Gesellschaft Pride

„In der Ferne tuten die kleinen Signalhörner und melden daß eine Sprengung in der Schlucht bevorsteht*

(Bild: Screenshot; Leipziger Studie „Die enthemmte Mitte„)

Ein lieber, schwuler Freund von mir beklagte sich vor einiger Zeit, dass ihm Facebook zu politisch wurde und ihn das nervt. Kaum war der Amoklauf eines Geisteskranken in Orlando bekannt, überschlugen sich seine Postings und er wurde innerhalb von Stunden, ach Quatsch, Minuten zum Queer-Aktivisten. So ganz sicher bin ich mir nicht wie lange das anhält, aber ich gehe ja immer vom besten Fall aus. Ich würde mich aber auf jeden Fall freuen wenn jetzt der Groschen gefallen ist und er merkt, dass gerade wir als Schwule die Fresse aufmachen müssen und Stellung nehmen.

Ein anderer Bekannter wiederum empörte sich gemütlich aus seinem Kreuzberger Kneipen-Mikrokosmos, dass -die Medien- die Opfer als explizit homosexuell benannten. Vielleicht war ihm im Nebel von Zigarettenqualm und Bierdunst zu diesem Zeitpunkt entgangen, dass es sich um einen Anschlag auf die Queere-Gemeinschaft handelte. Es ging nicht um ihn oder die anderen Heterosexuellen und aus diesem Grund ist es wichtig die Menschen, die Opfer, die Toten auch so zu bezeichnen was sie waren und sind. Lesben, Schwule und Trans-Menschen, Homosexuelle.

Und während die Metropolen der Welt ihre Wahrzeichen in den Farben des Regenbogens leuchten lassen um Trauer und Unterstützung zu beweisen, labert Merkel rum und hält die „Fan-Meile“ für wichtiger und unterstützt den nationalistischen EM-Scheissdreck.

In ihren Augen war es ein Anschlag auf die gesamte Menschheit und die westlichen Werte. Entweder sie will deutlich machen wo ihre Prioritäten liegen und/oder sie ist einfach zu dämlich zu begreifen um was es hier eigentlich geht. Den Hitlergruss zeigen die besorgten Fußball-Fans und Party-Patrioten auch viel authentischer vor den deutschen Farben.

Zu guter Letzt nutzte ein abgehalfterter Ex-Chefredakteur eines Schwulen-Magazins die Gunst der Stunde um erneut seine fadenscheinigen Hetztiraden gegen Muslime und die „Links-versiffte Homo-Lobby“ raus zu kotzen. Ohne einen Moment die Hintergründe des Attentats zu recherchieren oder gar in Frage zu stellen (Wäre ja auch das erste Mal) verfasste er einen Blödsinn auf seinem Blog, dessen einziger Zweck es war, wieder eine Sprosse höher auf der rechts-populistischen Medien-Karriereleiter zu stolpern. So viel sei ihm versichert, wüssten seine neuen Freunde aus dem AfD-Nazi-Umfeld über seine Freizeitgestaltung Bescheid, müsste er schneller einen Rückflug nach Rom buchen, als ihm lieb ist.

Dass Homophobie in muslimischen Ländern aber auch bei Muslimen die in Deutschland leben und geboren sind, unfassbar ausgeprägt ist, wird niemand bestreiten. Aber es ist eben kein exklusiv muslimisches, sondern ein weltweit Konfession-übergreifendes Problem.
Auch in Deutschland wo die Hass-Demonstrationen der Schreckschraube Hedwig von Beverfoerde, unter dem Deckmäntelchen von konservativem Lebensschutz, aus allen Ecken der Gesellschaft Zulauf bekommen. Politischen Support erfahren sie aber in erster Linie von Seiten der AfD, CDU/CSU und der katholischen und evangelischen Kirche.

Ich habe es persönlich erlebt was es bedeutet wenn die eigene Sexualität zum Fluch wird. Über 2 Jahre hatte ich ein Verhältnis mit einem Mann der in Berlin geboren wurde, in Kreuzberg aufwuchs und Abitur machte und seine Eltern Türken waren. Er wurde muslimisch erzogen und dass Homosexualität quasi ein Todesurteil ist, wurde ihm deutlich erklärt. In Deutschland vielleicht nicht Physisch aber es wäre absurd zu denken, dass er weiterhin in seinem sozialen Umfeld und der Familie leben könnte, hätte er ein öffentliches Coming-Out gewagt. Unsere Beziehung hat er einen Tag vor seiner Hochzeit mit einer Frau beendet. Eingeladen wurde ich auch nicht. Komisch.

