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Filmkritik Interstellar: Groundcontrol to Major Tom

interstellar horstson
Bild: Warner Bros.

Wie sieht die Zukunft der Menschheit aus, wenn wir so weitermachen wie bisher? Christopher Nolans Antwort nimmt uns mit auf eine ziemlich lange Reise. Ein Erfahrungsbericht.

“We used to look up in the sky and wonder at our place in the stars. Now we just look down and worry about our place in the dirt.”

Die Erde der nahen Zukunft ist zu einem staubigen Dystopia verkommen. Milliarden sind verhungert, seit der Mehltau die Ernten frisst. Nur Mais kann noch angebaut werden, doch werden die Erträge immer geringer. Es gibt keine Armeen mehr und keine Staaten wie wir sie kennen. Nahrung hat oberste Priorität. Sandstürme fegen über die riesigen Felder hinweg und machen den Farmern das Leben zur Hölle – und Farmer ist hier fast jeder.
Auch Cooper (Matthew McConaughey). Allerdings ist er kein Durchschnittslandwirt. Wenn Coop nämlich nicht gerade herrenlose Flugdrohnen mit seinem Laptop kapert oder mal eben mit einem Schraubenzieher das GPS-Signal seiner Mähdrescherroboter neu konfiguriert, schwelgt er in Erinnerungen an seine Zeit als Pilot und trauert dem menschlichen Pioniergeist nach: “Perhaps we`ve just forgotten, that we are still pioneers, that we have barely begun and that our greatest accomplishments cannot be behind us and our destiny lies above us.” Amen.

Coopers Welt gerät aus den Fugen, als sich im Zimmer seiner Tochter Murphy (benannt nach Edward Murphy, dem Begründer des gleichnamigen Gesetzes) seltsame Sandformationen aufhäufen. Natürlich bilden diese einen primitiven binären Code. Natürlich bildet der geheimnisvolle Koordinaten ab. Natürlich erkennt Coop das sofort. Ich mache mir ein Bier auf.

Derweil sind Coop und Murphy schon auf dem Weg zu besagten Koordinaten. Schon bald stoßen die beiden auf ein riesiges Geheimversteck. Schnell wird klar, dass hier kein Bondschurke mit Weltherrschaftsfantasien haust. Ganz im Gegenteil. Verborgen in der Wüste sucht die NASA nach einer neuen Heimat für die Menschheit. Ab jetzt geht alles ganz fix. Coop und der geniale Professor Brand (Michael Caine), Leiter und intellektueller Kopf der Anlage, kennen sich nämlich von früher. Überraschung: Coop war weiland der beste Pilot, den die NASA hatte. Kann das noch Zufall sein?
Natürlich nicht. Wir erfahren, dass es sich bei den Sandhaufen respektive binären Codes aus Murphys Zimmer in Wahrheit um Gravitationsanomalien handelt. Damit kommunizieren „Sie“ mit uns. Zwar weiß keiner, wer „Sie“ sind, doch wollen „Sie“ uns den Weg in eine neue Heimat weisen. Dazu haben „Sie“ ein Wurmloch in der Nähe des Saturns platziert. Durch dieses Wurmloch können Astronauten in nicht weniger als 12 weit entfernte Galaxien reisen und dort nach Planeten suchen, die menschliches Leben ermöglichen. Für die Besiedelung der neuen interstellaren Heimat hat sich Professor Brand zwei Szenarien ausgedacht. Plan A will eine menschliche Population direkt in den Weltraum schicken. Praktisch: Das riesige Geheimversteck der NASA ist als potentielles Raumschiff designt worden und wartet nur darauf abzuheben, sobald der Professor der „Gravitationsformel“ den letzten Schliff gegeben hat. Ich verschlucke mich an meinem Bier, öffne ein neues und lausche Plan B. Der scheint mir weitaus einfacher zu sein. Mittels eingefrorener Embryos sollen die Astronauten eine neue menschliche Population aufbauen. Ihren Liebsten auf der Erde wäre damit zwar nicht mehr geholfen, aber immerhin hätten sie selbstlos das menschliche Fortbestehen gesichert.

