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Sprunghaft bei Sander

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Bild: © Jil Sander

Mein ewiges „ich finde kaum Zeit, die Modenschauen zu sichten“-Gequake kennt ihr bereits und ja, auch diese Saison hat sich daran nichts geändert (Abgaben, Präsentationen und Klausuren in der Universität sei Dank). In meinen freien fünf Minuten klicke ich mich bevorzugt durch die umfangreiche Kollektionsbesprechung von Peter, manchmal schaffe ich es auch zu Style.com. London und Mailand habe ich dabei fast komplett verpasst, wobei: Jil Sander hat mich wieder einmal in den Bann gezogen.
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Bilder: © Jil Sander

Weder Begeisterungsstürme, Euphorie oder Schnappatmung sind diesmal der Auslöser dafür gewesen, vielmehr die untypische Verspieltheit der Entwürfe. Der Stil von Rodolfo Paglialunga (seinen Amtsantritt bei Jil Sander haben wir hier besprochen, seine erste Schau anschließend hier analysiert) hat sich seit der letzten Saison rasend schnell weiterentwickelt: Aktuell heißt es fließende Fallschirmseide statt voluminöser Oberbekleidung. Ich wage eine Annäherung…
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Bilder: © Jil Sander

Erstaunlich anders – Anorak, Parka und selbst der Anzug werden mithilfe des beliebten Materials reininterpretiert und sorgten für fragende Gesichter: Details und zahlreiche Taschen ergänzen den Aha-Effekt, was will Paglialunga mit seiner Kollektion aussagen? Meine Sander-Kunden sind jung, trauen sich auch so auf die Straße? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht! Die Silhouette der Models bleibt gewohnt schlank und die Oberbekleidung bildet auch im Sommer den Rahmen der Kollektion.
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Bilder: © Jil Sander

Neben der Fallschirmseide, besticht vor allem der Einsatz von Canvas und Denim mein Auge. Gerade die All-Over-Jeans-Looks sagen mir mehr als zu und trösten mich über den Schwung an aufgenähten Taschen hinweg (absolut nicht mein Ding). Die schmalen Ledergürtel als Ergänzung? Absolut gelungen! Bei der Farbauswahl hält sich der Designer bedeckt, Blau-, Braun- und Grautöne dominieren die einzelnen Outfits. Ganz selten kommen auch Printfreunde auf ihre Kosten: Die Kombination mit dem Algenmuster? Superb, nicht nur für heiße Sommertage auf Capri!
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Bilder: © Jil Sander

Apropos heiß, beim weiteren Sichten der Kollektion muss ich unweigerlich an Fetischkeller denken: Die Hochglanz- und Lackausführungen? Bestimmt nicht jedermanns Sache und doch finde ich sie selber ansprechend. Warum sollte man(n) nicht solche Hosen im Alltag kombinieren? In Zeiten, in denen Saint Laurent sämtliche Highstreet-Discounter und somit die breite Masse für enge Lederhosen neu sensibilisieren konnte, kann man beruhigt mit steifen Hochglanzdetails auftrumpfen.
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Bilder: © Jil Sander

Beim Schuhwerk bin ich zu 100% begeistert, markante Lederschnürer gehen immer! Zuletzt fallen mir die Accessoires ins Auge: Die Taschenentwürfe reichen vom Beutel bis zum schmalen Aktenkoffer, wobei mir hierbei eine einheitliche Stringenz fehlt. Das gelbe Modell? Weckt unweigerlich Freitag-Taschen-Assoziationen in mir, was absolut kein schlechtes Zeichen sein muss! Der ein oder andere unter uns wird bei diesem Vergleich stöhnen, mir soll es recht sein! Apropos, einen Gedanken muss ich noch loswerden:
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Bild: © Jil Sander

Beschleicht euch auch das Gefühl, dass Paglialunga seine Entwürfe beinahe krampfhaft auf jung trimmt? Ich würde zwar durchaus von diesem Impuls profitieren und doch bin ich unentschlossen, ob mir diese Entwicklung zusagt: Beutel am Handgelenk? Wie damals beim Sportunterricht! Locker sitzende Krawatte über dem Pullover? Wie damals beim Klassenausflug englischer Internate! Bunte Schnüre unter der Oberbekleidung? Wie damals mit dem ersten eigenen Haustürschlüssel!

