Damenmode

Das neue Chanel Universum – 19, Rue Cambon

(CHANEL – 19, rue Cambon by Olivier Saillant)

Fast drei Jahre war es eine der meist fotografierten Attraktionen von Paris, wie zahlreiche Instagram-Posts beweisen – der wunderbar gestaltete weiße Bauzaun an der Ecke Rue Cambon zur Rue du Faubourg Saint Honoré. Karl Lagerfeld hatte ihn mit überdimensionalen Zeichnungen in seinem bekannt schwungvollen Strich mit den Ikonen des Hauses Chanel versehen. Ob Coco Chanel’s flacher Strohhut, den Kamelien, ihren Glücksbringern, dem Kleeblatt oder der berühmten abpaspelierten Jacke, dem fantasievollen Schmuck oder auch dem legendären N°5-Flakon, alles deutete darauf hin, dass sich dahinter Großes tut.

Die Rue Cambon, eigentlich nur eine der Seitenstraßen des ersten Arrondissement, wurde durch Gabrielle Chanel schon früh zu einer der bekanntesten Adressen von Paris, als sie dort in einem Hôtel Particulier ihr Couture Haus und die dazugehörigen Ateliers begründete. Generationen von Chanel-Anhängern pilgerten und pilgern zur Nummer 31, dem Stammhaus von Chanel, das heute mit den unvergleichlichen Kollektionen von Karl Lagerfeld Kunden aus aller Welt anlockt. Ob Marlene Dietrich, Jeanne Moreau, Lady Gaga oder Simone Veil, fast jede Berühmtheit des Zwanzigsten und des beginnenden 21. Jahrhunderts hat schon mit mehr oder weniger Herzklopfen den weichen beigen Teppich auf den Stufen, die zu den Salons der Rue Cambon führen, betreten.
„Chanel ist eine Haltung, keine Mode“ wie Edmonde Charles-Roux es in ihrer Biografie „L’Irrégulière“ ausdrückte.

Courtesy of CHANEL by Olivier Saillant

Chanel war schon immer Avantgardistin und so kaufte sie zwischen 1923 und 1927 die Nummern 23-29 der Straße hinzu, nachdem sie ihr Couture Haus installiert hatte. 1937 hatte sie 3.500 Mitarbeiter und so gar eigene Ferienheime für ihre Angestellten. Mit dem Architekten Louis Faure-Dujarric, der kurz zuvor die futuristische Tennisanlage Roland-Garros geplant hatte, gestaltete sie das Universum der Rue Cambon so, dass es bis heute zum Vorbild der Gestaltung aller Chanel-Boutiquen wurde. Das Epi-Zentrum von Chanel wurde ganz nach dem aufkommenden Trend des Art déco gestaltet: Die Boutique im Erdgeschoss, dazu ihre legendäre Spiegeltreppe, die bis heute in die Haute-Couture-Salons im ersten Stock, das Apartment im zweiten Stock, dann schließlich zum Studio in der dritten Etage und den darüber liegenden Ateliers führt.
Nach dem 1978 dann das Prêt-à-porter eingeführt wurde und 1983 die Kreativdirektion von Karl Lagerfeld übernommen wurde, gab es zwei große Erweiterungen der Boutique, immer mit den Elementen von Mademoiselle spielend. Alle Weiterentwicklungen der Salons erfolgten ganz im Stil von Gabrielle Chanel.
Dass nun mit Nummer 19, Rue Cambon ein völlig eigenständiges, unglaublich beeindruckendes Chanel-Universum hinzukommt, ist der Weiterführung der Tradition der Gründerin zu verdanken mit berühmten Architekten und Künstlern zusammenzuarbeiten.
Was ich als einer der ersten Besucher in der letzten Woche am frühen Morgen vor der Öffnung für das Publikum zu sehen bekomme, lässt die lange Bauzeit sofort vergessen. Denn Peter Marino hat ganz im Geiste von Chanel eine Welt geschaffen, die genau so architektonisch avantgardistisch ist, wie es sein Vorgänger einst gemeinsam mit Mademoiselle ausheckten. Und der Bezug eines jeden Details als Würdigung des Handwerks, wie bei den Paraffections Ateliers, ist grandios. Chanel steht ebenso für perfekte Details und Raffinesse des Handwerks, wie es uns in der Rue Cambon No.19 jetzt begegnet.

