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Peter’s Cutting – Lapo’s Wardrobe by Gucci

Gucci Lapo Elkann
Bild: Gucci

Ein Geniestreich des Hauses Gucci war im letzten Jahr die Eröffnung des Stores in der Via Brera in Mailand, der sich speziell an eine männliche Kundschaft richtet. Brera ist ein Viertel, das Abseits vom Touristenstrom der Innenstadt liegt und nicht von den hektischen Kunden der neuen Märkte, wie Russland und China auf der Durchreise frequentiert wird. Der Laden gleicht von außen eher der Verwaltung eines mittelständischen Konzerns der Fünfziger Jahre, als einem Modegeschäft …
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Bilder: Gucci

Was veranlasst einen internationalen Luxuskonzern dazu, jenseits der Innenstadt und strategisch nur für Eingeweihte und Einheimische ein Geschäft aufzumachen, in dem es weiterhin noch spezielle Abwandlungen, Exklusiv-Modelle oder -Farben der Kollektion gibt und zudem eine ganze Etage der Maßkonfektion und Anfertigung gewidmet ist?
Vergeblich sucht man im Erdgeschoss die Batterien von Taschen und Accessoires, die mittlerweile normalerweise die Kunden in die Monostores locken sollen. Lediglich ein paar ausgewählte Modelle oder kostbare Einzelstücke wurden in die Auslagen integriert …
Die Antwort ist ganz einfach: Gucci hat früh erkannt, dass eine Luxusmarke für neuen Konsumentenkreise nur interessant bleibt, solange Europäer das Label begehrenswert und attraktiv finden, denn es geht im Endeffekt immer darum, ein Stück europäische Kultur und Lifestyle einer Marke zu erwerben.
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Bild: Gucci

Dass sich Gucci als Ledermanufaktur und der sartorialen Tradition berühmter italienischer Maßschneider verbunden fühlt und das herausstellen möchte, wird wenige Sekunden nach Betreten des Ladens klar. Das lässige Personal ist nicht nur blendend geschult, sondern gibt einem auch das Gefühl, der eigene Gucci Designer zu sein. Neben einer raffinierten Auswahl der aktuellen Kollektion – mit europäischen Augen kuratiert – fehlen komplett die Artikel, die eindeutig verkünden: Ich bin das teuerste Teil von Gucci!, wie Jacken aus Krokodilsleder und die meist auf oligarchische Käufer lauern.
Für den Store in Brera lohnt sich eh schon eine Mailand-Reise, da der Stadtteil und die Umgebung zu den schönsten von Milano gehören und wer es noch nicht ist, wird spätestens hier zum Anhänger der Marke.
Jetzt gibt es allerdings noch einen Grund mehr, gestärkt von der guten Pasta, die es nebenan gibt, den Laden aufzusuchen, denn Gucci hat sich praktisch mit zwei Stilikonen verbündet um eine Capsule- und Masskollektion zu lancieren.
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Bilder: Gucci

Der italienische Style-Setter und Fiat-Nachkomme Lapo Elkann ist bekannt für seine extravagante Garderobe und gilt als stilvolles Enfant terrible. Das allein wäre schon ein Grund für eine Kooperation, aber glücklicherweise war auch Elkanns Großvater die Stilikone Italiens: Giovanni Agnelli, dessen Garderobe und Accessoires Elkann geerbt hat.
Agnelli ließ seine Anzüge bei Caraceni, dem italienischen Synonym für Anzug, Mantel und Hemden Couture, in Mailand nach Maß schneidern. Salopp gesagt, trägt Elkann jetzt Opas Garderobe auf – kombiniert mit Nike Sneakern, Escarpins, Shirts von Juventus Turin oder aufgepeppt mit Accessoires von Italia Independent – seiner eigenen Linie.
Caracenis Schere ist auf jedem Etikett von Agnellis Anzügen abgebildet und gab Gucci die Inspiration, eine spezielle Serie mit Elkann zu designen. Es sollte eine Serie werden, die für jeden Kunden individualisiert und abgewandelt wird, sodass sie den exzentrischen Style von Agnelli mit Elementen von Gucci verbindet. Zwölf Outfits für Männer, vier Damen Anzüge, Schuhe, Hemden, Gürtel, zwei Taschen-Modelle und ein großer Schuhputz-Koffer entstanden so in den Ateliers von Gucci.
Einstecktücher und Futterstoffe suchte Lapo Elkann aus den Gucci Archiven und wurden exklusiv für die Kollektion, die schließlich und endlich einer Garderobe eines modernen Dandys entspricht, neu aufgelegt.
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Bilder: Gucci