“We’ve always defined ourselves by the ability to overcome the impossible.”

Überhaupt spielen Selbstlosigkeit und Solidarität, das Abstrahieren über die eigene Person, die eigene Familie hinweg bei Regisseur Christopher Nolan eine große Rolle. Ein tief gespaltenes und rezessionsgebeuteltes Gotham City war Schauplatz seiner Batman-Trilogie. Für einen amerikanischen Blockbuster durchaus kapitalismuskritisch. Interstellar schlägt tiefer in dieselbe Kerbe. Hier sind wir schon ein paar Schritte weiter. Die Erde ist der menschlichen Gier nach immer mehr schlussendlich zum Opfer gefallen und zur Ödnis verkommen. Wir haben unser Schicksal verdient. Natur gut/Mensch böse. So lautet die eine Hälfte der Message. Doch gibt es einen Ausweg, wenn wir unseren Egoismus überwinden und zusammenarbeiten. Menschlicher Erfindungsreichtum überwand schließlich noch jede Widrigkeit. Damit ist der Film auch eine große amerikanische Verbeugung vor dem (amerikanischen) Pioniergeist. O! Say can you see…

Leider sind die Figuren in Interstellar ähnlich einfach gestrickt wie der moralische Überbau.
McConaughey, Caine, Hathaway, die Hauptdarsteller sind allesamt oscarprämiert. Allein, es hilft dem Film herzlich wenig. Michael Caine wird von Christopher Nolan außerordentlich gern besetzt. Er spielte schon Butler Alfred in allen drei Batman-Filmen. Leider scheint Nolan in ihm ein weißes Pendant zu Morgan Freeman zu sehen und lässt ihn stets nur den altersweißen Greis mimen. Einziger Unterschied: dieses Mal sitzt er im Rollstuhl und zitiert unaufhörlich Dylan Thomas (Do not go gentle into that good night). Matthew McConaughey gibt den Space Cowboy. Wenn er sich in astreinem Texanerenglisch durchs Weltall radebrecht fehlen eigentlich nur die Sporen am Raumanzug. Hin- und hergerissen zwischen der Sehnsucht nach seinen Kindern und seinem ureigenen Entdeckergeist feuert er in einer Intensität Phrasen ab, dass es noch für weit mehr Zwischenüberschriften gereicht hätte. Von Anne Hathaway bleibt mir nur in Erinnerung, dass sie irgendwie dabei war.
Natürlich das alles vor allem an den eindimensionalen Figuren – und damit sind wir beim Drehbuch. Verantwortlich dafür zeichnet Christophers Bruder Jonathan Nolan (Prestige, Memento). Er schrieb das Buch zusammen mit dem Physiker Kip Thorne, Regie sollte Steven Spielberg führen. Als der absprang holte Jonathan seinen Bruder ins Boot, der nochmals weitreichende Änderungen vornahm. Heraus kam ein fast dreistündiger Film, der am riesigen Bogen scheitert, den er schlagen will. Stellenweise ist die Handlung sehr zäh, dann wirkt sie wieder überfrachtet. Die einzelnen Teile gehen nicht gut ineinander über, die Story wirkt platt und unglaubwürdig. Zwar wartet Interstellar mit bombastischen Bildern und einem angenehm an Daft Punk erinnernden Soundtrack auf. Doch insgesamt setzt Nolan wie schon in Inception und der Batman-Trilogie zu sehr auf Action. Leitragende sind Figuren, Handlung und Dialog.

Computer: „This is not possible!“
Coop: “No. It`s necessary!“

Ich steige um auf Rum-Cola.

“Mankind was born on earth, it was never meant to die here.”

