Ausstellung

Zu Besuch im … Espace culturel Louis Vuitton München

Annette Messager – Mes Transports 2012-2013
Photo Fondation Louis Vuitton, Marc Domage © Adagp, Paris 2016 Courtesy Fondation Louis Vuitton

Mittlerweile hat es sich zu einer Tradition entwickelt – zu einer sehr schönen – die ich nicht missen mag: Der Besuch im Espace Culturel Louis Vuitton München. So habe ich in den letzten Jahren bereits die Arbeiten der Künstlerin Simryn Gill beim Residency- und Open Studio Programm IN SITU-1 bestaunen dürfen (den Beitrag gibt’s hier), den Amerikaner Cory Archangel anlässlich seiner ersten monographischen Werkschau gesprochen (das Interview gibt’s hier und den Beitrag über die Ausstellung hier zum Nachlesen) und de temps en temps immer mal wieder privat vorbeigeschaut. Das Besondere am Kulturengagement des französischen Traditionshauses? Es werden ausschließlich zeitgenössische Kunst und Strömungen des 20. Jahrhunderts, die erstere maßgeblich beeinflussten, gezeigt!
Femme d'Anvers en Novembre 2008 copyright Chantal Akerman, Courtesy Fondation Louis Vuitton _2
Bild: Femme d’Anvers en Novembre 2008
Copyright Chantal Akerman, Courtesy Fondation Louis Vuitton

Ein Pluspunkt für die breite Öffentlichkeit und mich: Als Grünschnabel und Kunstfrischling wird mir ein fassbarer Rahmen abgesteckt, alles vor 1900 lassen wir (zumindest) an dieser Stelle unberührt. Ich kann bei meinen Annäherungen wesentlich entspannter an die Berichterstattung gehen und drohe nicht über Meister à la 14. Jahrhundert oder altertümliche Gegenstandsbegebenheiten zu schwadronieren. Das Plappern nutze ich lieber für den Smalltalk bei der Ausstellungseröffnung von „Les Approches“, denn wieder einmal bin ich in Bayern zugegen und darf Horstson vor Ort vertreten – ich freue mich über einen interessanten Abend. Unter der künstlerischen Leitung der Fondation Louis Vuitton wurde die Ausstellung im Rahmen der kuratorischen „Hors-les-murs“-Projekte der Fondation konzipiert, die bislang kaum bekannte Sammlungsbestände in den vier Espace culturels Louis Vuitton in München, Venedig, Peking und Tokio zeigen. Als Auftakt seiner Programmatik in diesem Jahr, glänzt die Kunstinstitution mit Arbeiten der belgischen experimentellen Filmemacherin Chantal Akerman sowie der französischen bildenden Künstlerin Annette Messager.
Annette Messager - La Petite Ballerine 2011_Photo Fondation Louis Vuitton _Marc Domage © Adagp, Paris 2016
Annette Messager – La Petite Ballerine 2011
Photo Fondation Louis Vuitton, Marc Domage © Adagp, Paris 2016

Ausdruck, Frauen, Atmosphäre – „Les Approches“ zeigt autobiographische und existenzielle Elemente, die als Schnittstelle das Oeuvre beider Künstlerinnen verbindet. Chantal Akerman, zeitlebens auf der Suche nach einer verbesserten Repräsentation von Frauen, „machte nicht nur weibliche Position sichtbar, sie verstand Film als radikales Medium, als Kunst im Dienst gesellschaftlicher Veränderung“ (Oliver Kaever 2015, Spiegel Online). Seit den 1970er Jahren polarisierte sie mit ihren Arbeiten, bewegte sich unangepasst zwischen persönlicher Erfahrung und Kollektiv und wurde niemals müde infrage zu stellen, vielmehr aufzuwecken: Inwieweit können Frauen in einer männerdominierenden Welt geprägt von Sexismus und fehlender Gleichberechtigung frei über ihren Körper verfügen?
Femme d'Anvers en Novembre 2008 copyright Chantal Akerman, Courtesy Fondation Louis Vuitton _3
Femme d’Anvers en Novembre 2008
Copyright Chantal Akerman, Courtesy Fondation Louis Vuitton

