Damenmode

Chanel Frühjahr/Sommer 2018 – Die Transparenz der Natur

(Chanel Frühjahr/Sommer 2018; Bild: Olivier Saillant)

Wenn Karl Lagerfeld für Chanel seine großen Prêt-à-porter-Schauen im Grand Palais zeigt, schauen zuerst mal alle auf den Dekor der Schau. Die riesigen Schauen, die im März und Anfang Oktober stattfinden, setzen den Maßstab – ganz im Gegensatz zu den Couture-, Cruise- oder den Métiers-d’Art-Präsentationen, die in etwas kleinerem Rahmen und an wechselnden Standorten stattfinden. Diesmal, vielleicht ließ sich Lagerfeld während eines Ausfluges von seiner Ferienresidenz in Ramatuelle im Sommer inspirieren, ging es in die felsigen Schluchten und das glasklare Wasser der Verdonschlucht in der südfranzösischen Provence.

Bild: Olivier Saillant

Felsen, Wasserfälle und schmale Holzstege vor imposanter Kulisse, die jedes Mal wieder das Rätsel aufgibt, wie schafft man dieses nur innerhalb weniger Tage in die Hallen des altehrwürdigen Grand Palais, das mitten in Paris steht.
Doch der Aufwand steht für Karl Lagerfeld nur als Metapher für das eigentliche Thema und das man salopp mit ‚Ökologie‘ umschreiben könnte. Das Wasser ist für ihn der Ursprung und die Quelle allen Lebens und der Zivilisation; der Fluss, die Transparenz sowie die Farben der Natur im Frühling die Inspiration und der Ursprung für die Kreation seiner Frühjahr/Sommer-Kollektion 2018.

Am Tag der Präsentation Anfang Oktober schien die Sonne durch das Glasdach der zur Weltausstellung 1900 erbauten Halle und ließ alles in einem fast märchenhaften Licht erstrahlen, das fulminant das Erwachen des Frühlings in den Chanel-Modellen unterstrich. Zu den sphärisch modernen Elektrobeats von Sounddesigner Michel Gaubert traten die mehr als 80 Models dann ihren fast als Marathonstrecke zu bezeichnenden Weg durch die Reihen der 3.000 aus aller Welt angereisten Fashion Freaks, Journalisten und Kunden des Hauses an.

Chanel Frühjahr/Sommer 2018; Bild: Olivier Saillant

Heraustretend aus einer Felsspalte wird schon Lagerfelds Philosophie nach den ersten Looks klar: Die Devise ist die Transparenz und das Layering der Natur. Das Wasser fällt darüber, manche hielten es fälschlich für Regenkleidung, wie ein durchsichtiger Filmschleier die hochwertigen Materialien und Farben der aufwendig gemachten Modelle bedeckt.
Alle Stoffe, Materialien und Stickereien steigern sich auch hier zu fast Couture-Niveau. Chanel setzt auf absolute Luxusqualität – das Einzige, was heute noch das Überangebot von Designerkollektionen toppen kann und die Preise der Modelle schon auf den ersten Blick rechtfertigt.

Chanel Frühjahr/Sommer 2018; Bild: Olivier Saillant

Kein Look ohne transparentes PVC: Hüte, Kapuzen, Capes, Halbfingerhandschuhe, Stiefel oder Stulpenstiefel scheinen Aprilschauern oder Sommerregen trotzen zu wollen. Die Capes, Lagerfeld setzt gern Tradition gegen Moderne, erinnern mit ihren Kapuzen mit Volants an die Contouche Capes der Zeit von Marie Antoinette. Auffallend die flachen Canotiers – die spacige Interpretation von Coco Chanels täglichem Lieblingshut im Colette-Stil. Eine Form, die sie schon seit ihrer Zeit als junges Mädchen in Vichy trug, als sie Lehrmädchen in einem Wäschegeschäft war. Die skulpturalen großen Ohrclips erinnern an überdimensionale Tautropfen. Das Spiel mit der Transparenz und den irisierenden und sprudelnd glitzernden Effekten der Materialien durchzieht die gesamten Looks und Accessoires und hebt die Kombination mit Tweeds, Bouclés und typischen Chanel-Materialien in eine neue moderne Dimension. Nichts wirkt schwer, alles leicht, weil das Echo immer schimmert oder reizvoll scheinbar verhüllt aber doch Durchblick gestattet.

