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Hinter verschlossenen Türen – die Jungs von Chanel


 
Wir berichten auf Horstson ja nicht nur über aktuelle Trends und Tendenzen, sondern beleuchten auch gerne was hinter den Kulissen der Modekonzerne passiert und stellen euch die Drahtzieher und Entscheider vor, damit man die Zusammenhänge des Modezirkusses besser kapiert .
Hinter den meisten Modemarken stecken Gesellschaften, Aktiengesellschaften oder Konzerne – nur noch wenige Labels sind wirklich in Familienhand und haben keine Fremde Kapitalbeteiligung wie zum Beispiel Sonia Rykiel. Allerdings befinden sich die größeren Labels fast alle in Konzernhand und die beiden bekanntesten Gesellschaften sind LVMH mit seinen Labels wie Louis Vuitton, Christian Dior, Moet Hennessy, Bulgari, de Beers und und und… -der größte Luxuskonzern der Welt unter der Regie von Bernard Arnault. Der zweite dieser beiden Riesen ist der Pinault Konzern unter Francois Pinault, der Gucci, Yves Saint Laurent und viele andere Label vereinigt. Beiden Gesellschaften ist aber eines gemeinsam: den Inhabern gehören die Konzerne nur zu einem Teil – die Kapitalien werden aus Aktien und Anteilen gebildet, die auch von fremden Kapitalgebern kommen. Arnault macht mit seinen vielen Labels einen Jahresumsatz von ca. 15 Milliarden US-Dollar, die Pinault Gruppe liegt bei 7 Milliarden US-Dollar. Man weiß das, weil Aktiengesellschaften dazu verpflichtet sind ihre Umsätze zu veröffentlichen.

 
Bernard Arnault und seine gesamte Familie sind ähnlich wie die Pinaults oft in den Schlagzeilen vertreten und auf Gesellschaften oder bei den Defilees ihrer unzähligen Marken anwesend. Einzelheiten ihres Lebens sind bekannt und es gibt auch hier und da einen Skandal, der von der internationalen Klatschpresse vermeldet wird. Man weiß auch das sie sehr reich sind und mit die einflussreichsten Gestalten der Modewelt sind, obwohl sie noch nie ein einziges Kleidungsstück entworfen haben, bestimmen sie was die Welt trägt. Soweit die bekannte Seite…
 
Den einflussreichsten Einzelkonzern der Modewelt und die Marke mit der höchsten Bekanntheit und dem höchsten Rückkaufswert der Welt aber besitzen Menschen von denen man weder etwas weiß, noch das sie sich in der Öffentlichkeit zeigen, außer auf ganz wenigen Pferderennen in Deauville oder Longchamp und dann auch anonym und unbeobachtet. Ähnlich wie bei den deutschen Milliardären, den Albrecht Brüdern, sind die existierenden Photos älteren Datums oder Zufalls-Schnappschüsse.
 
Die Gebrüder Alain und Gérard Wertheimer sind die alleinigen Inhaber und Kapitaleigner von Chanel, der erfolgreichsten Modemarke aller Zeiten. Leise, diskret und total unauffällig hat deren Familie die Zügel des Modehauses seit 1924 in der Hand. Das Unternehmen veröffentlicht niemals Umsätze (man munkelt von 10 Milliarden Dollar per Anno). Es ist immer noch eine Einzelmarke, die sich außer bei einer Brillenlizenz nur mit den Kernkollektionen befasst und die Parfums sind seit 1952 , egal welcher Duft lanciert wurde, auf Platz eins der Stückzahlen-Verkäufe in jedem Jahr. Der Kosmetik Umsatz ist gigantisch und keine Marke verkauft mehr, kann aus Lippenstiften und Nagellacken so einen Kult erzeugen.
 
Die meisten Menschen denken, Coco Chanel hat ihr Modehaus gehört. Chanel war immer nur die Creative, zwar konnte sie sich nehmen was sie wollte, hatte jedes Budget der Welt und hat schon in den zwanziger Jahren das Label zur einflussreichsten Modemarke der Welt gemacht, aber um die Finanzen kümmerte sich zeitlebens der jüdische Kaufmann Pierre Wertheimer.
Mit einem 1924 geschlossenem Gesellschaftsvertrag übernahm Pierre die Gesamtleitung des Modehauses kümmerte sich um die Produktion der Kleider, Schuhe und Accessoires und baute den Vertrieb der Parfums und der Kosmetik auf.
 
