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Wie arbeitet eigentlich … Floris van Bommel

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Bild: Floris van Bommel

Eigentlich heißt es an dieser Stelle immer Wie wohnt eigentlich …
Weil manche Menschen, ich kann das besonders nachvollziehen, aber gerne arbeiten und sich deshalb ihre Umgebung, an der sie ja einen Großteil ihrer Zeit verbringen, persönlich gestalten und diese Räume auch sehr viel über ihre Persönlichkeit verraten, haben wir uns im Falle des Schuhmanufakturisten Floris van Bommel, gern genannt „The Shoe Dude“, dafür entschieden, seine Firma zu porträtieren.

Floris van Bommel hatte das Glück, in 9. Generation in die 1734 gegründete Schuhmacher-Dynastie, ausgestattet mit der Ehre, königlich niederländischer Hoflieferant zu sein, van Bommel hineingeboren zu sein. Nun ist es aber so eine Sache mit der Tradition im ausgehenden 20. Jahrhundert, denn nur handwerklich hergestellte Produkte, langer Geschichte und solide Geschäftspolitik, bieten zwar eine wunderbare Grundlage, reichen aber nicht unbedingt dazu, in unserer globalisierten Welt eine Firma ins 21. Jahrhundert zu bringen. Vor allem reicht es aber nicht, den Ozeandampfer sicher durch das immer härter umkämpfte Segment der Luxusmarken, dominiert durch große Konzerne, zu steuern.

1998 steigt Floris in die Firma seines Vaters ein, der sie wiederum von seinen Vorfahren übernommen hat, und entwickelt eine eigene Linie, die wesentlich moderner ist, aber von Handwerklichkeit geprägt wird. Floris gehört zu der Generation, die nach 1960 geboren ist und Popkultur mit Hochkultur vereinbaren kann. Das liegt daran, dass wir mehr von Gegenständen und Marken als von Menschen geprägt wurden. Tradition, aber auch Trash oder humorvolle verfremdende Elemente einzubringen, ist für ihn kein Tabu.
Floris van Bommel ist eine total interessante Persönlichkeit, voller Kontraste und Gegensätze, die seine Kreativität und seinen Ideenreichtum ausmachen. Auf der einen Seite zurückhaltend, super sozial und mit großem Herz ausgestattet. Geschäftlich ist er hingegen eher „oldschool“, mit Manieren, Wertvorstellung und Integrität, aber auch mit einer Lässigkeit und dem Lifestyle des klassischen amerikanischen Roadmovies ausgestattet, das er so liebt …

Er verbringt seine freie Zeit gern auf Rockkonzerten, dem Fußballstadion oder verbringt seine Ferien in den USA und tourt auf Rockfestivals umher. Die Frankfurter Sonntagszeitung fasste es schön zusammen: „Er ist halt Frontmann einer Schuhmanufaktur anstatt einer Rockband“, aber vielleicht ist das genau sein Erfolgsrezept in unserer Zeit, denn auch eine Rockband ist ein schwieriges Gebilde, das immer wieder neu erfunden werden muss.

Die Manufaktur haben er und seine beiden Brüder, die mittlerweile auch in der Firma arbeiten, genau auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter, der Produkte, die mittlerweile in hochwertigen Verkaufspunkten und eigenen, individuell gestalteten Flagship-Stores rund um die Welt verkauft werden, und ihrer eigenen Persönlichkeiten gestaltet.
Von außen sind die typisch holländischen Wurzeln der Manufaktur zu erkennen: Backstein, Offenheit (man kann sich zu Führungen durch die Manufaktur anmelden), nicht irgendwo in einem Industriegelände, sondern im Wohngebiet gelegen – mitten unter den Menschen im Städtchen Moergestel.
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Bild: Floris van Bommel

Bei der Planung und Architektur handelten die drei Brüder ganz nach dem Grundsatz Coco Chanels „Was brauchen wir Innenarchitekten, die können hierherkommen, wenn sie sich inspirieren lassen wollen“ und machten alles selbst. Schlau, denn wer kann schon besser genau das nach seinen Ideen umsetzen, in dem er sich täglich bewegt und arbeitet. Das Designteam weiß am besten selbst um die Bedürfnisse ihres Ateliers und die Arbeitsabläufe der Handwerker erfordern seit Jahrhunderten bestimmte Plätze und Zugänglichkeiten von Materialien und Maschinen.
Kontraste aus moderner Architektur und traditionell erhaltenen Industriefußböden, Relikten der Geschichte, wie Tafeln, die daran mahnen, dass „Qualität die Existenz sichert“ – alles Dinge, die nur Individualisten erzeugen können oder die Menschen, die es betrifft.
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Bild: Floris van Bommel

