Ein unruhiges und schwieriges Jahr steht uns bevor und kaum eine Branche reagiert wie ein Seismograf darauf, wie die Modebranche. Während bei Dolce Opulenz entgegengesetzt wird, Thom Browne bei Moncler eine völlig überdrehte Collage von Patchworks zeigt oder bei Bottega die neue traditionelle Lässigkeit präsentiert wird, reagiert PRADA ganz anders. Eine extrem auf die Spitze getriebene Schlichtheit, die zurückhaltender und essenzieller nicht sein könnte …
peterkempe
Was lieben Italiener am meisten außer hervorragendem Essen? Natürlich die große Familie mit der Mama und den vielen Bambini. Genau dieses Thema beherrscht die Lebenseinstellung unserer europäischen Nachbarn seit jeher und Familienclans wie die Medici, Borgia oder Sforza bestimmten die Landesgeschichte, genau wie die Agnellis die Industrie. In der Mode werden Unternehmen von ganzen Clans geleitet mit vielen Schwestern und Brüdern, wie bei Benettons, Ferragamos, Fendis und Guccis. Dass dabei auch mal der ein oder andere erschossen wurde – Schwamm drüber: in nicht jeder Familie scheint jeden Tag die Sonne … “Dolce far niente” – das süße Nichtstun – macht genau das aus, was trotz ständiger Regierungswechsel und der Mafia eine der kreativsten Modenationen der Welt hervorgebracht hat.
Im Januar, wenn der Männermodezirkus seine wichtigen Schauen für den Winter zeigt (in der Modebranche haben die Winterkollektionen einen höheren Stellenwert als die Sortimente für den Sommer), kommen wir Autoren kaum mit dem Schreiben hinterher. Während wir noch von London berichten, laufen in Mailand bereits die Kollektionen über die Stege. Abseits davon finden aber auch Präsentationen und Events statt, kleine Cocktails und Showroom-Termine. Bevor wir sozusagen nach Mailand schwenken und die vielen noch nicht rezensierten Kollektionen nach und nach besprechen, möchte ich Euch auf eine kleine Reise entführen, die besonders zauberhaft ist und mit genau dem zu tun hat, was Qualitätsprodukte und Handwerk ausmachen …
John Lobb steht bei Männerschuhen wie kein anderes Londoner Haus für gute Leisten, customized Shoes und tadellos verarbeitete Konfektionsschuhe. Die Manufaktur (wir stellten sie bereits ausgiebig vor) arbeitet mit den besten Gerbereien zusammen, benutzt besondere Leder und spezielle Sohlen und Verarbeitungstechniken. Das Archiv ist so umfassend, dass dort immer wieder Modelle aufgestöbert werden, die aktualisiert perfekt zu den Modeströmungen und Tendenzen unserer Zeit passen.
Für den Winter 2015 wurde nun, neben einer besonders raffinierten Sneakers-Kollektion, Monks und Brogues, eine Linie von Bottines vorgestellt, die nicht nur schnell zum Klassiker des modernen Dandys werden dürften, sondern auch noch genau das erzählen, was wir besonders an Mode lieben. Etwas, was den Schuhen und der Präsentation einen zusätzlichen Zauber verleiht:
Bevor der Schuhmacher John Lobb in London seine Werkstatt begründete und damit die Grundlage für das Haus Lobb legte, verbrachte er seine Kindheit und Jugend in Cornwall. 1851, als er 22 Jahre alt war, ging er zu Fuß von Cornwall nach London um die Großstadt zu erobern und sich Arbeit zu suchen. An den Füßen seine ersten eigenen Boots. Genau von diesen „Moorlands“, wie man die Form heute noch nennt, ließ sich Designerin Paula Gerbase inspirieren. Heraus kam eine Range von Moorlands, die mit einem Strap sowie einer Schnalle und ohne Nähte auf dem Blatt, total klassisch wirken, aber dennoch ungewöhnlich und sehr neu sind.
