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Paris – Mon Amour

Seit fünf Jahren schreibe ich bei Horstson über Mode, Stil und die Hintergründe des Metiers und versuche, Pariser Haute Couture zu erklären. Ich erzähle die Geschichten, die von den Handwerkern, den Kreateuren oder den Menschen hinter den Kulissen berichten. Wir versuchen Euch Entdeckungen oder „Must-haves“ vorzustellen, die uns im Laufe des Jahres begegnen und manchmal gelingt es uns auch, Modeschätze zu heben. Das Schöne an diesem Blog ist, dass wir nicht nur wissen, wie unsere Leser ticken und dass wir zu vielen im Laufe der Jahre persönlichen Kontakt aufgebaut haben. Auch ihr wisst, wo die Schwerpunkte eines jeden einzelnen unserer Autoren liegen.
Obwohl wir uns nicht, wie auf anderen Blogs üblich, ständig selbst abbilden oder in den neuesten Klamotten zeigen, blinkt doch die ein oder andere Vorliebe eines jeden Autoren durch. So hat sich der ein oder andere Leser bestimmt schon ein Bild seines Lieblingsautoren gebildet. Dabei weiß jeder, der meine Beiträge ein bisschen studiert, dass ich ganz tief mit einer Stadt verwurzelt bin, die wie keine andere für die Freiheit, die Lebensart und die Kreation von Mode und Accessoires steht: Paris.
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Normalerweise würde ich heute ein Thema auswählen, um für den morgigen Tag etwas zu schreiben, das mit den aktuellen Kollektionen oder vielleicht auch mit dem ein oder anderen Trend zu tun hat. Heute ist es aber anders als sonst. Ich möchte einen Artikel schreiben, der ganz viel mit mir und den Ereignissen zu tun hat, die uns am 13. November wie eine kalte Dusche erwischt haben und, wie es in dieser Woche häufig zu lesen war, mit der Art, wie wir in Europa leben, mit unserer Freiheit und der Toleranz, die für uns selbstverständlich erscheint.
Es sind in den letzten Tage wahnsinnig viele Artikel geschrieben und viel gesagt worden. Ich habe nicht den Anspruch, eine politische Analyse abzuliefern oder weitere Statements zu den Attentaten abzugeben. Es geht mir um die Angst, die viele Freunde und Einwohner von Paris, verspüren und mit denen ich in den vergangenen Tagen gesprochen habe. Diese Stadt kann nur leben, wenn sie weiterhin von vielen Menschen besucht wird. Menschen, die an dem Leben dieser unfassbar schönen Metropole teilnehmen und sich nicht abschrecken lassen von dem, was an einem ganz normalen Tag – sogar einem herrlichen Novembertag – passiert ist.
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„Paris bleibt immer Paris“ hat schon Ernest Hemingway in seinem Roman „Paris – Ein Fest fürs Leben“ geschrieben. Ein Buch, das seinen Aufenthalt in Paris in den Zwanziger Jahren beschreibt, nachdem sich die große dunkle Wolke des Ersten Weltkrieges verzogen hatte. Ein Ereignis, das für die Menschen so einschneidend gewesen war, dass sich sämtliche politische Verhältnisse in Europa verändert haben und sich aus dem Begreifen, das Frieden und Sicherheit nicht selbstverständlich waren, eine neue Lebenseinstellung entwickelte. Selbst heute findet man noch die Stimmung und den Geist, den Hemingway beschreibt, an vielen Orten der französischen Hauptstadt wieder.
Paris ist eine Haltung, das spürt man an jeder Ecke. Trotz der allgegenwärtigen Modernität ist die Stadt äußerst traditionell und von liebenswertem Charme geprägt. Natürlich ist das Leben in dieser Stadt – ähnlich wie in London oder New York – unfassbar teuer. Paris ist im Alltag hart und man sieht den Stress und die Intensität dieser Stadt den Menschen auch an. Aber jeder Blick, jeder Schritt und die Inspiration, die aus den tausendfachen Details entspringt, geben einem diesen Preis tausendfach zurück.
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Mir erscheint es in Paris einfach, Ideen zu bekommen. Es reicht oft schon aus, in einem Café zu sitzen und die vorbeigehenden Passanten zu beobachten. Ein jeder scheint sich Gedanken gemacht zu haben, ein kleines Detail oder Accessoire hinzugefügt, bevor er aus seiner Haustür gegangen ist und die Trottoirs dieser großen Bühne betreten hat. Worüber wir sonst berichten, oder in Magazinen zu sehen ist – in Paris begegnet es einem auf der Straße. Trends und Raffinessen scheinen sich mit schneller Geschwindigkeit zu verbreiten. Luxus und „sich etwas gönnen“, gut zu essen und sich mit Kunst oder schönen Dingen zu beschäftigen, lässt den Alltag leichter und mit einer gewissen Grandezza erscheinen. Sofort sieht man, wem dieser Chic angeboren wurde und wer diese Lebensart, die auch mit der Freiheit und der Liberalität dieser Stadt zu tun hat, beherrscht. Wenn man Ideen für eine neue Kollektion sucht oder Trends erkennen will, braucht man nur in die verschiedenen Arrondissements schauen – und schwupp – sprudeln die Ideen. Die Ideen werden dann durch die Menschen, die millionenfach diese Stadt besuchen, in andere Kontinente getragen.
