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Peter’s Cutting – Fratelli Prada Milano

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Bild: Prada

Ab dieser Woche ist es wieder so weit und die Fashion Karawane zieht nach Mailand. Mailand ist das Paris Italiens, nur irgendwie entspannter und es beinhaltet eine Vokabel, die man keinesfalls auf Paris anwenden kann: lässiger. Vielleicht liegt es daran, dass es wesentlich kleiner ist, aber auch die Einstellung der Italiener ist geduldiger und das sprichwörtliche „Dolce far niente“ ist überall zu spüren. Bevor die Herbst-Winter Defilees von Prada, Armani & Co diese Woche beginnen, fand in der letzten Woche die Stoffmesse für das Frühjahr 2015 statt, denn in den Ateliers wird schon fleißig daran gearbeitet, was wir im nächsten Sommer tragen sollen …
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Bild: Prada

Mailand im Februar, bevor die Fashion Week losgeht, wirkt wie eine beschauliche Großstadt, die überwiegend von den Einheimischen bevölkert wird. Die Touristenströme und Russen und Chinesen, die die Stores von Valentino, Fendi oder Dolce bevölkern, kommen erst ab Mitte März – also genau die Gelegenheit, in aller Ruhe die frisch eingetroffene Frühjahrsware in angenehm leeren Geschäften in aller Ruhe zu begutachten. Zurzeit hängen neben den Flagship-Stores auch die Kaufhäuser, wie „La Rinascente“ oder „Excelsior“, voll mit den Cruise Collections und der Sommerkollektion.

Es ist augenfällig, dass derzeit die meisten Modefirmen sehr stark auf Accessoires setzen. Handtaschen und Accessoires dominieren in einem Maß, dass man sich wundert, wer die alle kaufen soll. Natürlich gibt es aber auch einen Grund für diese Entwicklung: Accessoires sind schneller zu verkaufen, sie sind nicht abhängig von Konfektionsgrößen und werden häufiger gewechselt. Selbst in den meisten Modeproduktionen rücken die klassische Konfektion und das Prêt-à-porter immer mehr in den Hintergrund, da die Marketingabteilungen der Modehäuser ihren Fokus auf Accessoires legen. Noch nie gab es so viele Fotostrecken, in denen Models Taschen auf dem Schoß haben.
Irgendwie hat man schnell den Eindruck, dass auch bei den hochwertigen Brands der Rhythmus viel zu schnell ist und das es einfach zu viele, mit Verlaub gesagt, überflüssige Mode und Accessoires gibt.
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Bilder: Prada

Für mich gilt, dass je mehr Kollektionen existieren, je größer die Warenfülle wird und je mehr mich die Dinge mit „Kauf mich!“ anschreien, desto stärker habe ich das Gefühl, bei den Klassikern gut aufgehoben zu sein. Und genau bei diesen Marken gibt es, trotz hunderten Filialen, Shop-in-Shop Konzepten oder Cornern. Es sind diese Orte, an denen die Wurzeln der Marke liegen, ihre DNA zu finden ist und eigentlich sind es die Plätze, an denen man die Philosophie der Häuser am besten versteht und die noch den Zauber versprühen, den Mode zu einem der faszinierendsten Materien macht …
Solche Orte, an denen die Mode scheinbar verschnauft und durchaus noch sophisticated ist und nicht nur nach Konsum riecht, sind zum Beispiel die Stammhäuser von Christian Dior in der Pariser Avenue Montaigne, das einem Bienenstock gleichende Haus von Hermès in der Faubourg Saint-Honoré oder Chanels Kommandozentrale in der Rue Cambon. Valentinos & Fendis Stammsitze in Rom versprühen genau den gleichen Zauber.
Was liegt also näher, wenn man in Mailand ist, genau diese Wurzeln der Marke zu suchen, die meine Generation zum großen Teil geprägt und begleitet haben. Einer dieser Orte, der sich genau diese Oase bewahrt hat, ist „Fratelli Prada“ in der eindrucksvollen Einkaufspassage Vittorio Emanuele II am Piazza del Duomo.
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Bild: Prada