Der Combe und der Morval bilden das Herzstück dieser kleinen und feinen Premiere in einem Haus, das man sich englischer nicht vorstellen kann und wie aus der Welt von Charles Dickens gefallen zu sein scheint. Sicherlich genauso beeindruckt war der junge John Lobb, als er in das unfassbar große London kam und damit begann, seine Schuhe herzustellen. Zunächst wie beim Combe, mit einer Schnalle, dann mit zweien, wie beim Morval, allerdings kürzer geschnitten und elegant-robust aus einem Mix aus feinem Kalbs- und wasserfestem Büffelleder. Der Grove ist in Veloursleder hingegen etwas besser für die Stadt geeignet und wirkt von seiner Linie her eleganter und ist der ideale Boot zum Anzug.
Für den ganz auf Exzentrik ausgerichteten Dandy ist sicherlich der Oake der richtige Boot. Er spielt mit dem Kontrast von Veloursleder und Nappa und wirkt schon fast wie ein Gamaschen-Schuh. Vielleicht ist er ein toller Zusatzkauf für Burberrys Bohemiens im Herbst …
John Lobbs Wanderung macht totale Lust auf Qualität und lädt zum Träumen ein und erinnert mich gleichzeitig daran, dass ich unbedingt auf ein Paar Schuhe aus dem Hause John Lobb sparen muss, denn darin kann man wirklich beruhigt der Zukunft entgegen gehen – stilvoll und heute genauso wie 1851.
Die Wahl des ehemaligen Givenchy Designers Mark Thomas, der seit dem letzten Jahr die Menswear für das Londoner Label Joseph kreiert, hat für mich eine der schönsten und vor allem zwischen tragbar- und zukunftsweisenden Überraschungen an Kollektion der Londoner Fashion Week letzte Woche hervorgebracht.
Joseph ist nicht nur ein Label, das eigene Damen- und Herren-Prêt-à-porter macht, sondern eigentlich ein Multibrandstore mit Ursprung in der King’s Road in London. Mittlerweile hat Joseph allein in London über 20 Filialen plus einiger Läden in Paris und anderen Weltstädten. Firmengründer ist der Geschmacks-Papst Joseph Ettedgui, der im Friseurladen seiner Brüder Maurice und Franklin in der King’s Road Anfang der Siebziger Jahre Mode des jungen Designers Kenzō Takada verkaufte. Er war von der „Jungle Jap Collection“ so begeistert, dass er schon bald weitere junge Designer der Zeit nach London holte. 1979 kam dann der erste, sofort wegweisende Store in der Sloane Street hinzu, in dem die Kunden auch Designs von Joseph Ettedgui kaufen konnten: Das Stricklabel „Joseph Tricot“ war geboren. Der Sitz und die Passform seiner Hosen wurden legendär und die Frauen rissen sich regelrecht darum …
Das kommt so sicher wie das Amen in der Kirche: Die Herrenmode wird in dieser Saison den Beginn der weiteren Silhouette einläuten. Nach einer Dekade der Slim-Silhouette, begründet durch die prägenden Kollektionen von Slimane für Dior Homme, muss langsam eine Richtungsänderung folgen. Burberry Prorsum machte am Montag mit der Autumn-Winter Kollektion schonmal den Anfang …
Schon in den letzten Saisons gab es bei Loewe und anderen Labels Ansätze und erste Looks, aber jetzt werden die Schultern weiter, die Silhouette A und weiter in Richtung O gehend erweitert, die Hosen bequemer und der Körper eher umspielt. In der Streetwear und auch den meisten kommerziellen Kollektionen (siehe TOPMAN) bleiben die hingegen Schnitte schmal und körpernah, die richtungsweisende Tendenz sah man jetzt aber in London, die sicherlich auch nächste Woche in Milano und danach in Paris weitergeführt wird …

Mathias Lauridsen; Bild: Sølve Sundsbø für Armani