Es gibt aber auch einen Typen aus meinem Heimatort der seit ich denken kann dem konservativ-politischen Lager der FDP Nahe war. Der sich früher vor mir versteckte als ich ihn in einem Mannheimer Gay-Club zufällig erkannte. Er hat mit verbissenem Ehrgeiz eine Karriere bei einem Software-Riesen hingelegt, aber immer mit seiner Lebenslüge im Handgepäck, Heterosexuell zu sein, denn in seinen Augen wäre ein Karriere-Knick das Resultat hätte er dazu gestanden. Niemand aus seinem beruflichen Umfeld durfte und darf erfahren dass er schwul ist. Paradoxerweise erfüllt er bis heute jedes erdenklich optische Klischee eines Schwulen aus einer 80er Jahre Eddy Murphy-Klamotte und lebt seit Jahrzehnten mit einem Mann im gemeinsamen Haus. Eigentlich könnte er sich auch die Regenbogenflagge direkt um die Schultern hängen. Für ihn sind aber Gay-Bars weiterhin „Schwuchtelkneipen“ die er nur mit hochgestelltem Polohemd-Kragen betritt.

Und das alles ohne einen Hauch von muslimischer Erziehung geschweige denn einem Migrationshintergrund. Dafür mit evangelischem Religionsunterricht und Konfirmation.

Ich wage auch zu bezweifeln dass es Türken waren, die in meiner kurzen Lebensphase als Gastronom „Schwule Sau“ an die Fensterscheiben der Kneipe sprühten. Als ich das damals bei dem deutschen Dorf-Bullen zur Anzeige bringen wollte hat er mich ausgelacht.

Der Hass auf queere Menschen fundiert eben nicht (nur) auf den Bildungsstand oder die soziale Herkunft.

„Pray for Orlando“? Verschont mich damit. Beten gehört zur Pflicht beim ausüben aller Religionen, die letztendlich Schuld daran tragen, dass wir Menschen zweiter Klasse sind und sie in demokratischen, westlichen Ländern politischen Druck ausüben damit wir nicht die gleichen Rechte besitzen wie Heterosexuelle.

Es ist kein Zuckerschlecken Nachts als offensichtlich homosexueller oder transsexueller Mensch durch Neukölln zu laufen. Aber genauso wenig durch Lichtenberg oder Weissensee wo „Russlanddeutsche“ und besorgte deutsche Bürger das Heft in der Hand haben.

*„In der Ferne tuten die kleinen Signalhörner und melden daß eine Sprengung in der Schlucht bevorsteht.“ (aus Schlingen im Widerstandsmilieu von Götz Kubitschek)

Anmerkung
Der Gastbeitrag von Jochen Unser, einem guten Freund und Leser – dem wir ganz herzlich danken!
Wir suchen übrigens noch weiterhin nach Gastautoren. Wenn auch Du mal Lust hast, einen Artikel auf Horstson zu veröffentlichen (mögliche Themenfelder: Mode, Politik, Kultur, Gesellschaft, Musik, Reise, Blog etc.), melde Dich einfach: horst@horstson.de

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  • thomas
    15. Juni 2016 at 16:09

    Ich lebe seit meinem 20. Lebensjahr meine homosexelle „Neigung“ – sprich inzwischen über 30 Jahre – frei aus, ohne auch nur je irgendwie irgendwo einen Nachteil dadurch erlebt zu haben – eher im Gegenteil. Aber ich scheine in der Gesellschaft eine absolute Ausnahme zu sein…!?!?

  • Jochen
    15. Juni 2016 at 17:07

    Dass du deine Homosexualität als „Neigung“ bezeichnest erklärt ja schon alles.

  • René
    15. Juni 2016 at 18:17

    Dann hat Thomas vielleicht nur Glück gehabt, ich kenne da andere Situationen! Danke für den Beitrag!

  • Theresa
    16. Juni 2016 at 00:16

    Bin ich die einzige, der die Ergebnisse oben Angst machen?