Vittorio Emanuele II ist trotz Louis Vuitton und Co. immer noch von kleinen Geschäften für Handschuhe, Souvenirs, Kupferstichen, Silberwaren und der Buchhandlung Rizzoli durchsetzt und strahlt den Geist der Zeiten von gigantischen Kaufkathedralen aus. Novum ihrer Zeit zur Jahrhundertwende, siedelte sich dort 1913 eine italienische Familie an, um Schirme, Stöcke, Koffer, Reiseutensilien und Adressbücher aus eigener Werkstatt zu verkaufen. Ganz nach englischem Vorbild, denn die Briten gaben zu der Zeit absolut den Ton an, was die Gestaltung von Geschäften anging. Also wurde ein weiß-schwarz gewürfelter Marmorboden verlegt, prächtige Glasvitrinen mit feinen Tropenhölzern gebaut und hohe Schränke, die wie Waffenschränke aussahen, in denen die Pradas ihre „Ombrellis“ und Stöcke präsentierten. Beste Qualität und Handwerk sprachen sich schnell rum und bereits 1919 avancierte Prada zum italienischen Hoflieferant und Mario Prada belieferte europaweit Adel und Bourgeoisie.
Prada wurde Traditionshaus und wer in Mailand auf sich hielt, ging zu „Fratelli Prada“. Die große Wende kam Ende der Siebziger Jahre, als Marios talentierte Enkelin Miuccia in die Firma einstieg und moderner und vor allem globaler werden wollte. Sie lernte einen toskanischen Geschäftsmann kennen, Patrizio Bertelli, der seine eigenen Ledertaschen, Granello und Sir Robert, herstellte. Bertelli kooperierte mit Miuccia zuerst geschäftlich, später dann auch privat und heiratete sie schließlich. Kongenial, sich die Ideenbälle zu werfend, glaubten sie daran, dass es neben den klassischen Ledertaschen und dem Reisegepäck eine Möglichkeit wäre, neue Materialien und eine lässigere Art des Reisegepäcks auch in eine Traditionsmarke einbinden zu können und so neue Generationen und Käufer erreichen zu können. Miuccia wollte Prada luxuriös halten, aber gleichzeitig jünger machen.
Um das neue Konzept zu zeigen und der Familie zu beweisen, dass so etwas möglich ist, wurde ein separater Laden in der Via della Spiga gegründet und sie konnte so ihre neuen Produkte präsentieren, während man im Stammhaus weiter auf die Klassik setzte. Damals wahrscheinlich nicht ahnend, welche Revolution sie lange vor Pradas Damen- und Herrenmodelinien, die erst viel später ins Portfolio von Prada kam, ersann, lancierte sie ein Material, das die Basis ihres Imperiums legen sollte und das bis dahin völlig undenkbar für Taschen gewesen war. Nylongewebe – robust, leicht und strapazierfähig. Nylon? Für eine Luxusmarke ungewöhnlich, aber dem nicht genug: Ihre Taschen waren gesteppt und hatten lange vergoldete Aluketten. Auf den ersten Blick sahen sie wie aufgepustete Chanel Taschen aus, die damals völlig aus der Mode waren …
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Bilder: Prada

