Interview

Nachgefragt bei … Joachim Baldauf / Teil II des Interviews

(Portrait: Florian Meisenberg)

Fotografie trifft Illustration – Vor ein paar Tagen präsentierte der Modefotograf Joachim Baldauf seine Zusammenarbeit mit LUMAS in den Hackeschen Höfen Berlin. Pünktlich zum bevorstehenden Gallery Weekend wurden eine Auswahl seiner Schwarz-Weiß-Aufnahmen gezeigt, der Fokus liegt dabei auf der kreativen Fortführung der Arbeiten: Verschiedene Illustratoren haben die Fotografien des Wahlberliners grafisch interpretiert und somit seine ursprünglichen Arbeiten zu einem innovativen Kunsterlebnis erweitert. Festgefahrene Konventionen? Fehlanzeige! Den ersten Teil von unserem Tête-à-Tête gibt’s hier zum Nachlesen…

Im ersten Teil unseres Gesprächs hast Du Peter Lindbergh angesprochen: Gibt es irgendeine Ikone oder ein Idol, auf dem Deine Arbeit aufbaut?

Lass mich kurz überlegen: Leonardo da Vinci. Ich liebe Universalgenies, so auch Rudolf Steiner. Bei Fotografen ist das nochmal anders und ich könnte höchstens beurteilen, ob ich deren Arbeiten mag. Man sieht ja überwiegend nur Bilder, wie z.B. bei Ausnahmetalenten wie Richard Avedon oder Man Ray. Solche Fotografen schätze ich sehr.
Generell finde ich es interessant, wenn man den Menschen hinter der Arbeit kennenlernen und etwas Theorie dazulernen kann. Wenn man die unterschiedlichen Charaktere hinter den ikonischen Fotografien näher betrachtet, versteht man deren Absichten und Gedanken auch besser. Deshalb finde ich die Auseinandersetzung mit Philosophen unglaublich spannend. Da gibt es viel zu lesen, eine gewisse Substanz…

Stichwort Hintergrund?
So in etwa, vielleicht. Mir fehlt ganz häufig das Theoretische. Erwin Blumenfeld hat zum Beispiel einen ganz wunderbaren Roman geschrieben, wodurch ich seine Fotografien im Nachhinein noch viel mehr ins Herz geschlossen habe. Wenn man dieses Buch gelesen hat, versteht man seinen Arbeitsansatz, gewissermaßen seine Art zu leben. Dann macht Fotografie Spaß und erzählt dem Betrachter auch etwas.
Oft ist es doch nur copy und paste: Man schaut sich Fotos an, lässt sich inspirieren und verarbeitet seine Gedanken zu etwas Neuem. Wenn du dich aber auf die Geschichte, den Hintergrund der jeweiligen Person einlässt, wird es doch direkt spannender und man nimmt das Dargestellte auf einer ganz anderen Ebene wahr.

Gestern bin ich noch durch die Ausstellung von Lee Miller im Gropius-Bau gehuscht, warst Du schon vor Ort?
Genau, das meine ich mit meinem Gedanken. Lee Miller ist der Wahnsinn und ihre Arbeiten sind absolut beeindruckend. Sie war ja damals mit Man Ray zusammen, der nicht nur Fotograf, sondern auch Künstler war. Von Miller weiß man als Person eine Menge, man kennt ihr schreckliches Leben. Man hat im Kopf, was für eine schöne Frau und begnadete Fotografin sie war. Beim Betrachten ihrer Aufnahmen hat man diese vielen Details im Kopf, ihre Fotografien macht das für mich umso faszinierender.
Frauenzimmer #1, Supertotto (C) Joa chim Baldauf, www.lumas.com[1]
Frauenzimmer #1, Supertotto (C) Joachim Baldauf, www.lumas.com

Wir haben bereits über die Arbeit im Team und deinen Einsatz von Assistenten gesprochen: Was sollte man mitbringen, um als Fotograf erfolgreich zu werden?
Man sollte aufhören, sich immer wieder mit andere zu vergleichen. Heute spielen natürlich die Sozialen Medien eine große Rolle, das merke ich immer wieder. Egal ob Facebook, Instagram, Tumblr oder YouTube – das ist eine unendliche Masse an Reizen, die wir tagtäglich vorgesetzt bekommen. Allein schon, dass ich alter Sack das alles kenne ist doch verrückt! (lacht)
Dann bekommt man natürlich live mit, wer gerade in Mailand oder New York unterwegs ist und schon ist man im ewigen Vergleich gefangen. Da muss man vor allem als junger Mensch schauen, dass man da eine innere Jalousie, einen Filter für sich findet. Irgendwo muss man ja auch abschalten können und nicht immer nur aufsaugen, was von außen kommt. Mein Tipp lautet inside out und nicht immer nur outside in!