Zurück im NASA-Geheimversteck. Brand möchte Coop als Pilot für die anstehende Mission gewinnen. Schließlich ist er der BESTE! Mittlerweile bin ich ganz schön stramm und warte nur darauf, dass Maverick und Iceman um die Ecke biegen. Highway to the Danger Zone, Ride into the Danger Zone, jubele ich noch innerlich. Dann fallen mir auch schon die Augen zu, während Coop mit einem Häufchen Wagemutiger die Rakete gen Weltraum besteigt. Doch just rollt Professor Brand um die Ecke, die mahnenden Worte Dylan Thomas` bedeutungsschwanger vor sich her rezitierend: Do not go gentle into that good night! Ob er mich meint? Beschämt reibe ich mir den Schlaf aus den Augen und trinke weiter. Endlich Action!
Meine guten Vorsätze halten nicht lange. Zu viel ist hier die Rede von Raumzeit, Quantendaten und Neutronensternen. Einer der Astronauten erklärt uns nochmal schnell in bester Galileo-Manier wie ein Wurmloch funktioniert, dann kann es auch schon losgehen.
Prompt haben „Sie“ ihren großen Auftritt. „They are deforming the spacetime!“, ertönt es aufgeregt aus der mittlerweile zum Raumschiff umfunktionierten Rakete. Scheinbar bin ich der einzige im Saal, der lachen muss.
Während ich Cooper und Professor Brands Tochter Dr. Brand (Anne Hathaway) dabei zusehe, wie sie eine interstellare Interpretation von Gullivers Reisen aufs Parkett legen, wird mir schlagartig klar, dass die Anspielung auf Murphy`s Law bei diesem Endlosstreifen wörtlich zu nehmen ist: Anything that can happen, will happen!
Die letzte Stunde gibt der Film dann nochmal richtig Gas. An überlebensgroßer Weltraumaction und Hans-Zimmer-Sound wird nicht gegeizt. Doch nach 30 Minuten nutzt sich das Ganze irgendwie ab. Mein Körper kann schlicht kein Adrenalin mehr produzieren und so falle ich ins unvermeidliche Leistungsloch. Mit einem Ohr höre ich gerade noch, dass Liebe auch Zeit und Raum überwinden kann, dann schlummere ich auch schon weg.
Ground Control to Major Tom. Your circuit’s dead, there’s something wrong.

Interstellar
Regie: Christopher Nolan
Buch: Christopher Nolan, Jonathan Nolan
Darsteller: Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Michael Caine, John Lithgow, Mackenzie Foy, Jessica Chastain, Casey Affleck,
Produktion: Lynda Obst Productions, Paramount, Syncopy, Legendary, Warner Bros
Verleih: Warner Bros.
Länge: 169 Minuten
Start: 6. November 2014

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  • Siegmar
    24. November 2014 at 10:55

    Danke für den Beitrag, hat mich bestätigt, trotz Oscar-Aufgebot, nicht ins Kino zu gehen um diesen Film zu sehen. Matthew McConaughey ist ein toller Schauspieler, leider nutzt das nicht immer.

  • Jan Who
    24. November 2014 at 17:37

    Habe drei Stunden Lebenszeit verschwendet!

  • Monsieur_Didier
    24. November 2014 at 17:43

    …nicht der erste Verriss dieses Film…
    ich hatte vor kurzem überlegt, mir diesen Film anzusehen, aber allein die beiden Hauptdarsteller haben mich dagegen entscheiden lassen…
    Anne Hathaway ist für mich eine maßlos überschätzte Schauspielerin und auch Herr McConaughey ist jetzt auf meiner Liste der sehenswerten Schauspieler nicht ganz weit oben…
    (wobei ich sagen muss, dass er in „Dallas Buyers Club schon sehr großartig war)…!

  • Temperance
    24. November 2014 at 23:07

    Space Opera,wie Flash Gordon,da gab es zwar keine Wurmlöcher,aber Bohrwürmer.