Damenmode Haute Couture

Chanel Haute Couture Winter 2014 – Lagerfelds new Charles de Beistegui Dream

Bild: Chanel

Wer sich Karl Lagerfelds Haute Couture Schau für den Winter 2014, die vorgestern im Grand Palais gezeigt wurde, anschaut, begreift das schnell, was man nicht treffender ausdrücken kann, als Schreiber-Kollege Jeffrey Felner vom „Examiner“, der schon seit Jahrzehnten die Couture analysiert: „It is a Spectacle. It is Fashion. It is what Haute Couture is all about. It needs no explanation and it is all pure 100% Chanel and Karl Lagerfeld!“
Genau so, denkt man, ist es, aber natürlich wollen wir trotzdem mehr über diese Kollektion schreiben, die schon im Dekor der Schau das signalisierte, was Lagerfeld ausmacht. Seine Bildung ist unermesslich tief und vielfältig. Es gibt Dinge, auf die er immer wieder gerne zurückkommt und die ihn lebenslang inspiriert und beflügelt haben …
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Bilder: Chanel

Carlos de Beistegui, genannt Charles oder Charlie, war ein ungeheurer Exzentriker und einer der schillerndsten Persönlichkeiten zur Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts in Paris. Als Sohn mexikanischer Milliardäre konnte er sich es leisten, Anfang der dreißiger Jahre ein gigantisches Penthouse auf der Champs-Élysées von Le Corbusier bauen zu lassen. Die Dachterrasse war von dem Synonym des Surrealisten Salvador Dali gestaltet. Pures Weiß, mit dem Blick auf den Arc de Triomphe, davor nur eine Mauer mit einem Louis XV. Kamin und einem opulenten ovalen Goldspiegel der gleichen Epoche. Wie ein Traumbild, das irreal wirkte.
Beistegui veranstaltete in seinem Palazzo in Venedig Kostümfeste, wie 1951 den „Bal Oriental“, die bis heute legendär sind. Jacques Fath erschien damals als Sonnenkönig in einem komplett weißen Kostüm mit goldenen Stickereien, die, wie könnte es anders sein, genau wie der Dachterrassen Dekor am Dienstag in einer 2014er „chanelisierten“ Version im Grand Palais auftauchten.
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Bilder: Chanel

Chanels Haute Couture Kollektion, zur Wintersaison deutlich in der Anzahl der Modelle erweitert, schließlich steht die Fest-Saison vor der Tür, beginnt mit typischem Tweed und Loup Ensembles mit grafischen Stickereien in X- und O-Linie. Lagerfelds geliebter, den Hals etwas fern umspielender Kragen, gibt den etwas verbreiterten Schultern zur letzten Saison eine reizvolle Weiblichkeit und schmeichelt der Trägerin. Dazu durchgehend in der Kollektion, ähnlich wie in der letzten Saison die korrespondierenden Sneakers, an Flip-Flops erinnernde Schuhe, die nach der Art der Prima Ballerinen mit einem Grosgrain-Band um die Fesseln geschnürt werden. Merke: Couture Kundinnen können auch im Winter wie Vestalinnen an den Füßen bekleidet sein – sie müssen ja nicht durch Schneematsch zum Ball. Die Flachheit der Schuhe und ihr unmerkliches Anpassen nehmen den in Materialien und Schnitten aufwendigen und ausgeklügelten Tagesensembles die Schwere. In der Pressemappe des Hauses setzt Karl Lagerfeld dann auch ein Mädchen aufs Fahrrad, vielleicht auch, um die Alltagstauglichkeit seiner Modelle zu demonstrieren. Nicht ungewöhnlich, denn das Couture Kleidung Komfort und Bewegungsfreiheit bietet, war schon Mademoiselle ungeheuer wichtig. Coco Chanel verlangte von „ihren“ Mädchen, dass sie in ihren Kostümen das Aufspringen auf einen Bus simulierten und so der Kollektion, bevor sie über den Runway geschickt wurde, einen Praxistest unterzogen.
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Bilder: Chanel

