Allgemein

Peter’s Cutting – Die Hoffnung des Robert Merloz

Dieses Jahr haben wir uns die Hintergrundgeschichten der Mode auf die Fahne geschrieben. Manche Geschichten sind so spannend wie Krimis, viele sind bekannt und einige fast spurlos verschwunden, obwohl sie einmal im Fokus der Modewelt standen und die Branche in Atem hielten. Von so einer Geschichte wollen wir euch heute erzählen, denn kaum einer kann sich an sie erinnern, obwohl sie fast die Modegeschichte verändert hätte …
Durch den neuen Saint Laurent Film und das Nachdenken über die Beziehung zwischen Pierre Bergé und Yves Saint Laurent, fiel sie mir wieder ein und ich begann zu recherchieren, doch es schienen alle Quellen versiegt zu sein, was sicherlich auch daran liegt, dass die Geschichte dem Haus Saint Laurent etwas peinlich war …

Im Sommer 1991 hatte das Pariser Modehaus von Yves Saint Laurent mit einem großen Problem zu kämpfen und Pierre Bergé trug sich schon länger mit der Überlegung, langsam aber sicher einen Nachfolger für das Jahrhundert-Talent Yves Saint Laurent aufzubauen. Yves hatte eine tiefe Gesundheitskrise und verbrachte den Großteil seiner Zeit in Marrakesch. Das Team um ihn, vor allem Anne-Marie Muñoz und Loulou de la Falaise, waren fast auf sich allein gestellt und mussten neben der Haute Couture auch noch die Rive Gauche Kollektion entwerfen. Saint Laurent machte zwar einige Entwürfe, war aber mit dem Pensum völlig überfordert. In den 80er Jahren hatte er eine ähnliche Krise gehabt, aber für Bergé hatte sich die finanzielle Lage verändert und ihm wurde bewusst, dass es vielleicht immer häufiger zu so gefährlichen Situationen kommen konnte.
Eines konnte sich aber das Haus nicht leisten – die Katastrophe, ohne Erfolgskollektionen vor allem im Prêt-à-porter Bereich, dazustehen, denn es gab Aktionäre, wie der Charles of the Ritz Konzern, die schon sehr unruhig wurden. Die Depressionen saßen tief und es sollte eine Lösung geschaffen werden.

Um aber keine Dispute im eigenen Haus zu erzeugen, wollte er ganz nach dem Vorbild der frühen Jahre, wie bei Yves, ein Talent mit eigenem Haus aufbauen und er sollte dann später die Nachfolge antreten. Ungewöhnlich zu einer Zeit, in der Designer in der Regel für ihr eigenes Haus tätig waren und, außer Marc Bohan bei Dior und Karl Lagerfeld bei Chanel, in der Regel Marke und Designer übereinstimmten. Ein Jahrhunderttalent sollte gefunden werden und das möglichst schnell.

Saint Laurent und Bergé, die nicht nur kongeniale Partner waren und sicherlich einer der eigenwilligsten Beziehung führten, die aber in ihrer Gesetzmäßigkeit genial war, auch wenn sie nicht immer unproblematisch für beide ablief – Pierre Bergé dachte, dass er eins zu eins diesen Coup wiederholen könnte.
Nur wachsen Yves Saint Laurents nicht auf Bäumen und können auch nicht durch die rosa Brille geschaut gefunden werden. Von Anfang an steckte der Wurm in dem Plan. Aber die Geschichte nahm ihren Lauf und endete, wie es nicht anders sein konnte – im Desaster.

Robert Merloz, von dem weit und breit nur das Foto vom Ende eines Defilees existiert, erinnert schon beim ersten Blick genau an den jungen Yves, nur eben in einer Version von Anfang der 90er Jahre. Groß gewachsen, schlank und mit intellektueller, sensibler Ausstrahlung. Man munkelte, er sei ein Protegé Pierres, der ihm sehr nahe stand. Als er auftauchte, begann sofort die große Unruhe in den Salons in der Avenue Marceau, doch vor allem hatte Pierre nicht mit Lucienne-Andrée Saint Laurent, Yves‘ Mutter, gerechnet, die sofort mit Argusaugen die Situation erfasste. Pierre Bergé wollte zwei Kollektionen von Robert Merloz finanzieren und der Erfolg sollte mit allen Mitteln erreicht werden.

