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Modemethode – Karl Lagerfelds Kosmos in Bonn

Fendi Adele s.r.l. - Karl Lagerfeld sketches - Spring/Summer 2012
Skizze von Karl Lagerfeld für FENDI; Frühling/Sommer 2012; Courtesy Fendi Archives, © Fendi Archives

Als klassischer Designer kümmert sich Karl Lagerfeld, im Gegensatz zu dem meisten seiner Kollegen, vom Entwurf bis zum fertigen Modell auf dem Runway, um alle Details, um seine Vision der Mode zu verwirklichen. Es geht nicht nur um die einzelnen Looks und um die Mode, sondern auch um das Kollektionsthema, der Recherche, den Details bis hin zur Authentizität. Selbst der Dekor der Schau und das Konzept der Vermarktung entspringen Lagerfelds Kopf. Er ist einer der Jahrhundertgenies, dessen Bildung so breit aufgestellt ist, dass er in seine Kollektionen aus fast allen Bildungsbereichen Elemente einfließen lassen kann. Da sich Lagerfeld stets für seine Umwelt und deren Veränderungen interessiert, immer mit Blick auf die Wurzeln, der Geschichte und historischer Entwicklungen, schafft er es, egal für wen, die Vergangenheit und Gegenwart perfekt zur Zukunft zu verschmelzen und in wechselnden Erscheinungsbildern zu variieren.
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Links: Skizze, Chloé by Karl Lagerfeld; Frühling/Sommer 1972; „Rachmaninoff“-Kleid, © Chloé; rechts: „Rachmaninoff“-Kleid, Show Foto; © Chloé archive

Das unternehmerische Risiko liegt stets bei Karl Lagerfelds Auftraggebern. Das hat für ihn den Vorteil in den Genuss der Freiheit zu kommen, ganzheitlich die künstlerische Kreation und das entsprechende Konzept der Häuser, für die er arbeitet, zu bestimmen. Eben diese Freiheit setzt Lagerfeld seit 1965 halbjährlich, zukünftig auch vierteljährlich bei Fendi ein. Von 1962 bis 1984 und dann noch mal drei weitere Jahre war er für den Aufbau der Marke Chloé zuständig und schließlich ist er für jede Facette des Chanel-Kosmos‘ seit 1983 tätig. Bei Chanel zeichnet er sich neben der Prêt-à-porter auch für die Haute Couture verantwortlich. Es gibt kaum ein Projekt oder eine Aktion des Modehauses, für das Karl Lagerfeld nicht eigenhändig Hand anlegt. Braucht Chanel eine Einladungskarte für eine Schau, steht Lagerfeld auch mal um halb fünf Uhr morgens auf und zeichnet diese, oder fotografiert das Motiv einer Kampagne, wenn der Rest der Welt sich schon zur Ruhe gelegt hat …
Sobald Karl Lagerfeld seine Augen geöffnet hat, scheint er Ideen zu produzieren und Visionen zu zeichnen, die er dann mit Menschen bespricht, die schon sehr lange zu seinem Team gehören. Seit nunmehr 60 Jahren entwirft er bis heute Kollektionen und ein Ende ist nicht abzusehen. Es wirkt so, als wenn er übermenschliche Kräfte besitzt, die nie die Ideen ausgehen lassen.
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CHANEL Ready-to-Wear; Frühling/Sommer 2011; Foto © Karl Lagerfeld

Karl Lagerfelds Arbeitsweise, der „Modemethode“, wie er sie selbst nennt, ist jetzt in der Bundeskunsthalle in Bonn eine große Ausstellung gewidmet, die vom 28. März bis 13. September zu sehen ist.
Das Besondere an der Ausstellung ist, dass die von seiner langjährigen Muse, Lady Amanda Harlech, gemeinsam mit dem Intendanten der Bundeskunsthalle, Rein Wolfs, zusammengestellt wurde. Sie zeigt die Facetten genau der Arbeit, die seit 1955 ununterbrochen nicht nur die eigene Handschrift von Karl Lagerfeld prägt. Vielmehr repräsentiert sie auch Lagerfelds Einfühlungsgabe, für jedes der Häuser genau das zu machen, was dem jeweiligen Stil und der benötigten Wandelbarkeit entspricht.
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CHANEL, Studio Chanel; Pre-Collection; Frühling/Sommer 2012; Zeichnung © Karl Lagerfeld

