Männermode

Ein Königreich für ein Hemd – Charvet

Bild: Charvet

Daisydora hat es schon geschrieben, was ich mir für das neue Jahr 2012 vorgenommen habe und eines der Dinge, die ich tun werde, ist, mir zwei Hemden bei Charvet nähen zu lassen. Dies ist mir natürlich ein willkommener Anlass, euch das Haus Charvet, Hemdenmacher seit 1828, an der Pariser Place Vendôme Nummer 28, vorzustellen.
Charvet ist so zu sagen das Haute Couture Haus für Männer-Hemden, oder das Gegenstück zur Londoner Savile Row. Die Kundenliste ist hochkarätig und beginnt bei Charles de Gaulle, über John F. Kennedy bis zu Winston Churchill. Daphne Guiness lässt alle ihre Blusen dort machen und Yves Saint Laurent ließ sogar seine Anzüge dort anfertigen.

Berühmt ist das Haus Charvet, das von der jüdischen Familie Colbin geführt wird, in dem auch Monsieur Colbin und seine Schwester jeden Tag im Laden stehen, vor allem für seine Hemden, die Krawatten, Pyjamas und Schleifen.
Im Erdgeschoss ist die Prêt à Porter-Boutique mit einer schier unüberschaubaren Auswahl an Krawatten, Einstecktüchern, Hausschuhen und Morgenmänteln. Im ersten Stock dann die fertigen, nach Kragenweiten geordneten Hemden, und dann darüber, in der zweiten Etage ein Stofflager, in dem man schier jede Übersicht verliert. Niemals zuvor, als ich dieses Reich der Schneider und Schnittmacher betrat, ahnte ich, dass es so viele Hemdenstoffe in verschiedenen Nuancen und Strukturen, und das alleine bei Uni Weiß geben könnte.
Von den hunderten verschieden breiten Streifen, den Vichys, Gitter- oder Madras-Karos dieser Welt mal abgesehen. Blautöne sind genau wie Gelb oder Lilatöne wändeweise vorhanden. Es ist das Paradies der Hemdenstoffe.

Bei meinem ersten Besuch auf der Place Vendôme, ich lasse mir seit der Zeit meine Hemden dort schneidern, ging es aber noch gar nicht darum, einen Stoff auszusuchen, sondern, Monsieur Colbin erklärte mir erst einmal die verschiedenen Schnitte, erkundete meine Lebensweise. Ob ich häufig Hemden mit Krawatte oder ohne trage. Es ging darum, wie ich am liebsten meine Manschetten trage, ob ich sportliche Hemden bevorzuge oder formelle. Er interessierte sich dafür, ob ich häufig einen Pullover oder Pullunder darüber trage, oder ein Jackett. Fragen über Fragen. Wenn man gute Hemden tragen will, kostet das am Anfang etwas Zeit, zahlt sich aber ein Leben lang aus.

Station zwei: Ich wurde am ganzen Leib vermessen. Dabei gilt es auf einiges zu achten: Wo trage ich meine Hose, tiefer sitzende Jeans oder höher sitzende Anzughosen.
Mag ich es, wenn das Hemd aus der Hose rutscht oder möchte ich, dass es immer korrekt sitzt. Wie viele Knöpfe möchte ich am Hemd haben. Dann die 120 Kragenlösungen durchgehen. Milanese-Kragen, Kent-Kragen, Button Down bei Sporthemden, dazu gibt es etwa noch sechzig verschiedene Manschetten. Dann die Rumpfmaße, die Kragenweite, die Armlänge, dazu etwa 25 verschiedene Maße wie die Armdicke etc.

Nach etwa zwei Stunden in einer Umkleidekabine, die etwa so groß wie meine ganze Wohnung ist und mit goldenen Rahmen mit verschiedenen Kragen und Manschetten bestückt ist, kommt man gemeinsam zu einem Ergebnis, und es wird ein Probehemd aus Nesselstoff genäht. Dieses kann man dann nach etwa vier Wochen probieren.
Am Tag der Anprobe wird überprüft, ob alles korrekt sitzt und eventuelle Änderungen vorgenommen werden müssen. Verändert man seine Figur, muss dann natürlich korrigiert werden, aber um es mit Nan Kempner zu sagen, als Couture-Kunde sollte man seine Maße halten.
Steht alles fest und war das Probehemd perfekt, wird das sogenannte Dossier angelegt. Das ist eine Kartei-Karte, auf der der Name des Kunden, die Anschrift und alle Einzelheiten vermerkt werden. Auf die Einlegeblätter wird dann jeweils die „Commande“ notiert, das heißt, ein Stück von dem Stoffmuster aufgetackert, das man sich aussucht und das Bestelldatum und die Machart des Hemdes.
Ab diesem Tag ist man Kunde des Hauses Charvet. Bei jedem zukünftigen Besuch gibt man seinen Namen an und ein Mitarbeiter trägt das Dossier herbei. Dann wählt man einen Stoff aus und gibt das Hemd in Auftrag. Nach Schwierigkeitsgrad dauert es dann etwa einen bis drei Monate, bis man das Hemd abholen kann. Wenn man nicht in Paris ist, wird es einem natürlich zugeschickt.

