Fotografie

Vorbeigeschaut bei … Peter Lindbergh

(© Peter Lindbergh; Courtesy of Peter Lindbergh, Paris / Gagosian Gallery)

„Haare, Make-up und Couture – Wir Models waren damals den perfekten Auftritt gewohnt. Am Set drehte sich alles um die schillerndsten Kostüme, die größten Bühnen. Es war ein Leichtes, sich hinter den aufwändigen Inszenierungen zu verstecken, der eigenen Unsicherheit zu entfliehen… Dann traf ich Peter, einen Fotografen, der mich als Frau wahrgenommen hat. Einen Freund, der die anderen Mädchen und mich am Strand von Santa Monica abgelichtet hat. Natürlich, nur in weißen Hemden“
Für einen kurzen Moment klingt Karen Alexanders Stimme wenig stark, sie ringt mit den Tränen, als sie von den Anfängen ihrer Modelkarriere berichtet. Sie sitzt in der Kunsthal Rotterdam, sucht die richtigen Worte und lässt uns an ihrem Werdegang als farbiges Model teilhaben. Keine Show, kein Laufsteg, vielmehr Authentizität und jede Menge weiße Hemden. Die Pressekonferenz zur Ausstellung „A Different Vision on Fashion Photography“ ist im vollen Gange, als Alexander mit ihren Erinnerungen an einen der einflussreichsten zeitgenössischen Fotografen für Stille sorgt. Peter Lindbergh.
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Alexander? Eine mutige Frau, bildhübsch mitsamt Lachfältchen und trotz ihrer bewegenden Erfahrungen ungemein stark im Auftreten! Eigentlich bin ich kein Kandidat in Sachen Wetteifern von Rührungstränen, hier bin ich jedoch ganz nah dran an der Zielgeraden. Das Rennen gebe ich mir mit keinen Geringeren als Milla Jovovich, Nadja Auermann, Tatjana Patitz und Lara Stone. Das Publikum und die Journalistenschar sind ebenfalls betreten, horchen auf und machen Notizen. Für einen kurzen Moment wird das Blitzlichtgewitter unterbrochen und selbst Peter Lindbergh – bislang überwiegend charismatic und funny im Auftritt – wirkt plötzlich nachdenklich. Es ist das erste Mal, dass ich den deutschen Fotografen persönlich erlebe und die anfängliche Aufregung sitzt mir noch immer im Nacken.

Vorab hatte ich zig Fragen im Kopf gesammelt, genannt sei nur eine von vielen: Wie stelle ich mir einen Menschen vor, der durch das Festhalten und Erschaffen von Ikonen selbst zur Ikone wird? Der Mann, der wie kein anderer den Begriff des Supermodels geprägt hat, als er Ende der 1980er-Jahre in New York seine vielleicht bekannteste Bilderserie geschossen hat! Linda Evangelista, Naomi Campbell, Cindy Crawford und Christy Turlington waren dabei, als er wenig später mit eben diesen legendären Aufnahmen das Cover der britischen Vogue zierte und einen neuen Weg in der Modewelt ebnete – die Ära der Supermodels.
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Ausstellungs-Impression: Estelle Lefébure, Karen Alexander, Rachel Williams, Linda Evangelista, Tatjana Patitz und Christy Turlington, Malibu, 1988. Werk: Peter Lindbergh

Der Mann, der Anna Wintours erstes US-Vogue-Cover schoss und sich seitdem zu einem der wichtigsten Fotografen unserer Zeit entwickelte. Der Macher der „White Shirts“, Ästhet, Identitätsstifter und Visionär der Mode. Was für einen Menschen kann man sich hierbei vorstellen? Einen Macho, getrieben vom Anblick bildschöner Frauen? Mein erster Eindruck: Wohl kaum! Beim Namen Lindbergh trifft man viel eher auf ein Feuerwerk an Superlativen, epic moments und ikonengleiche Frauen(bilder). Melancholisch getränkte Schwarzweißaufnahmen umrahmen sein Oeuvre, an dem er seit bald vier Jahrzehnten unnachgiebig schleift. Der deutsche Fotograf hat sie alle mit der Kamera festgehalten, von Kate Moss bis Madonna gibt es keine Ausnahme.