Im Sommer 1940 mussten Pierre Wertheimer und sein Bruder Paul vor den Nazis aus Paris fliehen. Gerade noch konnten sie sich eine Schiffspassage nach New York besorgen, um über Spanien, die französischen Schiffe waren schon für Passagier Schiffe gesperrt, das Land zu verlassen.
 
Am 2 .Juni 1941 kommt in Frankreich der Erlass, das alle Juden aus sämtlichen Bereichen des öffentlichen Lebens ausschließt. Sie dürfen weder Berufe ausüben noch Firmen besitzen. Die letzte Kollektion hatte Coco für den Winter 1939 vorgestellt und mit Kriegsausbruch, außer der Boutique, das Haus geschlossen. Nur der Verkauf der Parfums ging weiter. 1940 beschlagnahmten die Deutschen das Haus und die Wohnung in der Rue Cambon. Die Wertheimers hatten das Glück, dass der Parfumverkauf zunächst in Amerika weiterlief und sie aus den Einnahmen davon leben konnten.
 
Chanel hatte während des Krieges eine Liebschaft mit Hans Günther von Dincklage und sie kollaborierte mit den deutschen Besatzern, dieses verziehen ihr die Franzosen nie. Mit den Wertheimern hat sie dieses Thema aber nach dem Krieg grundlegend geklärt und als 1953 beschlossen wurde, dass der Verkauf der Parfums durch die Wideraufnahme des legendären Modehauses weiter verstärkt werden sollte, stand für Pierre Wertheimer und den inzwischen eingestiegenen Sohn Jaques fest, dass Mademoiselle in die Rue Cambon zurückkehren sollte. 1954 stellte sie ihre erste Kollektion im Februar vor und in Europa verhalten aufgenommen, wurde sie in Amerika sofort zu einem riesigen Erfolg.
Chanel war wieder da und die Wertheimers übernahmen das Modehaus zu 100% – sie allein stellen das Kapital und Chanel machte bis zu Ihrem Tod im Jahre 1971 alle Kollektionen allein.
 
Nachdem Coco Chanel gestorben war, übernahmen die Söhne von Jaques, Alain (Bild) und Gérard Wertheimer, die Geschäftsführung.
Sie waren zunächst sehr Marketing geleitet und setzten alles daran, die Kosmetik und Parfumsparte zum alleinigen Zugpferd auszubauen.
Ende der siebziger Jahre merkten sie das dieses nicht funktionierte und beschlossen zunächst mit zaghaften Prêt-à-Porter-Versuchen das Image des Hauses aufzupolieren.
1983 engagierten sie Karl Lagerfeld, der zunächst die Haute Couture wieder aufleben lassen sollte. Für das Prêt-à-Porter und die Accessoires gab es ein eigenes Team. Die Wertheimers hätten beinahe den größten Fehler ihres Lebens gemacht, als es 1985 zu einem Eklat kam und sie die Accessoires von der damaligen Designerin Frances Paticky Stein einfach auf Lagerfelds Schau mitlaufen ließen – ohne Absprache.
 
Danach wurde Karl Lagerfeld zum Allrounddesigner und Verantwortlichen von Chanel und der Aufstieg in unendliche Dimensionen begann. Die Wertheimers arbeiten solide und kontinuierlich, ohne ihr Markenportfolio nennenswert zu verstärken außer Eres der Firma die Badeanzüge und erlesene Unterwäsche macht, haben sie kaum nennenswerte Firmen dazu gekauft. 2002 wurden die Lieferanten von Chanel, Lemarie, Goosens, Michel, Massaro und Desrues dem Haus Chanel angeschlossen -als selbständig agierende Firmen.
 