Giorgio Armani gehört auf seine Weise, obwohl er wirtschaftlich sehr erfolgreich ist, zu den Persönlichkeiten der Mode, die sich schon jenseits dessen bewegen, was man Mode nennt. Armani ist, ähnlich wie Karl Lagerfeld, eher eine lebende Fashionlegende und neben Valentino sicherlich der Vertreter der italienischen Modegötter, dem ein Platz im Fashionoymp sicher ist. Armani kreiert seinen ureigenen Stil und schert sich nicht um Trends oder Tendenzen. Seine Frauenkollektionen waren von Anfang an auf eine weibliche und gleichzeitig pure Frau zugeschnitten, die die italienischen Traditionen nicht verachtet. Anders, als zum Beispiel Jil Sander, blieb bei ihm die „Pureness“ immer mit der Weiblichkeit der 30er Jahre in Mailand verbunden …
Peter’s Cutting – „Corners“ by Martino Gamper for Prada
Posted on 12. Januar 2015Das Arbeiten mit Holz liegt dem in der Südtiroler Stadt Meran geborenen Designer Martino Gamper sehr. Schon als Kind faszinierte ihn die Arbeit der Schreiner aus seiner Nachbarschaft und die vielen interessant und anders gemaserten, wohl duftenden Holzarten. Tirol hat einen engen Bezug zu Landschaft und Natur und die organischen Formen strömten auf Gamper tiefe Prägungen für seine Ästhetik aus.

TOPMAN Design, Autumn-Winter 2015; Bild: PR
Auch wenn das Jahr 2015 eher mit kollektiver Trauer und Entsetzen beginnt, besonders in der Stadt, die wie keine andere für Mode und Kreation steht, startet der Reigen der Männerschauen und die Aussicht auf die Herbst-Winter Saison wie immer in London. Gleichzeitig setzt sich die Karawane der internationalen Fashionjournalisten, Models, Visagisten und tausender Helfer bei den Schauen der kleinen, großen, hochwertigen, kommerziellen oder weltbedeutenden Labels und Häuser langsam aber sicher in Gang.

Ansel Elgort; Bild: Craig McDean für PRADA
Die neue Frühjahrskampagne von PRADA zeigt eine ungewohnte Seite der Protagonisten, die allesamt Schauspieler sind: fast poetisch, in sich gekehrt, wie unbeobachtet und vertieft in eine Alltagsbeschäftigung.
Ansel Elgort, Ethan Hawke, Jack O’Connell und Miles Teller wurden von Craig McDean sensibel beobachtet und wirken in ihren Outfits total unprätentiös. Struktur und die kontrastierenden Nähte sowie die Stitchings bilden eine Art Leitmotiv, wobei die Details hierbei eine größere Rolle spielen als der Gesamtlook, der nicht nach Totallook aussieht. Das Schälen einer Orange oder das Ausschneiden eines Fotos hat eine fast beruhigende Motivwirkung – die Jungs wirken fernab vom Alltag und Stress …
Jede Saison erscheinen bei Hermès Tücher, die die große Tradition des seit 1937 erscheinenden Klassikers einen nicht abrechenden Erfolg bescheren. Oft sind es Motive aus der Tradition des Hauses, die in neuen Farbstellungen interpretiert werden oder es sind fantasievolle Neuschöpfungen, die mit dem Jahresthema des Hauses zu tun haben. So entstehen im Laufe der Jahre vor unseren Augen ganze Kontinente oder auch Themen aus der Poesie, der Geschichte oder den Mythen. Ein oder zwei Carrés fallen immer besonders aus dem Rahmen, weil sie mit Künstlern über viele Jahre hinweg entwickelt wurden und ganz anders sind wie die anderen und gleichzeitig einen ganz besonderen und modernen Reiz versprühen.
Ein solches Carré gefällt uns diese Saison besonders gut und daher leiten wir mit „Squeeze“ die Frühjahr-Sommer 2015 Saison ein …









