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Peter’s Cutting – Der Weg von Nicolas Ghesquière für Vuitton

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Bilder: Louis Vuitton

Während der Pariser Fashion Week zeigte Louis Vuitton seine Prêt-à-porter Kollektion für das Spring-Summer 2015 in der Fondation Louis Vuitton. Die Fondation Louis Vuitton ist ein spektakuläreres Bauwerk des Stararchitekten Frank O. Gehry, das am 27. Oktober eröffnet und sicherlich zu einem neuen Wahrzeichen von Paris und dem endgültigen Vermächtnis der Marke Louis Vuitton werden wird. Bernard Arnault hat damit eine grandiose Hülle für Ausstellungen und Kunstsammlungen geschaffen. Darüber berichten wir aber noch einmal gesondert, denn die Fondation ist von ihrer Konzeption her äußerst spannend …
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Bilder: Louis Vuitton

Heute soll nicht nur von der Spring-Summer Kollektion 2015 von Nicolas Ghesquière die Rede sein, der mit dieser nicht nur einen weiteren Schritt seines Weges für Vuittons Vorstellung der Frau wiedergibt, sondern auch davon, wer eigentlich dieser Mann ist, der seit Ende 2013 für eine der stärksten Marken der Erde die gesamte Damenmode verantwortet. Im Gegensatz zu seinem eher auf äußere Wirkung und mit viel mehr Selbstdarstellung arbeitenden Vorgänger Marc Jacobs scheint der Arnault Clan nämlich jetzt genau das Gegenteil engagiert zu haben.
Von Marc Jacobs wusste man alles: dass er Contemporary Art sammelt, mit seinem Freund am Strand mit einer großen Birkin Bag lag, Homestories sämtlicher Wohnsitze wurden produziert und der Amerikaner ließ sich auch leidenschaftlich gerne ohne Hemd fotografieren. Showbusiness allover – von Ghesquière weiß man so etwas alles nicht. Und man weiß es nicht nur nicht, sondern so etwas gibt’s bei ihm auch nicht.
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Bilder: Louis Vuitton

Nicolas Ghesquière, 43 Jahre alt, geboren in Nordfrankreich in Comines, ist ein Perfektionist und arbeitet viel und am Ende werden wir feststellen, dass er vermeintlich jünger und auch leiser so eine Art Karl Lagerfeld der nachfolgenden Generation ist, denn auch er hat keine professionelle Modeausbildung. Nach Praktika bei Agnès B. und Corinne Cobson arbeitete er ab 1990 als Assistent bei Jean Paul Gaultier. Nach zwei Jahren machte er sich als Freelancer selbstständig und kreierte Strickteile für Pôles und Thierry Mugler und Stephane Kélian, einem der damals renommiertesten Schuhlabels.

Die Eigentümer des seit 1972 geschlossenen Couture Hauses von Cristobal Balenciaga, die Jacques Bogart S.A., hatten von dem großen Spanier fast nichts mehr, aus dem sie Kapital schlagen konnten. Sie vertrieben zwar immer noch Balenciagas extravaganten Düfte wie „Le Dix“ ,“Ho Hang“ oder „Quadrille“, aber die Zugquelle dafür, die Mode des Hauses, war einfach schon zu lange versiegt, als dass neue Düfte funktionierten. Die Boutique in der Avenue Georges V. zeigte madamiges Prêt-à-porter des Designers Josephus Thimister. Es gab aber noch eine Textillizenz in Japan und für die stellte man den jungen Nicolas als Designer an.
1997 beschloss man, eigentlich nur um die Düfte wieder in den Vordergrund zu bringen, das Label Balenciaga zu reaktivieren – Lagerfelds Beispiel für Chanel und das gerade stattfindende Revival des Amerikaners Tom Ford für Gucci galten als Vorbilder und man wollte mit einem avantgardistischen, modernen Designer modernisieren. Der eigenwilligste und Balenciaga in seiner Zeit am ähnlichsten wäre Helmut Lang gewesen, der das Angebot allerdings absagte.
Ghesquière begann still und leise mit der Kollektion „Balenciaga Le Dix“ seine eigenen Teile zu kreieren. Er arbeitete mit einer ungeheuren Akribie, schuf wenige Stücke, die aber durch ihre Andersartigkeit und Schlichtheit sofort beeindruckten.
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Bilder: Louis Vuitton

