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Das „Noch nicht“ im Gym: Was Neujahrsvorsätze, Lululemon und Lewis Hamilton über Fortschritt erzählen

Foto: Courtesy of Lululemon

Jahresanfang. Die Fitnessstudios füllen sich, die Spinde klappern häufiger, die Neuanmeldungen schnellen in die Höhe. Es ist die Saison der Vorsätze, der ersten Muskelkater und der ehrgeizigen Versprechen an ein besseres Ich. Parallel dazu wächst im digitalen Raum ein anderer Reflex: Spott. In den Kommentarspalten mokieren sich jene, die „schon immer“ trainieren, über Anfänger, über falsche Technik, über das vermeintlich kurzlebige Durchhaltevermögen der Neuen. Das ist nicht nur unerquicklich, es sagt auch mehr über die Kommentatoren als über die Kommentierten. Jeder fängt klein an. Warum denn nicht?

Der Fitnessbetrieb lebt von Wiederholungen, und dazu gehört auch die alljährliche Debatte über Motivation und Authentizität. Training, so die unausgesprochene Regel der Erfahrenen, sei kein Neujahrsvorsatz, sondern Lebensstil. Der Satz stimmt – und ist doch leidig exklusiv. Er blendet aus, dass Disziplin selten vom Himmel fällt, sondern erst nach und nach entsteht.

Dass diese Logik auch jenseits des Freizeitsports gilt, lässt sich an Karrieren beobachten, die heute als makellos gelten. Lewis Hamilton etwa, siebenfacher Formel-1-Weltmeister, war nicht als Ikone geboren. Auch er musste lernen, scheitern, wiederholen. Als Jugendlicher tat er das ohne das permanente Rauschen sozialer Medien. Wahrscheinlich beurteilte niemand öffentlich seine ersten Schritte, niemand erklärte ihm, er gehöre nicht auf die Strecke.
Interessant ist, wie sehr der Gedanke, dass Exzellenz fast immer aus Phasen des „Noch nicht“ entstehen, inzwischen auch von der Sport- und Modeindustrie aufgegriffen wird. Marken framen Training nicht mehr ausschließlich als Leistungsversprechen, sondern als Mindset, als Weg. So auch der Sportartikelhersteller Lululemon, der zum Jahreswechsel seine aktuelle Winter-Train-2025 vorgestellt hat und den Begriff „Noch nicht“ ins Zentrum seiner Kampagne rückt. Gemeint ist die Verschiebung der Grenze zwischen Unvermögen und Möglichkeit: nicht „Ich kann das nicht“, sondern „Ich kann es noch nicht“. Es ist ein pädagogisch kluger, marketingstrategisch naheliegender Ansatz.

Die Kampagne zeigt Trainingssituationen ganz ohne Chichi und große Inszenierung: Dehnen, Belastung, Erholung. Das ist zumindest der Anspruch. Lululemon-Ambassadors, darunter eben auch Hamilton, stehen für die Erzählung, dass Fortschritt nie abgeschlossen ist – selbst an der Spitze nicht. Dass ein Weltmeister dabei Funktionskleidung trägt, gehört zur Logik des Geschäfts. Die Produkte selbst – Leggings, Shorts, BHs aus technischen Materialien – sind auf intensive Belastung ausgelegt. Das ist eine sachliche Beschreibung, kein Heilsversprechen.

Bleibt die Frage, was schwerer wiegt: die Botschaft oder der Absender. Marketing kann Haltungen popularisieren, aber nicht ersetzen. Ein „Noch nicht“ funktioniert am Ende dann nur, wenn es nicht zur Ausrede wird – und nicht zur neuen Norm, an der andere gemessen werden. Wer Anfänger verspottet, verteidigt weniger die Qualität des Trainings als die eigene Deutungshoheit.

Vielleicht wäre zum Jahresbeginn ein anderer Vorsatz angemessen: weniger Häme, mehr Geduld. Training ist kein Club mit Zugangskontrolle, sondern eine Praxis. Und die beginnt, ob im Gym oder anderswo, fast immer mit einem unsicheren ersten Schritt. Ohne Applaus. Und ohne Kommentarspalte.

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