Haute Couture

Yves Saint Laurent Couture – Neustart 24, Rue de l’Université

Bild: Hedi Slimane; Saint Laurent Paris

Es liegt auf der Hand, was Saint Laurent jetzt bekanntgegeben hat: Auf ganz eigene Art und ganz im Sinne des eigenwilligen Hedi Slimane belebt das Haus seine Haute Couture neu. Das Potenzial lag, nach der letzten Schau von Yves Saint Laurent im Jahre 2002, im Grunde genommen brach, und das, obwohl es, wie die Umsätze aus den Couture-Abteilungen von Dior, Chanel und Valentino deutlich machen, weltweit immer mehr Couture-Kundinnen gibt. Die Couture-Kollektionen sind zu einem wirklichen Umsatzfaktor geworden und tragen nicht nur, wie häufig niedlich heruntergespielt, zum Image des Hauses bei …
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Bild: Hedi Slimane; Saint Laurent Paris

Bei einem weltweiten Boutiquennetz wird es für die neue Generation der Couture-Kunden immer wichtiger, sich deutlich abzugrenzen. Sie wollen zwar den Stil der Häuser tragen, gleichzeitig aber sollen die Stücke handgefertigt und nur einem Inner-Circle zugänglich sein. Was für einen persönlich gemacht wurde und nicht für jedermann erhältlich ist, bekommt in einer Welt, in der es immer mehr Reiche gibt, eine immer größere Bedeutung: Kleidung dient fortan dazu, sich zu unterscheiden.
Deswegen knüpft das Haus Saint Laurent einerseits an das klassische Couture-System an. Andererseits hält es sich trotzdem nicht an die Regeln und verbindet die Wurzeln des Hauses mit einem ganz neuen Procedere. Dafür hat Saint Laurent eine neue Location bekommen, die von Hedi Slimane eingerichtet wurde und die in Saint Germain, im überwiegend mit bedeutenden Antiquitätenhändlern ansässigen Carré Rive Gauche in der Rue de l’Université gelegen ist. Die Nummer 24 ist, wie alle Häuser in der Straße, zunächst unauffällig mit einer großen Tür versehen und öffnet sich dann zu einem Hof, in dem eines der feinsten Hôtel particuliers von Paris steht. Die Straße gilt als einer der ruhigsten und vornehmsten Adressen und selbst Karl Lagerfeld wohnte schon an ihr. Als Bruch zu dem herrschaftlichen Ambiente setzt Slimane bei der Einrichtung auf den von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé zeitlebens so geliebten Stil des Art déco und platzierte wirkungsvoll Möbel und Objekte von Designlegenden, wie Émile-Jacques Ruhlmann, Pierre Chareau oder auch Paul Dupré-Lafon.
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Bild: Hedi Slimane; Saint Laurent Paris

Die Kollektion richtet sich an Männer und Frauen. Sie ist nicht dem Couture-Kalender angeschlossen und wird auch nicht während der Couture-Woche gezeigt. Die Kollektion hält sich die alte Saint Laurent-Tradition und wird in eigenen Ateliers vor Ort gefertigt und mit dem gleichen weißen nummerierten Label „Yves Saint Laurent“ gekennzeichnet sein, wie einst die Haute Couture ihres Gründers gekennzeichnet war. Yves Saint Laurent agierte unter dem Schriftzug, der von Adolphe Mouron Cassandre bei der Neugründung 1961 seines eigenen Hauses entworfen wurde. Yves Saint Laurents Prêt-à-porter kürzte er unter „Saint Laurent“ ab und versah es mit dem Zusatz „Five Gauche“, weil sein erster Laden in der Rue de Tournon war …
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Bild: Hedi Slimane; Saint Laurent Paris

Die Kollektion kann auf Empfehlung durch Hedi Slimane (oder dem entsprechenden Promistatus) nach Absprache in der Rue de L’Universite angeschaut und bestellt werden. Jedes Stück ist, wie bei der Haute Couture üblich, in einem großen Buch mit allen Angaben registriert und die Provenienz eines jeden Smokings oder Kleides können so über Jahrzehnte nachgewiesen werden. Noch heute kann man bei jeder Couture-Robe, die auf dem Markt erscheint, genau nachvollziehen, für wen, wann und mit welchem Aufwand und Maß sie gemacht wurde. Das erleichtert zum Beispiel auch Kuratoren von Museen die Arbeit, zu sehen, ob diese Objekte später verändert wurden.