Wie der Namensgeber legte auch Nicolas Ghesquière das Augenmerk auf den Schnitt und eine fast architektonische Linienführung. Es gab keine große Einführung oder Werbekampagne und auch nicht, wie eigentlich von Ghesquière erwartet wurde, die Kreationen des Balenciaga Archives in dramatischer Neuauflage. Balenciaga war zu sehr an seine Zeit gebunden und Ghesquière wollte etwas Modernes für junge Frauen, die ihren eigenen intellektuellen Stil haben, kreieren.
Als ich ihn 1998 kennenlernte, gab es noch wenige internationale Kunden, die an das Label glaubten und es kauften. Im Showroom in der Avenue François 1er (dort ist heute der Saint Laurent Showroom) „merchandiste“ er selbst immer wieder die Teile auf den einfachen Rollständern und kam jeden Tag in dunkler Jeans, dunkelblauem Pulli und einfachen weißen Sneakern daher – ein Look, der sich nicht wirklich grundlegend geändert hat. Nicolas ist eben kein Fashion Victim und kein Selbstdarsteller …
Bei Balenciaga setze er von Anfang an auf Freunde und Mitarbeiter, alles ein Alter, die ihn meist, wie seine Grafiker oder engen Vertrauten, bis heute begleiten. Balenciaga hätte auch bis auf wenige Hommagen oder Reminiszenzen an den Gründer Balenciaga, ‚Ghesquière‘ heißen können. Seine Hosen kann man noch heute anziehen – er war der erste Designer, der Materialien entwickelte und verarbeitete, die heute Gang und Gäbe sind. Seine lässigen Taschen, die wie Seventies Taschen vom Flohmarkt wirkten, wurden die Wurzeln der aufkommenden It-Bags der Anfang 2000er Jahre. Nichts überließ er anderen – von der Location-Suche für Boutiquen, wie die Einladungen gestaltet werden sollten oder auch wer eingeladen wurde: Nicolas schaut überall drüber oder macht sich selbst an die Arbeit.
Innerhalb weniger Jahre wurde Balenciaga zu einem der angesagtesten Labels – allerdings nicht im Massenmarkt, sondern blieb, auch von ihm so gewollt, immer in seiner Nische: eigenwillig, verblüffend und mit nichts vergleichbar. 2001 konstatierten ihn Vogue und Harper’s gemeinsam mit Marc Jacobs, Raf Simons und einigen anderen Designern zur nächsten Generation der Pariser Mode.
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Bilder: Louis Vuitton

2004 kaufte Pinault (heute Kering) das Label und der Druck und die Verbreiterung des Labels, mehr Boutiquen, mehr Kollektionen und weniger Einfluss wurden immer mehr spürbar. 2013 verließ Ghesquière Balenciaga und gab in einem Interview mit der New York Times an, dass er sich mehr als ausführendes Organ als als Macher gesehen hat. Wer ihn von Anfang an verfolgt hat, weiß, dass er das nicht kann und nicht will. Er hat seinen eigenen Stil – den einzigartigen Ghesquière-Stil, der Elemente aus der Zeit von Courrèges und dem Beginn der Siebziger Jahre mit Zukünftigkeit vereint.

Dann der Wechsel zu Louis Vuitton, deren Markenkern Taschen, Gepäck und Accessoires und das Reisen sind. Das textile Bild der Vuitton Kundin liegt nicht in den Wurzeln des Hauses und die Icons von Louis Vuitton, die von Marc Jacobs übertragen wurden, führten schließlich und endlich auch zu keinem Bild, aus dem zu schöpfen war. Der Reiz, dass ein Designer, der eher nicht dafür bekannt ist, große Embleme und Markenzeichen auf seine Kleidung zu setzen, ein für sein Monogramm berühmtes Unternehmen in der weiblichen Prêt-à-porter Linie weiter in die Zukunft zu bringen, ist groß.