 

Jedes Hemd ist von unvergleichlicher Qualität und sollte nach Jahren einmal die Manschette abgewetzt sein, oder der Kragen mürbe werden, dann bringt man das Hemd einfach zu Charvet an die Place Vendome und es wird aus dem gleichen Stoff alles Schadhafte ersetzt. Es sind sozusagen Hemden, mit lebenslanger Garantie. Möchte man ein Hemd komplett ersetzten, schaut man einfach in den Einnäher mit der Jahreszahl, und an Hand des Dossiers wird dann das Hemd in dem gleichen Stoff nachgearbeitet.

Jeder, der seinen Stil gefunden hat und lieber nach der Devise „weniger ist mehr“ handelt, wird begeistert sein von Charvet. Allein die Stimmung und der Habitus in diesem Haus begeistern Qualitäts-Fanatiker. Ich trage meine Charvet-Hemden teilweise schon seit zwölf Jahren und das häufig!! Sie zeigen keinerlei Abnutztungserscheinungen !!. Eine Ausgabe, die sich doppelt lohnt.

Außerdem ist jeder Besuch bei Charvet ein bisschen wie in die Vergangenheit abtauchen. Ihr solltet auf jeden Fall bei eurem nächsten Paris-Besuch einmal die Boutique besuchen! Die geflochtenen Weekend-Gürtel für 98,00 Euro sind ein Hit und in mindestens 120 Farben erhältlich. Ein schöneres Paris-Souvenir kann es nicht geben. Willkommen in der Welt von Charvet….

  • Daisydora
    3. Januar 2012 at 12:18

    Bisher kenne ich den tollen Laden nur von Außen, das wird sich aber demnächst ändern.

    Ich träume schon von Seidenjerseyhemden von Charvet, auch wenn man den Stoff dort vielleicht gar nicht verarbeitet.

    Ich liebe diese Art Berichte von dir, dabei fühle ich mich wie bei einem gemeinsamen Einkauf … danke, Peter 🙂

  • Carrie
    3. Januar 2012 at 13:31

    gleich auf die Liste geschrieben für den nächsten Paris Besuch….toller Artikel Peter !

  • thomas
    3. Januar 2012 at 13:38

    perfektes hemd! gucken kostet bekanntlich nichts 😉

  • siegmarberlin
    3. Januar 2012 at 16:23

    wunderbarer Artikel über einer der besten Hemden Manufakturen. Mein Grossvater ( Schneidermeister ) war immer dergleichen Meinung wie Peter in seinem Artikel, weniger ist mehr, wenn es von bester Qualität ist.

  • Junikäfer
    4. Januar 2012 at 14:53

    Wirklich schöner Artikel, der sich mit den Eindrücken einer Dokumentation über das Haus deckt.

    Interessieren würde mich, was man für das perfekte Charvet-Hemd zahlt?

  • Horstson » Blog Archiv » Heiter bis wolkig – Handbemalte Manschettenknöpfe von Materia Prima
    20. März 2012 at 09:02

    […] zu diesen Wölkchendingern nähen zu lassen. Aber nicht irgendwo: Ich will endlich wie unser lieber Schreiberkollege Peter Maßhemden bei Charvet in Paris nähen lassen. Man kommt ja langsam ins couturefähige […]

  • Horstson » Blog Archiv » Meine Lieblingscharaktäre bekommen nun endlich auch Klamotten von mir
    11. Dezember 2012 at 09:29

    […] Hemden kommen für mich das sehr schöne und edle Rote Hemd von Peters Pariser Haus- und Leib-Hemdenschneiderei Charvet in frage. Sowas sollte Mann einfach für alle Fälle und Anlässe im Schrank haben. […]

  • Schöne Sachen, M27 … der Ratpack-Stil oder die kleine Eleganzoffensive | Horstson
    27. Dezember 2013 at 10:53

    […] endlich wieder mal ausführen kann, oder das White Cotton Shirt (285 €) von Charvet, der Pariser Hemdenmanufaktur-Institution, die uns Peter früher mal genauer vorgestellt hatte … Hosenträger von Alexander […]