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Peter’s Cutting – Grasse, wo das Parfum zu Hause ist

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Bild: Chanel

Als wir letzte Woche beschlossen, bei Horstson eine ganze Woche dem Thema „Duft“ als Schwerpunkt zu widmen, fiel mir sofort ein, dass Düfte eigentlich etwas ganz Privates und Intimes sind. Natürlich gibt es heute eine ganze Duftindustrie, aber eigentlich beginnt alles mit dem Duft der Mutter, den wir als erstes bei unserer Geburt wahrnehmen und mit dem jedem Menschen eigenen Selbstgeruch – denn jeder von uns hat einen eigenen nur ihm zuzuordnenden Duft …
Daher kommt auch das Sprichwort „Jemanden nicht riechen können“ oder auch die besondere Zuneigung zu Menschen, „die wir besonders gut riechen können“.
Aber natürlich hat die Menschheit im Laufe der Jahrhunderte auch dort etwas erfunden, um dem ein bisschen nachzuhelfen und besondere Wohlgerüche kreiert, die den eigenen Geruch übertönen oder verändern. Düfte, die uns je nach Neigung mit dem Geruch versorgen, wie wir uns vorstellen, riechen zu wollen.
Schon die alten Ägypter versuchten die Duftstoffe von Blumen oder Harzen in Pasten zu fixieren und rieben sich damit ein. Wesentlich später, im 17.Jahrhundert, parfümierte man seinen Handschuh und die Handschuhmacher in Paris verkauften auch diese Düfte …
Ich werde euch hier aber nicht mit einer trockenen Duftgeschichte dem Abriss der Herstellung von verschiedenen Duftessenzen langweilen, obwohl das ein hochinteressantes Thema ist, aber auch den Rahmen dieses Artikels hemmungslos sprengen würde …
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Bild: Chanel

Beim Thema Duft fallen mir sofort zwei Dinge ein: das Buch „Das Parfum“ von Patrick Süskind, ein Weltbestseller, welchen er 1985 veröffentlichte und den man unter den verschiedensten Aspekten lesen kann. In erster Linie ist „Das Parfum“ ein Kriminalroman, über das Leben des genialen Parfümeurs Jean-Baptiste Grenouille. Es ist aber auch gleichzeitig das Werk, aus dem man alles über die Gewinnung von Düften und deren Hintergründe lernen kann. Obwohl es neun Jahre lang auf der Spiegel Bestsellerliste war, habe ich es erst vor zehn Jahren entdeckt und es hat mich so fasziniert, dass ich es in zwei Tagen komplett durchgelesen habe. Das Buch spielt in Paris, der Stadt, die man unweigerlich mit den großen Dufthäusern, wie Guerlain, Chanel, Dior oder auch Lubin, verbindet.
Das liegt aber eigentlich daran, dass die Stammhäuser dieser Marken in der französischen Hauptstadt liegen. Die eigentliche Welthauptstadt der Parfumherstellung liegt hingegen tausend Kilometer weiter südlich in Frankreich in der kleinen Stadt in der Provence: Grasse.
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Bild: Chanel

Patrick Süskind recherchierte Anfang der 80er bei „Fragonard“, einer Duftmanufaktur, die seit dem achtzehnten Jahrhundert auf traditionelle Weise aus Rosen, Jasmin oder Irisblüten auf nahezu unbeschreiblich umständliche und aufwendige Weise die Grundessenzen gewinnt, die später die Basis für ein Parfum, Eau de Parfum oder Eau de Toilette bilden. Diese Abstufungen kategorisieren die Konzentration der dann mit Alkohol gestreckten Essenz, die wir schließlich und endlich dann in unseren Badezimmern stehen haben. Bei Fragonard kann man heute noch in Rundgängen und Duftseminaren erleben, wie aus Millionen und aber Millionen von Blütenblättern, durch bedampfen, filtrieren und separieren die Duftstoffe gelöst werden, um sie dann zu destillieren. Bei einem dieser Rundgänge begreift man sofort, wie viel Rohmaterial man benötigt, um vergleichsweise wenig Duftstoffe zu erhalten.
Die Herstellung der natürlichen Duftstoffe gleicht einer Hexenküche und bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts konnten nur auf diesem Wege Duftstoffe gewonnen werden. Neben den Blütenessenzen wurden aus Harzen oder beispielsweise dem Drüsenprodukt des Pottwals oder den Sekreten der Zibetkatze Duftstoffe gewonnen. Kein Wunder, dass Parfums früher äußerste Luxusprodukte waren und teilweise mit Gold aufgewogen wurden. Überwiegend Könige und der Adel konnten sich überhaupt Parfums leisten.
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Bild: Chanel