Der deutschen Vogue verriet er im Interview mit der Journalistin Katja Eichinger einmal: „Ich mag es, wenn mir die Frau nicht vorzuschreiben versucht, was ich von ihr denken soll. Deswegen interessieren mich beim Fotografieren ernste Gesichter auch mehr als lachende. Denn Lachen heißt ja nicht, dass man glücklich ist. Lachen fungiert oft als Schutz. Und ich habe einfach eine Schwäche für Frauen, die sich selbst suchen.“ Ich halte das aufgenommene Gespräch für eines der besten, die ich in den letzten Jahren von ihm gelesen habe und kann es zum Vertiefen in die Materie „Lindbergh“ nur wärmstens empfehlen (anbei einmal der Link zum vollständigen Interview auf Vogue.de).
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© Peter Lindbergh; Courtesy of Peter Lindbergh, Paris / Gagosian Gallery

Zurück zur eigentlichen Ausstellung: Bis Februar 2017 bietet sich die Chance, das Werk Lindberghs anhand von mehr als 220 Fotoaufnahmen zu entdecken. Der Franzose Thierry-Maxime Loriot kuratierte die weltweit einzigartige Retrospektive, welche unterschiedliche Ansatzpunkte aus dem Schaffen Lindberghs aufgreift: Da wären die bereits genannten Supermodels, Tanz, Kino, Modedesigner und Ikonen. Weitere Abteilungen bieten der Darkroom, das Unbekannte, Zeitgeist und ein exklusiver Bereich von/über Rotterdam – so berichtet Lindbergh, dass er nicht nur häufig die Kulisse der niederländischen Hafenstadt für seine Shootings nutzt, sondern als Kind öfters auch zum Urlaub in der Gegend gewesen sei. Einen vertieften Einblick in seine Arbeit bieten bislang noch nicht der Öffentlichkeit gezeigte Notizen, Polaroids und Requisiten.

Mein erster Eindruck ist durchweg von Begeisterung und Faszination geprägt: Mit Staunen inspiziere ich die zusammengetragene Auswahl, welche Loriot ähnlich einer Erzählung aufgebaut hat. Zwei I-Tüpfelchen werden vermutlich noch tagelang in meinem Kopf umherschwirren. Zum einen wäre da der Dokumentarfilm „Models, The Film“ von 1991. Hier kommen Wegbegleiter wie Nicole Kidman, Grace Coddington oder Mads Mikkelsen zu Wort und ehren das Schaffenswerk Lindberghs. Ich vergesse komplett die Zeit und kann den Film trotz seiner Länge (circa 50 Minuten) nur wärmstens empfehlen. Immer wieder laufe ich der „Lindbergh family“ in der Ausstellung über den Weg, der Fotograf hat sein gesamtes Team bei der Pressekonferenz dabei – vom Sohnemann, sämtlichen Agenten und Assistenten bis hin zu schillernden Wegbegleitern wie Tina Turner.
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© Peter Lindbergh; Courtesy of Peter Lindbergh, Paris / Gagosian Gallery

Das zweite, „große“ Highlight markiert die Zusammenarbeit mit Swarovski: Als Hauptsponsor der Ausstellung taucht der österreichische Kristallschleifvorreiter immer wieder in der Fotohistorie von Lindbergh auf. Sei es in dem Haute Couture Korsett von Jean Paul Gaultier aus einem Editorial der Vogue Italia (getragen von Milla Jovovich), der Strumpfhose von Victor & Rolf oder Helena Bonham Carter im Ballkleid. Besonderem Augenmerk sei dem Raum gegolten, in dem die bekannten Kostüme aus der „Alien“-Fotostrecke ausgestellt sind. An dieser Stelle wird ganz offensichtlich, dass hinter dem Namen Lindbergh nicht ausschließlich das reduziert-natürliche Bild von Frau vermittelt wird. Es gibt in der Retrospektive immer wieder auch Strecken, in denen spektakuläre Settings aufgebaut werden – Lindbergh kann auch das verflixt gut.