Bei den Röcken wird eine glockige, leicht ausgestellte Silhouette präsentiert, die das Knie umspielt und den eher winterlichen Tweeds eine beschwingte Leichtigkeit verleiht. Grafische Modernität wird durch Fransen und nachgestickte, erhöhte Materialien aufgebrochen. „Mantel-Tages-Ensembles“ mit kurzen Redingote-Mänteln, sehr tailliert über einfachen Röcken, wappnen die Couture Kundin für kältere Tage und den Stadtbummel. Cocktailkleider mit Kuppelröcken und aufwendigen Spitzen-Inkrustationen, gern mit ärmellosen Stehkragen Tops mit der altbewährten Couture Silhouette Lagerfeld für Chanel. In neuen Materialkombinationen und raffinierter Stickerei wird sich diese Kollektion wieder ganz weit vorn auf der Bestellliste des sich erweiternden Kundenkreises des Hauses anfinden.
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Bilder: Chanel

Bei den Abendkleidern wurden die Stickereien neben Schwarz, Signalrot und Yves Klein Blau bei einem schlichten grafischen Mosaik in ton-sur-ton appliziert. Der Schwerpunkt der Kollektion war aber auch hier, wie beim strahlenden Weiss der Inspiration und des Dekors, die Schlichtheit, die gegen Silber oder Goldstickereien gesetzt wurde. Supraporten des Château de Groussay von Bestiguy und Stuckaturen wurden von Lagerfeld meisterlich als Borten, Abschlüsse oder Medaillons auf mädchenhafte „Columne“-Kleider gesetzt. Traumroben, bestehend aus Flitter und Pailletten als Hommage an die fulminanten Vorkriegs-Kollektionen Mademoiselles und Kaminröcke in Seiden-Gazar mit Oberteilen im Stil von Farah Diba runden die glamourösen Kreationen ab. Die Braut trug dann zum Abschluss ein Kleid im Infantinnen-Stil des sechzehnten Jahrhunderts. Schlicht, fast puritanisch geknöpft, mit einer üppig bestickten, goldenen Courschleppe, hinterlässt das Brautkleid die Zuschauer in der Illusion, an einem der unvergesslichen Bälle teilgenommen zu haben, die sich nur Exzentriker wie Beistegui ausdenken konnten.
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Bilder: Chanel

Heute lässt uns Karl Lagerfeld den Traum weiter träumen – aber eben im Jahr 2014 und mit dem realen Hintergrund eines wachsenden Couture Marktes. Die Sicherheit und Professionalität der Ateliers und das ungeheure Handwerk sind nur ein Bestandteil dieser Träume. Dass Lagerfeld mit dieser unerschöpfliche Fantasie und dem Hintergrund, um den ihn sicherlich mancher in den Diensten anderer großer Label stehenden Designer beneidet, so perfekt schwingt, lässt die Couture Woche immer wieder zu einem Höhepunkt werden. Er vermag es wie kein anderer, dieses Metier immer wieder herauszufordern und Chanel damit zu einer schier unendlichen Quelle von Kollektionen zu verhelfen, die die Spitze in allen Disziplinen der Pariser Mode anführen lässt.
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Bilder: Chanel

Die Haute Couture von Chanel für den nächsten Winter ist wie das Wechselspiel des Surrealismus – träumerisch fließend, grafisch klar und doch mit der nötigen Exzentrik eines Genies ausgestattet. Sicher würde Beistegui an seinem weiter geträumten Lagerfeld Traum viel Freude haben …

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  • Siegmar
    10. Juli 2014 at 10:46

    toller Artikel lieber Peter und die Entwürfe sind wunderbar. Besonders gefällt mir das Chanel-Fahrrad. Carlos de Beistegui kannte ich ehrlicherweise nicht und das Penthouse würde ich mir gerne ansehen, da ich ein großer Anhänger von Le Corbusier bin.

  • Markus
    10. Juli 2014 at 11:51

    traumhafte opulente kollektion, charles de beistegui war mir ein begriff aber die zusammenhänge zur kollektion sind trefflich von erläutert

  • Horst
    10. Juli 2014 at 12:37

    Den Ball kannte ich, Beistegui nicht. Wunderschöne Kollektion, tolle Rezension! 🙂

  • Manfred
    10. Juli 2014 at 14:12

    Schöner Artikel, voller Wissen und Euphorie

  • Elke
    10. Juli 2014 at 15:45

    Die Modelle sind wunderschön,Du kannst es uns mit viel Wissen so wunderbar erklären ! Es macht immer wieder Spaß Deine Artikel zu lesen.

  • thomas
    11. Juli 2014 at 13:19

    so wundervoll kann nur einer schreiben – mein peter, auf den ich immer wieder so unglaublich stolz bin!