Meinung

Bottega Veneta im Berghain und eine Sause im Soho House

Berghain at Night / Berlin, 2016, Foto: Michael Mayer; (Lizenz: CC BY 2.0)

Ihr werdet es mitbekommen (und vielleicht auch die Augen vor Verwunderung gerieben) haben: Bottega Veneta präsentierte in Berlin im Berghain „Salon 2“. Um was es sich dabei genau handelt, wurde bisher nicht überliefert, von einem Video, das gedreht wurde, ist die Rede. Nur eine Handvoll von Journalisten wurden eingeladen, Fotos waren nicht erlaubt. Der Fokus der Gästeliste lag eben woanders, so zumindest der Eindruck, den die Bilder vermitteln, die die Gäste bei der Ankunft des Berliner Clubs zeigen: Virgil Abloh, Skepta, Marc Goehring, Burna Boy, Sven Marquardt, Slowthai und Honey Dijon wurden gesichtet. Der Imagewandel wird also weitergeführt, den Daniel Lee als neuer Creative Director von Bottega Veneta eingeläutet hat, als er die Nachfolge von Tomas Maier am 1. Juli 2018 übernahm.

Doch allein diese Fotos wirken auf den Betrachter zur aktuellen Zeit befremdlich, wenngleich sie naturgemäß die Sehnsucht nach Normalität wachsen lassen: Jeder möchte mal wieder auf Partys gehen, statt abends auf dem Sofa zu sitzen. Überwiegend wurden auf den Fotos Masken getragen, aber eben nicht immer. Diese Inkonsequenz ist das, die es schwer nachvollziehbar macht, dass solche Veranstaltungen in der aktuellen Situation überhaupt zugelassen werden. In Berlin gilt, dass sich tagsüber aktuell maximal fünf Menschen aus zwei Haushalten treffen dürfen. Klar, Arbeit ist davon ausgenommen, und zur Jobbeschreibung gehört bei den Gästen auch, gesehen zu werden. Dennoch gilt Maskenpflicht im öffentlichen Raum – zumindest dort, wo der Mindestabstand von 1,5 Metern nicht eingehalten werden kann. Folgt man dieser eigentlich einfachen Regel, die jedes Kind versteht, muss in letzter Konsequenz auf gemeinschaftliche Fotos ohne Maske verzichtet werden. So ist das nun mal während einer Pandemie, die zumindest relativ demokratisch ist: Zwar werden Arme noch ärmer, aber das Virus wird auch von reich zu trendy übertragen und berücksichtigt ganz sicher auch nicht ganz private Fan-Moments einzelner Gäste. Auch dann nicht, wenn es sich um einen Videodreh handelt, wie bei „Salon 2“, wobei die befremdliche Außenwirkung bleibt.

Was sich aber gerade auf diversen Social-Media-Kanälen zum Shitstorm mausert, ist das Video einer Party, die später im Soho House stattgefunden haben soll und bei der dann von Masken und Abstand weit und breit nichts mehr zu sehen war. Um es klar zu sagen: Die Veranstaltung, sollte es sich tatsächlich um eine Party gehandelt haben, gehörte dann sicher nicht zum offiziellen Teil der Einladung von Bottega Veneta und es werden dann ganz sicher auch keine offiziellen Vertreter des Labels daran teilgenommen haben. Und ganz sicher waren auch hier keine Fotos erlaubt, nicht zuletzt, weil die Soho-House-Club-Regeln sagen, dass Kameras und Videogeräte nicht zum „Live-Streaming oder zu anderen Zwecken“ verwendet werden dürfen. Aber wie das so ist, wenn man Gäste einlädt, die ihr Geld auch damit verdienen, ihr Leben ihren Followern zu zeigen – es verbreiten sich Instagram-Stories, die ungefiltert eine ausgelassene Partycrowd zeigen.
In Berlin soll übrigens grundsätzlich in geschlossenen Räumen eine medizinische Maske getragen werden. Zusammenkünfte im privaten Raum sind nur mit Angehörigen des eigenen Haushalts und maximal einer haushaltsfremden Person gestattet. Ich bin mir nicht sicher, ob vielleicht alle Teilnehmer der vermeintlichen Party in einem Haushalt wohnen? Sozusagen eine Party-Komune, die nach Berlin eingeflogen wurde. Vielleicht ist es auch die Verlängerung des Videodrehs zu „Salon 2“? Glaubhaft erscheint das nicht, aber nicht unmöglich. Allerdings fehlt dann die notwendige Transparenz, die bei anderen Filmaufnahmen gegeben ist. Auch wurde sicher jeder mit einem Schnelltest getestet und es ist zu hoffen, dass eventuelle Quarantäne-Vorschriften eingehalten wurden. War es vielleicht wirklich eine Party? Die sind aktuell verboten. Aber was scheren diese Regeln eine hedonistische Society, die von einem Spot zum nächsten reist, als wäre 2019. Wir leben aber im Jahr 2021 und da wirken die Personen, die ihr Geld mit Mode verdienen, sich aber so verhalten, erstaunlich unmodern. Doch spätestens wenn „Salon 2“ veröffentlicht wird, werden wir es wissen.
Bleibt zu hoffen, dass sich das Corona-Virus an die Regel hält, dass das, was im Berghain und im Soho House passiert, auch dort bleibt.

Wir haben Bottega Veneta nach einem Kommentar angefragt und werden diesen veröffentlichen.
Hier geht’s zu den Statements der Berliner Polizei und des Soho Houses.

  • Hannes
    11. April 2021 at 17:15

    Hoffentlich bekommt Bottega Veneta die verdiente Quittung für diese Veranstaltung. Manchmal haben Shitstorms auch ihre Berechtigung, in diesem Fall hoffe ich auf einen veritablen Tornado.

  • paule
    12. April 2021 at 11:30

    ÜBEL ist das. und dein häufiges „ganz sicher nicht“. das glaube ich hier nicht. falls es eine party war, dann ist sie nicht aus dem nichts entstanden und keiner weiss davon. diese dinge werden geplant. es ist sehr übel. seit einem jahr verzichten sehr viele menschen (ungerne und unfreiwillig) aus gründen der vernunft auf vieles. und ein paar idioten denke, sie kommen zu kurz und müssen alles nachholen. was sie vielleicht nicht verstehen. auch wir anderen finden masken, einsamkeit und langeweile nicht lustig. wir machen das alle nicht, weil wir es so wahnsinnig toll finden. wir machen es, damit sich das ganze irgendwann beruhigt und im besten fall neutralisisiert. das fehlverhalten einzelner schadet der ganzen „gruppe“. mit jeder party, die irgendwo steigt, sitzen alle anderen länger in „gruppenhaft“. ÜBEL, asozial. ein grund bottega venetta nicht mehr zu kaufen.

  • Bottega Veneta in Berlin: Update zur Party im Soho House | Horstson
    13. April 2021 at 22:15

    […] gesehen, die das italienische Label Bottega Veneta im Berliner Techno-Club Berghain gezeigt hat, aber jeder spricht darüber. Unter dem Titel „Salon 2“ wurde ein Video aufgenommen, wo sich so manch ein Gast wie beim […]