  • PV
    16. Juni 2016 at 02:45

    Nö.
    Ich habe mir die Stelle in dem Bericht angeschaut, und meine Vermutung hat sich bewahrheitet, folgender Text direkt über der Tabelle auf Seite 50:
    „Im Vergleich zu den Werten von Heitmeyer (Heitmeyer, 2012) sind die Werte von 2016 deutlich höher. Hingewiesen sei hier allerdings auf eine Einschränkung in der Vergleichbarkeit dieser Studien:

    Die Bielefelder Studiengruppe um Wilhelm Heitmeyer hatte Telefoninter-
    views durchgeführt, während die »Mitte«-Studien auf Face-to-Face-Befra-
    gungen beruht (siehe Kap. 2).“

    Das bedeutet: Die Zahlen in 2016 wurden ganz anders erfasst (andere Methode und _vermutlich_ ein anderer Pool an Befragten) und eine Vergleichbarkeit ist so – wie beschrieben – nur sehr eingeschränkt gegeben.

    So, und wenn wir die Zahl aus 2016 einfach mal streichen, sieht es für uns garnicht so schlecht aus. Tendenz ist sinkend und fühlt sich für mich auch so an.

    Die Studie erweist uns wegen der (sorry) scheiss Vergleichbarkeit der Zahlen eher einen Bärendienst.

  • thomas
    16. Juni 2016 at 08:01

    Ich lebe einfach – so wie ich bin! Da gebe ich meiner „Neigung“ oder wie auch immer man es nennen will keine extra Bezeichnung.

  • thomas
    16. Juni 2016 at 08:03

    Ach ja!? Bin ich wirklich die große Ausnahmen in der Gemeinschaft?

  • Søren
    16. Juni 2016 at 16:06

    Danke für diesen Beitrag.
    Ich bin nach dem Anschlag und der Berichterstattung darüber immer noch traurig und ratlos.
    Mein Gefühl ist, dass viele Schwule recht unpolitisch sind, gerade für eine Minderheit, die in ihren Rechten eingeschränkt ist.
    Außer den Grünen und den Linken gibt es auch keine Partei mehr, die an den Rechten der LSGBTQ*-Community Interesse hat.
    Die Ergebnisse der Studie machen mir keine Angst, denn Studien sagen nicht viel aus.
    Angst macht mir die alltägliche Schwulenfeindlichkeit, die Reaktionen auf den Anschlag in Orlando (denn es gab keine und schon jetzt wird kaum mehr darüber berichtet) und der Mangel an Kämpfern oder Fürsprechern für unsere Rechte.

    Entschuldigt, das ist sehr durcheinander alles.
    49 Menschen in einem Gay Club wollten Spaß haben, tanzen und lieben und sind jetzt tot;
    Oberster Artikel bei Zeit-Online: Portrait über Shkodran Moustafi.
    Tolle Prioritäten.

  • Søren
    16. Juni 2016 at 16:17

    @Thomas:
    Ja, da bist du die große Ausnahme. Oder du hast die Nachteile einfach nie bemerkt.
    Ich habe noch nie einen Schwulen getroffen, der nicht in irgendeiner Form unter Anfeindungen, Nachteilen im Berufsleben, den speziellen Gesetzen für uns (§ 175, Unterschiede bei Heirat/Verpartnerung, Erbrecht, Adoptionsrecht), Ablehnung in Familien- oder Freundeskreis oder Beleidigungen gelitten hätte. Und diese Liste ist wahrscheinlich nicht mal vollständig.

  • Siegmar
    16. Juni 2016 at 16:51

    Ich war schon 1979 beim “ Homolulu “ „Homolulu – Die Geburt eines Vulkans oder die Versuchung eine Utopie konkret zu machen “ auf dem Campus der Uni Frankfurt/M. dabei und seitdem offen schwul gelebt, ich war in der Bundeswehr 8 Jahre offen schwul, wurde nicht drüber gesprochen, gab aber auch keine Nachteile. Ich habe den 1. CSD in Köln mitgemacht und denke aber trotzdem, das die Vorurteile, der Hass und Hetze gegen Schwule und Lesben heute doch schlimmer sind als vor 20 Jahren. Man wird wieder angepöbelt und zu mir hat ein AfD-Mitglied gesagt, “ Ihr Schwule wählt alle grün, die Verräterpartei und seit alle Kinderfi….., ihr gehört hier nicht her “ Das im weltoffenen Berlin wo ich schon lange lebe, hat mich extrem wütend gemacht.

  • René
    16. Juni 2016 at 18:15

    Die Diskrimierung finden jeden Tag statt, allein weil Homosexuelle im Gesetz benachteiligt werden

  • Marcus
    16. Juni 2016 at 23:06

    Die vielen Rechtschreibfehler….

    Woher stammt die Statistik und wer sind die Befragten?

  • Tim
    18. Juni 2016 at 20:28

    Danke für den Beitrag!