nähe zur Kunst, wenn sie sich selbst erklären will.

Interessanter ist der Blick nach Süden: Kalabrien statt Catwalk. Dort wird versucht, eine verlorene Seidenproduktion wiederzubeleben – mit Maulbeerbäumen, kleinen Betrieben und viel gutem Willen. Es ist die leise Gegenbewegung zur globalen Glätte, die hier mitschwingt.

Foto: Courtesy of Gucci

Auch die Einbindung der Accademia delle Belle Arti di Firenze, deren Studierende die Motive malerisch übersetzen, wirkt weniger wie PR als wie ein vorsichtiger Brückenschlag. Ein zweites Mal zeigt sich Guccis hier als Mittler – zwischen Archiv und Gegenwart, Handwerk und Erzählung.

Am Ende bleibt das Seidentuch, was es immer war: ein Stück Stoff ohne Notwendigkeit, fast schon verschwenderisch in seiner Existenz. Und genau darin liegt sein Reiz – wie ein Magnolienbaum, der nur wenige Tage blüht und dennoch jedes Jahr aufs Neue verehrt wird. Man braucht ihn nicht. Aber man will ihn. Lieben wir.

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