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Seit Jahrhunderten orientiert sich Europa an dem „Gout Parisien“. Durch die Öffnung der Welt sind französische Luxusgüter und Mode in Russland und Asien begehrt wie nie. Die Frauen in aller Welt wollen so wie die Bewohnerinnen dieser Stadt sein. Nicht umsonst verkaufen sich Bücher wie „How to be Parisian wherever you are“ oder die Tipps der französischen Stilikone Inès de la Fressange wie warme Semmeln. Man kann es nicht erklären, aber es liegt einfach an den Schwingungen und dieser besonderen Atmosphäre von Paris. Vielleicht liegt es auch daran, dass es einfach die schönste Stadt der Welt ist – zumindest für mich …
Paris ist meine große Liebe – natürlich neben den Menschen, die ich liebe oder die meine Freunde sind. Es ist für mich der wichtigste Ort auf der Welt. Ein Ort, an dem ich weinen, lachen, lieben kann und an dem ich sein möchte. Ein Ort, der alle meine Träume erfüllt und der mich stark und schwach sein lässt und beschützt; der mir gut zuredet oder mir die Stärke verleiht, um genau den Weg zu gehen, den ich gehen muss.
Obwohl ich nicht in Paris geboren bin, habe ich alle wichtigen Entscheidungen meines Lebens dort getroffen. Ich habe die schönsten und manchmal auch die traurigsten Stunden dort verbracht und in allem, was ich bin und getan habe, hat mich Paris beeinflusst und geprägt.
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Als ich im Alter von 10 Jahren mit meinen Eltern das erste Mal in Paris war, habe ich gespürt, dass ich lebenslang nichts anderes wollte, als in Paris zu sein. Am Palais de Chaillot, auf einem Brunnenrand sitzend, in kurzer Hose, Asterix T-Shirt mit Flockprint-Druck und Sandalen, spürte ich unbewusst, dass dieses ganz spezielle Fluidum die Welt war, in der ich leben wollte. Die Römer nannten es den „Genius Loci“ – der Geist des Ortes. Der Ort, wenn er einen erfasst, einen nie wieder loslässt. Das ist bis heute so geblieben. Auch wenn es sich fast kitschig anhört, habe ich Paris alles zu verdanken, was ich denke, fühle und was ich bin. „So ein Quatsch!“, wird mancher sagen – man ist das Produkt seiner Eltern, der Erziehung und seiner sozialen Prägung. Das ist richtig, aber es gibt auch etwas, was sich mit der „magischen Kraft des Ortes“ beschreiben lässt und wofür ich Paris ungeheuer dankbar bin.
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Schon oft gab es in Paris Attentate und schwere Zeiten, die den Menschen Angst gemacht haben. Ich erinnere mich daran, dass ich in den Achtziger Jahren erlebte, wie Bomben in den „Galeries Lafayette“ detonierten oder wie zu Zeiten des Golfkrieges die Haute-Couture-Schauen in eisiger Atmosphäre unter den höchsten Sicherheitsvorkehrungen stattfanden. Abends waren die Restaurants entweder geschlossen oder man saß dort allein. Aber es gab natürlich auch noch kein Social Media, die solche Stimmungen in Windeseile verbreiteten.
Regelmäßig erschienen auch nach 2001 die Meldungen, dass Amerikaner aus Angst vor Terroranschlägen weniger in die Stadt kamen. Auch der Anschlag auf „Charlie Hebdo“ war erst in diesem Jahr. Trotzdem lebt Paris weiter und das ist auch der Grund, warum man die Stadt gerade jetzt weiter besuchen sollte. Nicht nur aus Solidarität den Parisern gegenüber, sondern auch, um die Freiheit eines jeden Einzelnen zu stärken. Für uns Horstson-Autoren und unsere Leser ist Liberalität, Freiheit und ein selbst gewähltes Leben eine Selbstverständlichkeit. Vielleicht ist es genau das, was uns in diesem Fall diese besondere Angst macht: Dass ein Konzert- oder ein Restaurantbesuch das Leben so verändern kann – egal wo wir sind – das Gleiche wieder passieren könnte. Zu einem Zeitpunkt, den man nicht vorausahnt.
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Der 13. November verbrachte ich einen ganz besonders schönen Tag in Paris. Am Abend saß ich mit dem Menschen, der mich am meisten auf der Welt liebt und in ganz wunderbarer Gesellschaft im „Le Bistrot de Paris“, meinem Lieblingsrestaurant. Ich dachte daran, wie sehr ich Paris liebe und wie glücklich ich gerade bin. Fünf Minuten später kamen die Nachrichten der Explosionen und der Besetzung des „Bataclan“.
Es war eine Nacht, die den Himmel über Paris für uns alle verdunkelte. Der Schock sitzt tief aber es darf uns nicht misstrauisch machen – das hat Paris nicht verdient.
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Ich fahre auch morgen wieder in die Stadt an der Seine. In guten wie in schlechten Zeiten ist Paris für uns da. Doch jetzt braucht Paris genau die Liebe, die Inspiration, die Freiheit und den Alltag zurück, den die Einmaligkeit ausmacht – Paris – Mon Amour!