Courtesy of CHANEL by Olivier Saillant

Das denkmalgeschützte Gebäude aus dem 18. Jahrhundert in der Rue Saint-Honoré wurde mit einem ehemaligen Kloster aus dem 17. Jahrhundert verbunden. In der Rue Duphot verbindet ein Gebäude aus dem 19. Jahrhundert die denkmalgeschützte Fassade – „Élément pittoresque de la Ville de Paris“ – mit einem kleinen Anbau, der einst einen berühmten Uhrmacher beherbergte. Diese neue Adresse wird durch einen Innenhof ergänzt. Die verschiedensten architektonischen Stile, die zahlreichen Strukturen und Rahmen, die jeweils sehr unterschiedlich sind, sowie die Höhen und Fundamente jedes einzelnen Gebäudes, wurden angepasst, die historischen Holzbalken entfernt und wieder auf die Betonkonstruktion montiert und rekonstruiert, die ursprünglichen Steine integriert – alles, um die historischen Elemente der drei Gebäude zu erhalten.
Die Farben, die Holzarbeiten und die Fassaden wurden in Übereinstimmung mit „L’Architecte des Bâtiments de France“ entworfen, um sicherzustellen, dass die Geschichte dieser Gebäudegruppe so genau wie möglich der Originalzeit entspricht. Für den Architekten Peter Marino war es wichtig, diese typische Pariser Architektur zu erhalten. „Das Gebäude muss in der Lage sein, seine Geschichte und implizit die von Paris und CHANEL zu erzählen“, sagt Marino. Dies war seine Inspiration, das Historische zu bewahren und es trotzdem mit den Anforderungen des 21. Jahrhunderts zu versehen und noch zu veredeln.

Courtesy of CHANEL by Olivier Saillant

Betritt man die Boutique, fällt einem sofort das Parkett à la Versailles aus gekalkter Eiche auf und die schmiedeeisernen handgearbeiteten Geländer der wunderschönen Treppen. Bestickte Vorhänge des Hauses Lesage, sowie von Goossens entworfene Elemente unterstreichen den Pariser und französischen Geist des Raums. Vom Erdgeschoss bis zum vierten Stock wirkt alles hell, von Tageslicht durchflutet, dessen Freundlichkeit durch die Verwendung von Weiß und drei Beigetönen, begleitet von Schwarz-, Gold- und Metallicnuancen, noch verstärkt wird. Kalkstein, Stuck, das helle Parkett, khakifarbene Wandtäfelungen, emaillierte goldstrukturierte Wände und metallische Stoffe, in Kombinationen mit Teppichen, die wiederum die Strukturen widerspiegeln.
Die große Spezialität von Marino, meisterhaft umgesetzt.
Der Gesamteffekt ist sowohl grafisch und klar, aber wirkt durch die luxuriösen Materialien und die Details der Möbel und Kunstwerke trotzdem warm und verspielt.
Mein Lieblingskunstwerk habe ich schnell ausgemacht. Es erstreckt sich über die gesamte Höhe des Treppenhauses und besteht, erst auf den zweiten Blick erkennbar, aus 14 Metern aneinanderhängenden Vinylsingles. Wie ein Mobile ist es ständig in Bewegung. „Große Treppe (Great Staircase) by Gregor Hildebrandt“ hat sofort mein Herz erobert. Schon Chanel hatte viele Innenarchitekten, die in die Rue Cambon kamen, um sich Anregungen zu holen, mit dem neuen Laden wird sich es hier wiederholen. 

Courtesy of CHANEL by Olivier Saillant

In einem Salon befindet sich ein antiker Coromandel-Paravant mit zehn Paneelen hinter einem beigen Sofa, dessen Kissen mit goldenem Stoff bezogen sind. In einem anderen hängt ein großer Spiegel aus geschliffenem Kristall und Bronzearbeiten von Goossens über einem Marmorkamin. Der Blick auf die Nachbarschaft und die Tuileriengärten, ein polierter Bronzetisch von Ingrid Donat, zusammen mit einem Couchtisch von Michael Pohu, die zum gemütlichen Verweilen einladen. Trotz der enormen Größe von 1.500 Quadratmetern wirkt durch die geschickte Aufteilung der Räume in den einzelnen Etagen alles sehr intim. Dabei bekommen auch die einzelnen Métiers ihr ganz eigenes Ambiente.
Das Dekor im gesamten Gebäude wird natürlich durch die in Gabrielle Chanels Apartment erhaltene Privatsphäre inspiriert, ihrem unverwechselbarem zeitlosen Stil. Ob Ready-to-wear, nur eine Sonnenbrille, ein Tuch oder auch die gesamte Welt der Beauty und der Parfums von Chanel – jede Welt findet ihren Platz und macht das Probieren und Entdecken zu einem individuellen Erlebnis. Fast wie privat, fühlt man sich in jedem Raum gut aufgehoben, als wäre man in einer kleinen Traumwelt.
Die Nummer 19, Rue Cambon will dem Stammhaus keine Konkurrenz machen und ist auch nicht nur eine weitere Boutique, sie ist eine eigene und sehr sehenswerte Fortsetzung der Geschichte des Hauses, welches die Zeitlosigkeit von Chanel, die schon über ein Jahrhundert andauert, in die Zukunft trägt, mit allen Elementen ihrer Gründerin und des Spirits den Karl Lagerfeld fulminant in jeder seiner Kollektionen rekreiert.
Das neue Chanel-Universum ist jetzt schon ein Must-see in Paris und ein meisterhaftes Beispiel für die Verbindung von Historie und Moderne.

1 Comment

  • JayKay
    28. November 2018 at 15:33

    Danke für den Beitrag. Toll beschrieben und macht Lust auf einen Besuch.

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