Mit dem Fortschritt der Naturwissenschaften konnte man bald bestimmte natürliche Duftstoffe imitieren und auch vorher nicht zu separierende Düfte ganz neu erfinden. Wobei unsere Nase dort natürlich getäuscht wird und wir die Imagination haben, dass „etwas so riecht wie …“
Heute werden diese Düfte nicht nur in Parfums eingesetzt, sondern in nahezu jedem Bereich. So gibt es Laboratorien, Deutschland ist in diesem Bereich übrigens Marktführer, die die Düfte kreieren, wie ein Neuwagen von Innen zu riechen hat, oder es werden Läden „beduftet“, sehr zum Argwohn vieler Anrainer, um eine bestimmte Kaufatmosphäre zu verbreiten.
Wir sind ständig von solchen chemischen Düften, die viel stärker sind als natürliche, umgeben und häufig auch genervt davon. Komischerweise reagiert jeder anders auf Düfte und was der eine als Wohlgeruch empfindet, verursacht dem anderen Kopfschmerz oder Abneigung. Deswegen ist die Duftindustrie breit aufgestellt und es gibt von Land zu Land und Kontinent zu Kontinent erhebliche Unterschiede der Favoriten. Nur wenige Düfte sind Weltbestseller und kommen gleichermaßen gut an. Ein absolutes Phänomen ist Nº 5 von Chanel, ein Duft, den vom Asiaten über den Europäer bis zum Amerikaner alle mögen und der ständig, egal was neu auf den Markt kommt, die Erfolgslisten anführt.

Chanel Nº 5 ist eng mit dem Namen seines Hauses verbunden, obwohl seine „Nase“ eigentlich Ernest Beaux war, der für den Zaren von Russland Parfüms herstellte und durch die russische Revolution nach Frankreich zurückgekommen war. Chanel Nº 5 war zwar das erste „aldehyde“ Parfum, doch es war nicht der erste Designerduft im eigentlichen Sinne.
Vor Chanel hatte der Modeschöpfer Paul Poiret parallel zu seinen Modekollektionen auch Düfte lanciert, allerdings unter dem Namen „Parfums de Rosine“ – benannt nach seiner schon im Kindesalter verstorbenen Tochter.
Dass Modemarken mit Düften assoziiert werden ist also erst eine Erfindung des frühen 20. Jahrhunderts, vorher wurden sie von meist kleinen Parfumhäusern gemacht. Die ältesten und heute noch existierenden sind Lubin und eben Fragonard, die aber eher Nischenmarken sind und überwiegend von dem Vertrieb und der Belieferung mit Essenzen für die Marktriesen leben.
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Bilder: Chanel

In Grasse wird auf wirklich noch natürliche Weise Jasmin, Mairose und Lavendel angebaut und Häuser wie Chanel oder Dior haben mit den örtlichen Erzeugern und Landwirten Verträge, die die Ernten sichern und auch eigene Laboratorien und Forschungsstätten. Grasse ist eben die Welthauptstadt der Parfumgewinnung.
Guerlain ist ein reines Duft- und Pflegehaus und eine der klassischen Traditionsmarken. Neben Chanel und Dior ist Guerlain das Haus, was auf dem Klassikermarkt die Nase vorn hat. Obwohl gar nicht das Ursprungsland, ist Frankreich und Paris das, was die Menschen mit Luxus und Parfum verbinden. Französisches Parfüm ist praktisch das Synonym für alle Düfte.
Sozusagen die Nachfolger Grenouilles sind so bekannte Parfümeure wie Jacques Polge oder Christopher Sheldrake. Die beiden kümmern sich in Grasse auch um die Qualitätssicherung oder aber Frédéric Malle, der mit seiner „Edition de Parfums“ viel dazu beigetragen hat, dass Düfte wieder individueller werden.
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Links: Jacques Polge, rechts: Christopher Sheldrake; Bilder: Chanel

