Damenmode

Dior Haute Couture Spring/Summer 2019 – Harlekinade

(DIOR Spring/Summer Haute Couture; Foto: Adrien Dirand)

Es erschien wie ein Traum, was Maria Grazia Chiuri für die Dior-Haute-Couture im Garten des Musée Rodin Ende Januar in Paris zeigte. Genau der Traum, den Kundinnen, die sich heute noch Haute Couture auf den Leib schneidern lassen und bereit sind Kleider zu tragen, die das Handwerk in perfekter Weise zu vereinigen, haben. Dabei hat bei Dior die Haute Couture nichts Gestriges, sondern entspricht vollkommen dem Geist der starken Römerin, die wie keine andere Designerin für das emanzipierte und feministische Bild der modernen Frau steht, die es sich wert ist Haute Couture zu tragen. Maria Grazia hat es sowohl im Prêt-à-porter wie auch in der Haute Couture, geschafft innerhalb weniger Jahre eine Dior-Frau zu erschaffen, die modern und kontemporär erscheint, aber auch ganz eng an das Bild angelehnt ist, das Gründer Christian Dior von einer femininen Frau hatte, deren Ideal er vor Augen hatte, wenn er seine Kollektionen entwarf.

Kein Designer, der auf ihn folgte, scheint sich so an seinem Vorbild zu orientieren, hat die Archive so genau studiert und seine Werte verinnerlicht und kreiert aus diesen Inspirationen ein so eigenes Frauenbild wie Chiuri. Dabei verbindet sie auf meisterhafte Weise den Feminismusgedanken, der bei ihr niemals hart herüberkommt, mit dem Zugeständnis an die extreme Weiblichkeit. Der zweite Dior-Designer, der bei Maria Grazia immer wieder erkennbar wird, ist Marc Bohan, der so lange wie kein anderer die Kollektionen für Dior verantwortete, lange unterschätzt wurde und schon in den Sechziger Jahren die Wandlung des Frauenbildes bei Dior meisterlich umgesetzt hat. Ihm ist es zu verdanken, dass sich Dior von einer idealisierten Weiblichkeit löste, er auf die sich wandelnden Ideale der Sixties und Seventies einstellte und die Marke in ein modernes Modehaus transferierte. Früh führte auch er Prêt-à-porter ein und legte damit den Grundstein, dass Christian Dior stets Aktualität und seine Vormachtstellung unter den Couture Häusern behielt.

DIOR Spring/Summer Haute Couture; Foto: Adrien Dirand

Maria Grazia Chiuri erzählt immer wieder Geschichten, die Neues entstehen lassen, etwas, das ganz tief verwurzelt ist in der Heritage des Hauses und der Fantasie von Christian Dior, aber auch auf unglaubliche Weise mit dem Savoir-faire, dem großen Respekt vor dem Handwerk der Ateliers und der Handwerker der Suppliers verbunden ist. Dass Haute Couture durchaus alltagstauglich wird, steht bei ihr im Vordergrund, was man trotz vieler Abendroben und einer märchenhaften Inszenierung auf den ersten Blick sieht. Maria Grazia Chiuri ist eine Träumerin, die mit beiden Beinen fest im heutigen Leben steht und die Regeln und die Verantwortung des Business, die tagtäglich auf ihr lastet, vollkommen verinnerlicht hat, ohne dabei ihre Visionen außer Acht zu lassen. Und genau das ist es, was diese Kollektion so einmalig erscheinen lässt.

Die Welt des Zirkus steht Pate für den Dekor der Schau, die kein klassisches Défilé im eigentlichen Sinn war, sondern eine Inszenierung in einem märchenhaften Zirkuszelt im Garten des Musée Rodin mitten in Paris. Wie im Kindertraum, ein gestreiftes Zirkuszelt, mit darauf wehenden Flaggen des Emblems des Maison Dior. Die Dekoration in sanften Pastelltönen wurde von der Zirkuskunst inspiriert, der Boden mit den bunten Rauten der Commedia dell’Arte überzogen. Die britische Bühnenbildnerin Shona Heath, bekannt durch ihre Zusammenarbeit mit Paolo Roversi und Tim Walker, erschafft bei Shootings märchenhafte Welten für Magazine wie VOGUE, Another, Dazed & Confuzed oder Harper’s Bazaar. Aber dazu setzte die Designerin ein weiteres Statement, das dieses Défilé weit von anderen unterscheidet – Maria Grazia Chiuri ist bekannt dafür, Performancekunst in ihre Modenschauen einzubinden: Das bewies sie bereits, als sie die israelische Choreografin Sharon Eyal, die Tänzer ihrer Gruppe sowie eine achtköpfige Gruppe von weiblichen Rodeoreiterinnen aus Mexiko für ihre Resortshow einlud. Diesmal war es die Frauengruppe der Zirkusakrobaten Mimbre, die sie bat, rund um den Laufsteg im Chapiteau ihre waghalsigen Kunststücke darzubieten, Pyramiden zu bilden und ihre artistischen Nummern aufzuführen. Die Truppe brach damit symbolisch alle Geschlechterbarrieren auf, verkörperten die Definition von Frauenpower, ganz so, wie das Frauenbild das Maria Grazia gern für Dior transportieren möchte.