Eine unübersehbare Hommage an den Film, die Industriekultur und ganz bestimmt auch an den Klassiker „Metropolis“. Eine Gemeinsamkeit ist dabei unverkennbar: Überall lassen sich Frauen entdecken, die sich von ihrer gleichermaßen verletzbaren, als auch starken Seite zeigen. Bevor ich mich jedoch vollends in den Klassikern verliere und in die damaligen Zeiten von „Muttis Vogue durchblättern, um bei den Lindbergh’schen Aufnahmen hängen zu bleiben“ eintauche, beleuchte ich lieber etwas näher den Kurator Thierry-Maxime Loriot. Er ist, neben dem Dokumentarfilmer Loic Prigent, mein neuer Lieblingsmodestrippenzieher und hat zuletzt mit der fulminanten Schau über/mit Jean Paul Gaultier Wellen im Becken der heritage-hungrigen Modewelt geschlagen.
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Helena Bonham Carter, London, 2012; Interview Magazine; © Peter Lindbergh (Courtesy of Peter Lindbergh, Paris / Gagosian Gallery)

2013 pilgerte das Who-is-who nach Rotterdam, um den jungen Kunst- und Kulturmanager zu feiern. Die Kritiken? Mehr als spitze! Es war also nur eine Frage der Zeit bis Loriot zum nächsten Schachzug ausholen würde – Zug gewonnen, noch bevor „A Different Vision on Fashion Photography“ offiziell angelaufen ist. Die Pressestimmen hallen rauf und runter, eine kurze Recherche bei Google und der Blick in die einschlägige (Fach-)Presse genügt: Die Retrospektive wird durchweg positiv besprochen und kann somit (hoffentlich, hoffentlich, hoffentlich) ähnlich große Erfolge und Besucherzahlen verzeichnen! Zum Abschluss lasse ich das Kuratorenwunderkind selbst zu Wort kommen: „This exhibition presents the unique aesthetics of one of the most imaginative and visionary photographer of our times—not only for the happy few of the fashion industry and the art world, but as celebration of creativity and the avant-garde, with a relevant and necessary message for all about individuality, beauty, ageism and humanity.” 
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Auf, auf nach Rotterdam! Ich sage tot ziens Kunsthal und werde bestimmt noch mal in den nächsten Wochen und Monaten vorbeischauen. Für alle, die es nicht in die Niederlanden schaffen sollten: Aus sicherer Quelle habe ich erfahren, dass es sich um eine Wanderausstellung handelt und die Fotografien in München Halt machen. Wenn mich nicht alles täuscht, kann man(n) und frau dann ab April 2017 einen Einblick in das Werk Lindberghs erhalten. Zudem hat der Taschen-Verlag einen Bildband passend zur Retrospektive rausgebracht, ebenfalls äußerst empfehlenswert…

  • PeterKempe
    16. September 2016 at 12:18

    Julian du bist unglaublich ! Der Bericht ist der Hammer und die Lindbergh Ausstellung ist ein Traum ! Du mit Peter und Tatjana Patitz hautnah dabei ,wie wunderbar dankbar kann man dir nur für diesen Bericht sein !

  • siegmar
    16. September 2016 at 16:44

    sehr toller Bericht und um was ich dich persönlich beneide ist, das Treffen mit Tatjana Patitz , sie sieht großartig aus. Danke Julian !

  • vk
    18. September 2016 at 15:30

    duisburger jung.

  • Buchtipp: Peter Lindbergh. A different Vision on Fashion Photography | Horstson
    20. September 2016 at 10:57

    […] Peter Lindbergh bei der Eröffnung der Retrospektive in der Kunsthal Rotterdam und lieferte einen lesenswerten Bericht ab. Seine Begegnungen mit Peter Lindbergh und Tatjana Patitz war für ihn tiefes Eintauchen in die […]

  • thomash
    20. September 2016 at 11:36

    möchte sofort nach rotterdam fahren! danke für den super bericht, bei dem einem das wasser im mund zusammen läuft