Die Kollektion besticht durch Leichtigkeit und subtile Kombinationen. Kontrastreich spielt sie mit langen und kurzen Säumen, klaren Linien und luftigen Volumen. Die strukturierte Silhouette mit breiten Schultern wird durch weiche Linien gebrochen. Tweed, mitunter mit Leder kombiniert und zu kurzen Tops und Miniröcken getragen, schmückt Minikleider mit Patchworkmustern. Karl Lagerfeld lässt Mantelkleider mithilfe von Lurexfäden erstrahlen und die Kostümjacke wird über kurzen Hosen oder mit geometrischen Steppnähten verzierten Kleidern sowie kurzen Röcken, deren Paspeln an locker gedrehte Kordeln erinnern, getragen. Denim und wässrig gebatikte fließende Seide symbolisieren Casual Sportswear kombiniert mit femininen Kleidern, Sarongs und Tops.
Reminiszenz an die Charleston- und Shimmy-Kleider Coco Chanels in den 20er-Jahren, Tuniken, die in Kaleidoskopfarben und schimmernden Paillettenstickereien oder mit Volants irisierend reflektieren. Die Seidenfransen schwingen zu langen Ketten und Perlmutt Schmuck. Layer-Kleider stufen die Palette der Pastelle von Korallenrot, Pink über Aqua zu Lagunenblau ab. Das Elfenbein der Seide spiegelt sich in den transparenten PVC-Boatern wieder.
Weite Blusen aus weißem Mousseline, mit einem geknoteten Halstuch unterstrichen, sind lässig in gerade geschnittene Miniröcke gesteckt. Lange oder kurze, Tages- oder Abendkleider spiegeln die Vielfalt der raffinierten Materialien: zerknitterte Seide, geprägter, mit Kristalltropfen bestickter Mousseline und plissierte Seide umspielen die Silhouette mit zarten Nuancen in Pastelltönen und kräftigeren Nuancen. Fransen, Volants und drapierte Seide zeichnen eine dynamische Linie.

Karl Lagerfeld hat die Looks dieser Saison in unendlich viele Blau- und Grüntöne getaucht, die Palette reicht von frischen Pastelltönen über leuchtendes Weiß bis hin zu irisierenden Materialien, die an die Oberflächen von Pflanzen oder auch Strukturen von Blättern erinnern. Sämtliche Farben, mit denen man Wasser assoziiert werden von Caprigrün über Atlantikschwarz bis hin zu den schillernden Perlmutttönen von Muscheln in Stoffe und Stickereien übersetzt. Weite Mousseline-Röcke von unendlicher Leichtigkeit wie mit Fischernetzen – natürlich im Chanel-Stepp überstickt.

In dieser Saison ist die Tasche „Gabrielle“ im Mittelpunkt der Kollektion und aus Gummi oder Lackleder, die Tasche „Boy“ aus irisierendem PVC und mit neuen Tweeds kombiniert mit mattem Metall wandelt sie sich, ohne sich zu verwandeln. Paillettenbestickt kommen die Klassiker daher wie die „Mademoiselle Bag“. Minaudières sind aus kristallklarem Plexi und mit Strass bestickt oder von Pailletten gesäumt, die das Licht reflektieren. Wie immer etwas für Sammler und sicherlich in den Boutiquen heiß umkämpft.
Transparente gesteppte Totes sind der Hingucker der Saison. Mit zarten grünen, rosa, weißem oder blauem Leder eingefasst und transparent unterlegt, verbergen sie nichts und die kleine Chanel Bag wird einfach hineingelegt. Gleichzeitig City- und Strandtaschen sind sie schon jetzt nicht nur von Modepropheten als die heißesten Taschen der nächsten Saison verdächtig.

Sportliche Taschen sind aus beschichtetem Stoff und mit dem Chanel-Logo und Kamelien bedruckt, während die XXL-Shopper aus geprägtem Nylon in Pastelltönen mit blauem oder rosafarbenem Farbverlauf leuchten.

Chanel Frühjahr/Sommer 2018; Bild: Olivier Saillant

Das Wechselspiel der Ursprünglichkeit der Natur und die Moderne von Hightechmaterialien, dem was Natur ausmacht und was scheinbar im Widerspruch zu ihr steht, ist das, was Heritage und Zukunft auch einer Marke wie Chanel ausmacht. Ökologie und Nachhaltigkeit im Luxus-Prêt-à-porter und der Haute Couture – Lagerfeld geht das nicht, wie zum Beispiel Vivienne Westwood, aktivistisch an, sondern, typisch für ihn, lässt uns über seine Bilder die fast einer überromantisierten Natur entsprechen und den Bruch mit dem unnatürlichsten Material dem Kunststoff nachdenken über das Gleichgewicht, das die Basis unseres Lebens bildet.

Chanel Frühjahr/Sommer 2018: Eine Kollektion, die wenn man sich die stilistischen Show Pieces wie transparente Stiefel, Capes etc. wegdenkt, die Klassiker des Hauses neu interpretiert und die feminine Seite der „Chanel-Frau“ im nächsten Sommer betont. Denn, auch wenn Mademoiselle eine starke Frau und Rebellin war, Transparenz und Zerbrechlichkeit steckte in ihr. Und ihre Devise, dass alles im Fluss ist, kann Lagerfeld mit dem Thema des Wassers als Ursprung nur für die Zukunft bestätigen…

  • Horst
    17. Oktober 2017 at 07:49

    Leider schwitzt man unter PVC-Kleidung, wodurch die Schuhe etc. von innen beschlagen werden – ich spreche da aus Erfahrung mit meinen Jeremy Scott Schuhen 😉 Aber schön anzuschauen ist die Kollektion allemal. Ich freue mich – wie immer – auf die Broschen 🙂

  • Stephan Meyer
    19. Oktober 2017 at 12:00

    @horst Ich muß so lachen weil ich auch immer an beschlagenes PVC denke, wenn ich solche Schuhe sehe…auch wenn ich selbst nie die Erfahrung persönlich gemacht habe. I
    ch bin aber generell gegen Schwitzen 🙂