Von der Idee und der Vision eines Duftes bis zu seiner Marktveröffentlichung vergehen manchmal Jahrzehnte und die Herstellung ist immer noch, vom Pflücken der Blüten, bis zur Essenz, eine wahnsinnige Arbeit. Natürlich nehmen künstliche Rohstoffe gerade bei preisgünstigen Massen-Parfüms zu. Aber auch Auflagen der EU schreiben mittlerweile vor, dass Ersatzstoffe gefunden werden müssen, die hochwertigen Parfums enthalten aber immer noch die Inhaltsstoffe, die traditionell gewonnen werden.
Wer in die Duftherstellung und deren Geschichte einsteigen will, dem sei der Roman „Das Parfum“ von Patrick Süskind wärmstens ans Herz gelegt – nach der Lektüre des Buches weiß man viel über Düfte.
Mittlerweile schreien uns tausende Düfte aus den Regalen entgegen – Düfte, die meist eine kurze Halbwertzeit am Markt haben. Dass sich diese Düfte nicht am Markt behaupten können, verwundert uns nicht, denn meistens hat man einen oder zwei Düfte, die einen lebenslang begleiten, auch wenn man zwischendurch etwas Neues ausprobiert, man kommt immer wieder auf „seine“ Düfte zurück.

Welche Düfte das bei uns sind und was es Neues und Schönes am Duftmarkt gibt, erfahrt ihr diese Woche bei uns. Ich wüsste ja zu gern, welche Düfte Eure Favoriten sind? Zwei von mir verrate ich schon mal hier:
L’heure Bleue von Guerlain und Cuir de Russie von Chanel – beide fast hundert Jahre alt, aber immer noch voll unverschämter Modernität und Ausstrahlung. Die Düfte meines Lebens.

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  • Daisydora
    21. Oktober 2013 at 11:37

    Superschöner Bericht, Peter, bis hin zu den Bildern .. 🙂

  • Horst
    21. Oktober 2013 at 13:56

    Die Novellierung des EU Gesetzes sehe ich mit sehr viel Argwohn entgegen – sind da nicht alle Parfums von betroffen?

  • Daisydora
    21. Oktober 2013 at 14:27

    @Horst

    Nur so ein Zwischenruf: Wir dürfen zwar Sondermüll essen, aber die Herrschaften bei der EU müssen Allergiker, die ja nicht unbedingt ausgerechnet Chanel No. 5 kaufen müssten, dringend vor dem natürlichen Eichenmoos retten 😉

  • Siegmar
    21. Oktober 2013 at 16:47

    wunderbarer Bericht, die von oben Regulierungen der EU sind dermassen nervig und unangemessen, das bringt mich zum kochen. Dieses ganze EU-Parlament und die Behörden müsste dringend, auf das Mindestmass entschlackt werden,es kommt mir oft so vor, als ob die Gesetze alleine dafür gemacht werden, damit sich dieser ganz Apparat rechtfertigt. Ich bin ein grosser Befürworter der EU, micht ärgert nur was alles reglementiert wird.

  • Siegmar
    21. Oktober 2013 at 16:48

    Ich liebe Düfte und muss mich immer wieder bremsen um nicht noch ein Düftchen zu kaufen. Bei den Düften von Comme des Garcons werde ich aber immer schwach. 🙂

  • Duftwoche! Heute: Versace OUD NOIR | Horstson
    21. Oktober 2013 at 18:39

    […] hatte es vorhin schon angedeutet, jetzt mache ich es offiziell: Diese Woche dreht sich bei Horstson (fast) alles um Düfte und […]

  • Milky Diamond
    23. Oktober 2013 at 13:47

    Mich begleitet seit eh und je Opium von YSL. Ich suche ständig nach der klassischen Version, trage aber auch zur Abwechslung die neue Formulierung. Ein Klassiker, der mit nur einem Spritzer einen ganzen Raum einnimmt. Wunderbar.

  • PeterKempe
    25. Oktober 2013 at 20:17

    @ Milky
    Opium von YSL ist der absolute Hammer und einer meiner Traumduefte!

  • monsieur_didier
    26. Oktober 2013 at 10:18

    …ich denke, die Franzosen sind bei ihren Parfüms genauso clever wie beim Camenbert…
    damit dieser nicht der Regulierungswut Brüssels unterliegt und verliert erklärten sie ihn kurzerhand zum nationalen Kulturgut…
    irgendwie sind die Franzosen konsequenter und cleverer…