Von Anfang an beschäftigte sich Karl Lagerfeld nicht nur mit der Modellerstellung, sondern kreiert auch eigene Materialien, Stoffe, Designs und die einzelnen Bestandteil des Stylings selbst. Unabhängigkeit auf jedem Gebiet und die Freiheit im Kopf waren für ihn schon früh das Wichtigste. Die Triebfeder, mit der er seit Jahrzehnten sein Pensum gut gelaunt bewältigt, sind die ihm eigenen preußischen Tugenden gepaart mit französischem Esprit und Eleganz.
Enorm wichtig dabei, und das sieht man schon bei der Liste, der an der Ausstellung beteiligten Personen, ist das Team, das bei Karl Lagerfeld im Wesentlichen, teilweise seit 40 Jahren aus den gleichen, voll auf ihn eingespielten Personen besteht. Aber nicht nur seine Mitarbeiter wissen seine Arbeit zu schätzen – auch er weiß, dass jeder Einzelne von ihm auf seinem Gebiet genau so kreativ und kongenial ist. Alle haben ihren festen Platz in der Maschinerie des lagerfeldschen Kosmos. Manchmal gibt es kurz aufblitzende, dem Zeitgeist entsprechende Sternschnuppen, die meisten aber arbeiten lebenslang an seiner Seite, wie Caroline Lebar in seinem Studio oder Virginie Viard bei Chanel. Diese Menschen sind die Säulen, die für die Ausführung und das Delegieren der Prozesse sorgen und an jedem Punkt in jedem Haus wie die Zahnräder in einem Uhrwerk ineinandergreifen. So auch bei der Ausstellung, die wohlgemerkt keine Retrospektive ist – Karl Lagerfeld hasst das Wort – sondern eine Darstellung seiner Arbeitsabläufe darstellt. Eine Sichtweise, die hemmungslos untertrieben ist und die die Ausstellung noch sehenswerter macht.
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Links: Chloé by Karl Lagerfeld; Herbst/Winter 1983: „Bellissima“; © Chloé archive; rechts: Chloé by Karl Lagerfeld; Frühling/Sommer 1983; „Angkor“; © Chloé archive

Konzipiert wurde die Ausstellung von Gerhard Steidl, der sicher auch das dazugehörige Buch verlegen wird. Stefan Lubrina, der schon seit den Achtzigern bei Chloé dabei ist, hat für den erstmalig in so großer Breite gezeigten Chloé-Teil das Dekor entwickelt. Chloé ist ein ganz wichtiger Meilenstein in Karl Lagerfelds schöpferischer Geschichte. Seine Kreativität führte dazu, dass er noch vor Yves Saint Laurent das kleine Prêt-à-porter-Label zu einem der einflussreichsten Frankreichs machte. Schon in den Siebziger und Achtziger Jahren experimentierte Lagerfeld mit Kollektionen, die zum Beispiel dem Baumarkt oder Musikern gewidmet waren. Humor und Surrealismus waren bei ihm immer Zutaten, die sich viele Modeschöpfer nicht gestatten. Der Couture-Bereich der Ausstellung, natürlich mit wunderbaren Zeichnungen und sehr vielen Modellen bestückt, ist mit den Papierkreationen der Künstlerin Wanda Barcelona gestaltet. Barcelona hat unter anderem das Dekor für die weiße Chanel-Kollektion im Jahre 2009 gestaltet und auch an der letzten Couture Schau im Grand Palais mitgearbeitet. Sämtliche Soundinstallationen – Musik gehört für Karl immer zur Mode dazu und transportiert für ihn die Philosophie der Kollektion perfekt – hat er mit Michel Gaubert, auch ein Urgestein an seiner Seite für, die Ausstellung kuratiert.
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Links: Chloé by Karl Lagerfeld; Frühling/Sommer 1994; © Chloé Archive; rechts: Chloé by Karl Lagerfeld; Frühling/Sommer 1996; © Chloé Archive

