Interview

„Ich bin eine Kunstfigur entstanden aus dem Querschnitt meiner Jugend“ – Bambi Mercury im Interview

(Bambi Mercury; Bild: Candy Crash)

Dragqueen, Vater, kreatives Mastermind und der Name eine Mischung aus Disneyfigur und schwuler Gesangsikone. Den meisten bekannt aus „Queen of Drags“, hat sich Bambi Mercury in der Berliner Dragszene als Perfomer und DJane schon lange vorher einen Namen gemacht. Jan Who traf Bambi aka Tim (natürlich unter Corona-Auflagen) und sprach mit ihm über den Status Quo der schwulen Community in Deutschland und fancy Rollatoren.

Janwho: Die schwule Szene in Deutschland 2020. Was ist in deinen Augen der Status Quo?
Tim: Ich glaube viele sind in den letzten Jahren mit einer rosaroten Brille durch die Gegend gelaufen und haben nicht erkannt, dass wir noch immer für Akzeptanz und Toleranz kämpfen (müssen), aber gleichzeitig nicht merken, wie wir uns auf der anderen Seite ausschließen. Je länger ich mich in der LGBTQI+ – Szene bewege, desto mehr wird mir bewusst, dass Themen wie Gender oder auch Rassismus in der Szene leider noch immer ein großes Problem sind. Wenn ein Mann zum Beispiel zu feminin ist oder zu dick oder zu dünn. Und ich finde man merkt zum Teil, dass der Zusammenhalt untereinander nur in bestimmten Momenten vorhanden ist.

Was meinst du damit?
Zum Beispiel damals der Angriff auf den „Pulse“ Club in Orlando. Da gab es im Anschluss weltweiten Zusammenhalt, am Brandenburger Tor zum Beispiel eine Schweigeminute und so weiter. Danach war alles wieder wie immer.

Heißt?

Ignoranz und Schubladendenken in der Community.

Drag ist mittlerweile Mainstream. Und dennoch hört man auf der anderen Seite vor allem auch in anderen Ländern wie Polen von LGBTQI freien Zonen und schwulenfeindliche Übergriffe nehmen auch nicht grundsätzlich ab. Glaubst du die Akzeptanz ist nur oberflächlich?
Ich glaube, das ist eine Frage des Backgrounds. Wenn man sich schon immer mit Kunst, Kultur, Musik, Fernsehen etc. auseinandergesetzt hat, dann ist Drag nichts Neues. Aber natürlich gibt es auch weiterhin genügend Menschen, die ein Problem damit haben. Viele Menschen haben auch noch immer keine Berührungspunkte mit Drag Queens und können sich da nicht reinversetzen. Die fragen sich dann weiterhin: Will der Mann jetzt eine Frau sein, will er das nicht und wenn ja wieso. Es herrscht einfach nicht genügend Aufklärung in dem Bereich.

Aber meinst du, die Akzeptanz ist temporär, weil es eben gerade cool ist?
Also ich persönlich sehe keinen großen Aufschwung, aber ich bewege mich natürlich auch in meiner eigenen Bubble. Ich sage es mal so: Ich fahre als Bambi Mercury immer noch keine öffentlichen Verkehrsmittel, sondern eben meistens UBER oder ähnliches. Und ich bin als Bambi auch in der Öffentlichkeit nicht so oft unterwegs. Aber natürlich ist das ganze Thema durch Shows wie „Drag Race“ oder eben „Queen Of Drags“ viel zugänglicher geworden, was wiederum zur Akzeptanz beiträgt und es zu einem Teil der Gesellschaft macht.

Wie engagierst du dich in/für die LGBTQI-Szene?
Ich bin zum Beispiel kein Pride-Typ, weil ich kein Fan von großen Menschenmassen bin. Ich stelle, soweit ich kann, meine Reichweite und meinen Kanal gern zur Verfügung. Klar versuche ich weiterhin zu unterhalten, aber ich bringe auch gern politische Themen mit ein und mache darauf aufmerksam. So zum Beispiel das Thema LGBTQI+ freie Zonen in Polen oder auch Blutspenden als Homosexueller. Ich bekomme dann oft viele Nachrichten, in denen mir Leute sagen: Hey, das wusste ich gar nicht, danke fürs Aufklären! Und wenn ich damit erreichen kann, dass sich mehr Menschen mit dieser Problematik und dem Thema generell auseinandersetzen, ist mein Ziel erreicht.