Ein Meilenstein für den Feminismus, eine Ikone der Videokunst und unaufhörlich im Auftrag gesellschaftlicher Veränderung – ihren Filmen sei Dank. Bevor ich mich an dieser Stelle jedoch zu sehr auf das Wirken von Akerman stütze und dabei mindestens genauso ehrfurchtsvoll klingen mag wie Godard, der sie völlig zurecht als „Widerstandskämpferin gegen das Kino der Gefälligkeiten“ ernannte, minimiere ich meine Berichterstattung auf eine ihrer Videoarbeiten aus dem Jahr 2008: Femmes d’Anvers en Novembre zeigt eine visuelle Hommage an eine rauchende Frau. Nahaufnahmen, tiefe Züge und bildlich erzeugte Intimität. Akerman hält uns in ihrem Bewegmaterial den Spiegel vor, fokussiert alltägliche Handlungen, die bestenfalls unter Banalitäten verbucht werden könn(t)en in dokumentarähnlichen Sequenzen fest. Ich habe mich an dieser Stelle bewusst für eine optionale Klammer entschieden, denn wie bei fast allen Arbeiten der verstorbenen Belgierin – sie beging letztes Jahr im Alter von 65 Jahren Suizid – sind Auslegung und Interpretation des Betrachters rein individueller Art vorgesehen.
Annette Messager - Les Approches_Photo Fondation Louis Vuitton_Marc Domage © Adagp, Paris 2016 Courtesy Fonda
Annette Messager – Les Approches
Photo Fondation Louis Vuitton, Marc Domage © Adagp, Paris 2016 Courtesy Fondal

So stehe ich im abgedunkelten Erdgeschoss des Espace culturel und lasse mich von der atmosphärischen Tiefe der Filmszenen in den Bann ziehen. Die Inspiration des amerikanischen und französischen film noirs? Unverkennbar! Immer und immer wieder lasse ich die einzelnen Bilder und Bewegungen auf mich einwirken, der Zug an der Zigarette als Stilmittel und Ausdrucksstärke. Typisch für Akerman ist dabei auch, dass der Erzähl- und Handlungsstrang beinahe hinter der Aufnahmetechnik zu verschwinden droht. „Was ist Kunst, was ist Kino“, entfährt es mir und selbst als ich mich auf den Weg in den ersten Stock mache, denke ich noch immer über die Arbeit der Künstlerin nach. Oben angekommen, erwarten mich sechs Werke von Annette Messager – Perspektivwechsel. Ich begebe mich zuerst in die hintere Ecke des Ausstellungsraums und begutachte einzelne Schaukästen.
Femme d'Anvers en Novembre 2008 copyright Chantal Akerman, Courtesy Fondation Louis Vuitton _4
Femme d’Anvers en Novembre 2008
Copyright Chantal Akerman, Courtesy Fondation Louis Vuitton

Sprüche, vielmehr Sprichwörter erwarten mich. Ausgestellt als Stickereien, werden dreizehn negativ auf Frauen bezogene Auswüchse dargestellt. Eine mehr als ungewöhnliche Präsentationsumsetzung. Mir schießt innerhalb weniger Sekunden durch den Kopf, dass die Stickarbeiten höchstwahrscheinlich von demjenigen, weiblichen Geschlecht angefertigt wurde, das sonst mit den abgebildeten Sprüchen konfrontiert wird – eine gleichermaßen provokative als auch humorvolle Umsetzung. Ich kann mich nicht wirklich entscheiden, ob die Künstlerin bei der Anfertigung dieser Arbeit lachend den Zeigefinger erheben wollte oder doch in Richtung ausgestreckten Mittelfinger tendierte? Das Werk Les Approches, hier kommt der Titel der Ausstellung also her, ist ein Künstlerbuch, bestehend aus einer Sammlung von Schwarz-Weiß-Fotografien. Dargestellt sind explizierte, männliche Posituren – wecken diese Aufnahmen Begehrlichkeiten, Träume oder dienen sie als ein weiterer Verweis auf den feministischen kulturellen Diskurs, der schon im Erdgeschoss bei Chantal Akerman eine große Rolle gespielt hat?
Annette Messager - Mémoire-Robots_Photo © Annette Messager Courtesy the artist and Marian Goodman Gallery
Annette Messager – Mémoire-Robots
Photo © Annette Messager, Courtesy the artist and Marian Goodman Gallery