Obwohl alle Augen besonders auf Karl Lagerfelds Wirken im Modehaus Chanel gerichtet sind, für das er das beispiellose Rezept einer Revitalisierung mit unvergleichbarem Erfolg geliefert hat, zeigt Bonn sehr schön das Arbeiten und die Entwicklung bei Fendi.
2015 arbeitet Lagerfeld nun schon seit einem halben Jahrhundert für das in Rom ansässige Haus. Es sprengt schon fast die Vorstellungskraft, von Zeit und Kreativität und vor allem immer wiederkehrenden Kollektionen, woher Lagerfeld immer noch das Steigerungspotential nimmt. So wird Fendis Sortiment ab Juli diesen Jahres um eine Haute Fourrure-Kollektion erweitert.
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Links: CHANEL Haute Couture; Herbst/Winter 2013/2014; Zeichnung © Karl Lagerfeld; rechts: Skizze von Karl Lagerfeld für FENDI; Herbst/Winter 2000/2001; Courtesy Fendi Archives, © Fendi Archives

Die Ausstellung zeigt neben unzähligen Skizzen, Dokumente und Arbeitssituationen insgesamt 120 Looks aus den verschiedenen Schaffensphasen und Modehäusern. Die Modelle werden auf Figuren mit Original Sam McKnight-Perücken mit allen Schauendetails, die von Karl Lagerfeld festgelegt wurde, präsentiert. Perfektionismus allover, denn nur so kann man über so lange Zeit so erfolgreich sein und auch bleiben …
Viele Kinder seiner Mitarbeiter sind an der Ausstellung beteiligt: Den „Rom“-Film, der in Bonn gezeigt wird, ist wurde von Chris Sutton und Jasset Harlech, dem Sohn von Lady Amanda, produziert.
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CHANEL Haute Couture; Frühling/Sommer 2009; Foto © Karl Lagerfeld

Bonn steht für eine Zeit in der deutschen Geschichte, die auch genau die Zeit ist, in der Karl Lagerfeld nach Paris ging. In Paris prägte er anfangs sehr erfolgreich die Modegeschichte des ausgehenden Zwanzigsten Jahrhunderts und des beginnenden 21. Jahrhunderts, bis er sie jetzt, zumindest gefühlt, beherrscht. Als Bonn Bundeshauptstadt war, kam auch Chloé und schließlich Chanel nach Deutschland. Die Zeitschrift Stern sorgte dafür, das Lagerfeld in Paris so etwas wie „der“ Deutsche wurde. Lagerfeld war schon damals der bekannteste Modeschöpfer unseres Landes und genoss ein internationales Renommee.
Wenn Lagerfeld nach Deutschland kommt, ist bis heute ein Phänomen zu beobachten, das in Frankreich, wo er den großen Teil seines Lebens verbracht hat, nicht vorherrscht: In Deutschland möchte jeder, dass Karl Lagerfeld ihm „gehört“. Viele suchen seine Nähe, doch nur wenige gehören wirklich zu seinem engeren Kreis. Die Chefredakteurin der Bunten, Patricia Riekel, gehört dazu oder auf eine besonders respektvolle und zauberhafte Art die Chefredakteurin der Vogue, Christiane Arp, die eine Freundschaft mit ihm verbindet.
Arp hat die Eigenschaften von Lagerfeld besonders gut und sehr treffend auf den Punkt gebracht: „Karl Lagerfeld ist der wohl inspirierendste Mensch, dem ich je begegnet bin. Er vereint in sich ein unendlich reiches Wissen über nahezu alle Epochen und speziell die der europäischen Kultur. Nicht nur über deren Mode und Stile, sondern auch über deren Haltungen, innere Antriebe, deren Persönlichkeiten, Kunst und Literatur. Vor allem aber ist dieses enzyklopädische Wissen in ihm lebendig und gegenwärtig und gepaart mit einer genauen Beobachtung des Hier und Jetzt.“ Weiter empfindet sie genau das, was ich lebenslang auch an Lagerfeld als Faszinosum so verehre: „Ihn treibt die Neugier auf die Gegenwart und die Zukunft an. Sein Geist scheint mir unendlich weiter gespannt zu sein als der unsere!“ Arp bringt damit genau der Empfindung Ausdruck, die einen sofort bei längeren Gesprächen mit Lagerfeld einfängt und die wunderschön in dieser Ausstellung vermittelt wird. Die Vogue ist übrigens für diese Werkschau auch der Medienpartner der Bundeskunsthalle.
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Skizze von Karl Lagerfeld für FENDI; Herbst/Winter 1993/1994; Courtesy Fendi Archives, © Fendi Archives; rechts: Skizze von Karl Lagerfeld für FENDI; Herbst/Winter 1979/1980; Courtesy Fendi Archives, © Fendi Archives