Die erste Kollektion wurde jetzt in einer Strecke publiziert, die Slimane selbst fotografiert hat. Die Bilder sprechen die deutliche Sprache der zu ihrer Zeit wahnsinnig erfolgreichen Couture-Strecken von Helmut Newton und Karl Lagerfeld. Viele Zitate an Newton und Couture-Kampagnen der Achtziger werden sichtbar, wie zum Beispiel das Abklatschen am Esstisch der Models der Lagerfeld Kampagne für Chanels Couture 1999, die in einem identischen Palais, nur wenige Hausnummern die Straße hinauf, aufgenommen wurde.
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Bild: Hedi Slimane; Saint Laurent Paris

Bei den Modellen setzt Slimane auf die ureigenen Yves Saint Laurent-Klassiker: Smoking, Hosenanzug und fließende Kleider im 30er-Jahre Stil. Alle Stücke sind mit Slimanes eigener Handschrift übersetzt, die er im Prêt-à-porter stringent durchsetzt. Sie knüpft aber sehr deutlich an den fabulös eleganten Stil des Meisters an und der Zeitlosigkeit, die Couture kein Verfallsdatum gibt, sondern zu lebenslangen kostbaren Stücken macht, die schließlich und endlich dann in Modemuseen oder Textilsammlungen landen. Die Details, die Slimane fotografiert, erinnern an die Zeit, als sich Yves Saint Laurent selbstständig machte und das erste Kleid für seine Lieblingskundin, Madame Arturo Lopez-Willshaw, mit der Nummer 00001 versah. Lopez-Willshaw hielt Saint Laurent schon bei Dior die Treue und ermutigte ihn, sich mit Pierre Bergé auf eigene Füße zu stellen.

Das Prinzip, nur in eigenen Salons und nicht im großen Stil zu agieren, ist kein Marketingtrick der Verknappung, sondern entspricht den eigentlichen Wurzeln der Haute Couture und lief jahrzehntelang genau so ab. Balenciaga veröffentlichte erst drei Monate später, nachdem seine Kundinnen bestellt hatten, Fotos der Modelle, damit sie der Öffentlichkeit nicht schon den Reiz wegnahmen. Tom Ford ging mit seiner Damenkollektion als Erster wieder dazu über, im kleinen Rahmen zu zeigen und Givenchy präsentiert im Zuge seiner Herrenkollektion einige Couture-Modelle – außerhalb des Kalenders.
Was manchem als Abgrenzung erscheint, ist eine natürliche Umkehrung auf das, was durch immer höheres Medieninteresse sekundenschnell im Netz erscheint. Haute Couture bewegt sich in einem kleinen geschlossenen Kreis und war nie demokratisch. Sie verbindet das perfekte Handwerk, Materialien und Schnitte, die in der Konfektion aufgrund von Zeit und Kosten nicht zu realisieren sind. Die Haute Couture war immer, wie es Christian Dior beschrieb, die idealisierte Sicht des Modeschöpfers auf die Frauen. Für Saint Laurent ist es die Möglichkeit, seine Vision der Eleganz auszudrücken.

Die Zeiten haben sich geändert: Das Haus Saint Laurent und die Kering-Gruppe schließen sich laut Ralph Toledano, dem Präsidenten der französischen Haute Couture-Kammer, nicht wieder der offiziellen Chambre Syndical de la Couture an.
Es ist eine völlig eigene Sache, die sehr viel mit dem Ursprung zu tun hat und die äußerst spannend und nah an den Anfängen des Hauses Saint Laurent liegt. Die Kollektion, die man auf den Bildern sieht, machen mich jedenfalls sehr neugierig auf die Fortsetzung. Und sie machen mich vor allem neugierig auf das Haus in der Nummer 24 an Rue de l’Université …

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  • Monsieur_Didier
    30. Juli 2015 at 12:13

    …ich stehe ja Hedi Slimane durchaus kritisch gegenüber und kann auch mit seinen Kreationen nicht so wahnsinnig viel anfangen, aber ich finnde sein Wirken bei der Erneuerung des Hauses Saint Laurent durchaus bemerkenswert und auch beeindruckend…
    anscheinend gibt es viele Menschen, die sich seitdem wieder für Saint Laurent interessieren…
    und das zählt letztendlich, denn sonst versinkt ein Haus ganz allmählich im Vergessen und lebt bzw. vegetiert nur noch von seinem Mythos…

    und ich finde, das nicht teilnehmen an den Auflagen und Statuten des Chambre Syndical de la Couture ist durchaus ein weiterer Schritt in eine eigene und richtige Richtung…

    ach ja, und natürlich einen Dank an den verehrten Peter für diesen Artikel und das aufzeigen von Details, die ich noch nicht wußte…

  • Siegmar
    31. Juli 2015 at 11:10

    wie immer ein Artikel der mich begeistert und die Neuerungen von Hedi Slimane beeindrucken mich doch. anfänglich dachte ich “ was macht der nur bei Saint Laurent „, jetzt ist mir klar geworden, das sein Konzept ziemlich erfolgreich ist und bemerkenswert ist, dass auch die Umsatzzahlen stimmen.