DIOR Spring/Summer Haute Couture

Christian Diors Vorliebe für den Cirque d’Hiver und die Stimmung der Akrobaten begann früh. Schon als der Designer mit seinen Eltern nach Paris fuhr, als Kind von Granville aus, gehörte der Zirkus zu den festen Zielen. Seine Freundschaft mit Künstlern, die immer wieder diese Motive malten und die Bilder seines engen Freundes Christian Bérard, die er Anfang der Dreißiger Jahre in seiner Galerie in Paris ausstellte, inspirierten ihn schon in seiner Zeit bei Lucien Lelong zu Entwürfen. Bérard richtete seine Boutique in der Avenue Montaigne ein, als er 1946 sein eigenes Haus mithilfe von Marcel Boussac eröffnete und die Dreispitze der Comedia dell’Arte und die eng geschnürten Mieder wurden feste Bestandteile in seinen Kollektionen. Auch eine andere große Modeschöpferin war von der Welt des Zirkus ebenfalls fasziniert: Elsa Schiaparelli und ihre 1937 präsentierte Zirkuskollektion machte sie zur Legende.

DIOR Spring/Summer Haute Couture

Clowns und Akrobaten, das Rautenmuster des Arlecchino, die üppigen Volants und der große Kragen des Pagliaccio, Spielkartenmuster und die Tutus der Tänzerinnen, alles Merkmale, die seit Jahrhunderten die Menschen faszinieren und durch den viktorianischen Zirkus noch populärer wurden. Maria Grazia Chiuri versteht die Schlichtheit der viktorianischen Elemente geschickt für ihre Tagesensembles, Smokings und Kleider mit weißen Krägen und Jabots einzusetzen, sowie weißen Satin und Grain de Poudre zu makellosen Anzügen werden zu lassen. Zirkusdirektorenjacken mit Brandenbourg-Knebelverschlüssen werden zu schicken Hosenanzügen. Bloomer’s Suits und kurze Cocktailensembles spielen mit Lagen von Chiffon und Volants, die raffiniert mit Spielkartenmotiven und Zirkusstickereien versehen sind. Tiger springen durch brennende Reifen, Astrologiemotive und Sternenhimmel breiten sich auf Organza aus. Dazu eine Art Akrobatenkappe, wie sie die Trapezkünstlerinnen in den Zwanziger und Dreißiger Jahren trugen. Die Raffinesse des Handwerks ist ungeheuerlich und Maria Grazia Chiuri zeigt Konsequenz bis ins letzte Detail.

Die Dior-Ateliers arbeiten mit Meisterstickern wie François Lesage und Jean Guy Vermont zusammen, die großflächige, fast zerbrechlich wirkende Kunstwerke für diese Kollektion schufen. Lognons Plissées, eine heute von nur noch wenigen Handwerkern beherrscht Kunst, kommen besonders gut bei den kleinen gebauschten Röcken heraus. Die Farben der langen Sonnenplisséekleider schimmern prächtig, während dagegen die in zarten pastellfarben gehaltenen Chiffonroben den Regenbogen der Rauten der Commedia dell’Arte zu wahren Sommernachtsträumen werden lassen. Die mit Flitterstickerei und Sternen versehende kurze Stiefeletten der Zirkusreiterinnen und flache funkelnde Mary-Janes verleihen dem Couturelook, wie auch die Kappen, einen sportlich glamourösen Look.

Maria Grazia Chiuri versteht es, mit jeder Haute-Couture-Kollektion geschickt ein neues Kapitel ihrer eigenen Haute-Couture-Geschichte aufzuschlagen und uns eine Sternstunde aus der Geschichte des Hauses Dior und seines Begründers erleben zu lassen, aber auch die Geschichte der modernen Frau fortzusetzen, die im Jahre 2019 selbstbewusst genug ist zu träumen und, genau wie sie, ihren normalen Alltag lebt und ihr Business betreibt.
Sich Haute Couture zu leisten, bedeutet schon lang nicht mehr nur die Frau eines bedeutenden oder reichen Mannes zu sein – die Kundinnen von Dior sind längst eigene erfolgreiche und emanzipierte Frauen und zu denen passt Maria Grazia Chiuris Philosophie perfekt.

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