Zunächst erschien es so, dass die Taschen ein totaler Flop sind. Sie waren zu ungewohnt und vor allem zu groß. Damals wurden kleine Umhängetaschen getragen und Miuccia setzte auf große Taschen, in der die arbeitende Frau auch Wechselschuhe und Einkäufe verstauen konnte. Doch Mailand wurde Anfang der Achtziger zum Wallfahrtsort der Einkäufer und schnell erkannten amerikanische Firmen, wie Bergdorf Goodman und Barney’s, dass für Städte wie New York oder London es nahezu Ideal ist, leichte und geräumige Taschen zu haben. Die Orderbücher füllten sich rasant und Bertelli organisierte die Produktion. Die erste große Prada Welle rollte und bekam eine rasante Entwicklung, sodass Miuccia ein weiteres Accessoire in die Kollektion aufnahm, das man bis dahin nur zum Wandern in den Dolomiten benutzt hatte. Das Item, das perfekt als Repräsentant des wichtigsten Accessoires der Neunziger Jahre gelten könnte, wurde geboren: Der Prada Rucksack.
Neben Miuccias Lieblingsfarbe Schwarz, wurde er vornehmlich in Schokoladen-Braun, Nato-Oliv oder Marine-Blau angeboten. Im Sommer dann in Knallfarben wie Orange oder Rot. Es gab keinen Fashion Freak, der ihn nicht begehrte oder besessen hätte. Bis heute ist der Rucksack in der Produktion und wird millionenfach verkauft.

Ab 1986 gab es dann Flagship-Stores in London, New York, Paris und New York.
1988 wagte sich Miuccia, deren Herz immer schon der Mode gehörte, ihre erste Prêt-à-porter Kollektion zu präsentieren. Ihr Stil war sehr intellektuell, grafisch, pur und immer mit einer Prise des Neorealismus und der Zeit von Anna Magnani des Mailands nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Rest ist dann eine unglaubliche Erfolgsstory, inklusive Gründung der Prada Group mit Marken wie Church’s.
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Bild: Prada

Miuccia Prada ist die Schiaparelli unserer Zeit und steht international als eine der erfolgreichsten Designerinnen da. Kunst und Mode verschmelzen bei ihr perfekt, ohne kommerziell zu werden – etwas, was kaum sonst gelingt. Heute ist Prada eine der bekanntesten Marken der Welt und hat das in einer Zeitspanne von weniger als dreißig Jahren geschaffen.
Der Laden, in dem alles begann, ist heute zwar größer, aber die Vitrinen, den Fußboden und die hohen Schränke gibt es immer noch. An einem ruhigen Nachmittag im Februar fühlt man sich so, als wäre es immer noch so wie bei stolzen Mailändern, die feine Reiseutensilien produzieren. Der Zauber ist erhalten, auch wenn auf den Kulturbeuteln mittlerweile Hibiskusblüten prangen.

Zukunft, die aus der Tradition kommt – bei „Fratelli Prada“ in der Galleria Vittorio Emanuele II schlägt bis heute das Herz der Familie. Ich glaub, ich muss meinen Nylon Rucksack wieder raus holen …

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  • thomash
    18. Februar 2014 at 10:34

    kempes artikeln kann man einfach nicht widerstehen. perfekt recherchiert, unglaublich fundiert, schön durchdacht und klasse geschrieben. freu mich auf den nächsten und nächsten und nächsten.
    nur den prada-rucksack kann ich immer noch nicht leiden 😉

  • Siegmar
    18. Februar 2014 at 12:21

    ich stimme Thomash Kommentar in jedem Punkt zu Peters Artikel zu, ganz wunderbar geschrieben. Der Prada Rucksack war damals für mich so begehrlich, das ich ihn haben musste, leider mittlerweile verschenkt. Das war wirklich ein dieser Dinge wo ich nicht nein sagen konnte. Das Talent und Können von Muicca Prada finde ebenfalls grandios.

  • Markus Brunner
    18. Februar 2014 at 12:28

    „…je größer die Warenfülle wird und je mehr mich die Dinge mit “Kauf mich!” anschreien, desto stärker habe ich das Gefühl, bei den Klassikern gut aufgehoben zu sein.“

    toller bericht!!

  • j
    18. Februar 2014 at 12:37

    Danke, der Artikel har meinen Tag gerettet 🙂

  • vk
    18. Februar 2014 at 19:00

    fall winter 1988 pretty much my cup of tea.

  • vk
    18. Februar 2014 at 19:01

    bin halt ein fan absurd realistischer bauhausfotografie.

  • Gérard
    20. Februar 2014 at 22:25

    parole al dente.