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  • Paul
    23. November 2015 at 12:17

    Merci <3

  • Monsieur_Didier
    23. November 2015 at 12:27

    …eine wunderbare Liebeserklärung… <3 !

  • blomquist
    23. November 2015 at 13:09

    <3
    und ich denke immer gerne an meinen ersten Paris-Besuch zurück.
    Schliesslich hatte ich ja auch den besten Paris-Experten als Begleiter…

  • Tim
    23. November 2015 at 14:15

    Was für ein wundervoller Beitrag! Danke dafür!

  • Siegmar
    23. November 2015 at 17:04

    was für ein wunderbarer Artikel und was für eine wundervolle Liebeserklärung an die Stadt der Liebe. Ich habe gerade gestern im TV gesehen das Hemmingways „Paris – Ein Fest fürs Leben“ nach dem Terror in allen Sprachen ausverkauft ist, ein Buch lieber Peter das du mir vor 4 Jahren zu Weihnachten schickest. 🙂 Danke für den Artikel.

  • fashionnerd
    23. November 2015 at 20:54

    Lieber Peter,
    jedes Wort über die schöne Stadt ist mir aus der Seele gesprochen. Nach dem Abi in Köln habe ich jeden, damals noch Pfennig, und jede freie Minuten in Fahrten nach Paris investiert. Aber ich habe unendlich viel zurück bekommen. In dieser Stadt wurde ein unbestimmter Wunsch zur Gewissheit, mein berufliches Leben der Mode zu widmen.
    In der Zeit, die ich nicht in Paris sein konnte, überbrückte ich mein Fernweh mit Ernest Hemingway.
    Ich glaube fest daran, dass Paris und die Pariser sich die Lust am Leben nicht nehmen lassen.
    Vielen Dank für den schönen Beitrag.

  • Stephanberlin
    24. November 2015 at 09:21

    Paris hat auch die deutsche Besatzung überlebt…und das sah jahrelang auch nicht gut aus. Wer weiß, was sich aus der Situation entwickelt. There will always be Paris!

  • Die Woche auf Horstson – 48/2015 | Horstson
    29. November 2015 at 15:46

    […] 4) Peter hat seiner Lieblingsstadt eine ganz besondere Liebeserklärung gemacht – Paris – Mon Amor! Wir wünschen Euch einen schönen […]