Irgendjemand unter uns, der ähnliche Assoziationen verspürt hat? Was sagen die Profis (es gibt ja durchaus Branchenkenner unter uns, die seit 1997 die Männermode von Jil verfolgen und zu der Zeit nicht im Kindergarten verweilten) zu Paglialungas Entwicklung bei Jil Sander?

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  • Siegmar
    3. Juli 2015 at 14:36

    Schuhe super, ebenso die Taschen beim Rest bin ich, alter Jil Sander Fan,überhaupt nicht überzeugt!

  • Max
    3. Juli 2015 at 15:20

    Als alter Sander- Fan bin ich – im Vergleich zur Winterkollektion – recht angetan. Sie erscheint mir als ein kleines Best- of der vergangenen Jil- Kollektionen. Die langen Jacken/ Mäntel hat sie in der Comeback Kollektion gemacht. Zum Schluss wagte sie sich ebenfalls an Prints, die hier recht gelungen daher kamen. Ferner gab es in der letzten Kollektion für den Sommer von Frau Sander auch diese Plastik- Materialien, die Herr P. nun zeigte.
    Neu sind für meinen Begriff hingegen die seidigen Jacken und Überzieher, die ich aber sehr gelungen finde – Man will ja ein paar interessante Showteile haben und neue Kunden anziehen, was auch mit den tollen Jeans-Looks gelingt.
    Wenn es so weitergeht, freue ich mich auf mehr und werde für einige Stücke auch in Zukunft dem Haus treu bleiben.

  • Andrea
    3. Juli 2015 at 19:58

    Wie geht es der Marke eigentlich finanziell? Die Läden sind ständig leer, zumindest dort, wo ich wohne – wie hält sich Jil Sander also? Nur durch die Parfüms? Oder retten Sale und Yoox immer wieder?

    Die Kollektion an sich bietet soliden Durchschnitt. Alles schon bei Dior Homme und anderen gesehen, teilweise ganz OK, teilweise zu gewollt, mehr würde gibt es dazu nicht zu sagen. Das Besondere, das Jil Sander ausgemacht hat, sehe ich hier aber leider nicht mehr.

    Was ich aber viel spannender finde, ist die altbekannte Frage der Qualität. Schon zu Rafs Zeiten war die Qualität teilweise sehr mangelhaft; da sind Stücke gerissen oder geklebte Schuhe haben sich komplett aufgelöst. Als Jil dann zurück war, habe ich einen deutlichen Unterschied gemerkt; die Preise sind zwar stark gestiegen, doch dafür hat man wirklich gut gefertigte Stücke bekommen, an denen ich bis heute Freude habe. Dann kam der x-te Abschied von Jil und, wie ich meine, eine Rückkehr zum, Verzeihung, Billig-Prinzip. Ich hatte einige Stücke am Körper und fand, dass sie wieder sehr günstig produziert wirkten – dünnes und knittriges Leder, geklebte Schuhe und empfindlichste Materialien, die mich doch arg an COS erinnert haben…seit Jils Abgang habe ich nichts mehr gekauft und auch die aktuellen Stücke, die man in den Läden sieht, wirken alles andere als hochwertig. Wieso wird von Seiten des Managements so wenig Wert auf Qualität gelegt, die doch immer so wichtig für Jil Sander war? Und, eingangs schon gefragt, wie kann sich die Marke halten, wenn die Läden immer leer sind?

  • Siegmar
    6. Juli 2015 at 11:27

    @ Andrea
    gute Frage, oft wenn ich hier in Berlin über den Ku-Damm gehe und in die Geschäfte der High-End-Labels schau, frage ich mich. wie die existieren? Ich habe hier bei Bottega Veneta zum Beispiel noch einen Kunden gesehen. Wie mir aber von einem Verkäufer versichert wurden, machen alle sehr guten Umsatz. Viel wird direkt zu den Kunden, zur Auswahl, geliefert und man darf auch nicht vergessen, das die Läden ein Prestigeobjekt der Firmen sind.