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Grindr im Cardigan

Ich, Foto: Horstson

Jetzt wird es persönlich – also der Teil, den man in freundlich designten Lebensläufen eigentlich lieber überspringt. Doch von Anfang an. Der Tod meines besten Freundes im Jahr 2022 war kein leiser Übergang und kein großes Drama, sondern ein harter Schnitt. Kein Möbelstück, das fehlt, kein diffuses „anders im Raum“, sondern eine klare, unübersehbare Abwesenheit. Jemand, der vorher einfach da war – und jetzt nicht mehr ist. Ohne Ersatzteil, ohne Übergangslösung, ohne jede Form von Anschlussfähigkeit.
Was danach kommt, ist nicht Trauer im klassischen Sinn, sondern irgendwann etwas Hartnäckigeres: Leerstelle im Alltag. Gespräche, die nicht mehr stattfinden. Referenzen, die niemand mehr versteht. Diese Selbstverständlichkeit, mit der man jemanden anrufen konnte, ohne Anlass, ohne Ziel, einfach weil es ihn gab.

Mit 50 stellt sich dann eine Frage, die unerquicklich nüchtern wirkt: Was macht man mit dieser Leerstelle? Die naheliegende Antwort – neue Freunde finden – klingt vernünftig, scheitert aber schon an der eigenen Konstruktion. Freundschaft ist kein Platz, der frei wird und neu besetzt werden kann. Es gibt keinen „Nachfolger“, kein Upgrade, keine Version 2.0. Und doch bleibt der Impuls, sich wieder zu verbinden, nicht aus Nostalgie, sondern aus schlichter sozialer Realität.

Also landet man früher oder später bei dem, was die Gegenwart für jede Form von Mangel bereithält: Apps, die manchmal Namen tragen, die so tun, als ließe sich Vertrautheit herunterladen wie ein Update. Das Prinzip ist bekannt: Profile, Fotos, ein paar Interessen, ein paar wohltemperierte Sätze über Offenheit und Ehrlichkeit. Männer um die fünfzig, die alle irgendwie „gern reisen“, „gern essen gehen“ und „gute Gespräche“ schätzen – als hätte es je jemanden gegeben, der aktiv schlechte Gespräche sucht.
Und dann dauert es nicht lange, bis sich eine gewisse Schieflage zeigt. Für schwule Männer sind solche Apps oft weniger ein Ort für Freundschaft als eine leicht verkleidete Variante von Grindr. Die Oberfläche behauptet Nähe ohne Absicht, aber die Mechanik erzählt etwas anderes. Blicke, Auswahl, implizite Erwartungen – alles ist vertraut, nur die Sprache hat sich moralisch ein wenig herausgeputzt.

„Freundschaft+“ ist dabei das Zauberwort, das alles offenlässt und nichts klärt. Es klingt nach Großzügigkeit, meint aber oft nur Unentschiedenheit mit Hintertür. Man trifft sich, man versteht sich, und irgendwo im Hintergrund läuft immer die stille Prüfung: Könnte da noch mehr sein? Und wenn nicht – lohnt sich das Ganze dann überhaupt? Und genau an dieser Stelle wird meine kleine Geschichte unerquicklich banal: Ich suche das nicht. Kein „Plus“, keine Option, kein diskret offengehaltenes Hinterzimmer für den Fall, dass der Abend sich anders entwickelt als geplant. Ich suche keinen elegant verpackten Kompromiss zwischen Bedürfnis und Bequemlichkeit. Wer Freundschaft sagt und eigentlich Verfügbarkeit meint, kann das gerne tun – nur bitte ohne mich.

Das eigentlich Absurde ist nicht, dass Menschen so funktionieren. Das haben sie schon immer. Neu ist, wie konsequent dieses Prinzip auf etwas angewendet wird, das früher gerade nicht zweckgebunden war. Freundschaft war einmal das, was übrig blieb, wenn nichts mehr verhandelt werden musste.
Heute wirkt sie oft wie ein Zwischenzustand. Nicht ganz Beziehung, nicht ganz Bekanntschaft, aber immer mit der Option, in die eine oder andere Richtung zu kippen. Und wer tatsächlich nur jemanden sucht, der bleibt – ohne Agenda, ohne Zusatz – wirkt fast wie jemand, der das Spiel nicht verstanden hat. Man arrangiert sich damit. Trifft Leute, führt Gespräche, lacht sogar. Es ist nicht unangenehm, im Gegenteil. Aber es hat selten diese eigentümliche Schwere, die echte Freundschaft irgendwann entwickelt – dieses Gefühl, dass man nicht mehr performen muss.

Der alte Freund war keine Option. Er war ein Zustand. Jemand, bei dem nichts gewonnen werden musste und nichts verloren gehen konnte, außer der Freundschaft selbst. Und genau das macht ihn unersetzbar. Mit 50 fehlt es einem nicht an Gelegenheiten, sondern an Kontexten. Es gibt keine natürlichen Räume mehr, in denen Nähe nebenbei entsteht. Stattdessen organisiert man Begegnungen, setzt sie an, führt sie durch – und bewertet sie danach, bewusst oder unbewusst. Vielleicht ist das dann auch der eigentliche Unterschied: Früher hat man Zeit miteinander verbracht, ohne zu wissen, wozu. Heute möchte man es vorher klären.

Und so bleibt am Ende eine unangenehme, fast altmodische Erkenntnis: Freundschaft lässt sich nicht herstellen, schon gar nicht unter Effizienzgesichtspunkten. Sie entsteht dort, wo man sie nicht sofort braucht – und wo niemand fragt, ob da vielleicht noch ein „Plus“ möglich ist.
Die Lücke, die bleibt, ist deshalb kein Problem, das gelöst werden muss. Sie ist eher ein Maßstab. Für etwas, das sich nicht wiederholen lässt. Und für eine Form von Nähe, die in keiner App vorgesehen ist.
Und vielleicht ist das die eigentliche Pointe, die in keiner dieser Plattformlogiken vorkommt: dass es Menschen gibt, die diese Art von Freundschaft bereits geliefert haben – vollständig, ohne Upgrade-Option, ohne Nachverhandlung. Meiner hat das so gemacht. Kein Profil, kein „gern unterwegs“, kein nachträgliches Optimieren der eigenen Wirkung. Einfach da gewesen, bis es eben vorbei war. Das war, rückblickend, schon ziemlich exklusiv. Mein bester Freund hätte an dieser Stelle vermutlich nur gesagt: Nützt ja nix.
Und damit war dann auch alles gesagt, was sich weder optimieren noch updaten lässt.

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