Wenn es die Zeit zulässt, sollte man nach Bonn fahren und die Ausstellung anschauen. Es gibt vieles aus der „Karl-Welt“ zu entdecken, wie zum Beispiel das „Rachmaninoff“-Kleid von Chloé. Das Kleid stammt aus dem Jahr 1972 und es wird seine Geschichte von der Entstehung bis zum Defilee in damals intimer Modenschau nacherzählt. Sehr sehenswert sind sicher auch die Fotokampagnen für Chanel, die Lagerfeld seit 1989 fotografiert …
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Karl Lagerfeld, Modemethode, 2015; Farbstift auf Canson-Papier; © 2015 Karl Lagerfeld

Die Ausstellung läuft bis zum 13. September. Wer hingegen die „Modemethode“ in angewandter Form sehen möchte, kann dies im Mai bei der Präsentation der nächsten Croisière-Schau für Frühling 2016, die diesmal in Korea stattfindet. Die Lagerfeld-Geschichte geht weiter bis zur nächsten Ausstellung …

KARL LAGERFELD. MODEMETHODE
28. März – 13. September 2015

Bundeskunsthalle Bonn
Friedrich-Ebert-Allee 4
53113 Bonn

Dienstag und Mittwoch: 10 bis 21 Uhr Donnerstag bis Sonntag: 10 bis 19 Uhr Feiertags: 10 bis 19 Uhr
Freitags für angemeldete Gruppen ab 9 Uhr geöffnet
Montags geschlossen

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  • Siegmar
    26. März 2015 at 10:32

    Lieber Peter, ein wunderbarer Artikel über die Ausnahmeerscheinung und Lichtgestalt Karl Lagerfeld. Zu der Aussage von Frau Arp ist nichts hinzuzufügen, bringt es auf den Punkt. Diese Ausstellung muss und werde ich mir ansehen. 🙂

  • Horst
    26. März 2015 at 11:42

    Tolle Ausstellung! Sehr beeindruckend ist auf jeden Fall die Kreativität aller Beteiligten. Ich hoffe, ich komme diese Sommer nach Bonn … 🙂

  • Markus
    27. März 2015 at 06:36

    ganz wunderbar

  • Die Woche auf Horstson – KW 13/2015 | Horstson
    29. März 2015 at 12:13

    […] Die Uhrzeit am Oldschool-Wecker, dem Herd und den Armbanduhren ist umgestellt. Wie hole ich jetzt aber die geklaute Stunde wieder auf? Vielleicht Frühstück in der Badewanne, dabei online die wichtigsten News studieren während das Telefonat mit der Mutter auf Lautsprecher gelegt ist, um an wahllosen Stellen ein “hmmm”, “soso”, “okay” einzuwerfen? Damit ihr heute nicht zusätzlich Zeit verplempert, habe ich schnell alle Highlights der vergangenen Horstson-Woche parat: 1) Julian war kürzlich bei der Präsentation der “Diana Vreeland Parfums” und hat dort die Alexander Vreeland, dem Enkel der legendären Diana Vreeland, getroffen. Teil eins des Interviews findet ihr hier und Teil zwei hier. 2) Eine Chance für die Liebe? Horst gestand am Freitag, dass seine lange währende Liebe zu Jeremy Scotts Entwürfe für Adidas auf eine harte Probe gestellt wurde. 3) Der britische Designer John Allen hat Accessoires für das Label Loewe entworfen. Ich bin hin und weg. Bilder gab es von Peter am Mittwoch! 4) Spätestens jetzt wird die ehemalige Bundeshauptstadt eine Reise wert. Die Ausstellung “Karl Lagerfeld. Modemethode” in der Bundeskunsthalle Bonn scheint vielversprechend zu sein. Alle Infos dazu hatte Peter am Donnerstag. […]

  • Modeschätze: Chanel Haute Couture-Kollektion Winter 1983 | Horstson
    22. Mai 2015 at 10:45

    […] – Modemethode”, die noch bis September in Bonn läuft, haben wir euch ja schon ausgiebig zur Eröffnung vorgestellt. Letzte Woche hatte ich nun Zeit, der Ausstellung einen Besuch abzustatten. Die Exponate […]