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Wenn Eltern über sich hinauswachsen sollten – My Princess Boy

Man erlebt das in unserer von Informationen überschwemmten Zeit ja gar nicht mehr, dass einem etwas völlig neu ist, wenn man davon erfährt. Und ich wusste nicht, dass es da irgendwo zweijährige Jungs gibt, die jeden Tag als kleine Prinzessinnen gekleidet sein wollen und trotzdem echte Jungs sind, als Horst mir den Link zur folgenden Geschichte, die im abstrakten Sinne kein Einzelfall ist und anscheinend weitere Kreise ziehen könnte, schickte.
Wenn ein Kind zur Welt kommt ist das die erste Frage: Ist es ein Mädchen oder ein Junge?

Die Eltern von Storm, einem Baby das in seiner Familie bei Kathy und David Stocker (Bild oben)  in Toronto aufwächst, beantworten diese Frage nicht. Ihr Kind soll selbst entscheiden, was es sein will. Das Paar hat noch eine Tochter und will dem jüngeren Kind mit diesem Experiment die Möglichkeit geben, ohne den Druck der Erwartung von geschlechtsspezifischem Verhalten aufzuwachsen. Es geht also nicht darum, das Kind damit zu überfordern, später einen Kanossagang inklusive Geschlechtsumwandlung zu riskieren, weil man ihm sein Recht auf eine klare Geschlechtsidentität von Beginn an verweigerte; vielmehr wollen die Stockers, so verstehe ich das jedenfalls, ihrem Kind ersparen, von Beginn an weibliche oder männliche Stereotype zu erfüllen, über die wir auch im Einundzwanzigsten Jahrhundert erst noch hinauswachsen müssen.
Ein umwerfende Erfahrung in dieser Richtung macht die Autorin Cheryl Kilodavies, die in dem Buch My Princess Boy die Geschichte ihres Sohnes Dyson erzählt, der schon im Alter von zwei Jahren ein unbändiges Verlangen danach hatte, süße Prinzessinnen-Kleidchen in Pink und Rot zu tragen, mit Glitzer und romantischem Drumherum wie Libellen-Flügelchen und mehr von dieser Kleine-Mädchen-Sorte.

Dyson and Cheryl Kilodavis „My Princess Boy“

Man kann das naturgemäß auch kritisch sehen, dass Dyson und seine Mom von Talkshow zu Talkshow weitergereicht werden, aber die Idee beziehungsweise die Sache dahinter ist so gut wie es die ganze Geschichte ist. Dyson hat einen älteren Bruder, der wie sein Vater auch ganz normal in seiner männlichen Geschlechtsidentität lebt. Dennoch war es der ältere Bruder, der die Mutter während des Einkaufs dazu ermutigte und dazu aufforderte, den Kleinen doch bitte so zu lassen, wie er sei … da Dysons Hang, sich auch außerhalb von Halloween als Mädchen zu kleiden, ohnehin für alle unübersehbar war. Die Jungs lieben sich heiß und innig und niemand in der Familie findet auch nur irgendetwas dabei, dass der fröhliche und starke Junge gerne in Pinkfarbenen Feenkleidchen rumläuft und sich gut darin fühlt.

Ich finde das ganz wunderbar. Wünsche mir, dass Eltern selbstbewusster damit umgehen lernen, wenn ihr Kind sich nicht ganz so verhält, wie es sein sollte, wenn gesellschaftliche Erwartungen vor die individuelle Entwicklung und Entfaltung einer eigenständigen Persönlichkeit gestellt werden, was in den allermeisten Fällen so ist. Wir wissen es besser, aber warum ist es uns dennoch so wichtig, wie andere Leute das finden, wie wir oder unsere Kinder sind, obwohl uns klar ist, dass viele Menschen ihr Leben damit verbringen, die Erwartungen anderer zu erfüllen, die auch wiederum nur damit beschäftigt sind, dasselbe zu tun. Wenn man dann noch erkannt hat, wie viele Menschen nur darstellen, was sie zu sein glauben oder sein wollen, dann wird mir jedenfalls die ganze Malaise unserer anerzogenen Präferenz für erwartetes Verhalten bewusst. Ein gesundes Maß an Disziplin und gute Manieren finde ich wichtig und toll, aber so auszusehen und sich in jedem und allem nach Norm zu verhalten, wie andere das erwarten oder akklamieren, weil wir dann auch zu den Gleichen zählen, ist langweilig ohne Ende und so ein Leben in Indifferenz und Anpassung an das Gewöhnliche, das Mittelmaß, sollte man seinen Kindern ersparen.

Uniqueness ist bezogen auf unseren Sprachgebrauch ein doofes und vollkommen ausgelutschtes Wort aus der Werbung und dem Marketing, das man wirklich nicht mehr verwenden sollte, aber der Sinn dahinter, ist heute erstrebenswerter denn je. Man sollte die Unverwechselbarkeit und Einzigartigkeit von Menschen an ihrem umwerfenden Wesen und nicht erst an ihrem Gencode festmachen können … wir brauchen mehr echte Vorbilder, aber Kinder sollten nicht dazu gezwungen werden, ausschließlich die Blueprints anderer nachzuleben, von denen nicht bekannt ist, ob sie glückliche Menschen sind, die ein spannendes und erfülltes Leben haben.
Dyson ist ein gesundes und glückliches Kind, das sich trotz der Leidenschaft für Kleidchen als Junge fühlt und ganz sicher einer ist …
Wer mag, schaut noch hier rein, da sind dann auch viele Videos von Talkshows zum Thema zu finden.

Bilder: Screenshots, Cheryl Kilodavies

  • siegmarberlin
    5. September 2011 at 13:01

    ein äussert schwieriges, wie komplexes u. kontreverses Thema. Ich bin mir sicher, das dieses Thema hier entweder überhaupt nicht kommentiert oder aber ganz viele Meinungen hier dargestellt werden, wo sicherlich ganz abstruse Aussagen dabei sein werden. Der grundgedanke ist für mich sehr nachvollziehbar, sowie ich mich dann in USA-Talk Show zeige, hat sich für das Thema erledigt, das hat dann nicht mehr mit einer Eigenentscheidung des Kindes zu tun, weil jetzt schon von der Mutter in eine merkwürdige Rolle reingedrängt wird, was sicherlich auch bei einem Kind haften bleibt. Grundsätzlich liebe Daisxdora bin ich gegen dieses Thema hier bei Horston. `-)

  • Daisydora
    5. September 2011 at 13:29

    @siegmarberlin

    In der Tat ist es das und ich sehe mich da auch nicht als so fit unterwegs, wie das bei anderen Themen normal ist. Ich glaube nicht, dass so ein Thema auf einem Modeblog überhaupt Wellen schlagen kann und Kommentare bekommt …. aber wenn ich zwischendurch so einen Link von Horst bekomme und feststelle, dass es ein an sich interessantes Thema ist, dann arbeite ich mich da ein und schreibe drüber …. das sollte übrigens ein Füller für samstags werden … aber dann war das Wetter schön und Horst wollte auch mal raus 🙂 keine Sorge, das bleibt eher doch ein Einzelfall, das Thema ist selbst für uns exotisch …

  • Sören
    6. September 2011 at 13:38

    Hat mir gut gefallen, der Artikel, auch das Thema.
    Hab da auch mal vor Ewigkeiten nen Artikel von ner Mutter gelesen, die ihrem kleinen Sohn viele Freiheiten einräumt. (http://nerdyapplebottom.com/2010/11/02/my-son-is-gay/?qt).