Ziemlich düster kommt zudem Mémoire-Robots von 2015 daher: Mémoire, Erinnerungen. Im Gegenzug farbige Buchstaben aus Plüschtieren. Zu dieser Arbeit fehlt mir selbst nach mehrmaligen Begutachten der Zugang und ich muss sagen, dass ich die Umsetzung ziemlich creepy finde. Vielleicht sogar ein wenig angsteinflößend? Die zusätzlichen Skulpturen der französischen Künstlerin stimmen meine anfänglichen Gedanken nicht positiver – Marionette, Puppen und Masken, die als objets trouvés im Raum verteilt ziemlich unheimlich wirken. Was für eine Message will Messager (Achtung: Sehr platter Wortwitz) hier mit ihrer Arbeit senden? Fachstimmen würden vermutlich bei der Auseinandersetzung von menschlicher Existenz und Identität anknüpfen! Ich kann mich noch nicht wirklich entschließen, wie ich die Arbeit interpretiere und belasse es zum Abschluss mit einer Umschreibung, die ich als Annäherung für Laien wie mich durchweg passend finde: Die äußerst belesenen (Kunst-)Verantwortlichen des Espace culturel Louis Vuitton sprechen bei Annette Messager von einer „Pathologin der heutigen Welt“. Ganz ehrlich? Ich finde, dass ihre mehr als unkonventionelle Herangehensweise an das Thema Kunst damit sehr gut beschrieben wird!

Weiter unten noch eine Auswahl an Fotos der Ausstellung. Ich hoffe der Bericht hat euch gefallen und ihr habt einen ersten Eindruck gewinnen können? Es lohnt sich auf jeden Fall persönlich vor Ort vorbeizuschauen…

Espace Louis Vuitton München
Maximilianstr. 2a
80539 München
Tel +49 89 558 938 100
info_espace.de@louisvuitton.com

Montags bis Freitags 12:00–19:00 Uhr
Samstags 10:00–18:00 Uhr
Der Eintritt ist frei!

Femme d'Anvers en Novembre 2008 copyright Chantal Akerman, Courtesy Fondation Louis Vuitton _1
Femme d’Anvers en Novembre 2008
Copyright Chantal Akerman, Courtesy Fondation Louis Vuitton

Annette Messager Le Masque Rouge 1943_Photo Fondation Louis Vuitton _Marc Domage © Adagp, Paris 2016 Courtesy Fondation Louis Vuitton
Annette Messager Le Masque Rouge 1943
Photo Fondation Louis Vuitton _Marc Domage © Adagp, Paris 2016 Courtesy Fondation Louis Vuitton

Femme d'Anvers en Novembre 2008 copyright Chantal Akerman, Courtesy Fondation Louis Vuitton_5
Femme d’Anvers en Novembre 2008
Copyright Chantal Akerman, Courtesy Fondation Louis Vuitton

Annette Messager - Ma collection de proverbes_Photo Fondation Louis Vuitton _ Marc Domage © Adagp, Paris 2016 Courtesy Fondation Louis Vuitton
Annette Messager – Ma collection de proverbes
Photo Fondation Louis Vuitton; Marc Domage © Adagp, Paris 2016 Courtesy Fondation Louis Vuitton

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