Interview Literatur

Nachgefragt bei … Ariane Sommer

(Bild: Manfred Baumann // Aufgenommen in der Sheats-Goldstein-Residence, zwischen 1961 und 1963 von Architekt John Lautner in Los Angeles erbaut)

Party-Marathon, ein Bad in der (Schoko-)Menge und mediale Aufmerksamkeit en masse – wer den Namen Ariane Sommer in den Raum wirft, erntete lange Zeit oberflächentaugliche Schlagwörter wie diese. Beinahe jedem ist die blonde Schönheit ein Begriff, und vorschnelle Zuschreibungen bleiben selten aus. Dass die verflixt clevere Ariane (so darf ich es sagen, weil ich sie selbst schon erleben durfte) mittlerweile auf dem besten Wege zur Bestsellerautorin ist, wissen die wenigsten: Mit ihrem aktuellen Roman „Lieben lassen“ trifft sie den Nerv der Zeit und gibt der Generation „Beziehungsunfähig“ ein Gesicht. Gemeinsam mit ihrem Co-Autor Roman Libbertz schafft sie ein rasant daherkommendes Stück Literatur und zögert nicht eine Sekunde, detailreich über Liebe, Lust und Einsamkeit zu berichten.

Wer jetzt einen deutschen Abklatsch à la „Fifty Shades of Grey“ vermutet, liegt mindestens genauso falsch wie mit der Annahme, dass Ariane noch immer als Party-Girl Berlin unsicher macht. Heute arbeitet sie als Kolumnistin und Journalistin, mitunter für die TAZ. Zudem wird sie regelmäßig als Expertin für die Bereiche Kultur, Nachhaltigkeit, Ernährung, Lifestyle und Wellness in deutsche Fernsehformate eingeladen. Chapeau, Hut ab! Ich bin gespannt auf das Gespräch mit der gebürtigen Bonnerin…

Liebe Ariane, lass uns mit folgender Frage anfangen: Was fasziniert Dich am Schreiben?
Ich liebe das damit verbundene Geschichtenerzählen. Die Möglichkeit, neue Lebensentwürfe im Kopf auszuprobieren und dabei in ganz andere Welten eintauchen zu können.

„Gründliche Interessen sind ein Schatz, der im Stillen wächst und Interessen zu Interessen schlägt“ – Würdest Du diesem Gedanken von Goethe zustimmen?
Ganz klar: Ja! Sich intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen, lässt einen emotional und auch geistig wachsen. Anders als dieses ziellose Hüpfen von einer Ablenkung zur nächsten.

Kannst Du Dich noch an den Moment erinnern, als Dich Literatur zum ersten Mal wirklich gefesselt hat?
Das war mit circa acht Jahren, als ich das „Bildnis des Dorian Gray” gelesen habe. Meiner Meinung nach ist der Roman eine der faszinierendsten Studien des potentiell Monströsen in uns selbst. Nicht Goethe, sondern Oscar Wilde war ganz klar meine Jugendliebe! (lacht)

Passendes Stichwort: Liebe. Welchen Stellenwert haben persönliche Erfahrungen bei der Erarbeitung Deines Romans „Lieben lassen“?
Persönliche Erfahrungen im Sinne von erlebten Szenen sind in „Lieben lassen” eher nicht mit eingeflossen, dafür aber einiges an durchlebten Emotionen. Klar, das was man schreibt wird immer auch vom Selbst, also den von dir angesprochenen persönlichen Erfahrungen beeinflusst. Das kann aber auch nur eine gewisse Basis sein, von der man ursprünglich ausgeht und die einen im weiteren Verlauf gegebenenfalls komplett abschweifen lässt.