Wer in der ersten Kollektion und der darauf folgenden Cruise Kollektion einen um dreihundertsechzig Grad gedrehten und mit plakativen Entwürfen drohenden Revolutionsdesigner Ghesquière erwartet hat, wurde enttäuscht bzw., mit Verlaub gesagt, hat sich noch nie mit dem Charakter, der Arbeitsweise und dem Stil Ghesquières beschäftigt. Schon in der ersten Kollektion tauchten seine typischen kleinen Jacken, die an Vinyl-Blousons erinnern, genauso auf wie seine Material Kombinationen, Druckknöpfe und die unnachahmlich gut sitzenden Hosen. Ein bisschen französisierter Stil, der emanzipierten, einen Alltag habenden modernen Frau, die nicht nur Society Leben führt. Seine Vorliebe für Prints und gemusterte Stoffe, die immer in neuen höchst aufwendigsten Techniken ausgeführt sind, führt er weiter. Er ist ein Tüftler und Entwickler. Sein Glamour von Kleidung bringt er auf selbstverständliche, leicht zu tragende Kleidungsstücke, denen er ein eigenes Gesicht durch außergewöhnlichen Schnitt und nur für den Eingeweihten sichtbare komplizierte anspruchsvolle Verarbeitung gibt.
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Bilder: Louis Vuitton

Die Frühjahr-Sommer Kollektion ist genau die Quintessenz aus Ghesquieres langjähriger Erfahrung und gibt der Marke Louis Vuitton ein textiles Gesicht, das zeigt, dass so eine Marke total modern sein kann. Fast ein bisschen Roaring London mit Patent Lederstiefeln, viel Pannesamt, durchbrochenen Crochet Strick Kleidern und Oberteilen. Weite Raw Jeans werden zu knapp sitzenden kleinen Sakkos getragen. Trapezröcke mit Druckknöpfen erinnern an frühes Rive Gauche. „Belle de Jour“ Mäntel, Halbarm-Pullis, Zipperkleider mit aufwendigsten Stickereien – immer die Einfachheit gegen den Aufwand und die Fantasie gesetzt. Applikationen und Materialmix in raffiniertester und für das Auge ungewöhnlicher Verarbeitung. Die Drucke und den Grundlagen der Stickereien sind hingegen grafisch oder flamboyant-modern.
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Bilder: Louis Vuitton

Was kann sich ein Haus mehr wünschen, als ein Designer, der konsequent nicht nur seinen Weg geht, sondern auch so einen eigenen Stil mitbringt. Seine Sachen wirken nie neureich oder so wie man sich vorstellt, wie reiche Menschen gekleidet sein wollen. Es ist die Vision, die Nicolas Ghesquière beflügelt und die Zeitlosigkeit, die seine Sachen erst auf den zweiten Blick haben. Das ist genau die Philosophie, die den Markenkern von Vuitton seit 1854 prägt und das Unternehmen bis heute erfolgreich sein lässt.

Nach der Schau sieht man ihn gar nicht oder nur kurz. Er wohnt jetzt in der Rue du Bac in dem Haus, in dem der Acne Store ist. Er macht dort keine Homestorys. Er ist auch nicht auf jedem Vuitton Event zu sehen und es ist auch nicht bekannt von ihm, dass er teure Hobbys hat.
Wer sich, wie er, selbst nicht verschleißt und konzentriert, gelangt auch selbst zu einer gewissen Zeitlosigkeit und das strahlt die Vuitton Kollektion aus. Ein eigener Stil für eine große Marke, die Frühjahrskollektion von Nicolas Ghesquière für Louis Vuitton 2015 …

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  • Siegmar
    13. Oktober 2014 at 13:23

    höchst interessanter Artikel über diesen fast unbekannten Star-Designer. Deine Sicht und Erklärungen sind wirklich großartig. Danke Peter!

  • Manfred
    13. Oktober 2014 at 16:23

    Montag ist Kempetag. Ich habe mich noch nicht an Ghesquière gewöhnt

  • sibylle Dürkop
    3. Dezember 2014 at 18:49

    Ach Peter, was bist Du doch für ein feiner Beobachter, kenntnisreicher Detailseher und Lebensfreund. Deine Liebe zu den schönen Dingen und der Mode sind immer auch ein Ausdruck Deiner Liebe zum Leben gewesen. Deine Kommentare sind Vergnügen pur.
    Wie schön zu Deinen Freunden zu gehören.Herzlich. Sibylle