Stichwort Soziale Medien: Print-Medien oder schnelllebiges Instagram samt Konsorten?
Print als Informationsmedium interessiert mich nicht mehr so sehr wie früher. Wie du das bereits angesprochen hast, ist es vergleichsweise langsam geworden. Die Haptik finde ich nach wie vor spannend und ich bin der Meinung, dass man mit dem Medium viel mehr experimentieren sollte. Es müssen Wege gefunden werden, dass das Medium anders begriffen wird.
Warum macht man keine Printausgabe, die komplett auf Textelemente verzichtet und nur durch ihre Bilder wirkt? Kein Text, Impressum oder Bildunterschriften!? Die Leute würden die Aufnahmen neutral anschauen und sich nicht von bekannten oder weniger bekannten Namen der Fotografen beeinflussen lassen. Das bietet viel mehr Interpretationsfläche und jeder könnte sich mit seiner Ausgabe ein ganz eigenes Magazin schaffen. Genau an diesem Punkt setze ich auch mit meinem Magazin „Vorn“ an, das seit mehr als zehn Jahren erscheint: Damals habe ich mich hingesetzt und Antworten auf die oben erwähnten Fragen gesucht – ein Magazin für freie Gestaltung ist dabei herausgekommen. Wenn man sich diesen Reiz des Experimentierens beibehält, finde ich Print natürlich nach wie vor spannend!
Aber die vielen verschiedenen Magazine am Kiosk kaufen? Finde ich schwierig!

Warum genau?
Oftmals ist das, was im Print als Informationsmedium gezeigt wird, schon längst überholt. Gerade bei Nachrichtenformaten greift man doch eher auf Online-Versionen zurück, allein schon der Aktualität wegen. Ich bin da aber auch nicht der Typ Mensch, der ein Problem mit dieser Form der Entwicklung hat. Ich bin nicht traurig darüber, dass der Plattenspieler überwiegend ausgedient hat. Mittlerweile habe ich kaum noch Bücher, früher hatte ich ganze Regalwände voller Bildbände und Bücher. Reingeschaut hat man ja in den wenigsten Fällen, das war ja oftmals nur zum Angeben…

Wie zum Beispiel Coffee Table Books?
Genau. Um zu zeigen, was man hat! (lacht) Anhand dieser Einstellung erkenne ich für mich immer wieder, dass ich im Grunde genommen ein sehr moderner Mensch bin. Da ist immer wieder der Gedanke von Reduktion in meinem Kopf, ich brauchte in Hinsicht auf Ressourcen keine zehn gebundene Bücher zu verschwenden.
Natürlich gab es auch bei mir diese ganz besonderen Momente, wo ich z.B. erste eigene Buchveröffentlichungen in den Händen halten durfte. Ich weiß noch genau, wie stolz ich war, als ich meine allererste Monographie rausgebracht habe. Das war ein unglaubliches Gefühl. Wenn ich heute aber sehe, wie viel unnötiger Kram, mitunter Schrott sich überall anhäuft, kann ich nur den Kopf schütteln.

Oh, oh. Ich horte Bücher…
Nicht, dass du mich falsch verstehst: Es ist wunderbar, dass es das in dieser Form noch gibt, nur brauche ich persönlich nicht so viele Bücher um mich herum.
Ich finde, auch bei der Buchfrage, nichts schlimmer als Monokultur, das macht die Welt kaputt. Vielfalt muss gefordert und –fördert werden.

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These Boots 2; Jindrich-Novotny © Joachim Baldauf; www.lumas.com

Du gehst sehr offen mit diesen Themen um, genau dasselbe gilt für Deine Arbeiten. Bei Deiner Kooperation mit LUMAS hast Du auf die Zusammenarbeit mit verschiedenen Illustratoren gesetzt, gibst Du ihnen dabei komplett freien Handlungsspielraum?
Sie hatten bei der Zusammenarbeit komplett freie Hand! Natürlich würden an dieser Stelle viele Künstler aufschreien und sagen: „Wie kannst du sowas machen?“
Bei meiner Arbeit gehe ich relativ leidenschaftslos an solche Gedanken ran. Mich stört es nicht, wenn die Leute unterschiedlichste Instagram-Filter über meine Aufnahmen legen. Das finde ich vielmehr spannend. Bei dem Projekt mit LUMAS war es für mich in erster Linie interessant, herauszufinden, was ich wohl von der finalen Zusammenarbeit halten würde: Gefällt mir die Umsetzung? Ist sie vielleicht noch besser als vorher oder schlechter geworden? Grundsätzlich mag ich den Recycling-Gedanken.