Was kann/sollte denn jeder für mehr Akzeptanz tun?
Ich denke jeder sollte sich zuerst mal seine eigene Meinung bilden und mit Themen richtig auseinandersetzen. Und nicht nur auf eine Meinung aufspringen, weil irgendjemand in den sozialen Medien etwas behauptet hat und dabei aber nur die Hälfte verstehen. In der heutigen Gesellschaft kann man sehr schnell mit dem Finger auf andere zeigen, ohne wirklich Ahnung davon zu haben, warum man das tut.

Bambi Mercury aka Tim; Bild: Janwho

Du hast seit Dezember 2019 zusammen mit deiner besten Freundin zwei Kinder. Wie schwer war der Weg dahin bzw. explizit in Deutschland?
Also ich will da jetzt nicht zu sehr ins Detail gehen, aber es wird einem wirklich nicht leicht gemacht. Die Bürokratie ist der Horror. Wenn du ein heterosexuelles Pärchen bist, ist das ja manchmal schon nicht leicht und wenn du als queere Personen Kinder haben willst, wird es natürlich erst recht nicht unbedingt leichter. Und Adoption ist dann auch nochmal ein anderes Thema für sich.

Hast du dich denn bewusst gegen ein Pflegekind und für ein leibliches Kind entschieden? Und wenn ja warum?
Pflegekind stand für mich persönlich nie zur Debatte. Ich wurde so erzogen, dass ich am besten meine Ausbildung bzw. mein Studium mache, dann meinen Partner/meine Partnerin finde, eine Doppelhaushälfte kaufe und dann einen Hund und zwei Kinder habe. Das dieser Entwurf so nicht zu mir passt, habe ich schon relativ schnell gemerkt, aber Kinder wollte ich schon haben. Den Kinderwunsch hatte ich dann im Laufe der Jahre irgendwie vergessen. Und dann vor 2-3 Jahren hatte ich mich mit meiner Freundin über (ihren) Kinderwunsch unterhalten und habe dann nochmal drüber nachgedacht. Und so hat sich dann alles entwickelt und jetzt habe ich zwei Kinder. (lacht) Was ich aber schade fand ist/war, dass es immer so dargestellt wurde, als sei sie „nur“ diejenige gewesen, die das Kind ausgetragen hat. Und gerade das Thema Leihmutter geht in diesem Zusammenhang halt gar nicht, weil ich das zum Beispiel nie gesagt habe. Und das tut natürlich dann auch ihr weh.

Gibt es denn in deinen Augen eine Art Community von queeren Familien, in der man sich austauscht oder so?
Also ich persönlich habe jetzt keine Community, in der ich mich da bewege. Freunde von mir, die queer sind, haben auch Kinder, ja. Aber das ist dann eher Freundeskreis als spezifische Community.

Wie ist es dir als Kunst-und Kulturschaffender während Corona ergangen?
Ich hatte im März meinen Job gekündigt und beschlossen, mit Drag mein Geld zu verdienen. Dann hab ich noch ein cooles Projekt gemacht und dann kam auch schon der Lockdown und ich habe überlegt, was ich mache. Auflegen ging nicht mehr, Performances gingen auch nicht mehr und dann kamen ja die Streams. Und das mache ich jetzt quasi, genauso wie Werbung. Ich habe auf jeden Fall erkannt, dass es vielmehr Möglichkeiten innerhalb von Drag gibt, die mir vorher gar nicht bewusst waren. Aber wie vorher ist es natürlich überhaupt nicht mehr.

Wie politisch ist Drag in Deutschland?
Ach, ich finde ja selbst wenn du aus dem Haus gehst und nicht optisch der Norm entsprichst, bist du ja heutzutage schon politisch. Und wenn du dann auch noch Frauenklamotten trägst, schlüpfst du ja als Mann quasi in das von den Medien noch immer teilweise als schwächer dargestellte Geschlecht. Das ist natürlich politisch. Und was politische Werte von Dragqueens in Deutschland angeht, da muss man sich nur mal eine Olivia Jones anschauen, die in kompletter Montur in den Bundestag gegangen ist.

Wenn wir jetzt aber zum Beispiel nicht von diesen Urgesteinen sprechen, sondern zum Beispiel von den Kandidatinnen von Queen of Drags. Auch diese hätten ja ihre Plattform und den gestiegenen Bekanntheitsgrad nutzen können. Was meinst du warum das nicht der Fall war?
Ich denke, dass nicht jeder mit Drag diese komplette politische Linie fahren soll oder muss. Viele, die heute mit Drag starten, wollen den großen Vorbildern einfach nacheifern, ohne dass sie wissen, was an politischer Aussage aus der Vergangenheit dahintersteckt. Und dann gibt es auch Queens wie eine Freundin von mir, die mal zu mir gesagt hat: Du Bambi, ich kann und will das auch gar nicht. Ich will, dass Leute bei meinen Auftritten einfach eine schöne Zeit haben und aus ihrem Alltag rauskommen. Ich für meinen Teil baue zum Beispiel politische Statements in meine Auftritte ein. Einmal war ich in Drag in Gefängniskleidung mit einem rosa Winkel auf der Bühne und habe mit einem Lipsync die Schwulenverfolgung während des Zweiten Weltkriegs dargestellt. Am Ende der Vorführung hatten dann sogar ein paar Leute Tränen in den Augen.