Beim Betreten der neuen Eingangshalle schwappt buchstäblich eine Welle der Geschichte über den Besucher. Eine 12 Meter lange Holzinstallation mit großen historischen Schwarz-Weiß-Fotos neigt sich über den Besucher in den Raum hinein. Die Eingangshalle hat eine offene Verbindung zur neuen großzügigen Bibliothek, die auch als Empfangsraum fungiert. Dort befindet sich eine wertvolle, auf Schuhe bezogene Kollektion historischer Bücher, Anleitungen, Nachschlagwerke, Fotos und Dokumente – aufgemischt durch moderne Fotobände.
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Bild: Floris van Bommel

Weiter in der Fabrik das tollste überhaupt: Der Alien Stammbaum. Der aus Long Beach in Kalifornien stammende „Creature Designer“ Kevin Bannister malte eigens für das renovierte Gebäude einen Stammbaum der anderen Art. Ein Baumstumpf im linken Teil der Wand symbolisiert die aus den Niederlanden verschwundene Schuhindustrie. Unten wächst aber noch ein einzelner Zweig aus dem Baumstumpf heraus: der Zweig der Familie van Bommel.
Hier und dort kriechen wunderliche Wesen und Monster über den Zweig. Floris van Bommel zufolge ist das ein farbenprächtiges Augenzwinkern auf die reichhaltige Geschichte. „Unser Betrieb hat eine lange Geschichte, meine Ahnen haben die verrücktesten Dinge erlebt. Ich fand bizarre Wesen, die an der Zeitachse des Stammbaums entlang kriechen eine coole Ehrenerweisung an all diese Erlebnisse. Langweilig war’s hier noch nie, und jetzt also auch nicht hier an der Wand…“.
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Bild: Floris van Bommel

Jetzt haben die Designer in ihrer Abteilung auf 200 Quadratmeter ein eigenes Lager für Probematerial, eine enorme Sammlung von Leisten, lange Präsentationsmöbel für die Kollektion und Chesterfield-Sessel für das Ambiente.
Alles ist ökologisch umweltverträglich, Nachhaltigkeit eine Selbstverständlichkeit (unsere Generation hat gelernt) und irgendwie schließt sich der Kreis zwischen Tradition und Avantgarde wieder auf diese ruhige Weise, die der vermeintlich „rockige“ Floris van Bommel ausstrahlt.
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Bild: Floris van Bommel

Wie gut das er und seine Brüder diese Mischung aus Trash- und Hochkultur so spielerisch beherrschen, denn das ist der beste Garant, dass der Alien Stammbaum noch ein paar Kerben bekommt und dass der ein oder andere Alien dazu gemalt werden muss.

Eins wird hier ganz klar, bei aller Professionalität im 21. Jahrhundert ist uns etwas ganz besonders wichtig: Arbeiten ist etwas sehr persönliches und es geht, bei aller Schnelligkeit des Business, darum, sich eine inspirierende Wohlfühlatmosphäre zu schaffen. Denn gerade bei Handwerk spielt eines eine Rolle: sich Zeit nehmen, um die Qualität zu sichern.
Floris van Bommel macht’s halt auf eine rockig, roughe Weise, ohne die Zwischentöne zu vergessen. Es wäre schön, wenn mehr Arbeitsplätze der Zukunft so aussehen würden und sich Individualität so durchsetzt – dass es funktioniert und Erfolg hat, beweisen die Holländer ja par excellence …

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  • Siegmar
    27. August 2013 at 13:24

    ganz, ganz wunderbarer Artikel, da würde ich gerne mal durchgehen und ausserdem sind die Schuhe von “ van Bommel “ wirklich toll und bezahlbar.Sein Laden hier in Mitte ist absolut sehenswert. 🙂

  • peter
    27. August 2013 at 13:28

    @siegmar
    dann meld dich doch da einfach mal an!!

  • thomash
    28. August 2013 at 15:59

    jetzt weiß ich endlich, warum ich meine van bommel-schuhe – abgesehen von ihrem äußeren – so gerne mag,