Spielt Deine Vergangenheit als „Deutschlands erstes It-Girl“ für den Handlungsstrang Deines Romans eine Rolle?
Meine Protagonistin aus „Leben lassen“, Alex Mondo, kommt aus einer ganz anderen Welt und weist auch nicht viele Parallelen zu meiner Person auf: Sie ist eine in der internationalen Kunstszene anerkannte Fotografin, Einzelgängerin und Sklavin ihrer existentiellen Ängste – das wird z.B. durch ihre ungeheure Erblindungsfurcht deutlich.
In meiner Kurzgeschichtensammlung „Foreign Affairs” kommen jedoch viele persönliche Eindrücke und Erlebnisse aus der, nennen wir sie mal Jet Set Welt, zum Tragen.

Du stammst ursprünglich aus Deutschland, heute lebst und arbeitest du überwiegend in Los Angeles: Wie ist es dazu gekommen?
Ich bin zwar in Deutschland geboren, aber nicht hier aufgewachsen. Aufgrund der Arbeit meines Vaters – er war im diplomatischen Dienst – bin ich schon als Säugling durch die Welt gezogen. Stationen meines Lebens waren unter anderem Freetown in Sierra Leone, New Delhi in Indien, Madrid sowie Barcelona in Spanien, Miami, Berlin und … London. Von London bin ich dann vor fast elf Jahren nach Los Angeles gezogen, der Liebe wegen.

Das klingt nach aufregenden Zeiten für ein Kind: Gibt es einen Platz auf der Welt, der Dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Der nachhaltigste Eindruck meiner Kindheit ist vor allem, dass es unglaublich viele schöne Orte, Menschen und Lebensweisen auf dieser Welt gibt. So hat jede dieser Reisen auch meine innere Reise, also oben erwähnte Eindrücke und Erlebnisse, maßgeblich beeinflusst.


Wie definierst Du für Dich, trotz zahlreicher Standortwechsel, den Begriff „Heimat“?
Ganz unterschiedlich. Meine Wurzeln sind deutsch, ebenso wie ein Teil meiner Wertvorstellungen. Heimat muss für mich jedoch nicht ausschließlich mit den eigenen Wurzeln verbunden sein. Heimat kann auch aus einem bestimmten Ritual an einem bestimmten Ort bestehen, wie z.B. dem besonderen Gericht, das man in einem bestimmten Restaurant immer wieder bestellt. Oder der Bank in einem Park, die man seit Jahren besucht. Zudem kann das Gefühl von Heimat auch ein Mensch bei mir auslösen: Meinem Mann sage ich z.B. immer: „DU bist mein Zuhause.”

Wann bist Du auf die Idee gekommen, ein Buch gemeinsam mit Roman Libbertz zu schreiben?
Die Idee entstand vor ein paar Jahren, als Roman und ich eine Kurzgeschichte zum Thema One-Night-Stand, ebenfalls aus der wechselnden Erzählperspektive „sie“ und „er“, im „Face Magazin“ veröffentlicht haben. Die Geschichte kam damals sehr gut an und uns als Autoren hat diese schreib(-erisch)technische Form des Pingpongs fasziniert. Ganz abgesehen davon, dass es keine Liebesgeschichte auf dem Markt gab, die sowohl die männliche als auch die weibliche Sicht der Dinge beleuchtet.

„Schreibtechnisches Pingpong“, ein großartiger Begriff: Wie kann man sich Eure Zusammenarbeit vorstellen?
Kurz gefasst? Als tausende von E-Mails über den Atlantik hinweg! Aufgrund des Zeitunterschieds eher weniger Telefongespräche. Da Roman in München lebt und ich in Los Angeles, konnten wir nicht bei jedem Geistesblitz spontan anrufen.