„Lapo’s Wardrobe“ ist, nachdem sie im Store in Brera eingeführt wurde, nun auch in London und New York erhältlich. Jedes Teil ist so bestellbar, wie es vorgestellt wird und nichts kann man sofort mitnehmen, sondern wird speziell in Italien für den Kunden gefertigt. Kleidung wird nach den Modellen auf den Körper gefitted und selbst die Taschen haben viele Variationen von Schnallen, Verschlüssen, Lederarten, Futter-Variationen und Initialen.
Die Preise sind der Qualität und dem Aufwand angemessen, aber im Gegensatz zu mancher Designerkollektion von schlechter Qualität eher erstaunlich. So kostet eine Tasche, die speziell für einen gemacht und individualisiert wurde, beispielsweise um die 2400 Euro.
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Bild: Gucci

Das eine Luxusmarke so eine Kollektion eher als Marketingtool nutzt, würde natürlich naheliegen, aber bei „Lapo’s Wardrobe“ und dem Gucci Store in Brera kommt dieser Verdacht nicht auf und so ließ sich der Verkäufer anderthalb Stunden Zeit, mir die Range und Möglichkeiten zu erklären, als ich den Store vor kurzer Zeit besuchte.
Dieser Laden und diese Kollektion sind keine Masche, sondern eher der Weg der Zukunft, um für seine Marke dauerhaft zu halten. Es wirkt wie das Experiment eines Neuanfanges, den man so manchem Luxuskonzern wünschen würde …

Gucci macht den ersten Schritt und man hat die Hoffnung, dass es ihnen viele Marken nachtun mögen. Das ist echter Luxus, wenn sich Zeit für einen genommen wird und sich die Liebe zum Handwerk im Produkt niederschlägt – „Lapo’s Wardrobe“ ist genau so entstanden.
Großartiger Stil und perfektes Handwerk, Geduld und Aufmerksamkeit machen Markenwerte über Jahrzehnte aus und gehen in die nächste Generation – und nicht nur an die Börse bis zum Crash …

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  • Manfred
    15. September 2014 at 09:48

    Guter Start in die Woche

  • Siegmar
    15. September 2014 at 12:44

    wunderbarer Artikel und ich denke auch ein neuer Ansatz um auch zukünftig zu überleben. Den Teil von Mailand kenne ich ebenfalls nicht und steht jetzt auf meiner Liste.

  • Monsieur_Didier
    15. September 2014 at 14:56

    …ich mag die Schuhe…
    …was mir besonders gefällt ist, dass man nichts sofort mitnehmen kann und es speziell angefertigt wird…
    das steigert ja auch den „Haben_wollen_Faktor“ und die Wertschätzung…

  • peter
    15. September 2014 at 15:38

    @ Monsieur-Didier
    Wertschätzung wird das Zauberwort der Zukunft sein auf das die Marken alle zurückkommen müssen – spätestens wenn es in den neuen Märkten knallt …

  • Monsieur_Didier
    15. September 2014 at 21:04

    …ja Peter, absolut…
    ich schätze von mir selber genähte Hemden und Jacken/Mäntel auch ausserordentlich und trage die und trage die und trage die…
    …Material, Schnitt, Verarbeitung, Individualität…
    all das macht für mich ein wertvolles Kleidungsstück aus…

  • thomash
    15. September 2014 at 22:59

    ab nach mailand! brillant und brillant beschrieben!