Als die Einladungen für die Prêt-à-porter 1992 verschickt wurden, flatterten überall Saint Laurent ebenbürtige Büttenkartons in die Redaktionen und Pierre lud die Crème de la Crème ein. Bei kaum einem Jungdesigner wäre je die gesamte Garde von Vogue, Harper’s oder Elle aufmarschiert, geschweige denn die ganze Saint Laurent Clique und die Hälfte der Pariser Gesellschaft um Marie-Hélène de Rothschild. Parallel dazu wurde eine der ältesten Rive Gauche Boutiquen in der Rue de Grenelle in einen Robert Merloz Store verwandelt, über dem der Name des Jungen in schweren Kupfer-Lettern prangte.

Die amerikanischen Einkäufer wurden geschickt platziert und im Zweifelsfalle durch persönliche Telefonate von Bergé, der durch seinen Ruf eine Art Bürgschaft bildete, nachgeholfen.
Alles stand auf Spannung, vor allem bei Bergé, der um jeden Preis den Erfolg wollte. Großartiges, wie wenige Jahre zuvor bei der Lacroix Premiere, bekam man nicht zu sehen, sondern nur nettes Mittelmaß. In einem Fernsehinterview nach der Schau konnte man Madame Saint Laurent nur zu gut ansehen, wie sie ihren Zorn versuchte zu unterdrücken. Suzy Menkes Urteil fiel vernichtend aus.
Daraufhin drohte Pierre Bergé der Journalistin mit dem zukünftigen Ausschluss von allen Saint Laurent Schauen. Es kam zum Krieg. Dabei setzte Bergé in einem anderen Bereich das Haus Saint Laurent als Druckmittel ein, wo es noch gefährlicher wurde – der Wirtschaft. Alle Department Stores, die erfolgreiche Rive Gauche Abteilungen hatten, sollten ordern. Die Department Stores, die kein Rive Gauche führten, sollten, wenn sie Merloz kauften, dafür auch das Recht bekommen, endlich die YSL Kollektionen verkaufen zu dürfen.
Das brachte das Fass zum Überlaufen, denn Saks Fifth Avenue in New York hatte seit Jahren die Exklusivität und Bergé köderte nun Barney’s mit der Zusage für Saint Laurent.
Es wurde geordert und geschrieben, aber natürlich wollte keiner das Zeug haben. Die zweite Kollektion wurde zwar noch gezeigt, aber die Geschäfte schickten fast alles zurück. Es kam zur finanziellen Katastrophe und Merloz verschwand so schnell aus der Modewelt, als wenn er nie da gewesen wäre. Bergé war auf allen Ebenen gescheitert und verlor dadurch sogar Rive Gauche Verkaufspunkte.

Erst 1998 hatte er einen guten Riecher und stellte den jungen Alber Elbaz ein, der ein wirkliches Talent war und von dem wir ja wissen, dass er nicht wie Merloz nur einen Sommer tanzte. Elbaz hatte es sogar geschafft, Lanvin bis heute mit sicherer Hand wieder zu Weltgeltung bringen.

Auch Genies können sich irren und Erfolge sind halt nicht zu erzwingen – das musste auch Pierre Bergé begreifen. Heute ist das vergessen und Bergé und Saint Laurent mittlerweile Legenden und Mythen. Robert Merloz war nur ein kleines Intermezzo – ein Schwelbrand in ihrem gemeinsamen Camelot.

You Might Also Like

  • Kat
    13. Januar 2014 at 14:01

    Dafür liebe ich euch! 🙂

  • Siegmar
    13. Januar 2014 at 14:41

    absolut interessant und informativ, danke toller Artikel!

  • Markus Brunner
    13. Januar 2014 at 14:58

    ich kannte die story, aber nicht diese extremen auswirkungen, peter, du bist mein modelexikon!!!

  • Horst
    13. Januar 2014 at 20:41

    Tolle Geschichte!! Ich habe noch nie nie nie von Robert Merloz gehört, um so mehr freue ich mich, heute von ihm hier zu lesen! 🙂 Merci!

  • monsieur_didier
    14. Januar 2014 at 00:10

    …die Geschichte war mir bekannt und ich habe vor einiger Zeit selber mal recherchiert, aber irgendwie gab es nach dem kurzen Einstand von Herrn Merloz keinerlei weitere Infos mehr…
    ich hatte etwas in einer alten Elle gefunden, aber wie gesagt, Detail fand ich keine weiteren…
    vielen Dank dafür, lieber Peter…
    liest sich wie ein Krimi… 😉

  • Daisydora
    14. Januar 2014 at 08:50

    Wunderbar informativ und großartig erzählt, super, Peter (wie immer!) … ich hatte den Name auf meiner „Festplatte“, aber das nützt ja nur dann, wenn man es auch passend abrufen kann 🙂