Wie entwickelt man dabei eine gemeinsame Sexszene? Es erscheint mir schon in der Schauspielerei absurd, wie sieht es bei dem Thema in der Literatur aus?
Wir haben die Sexszenen, ebenso wie den Rest der Geschichte, aus dem Fluss heraus geschrieben. Einige Eckdaten wie Orte, Zeit und generelle Stimmung haben wir abgesprochen, ansonsten haben wir jedoch aufeinander reagiert – vielmehr haben wir unsere beiden Protagonisten aufeinander reagieren lassen. Das war ein unheimlich spannender, kreativer Flow! Das Wichtige bei unserer Geschichte ist es jedoch, dass wir die Sexszenen in keiner Weise zensiert haben. Dabei war es sicher von Vorteil, dass wir beim Schreiben nicht gemeinsam in einem Zimmer gesessen haben. (lacht)

Spannend, spannend! Zurück zur Person Ariane: Wie sieht Dein Arbeitsalltag aus?
Sehr unterschiedlich, da ich gerade an etlichen Projekten arbeite, die von den Schwerpunkten her variieren. Meist beginne ich meinen Tag morgens recht früh, zwischen sechs und sieben Uhr stehe ich auf. Dann trinke ich Superfood-Kaffee – typisch L.A. –, gehe mit meinem Hund Teddy spazieren, lese im Anschluss online internationale Nachrichten und beantworte E-Mails. Danach nehme ich mir Zeit, um zwei bis drei Stunden schreiben zu können. Mittags mache ich Sport und nachmittags sitze ich noch mal ein paar Stunden vor dem Rechner. Es kann natürlich immer auch sein, dass ich für Recherchezwecke oder Interviews unterwegs bin.

Woran arbeitest Du aktuell?
Momentan arbeite ich an zwei neuen Buchkonzepten: Das eine ist ein Thriller, das andere ein holistischer Wellness-Ratgeber. Konträrer könnte es nicht sein, aber gerade das bereitet mir enorm viel Spaß! Zusätzlich erscheint in der Wochenendausgabe der taz meine Kolumne über veganen Lifestyle, für die Bunte berichte ich aus Hollywood und zwischendurch schreibe ich auch noch für Die Welt Beiträge zum Thema Gesellschaft.

Damit deckst Du ein breites Feld im Journalismus ab …
Noch etwas anderes, das hätte ich fast vergessen: Ich entwickle gerade meine eigene Beauty- und Wellnesslinie. Was die Inhaltsstoffe angeht, verbinde ich altes Wissen, z.B. aus der chinesischen Medizin und dem Ayurveda, mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die Produkte sind vegan und werden nicht an Tieren, sondern an mir selbst getestet.

Der zweite Teil des Interviews folgt in Kürze!

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  • René
    17. Mai 2016 at 13:19

    Ich verfolge die Karriere von ihr schon seit igren Schokoladenbad und hätte damals nicht gedacht das sie die Kurve kriegt.
    Bin gespannt auf das Buch!

  • Siegmar
    17. Mai 2016 at 15:41

    Nun, ich beobachte ihre Karriere nicht und hätte auch kein Interesse ein Buch ( mit CoAutor ) von ihr zu lesen. Interessant ist die Idee mit der Beauty- und Wellnesslinie und mit dem veganen Hintergrund.

  • Monsieur_Didier
    17. Mai 2016 at 19:53

    …ich glaube, mit sechs oder sieben Jahren habe ich das fliegende Klassenzimmer gelesen und eine Biografie über Madame Dubarry…
    da liegen Welten dazwischen, aber das Bildnis des Dorian Gray war für mich Lichtjahre entfernt…
    aber das mag auch daran liegen, dass mein Vater nicht im diplomatischen Dienst war 😉

    kurz zusammengefasst: …ich finde Ariane Sommer nicht wirklich spannend, das war mir alles immer zu medial orientiert…
    egal, jeder soll seinen Weg gehen und alles ausprobieren, was er oder sie gerne möchte, es entscheiden ja immer andere, wie erfolgreich man dabei ist oder wird…

  • Nachgefragt bei … Ariane Sommer / Teil II des Interviews | Horstson
    20. Mai 2016 at 10:41

    […] in deutsche Fernsehformate eingeladen. Den ersten Teil des umfangreichen Interviews gibt’s hier zum Nachlesen, wir setzen beim Thema Showbusiness […]