Die höheren Manager, die bei Chanel von den Wertheimers in der Geschäftsführung eingesetzt sind, arbeiten seit Jahren für das Unternehmen. Beispielsweise Francoise Montenay als Direktorin oder Bruno Pavlovsky, der der Modeabteilung vorsteht. Alles ist solide und auf äußerste Langfristigkeit aufgebaut und auf Diskretion sowohl was das Geschäft betrifft, als auch die Privatspäre der beiden Brüder und Ihrer Familien.
 
Immer wieder wird in vermeintlichen Enthüllungsbüchern auf die Zeit Coco Chanels während des zweiten Weltkrieges hingewiesen und vermeintliche Sensationen ausgegraben. Eines ist klar – die Wertheimers haben sich schon seit Jahrzehnten mit Chanel ausgesöhnt und jede Generation hat Madmoiselle die Stange gehalten. Es konnte nichts zwischen Ihnen stehen und so ist es auch bei Karl Lagerfeld. Immerhin führen sie das erfolgreichste Modeunternehmen der Welt und das seit fast hundert Jahren ohne das irgend etwas auch noch so vermeintlich skandalöses ihnen etwas anhaben konnte. Vielleicht ist ihre Diskretion das Geheimnis ihres Erfolges, vielleicht aber auch das Vertrauen in ihre Mitarbeiter und das Verzeihen können von Irrungen, die auch Genies wie Coco Chanel in Ihrem Leben gehabt haben – auf jeden Fall sind sie mit die besten Unternehmer der Welt.

Bilder: Header via Forbes; Fashiongrapher.com; 00oo00

  • Johan
    9. August 2011 at 15:10

    Eine sehr spannende und kurzweilige Lektüre. Die Herren Wertheimer sind mir ähnlich wie die Albrecht Brüder aufgrund ihrer Diskretion sehr sympathisch.

  • siegmarberlin
    9. August 2011 at 15:44

    @
    wirklich interessanter Artikel, haben die Pariser Wertheim´s auch was mit den Berliner Wertheim´s zu tun? ( Kaufhaus Wertheim am Leipziger Platz , wurde in einem Atemzug mit Harrod´s London u. Lafayette Paris genannt) Ich konnte nichts dazu finden.

  • Daisydora
    9. August 2011 at 16:17

    Superschöner Bericht, danke, Peter 🙂

  • Lese-Tipp: Die Jungs von Chanel > Lese-Tipp > Modepilot
    9. August 2011 at 17:53

    […] … womit Pierre, sein Sohn Jacques und dessen Söhne Alain und Gérard Wertheimer gemeint sind. Die vier Männer sind für den Erfolg von Chanel verantwortlich – nach wie vor und nach wie vor leise. Heute leiten Alain und Gérard die Geschäfte (Bild). Pierre und Jacques sind bereits verstorben. Auf Horstson macht Peter Kempe (von Kuball & Kempe) heute einen Geschichtsausflug… […]

  • blomquist
    9. August 2011 at 20:30

    Ein toller Blick hinter die Kulissen-
    Danke, Peter!

  • auchmilan
    10. August 2011 at 16:19

    sehr interessant! danke

  • Luísa Lión
    11. August 2011 at 03:30

    wahnsinnig guter Artikel wirklich toll recherchiert bzw. zusammengetragen echt interessant!!

    Luisa

  • peter kempe
    11. August 2011 at 15:44

    @siegmarberlin
    nein alain und gerard haben nichts mit wertheim kaufhaus zu tun sie heißen ja wertheimer.es gibt aber ein super tolles buch über das kaufhaus wertheim in berlin das solltest du unbedingt lesen

  • Horstson » Blog Archiv » Die Woche auf Horstson
    14. August 2011 at 12:03

    […] der US Vogue. 2) Wieder eine Bildungslücke geschlossen, denn Peter erklärte uns, wer die Besitzer des Hauses Chanel sind. 3) Das Öko-Mode schon lange nichts mehr mit sackartigen Kleidungsstücken aus […]

  • erfolgreichstes?
    8. September 2013 at 01:38

    wer sagt denn das erfolgreichste? es liegen ja keine gewinnzahlen vor/wo liegt die rendite?/der gewinn?… also kann man nicht eindeutig behaupten, es ist das erfolgreichste modeunternehmen.