Das musst Du mir näher erklären!?
Nicht nur wenn es um Ressourcen geht, sondern auch und gerade beim Thema Fotografie. Was passiert, wenn ein Bild aus dem Jahr 2000 neu interpretiert wird? Alleine dieser Gedanke hat mich bei der Zusammenarbeit angetrieben und ich war mehr als gespannt, was das Ergebnis zeigen würde.
Manchmal gehen Experimente dieser Art auch schief, dann ist es halt wie im Physikunterricht: Plötzlich knallt es laut und du hast ein schwarzes Gesicht. So etwas passiert einem auch noch das ein oder andere Mal nach Beendigung der Schulkarriere…

Ein weiteres Thema, das mich interessiert: Du fotografierst auch viel Akt, oder?
Stimmt, das habe ich immer sehr viel gemacht. Mittlerweile nicht mehr, das war so bis vor vier Jahren. Zu der Zeit habe ich sehr, sehr viele Nacktaufnahmen gemacht.

Was fasziniert Dich daran?
In erster Linie die Zeitlosigkeit! Der Mensch ist einfach nur Mensch wenn er nackt ist. Er lässt sich nicht in sein soziales Umfeld einordnen. Wenn ich einen Bauarbeiter oder einen Professor ohne Kleidung fotografiere, bleibt nicht mehr viel von dem jeweiligen sozialen Status bestehen. Diese Herangehensweise interessiert mich bei meiner Arbeit als Fotograf, vielmehr hat es mich sehr lange interessiert.
Ich habe mich eine Zeit lang sehr umfassend damit beschäftigt, um die zehn Jahre müssten es gewesen sein. Eigentlich wollte ich auch ein Buch über das Projekt veröffentlichen, Material für über 800 Seiten gibt es zumindest. Der teils extreme Inhalt der Fotografie gestaltet sich jedoch schwierig für einen Verlag. Ich bin damals sehr weit gegangen und irgendwann habe ich für mich festgestellt, dass man lieber neue Projekte fokussieren sollte.

Things that make you loved #1, Daniel Egne us © Joachim Baldauf, www.lumas.com[2]
Things that make you loved #1, Daniel Egne us © Joachim Baldauf, www.lumas.com

Inwiefern bist Du sehr weit gegangen?
Die Arbeiten sind teilweise sehr intim, pornografisch. Irgendwann war die Luft jedoch raus und wenn man zehn Jahren an einem Projekt arbeitet, ist irgendwann auch gut. Dann muss man weitergehen. Das heißt jetzt nicht, dass ich nie wieder einen Akt fotografieren möchte, vielmehr habe ich eine Klammer um das Thema gemacht. Das ist jetzt soweit erst einmal abgeschlossen und ich beschäftige mich mit anderen Bereichen meiner Arbeit.

Klingt auf jeden Fall nach einem spannenden Projekt: Wie schafft man es bei so einer Umsetzung eine angenehme Atmosphäre am Set zu erschaffen? Fotografiert man dann lieber nur Freunde oder Bekannte nackt?
Das gerade nicht, mit denen sind Aufnahmen dieser Art viel schwieriger umzusetzen. Da nimmt man lieber Modelle, die man nicht kennt.
Die Frage der Atmosphäre hat ganz viel mit Persönlichkeit zu tun und wie man selber tickt: Eine angenehme Stimmung am Set muss ich schließlich auch für eine angezogene Vierzehnjährige schaffen. Als Fotograf muss zu meinem Gegenüber Vertrauen aufbauen, anders geht es nicht.
Ich schaue Menschen zum Beispiel nie anders an, nur weil sie nackt vor mir stehen. Ob die- oder derjenige jetzt angezogen oder nackt im Studio steht, interessiert mich nicht. Mich beschäftigt das Getue um sozialen Status null. Ich bin tatsächlich frei davon, Leute nur nach ihrem Äußeren zu beurteilen. Das kommt vermutlich gerade durch die intensive Auseinandersetzung mit Aktaufnahmen. Irgendwann merkt man, dass es absolut keine Rolle spielt, welche Klamotten man gerade trägt – am Ende ist es doch nur eine Hülle.

Na, wenn das nicht mal ein passender Abschluss ist! Ich habe viele, viele Fragen stellen können und vom Gefühl her hätte es noch den ganzen Abend so weitergehen können. Ebenso bilde ich mir ein, dass ich den Fotografen etwas näher habe kennenlernen dürfen – für Begegnungen mit dem Namen Baldauf bin ich also durchaus gewappnet. Ich bedanke mich für das Gespräch, schaue mir noch einmal die finale Umsetzung der Fotografie-Illustrationen an und laufe anschließend zum nächsten Termin. Eine sehr gelungene Zusammenarbeit, was denkt ihr? Ich freue mich über euer Feedback!