Drag Race und auch viele Dragqueens in Amerika haben oftmals größere finanzielle Mittel. Wie kommt es, dass Drag in Deutschland als weniger „glamourös“ wahrgenommen wird als in Amerika?
Also erstmal muss man natürlich sagen, dass Optik nicht gleichzeitig auch bedeutet, dass etwas rüberkommt. Ich glaube aber, das könnte daran liegen, dass viele richtig gute Queens nicht diese mediale Aufmerksamkeit bekommen. Es gibt im Endeffekt sicher genauso viele „trashy“ Queens und eben auch genauso viele „polished“ Queens wie in Amerika. Ich meine du kannst dir Drag Race USA anschauen und dann schaust du dir Drag Race Holland an und denkst dir: Gut, das ist auch nicht alles schön. (lacht)

Aber glaubst du, dass diese Wahrnehmung auch dadurch entsteht, dass Drag Race USA zum Maßstab aller Dinge geworden ist?
Ja, furchtbar. Das Format wird immer als Maßstab genommen. Und dann fangen Leute, die sich noch niemals im Leben geschminkt geschweige denn etwas genäht, oder schlimmstenfalls sich vorher noch nicht mal mit dem Thema auseinandergesetzt haben an, dich zu kritisieren. Es wird wie so oft alles miteinander verglichen. So wie Madonna mit Lady Gaga. (lacht) Ohgott, ich höre mich an wie so eine alte Frau.

Du machst ja superviele deiner Kostüme selber. Woher kommt die Passion dafür?
Witziger Weise kann ich gar nicht so gut nähen, auch wenn ich zwei Nähmaschinen habe. Aber ich kann mich mit einer Heißklebepistole ganz weit nach oben befördern. (lacht) Ich habe früher schon immer versucht aus dem was ich hatte, etwas Neues zu basteln, einfach auch teilweise aus Mangel an Alternativen. Ich glaube, das hat sich bei mir schon immer abgezeichnet.

Also machst du es nicht, weil du es finanziell musst, sondern weil du das auch cool findest? Wir wissen ja alle, dass Drag dann doch sehr schnell sehr teuer wird.
Ja das schätze ich auch am Upcycling. Ich gebe bei Freunden auch viel in Auftrag und bringe dann Impulse oder Materialien von mir mit rein. Aber auch die Freunde werden natürlich dafür bezahlt. Ich sehe selber gerne wie etwas entsteht. Ich habe als Kind früher viel gezeichnet und gemalt und mittlerweile bin ich zu dieser Figur geworden, die ich früher gemalt habe. Und mit allem, was ich selber gestalte, trage ich etwas zu dieser von mir geschaffenen Figur bei. Ich habe keine Lust mir irgendein Kleid von der Stange anzuziehen, weil ich eben genaue Vorstellungen habe, wie etwas aussehen soll.

Würdest du nochmal an so einem Format teilnehmen? Also gesetzt dem Fall es würde irgendwann mal Drag Race Germany geben, würdest du teilnehmen?
Grundsätzlich schon, wenn ich weiß, was bei dem Format im Endeffekt rauskommt. Ich möchte mir aber ungern das was ich mir aufgebaut habe mit Trash kaputtmachen. In der deutschen Medienlandschaft ist es ja immer schwierig, weil du entweder als Belustigung benutzt wirst oder als jemand, der dann wirklich was zu sagen hat.

Bambi Mercury aka Tim; Bild: Janwho

Gibt es für dich ein Alter in dem du sagst: So, jetzt ist Schluss mit Drag?
Och, ich glaube in der Zukunft findet mit Sicherheit jeder seine Sparte. Ich will auf jeden Fall weiterhin kreativ und produktiv sein. Ob das weiterhin im Drag-Bereich sein wird, kann ich nicht sagen. Auf der anderen Seite bin ich richtig gut im Basteln, also wenn ich irgendwann mal mit so einem fancy Rollator auf der Bühne stünde, wäre das schon eine Überlegung wert (lacht).

Kommen wir noch kurz zur Musik. Was hört Bambi privat an Musik?
Uff, ok, blöder Satz: Ich höre eigentlich alles. Ich höre Klassik, Madonna, deutsche Musik, Queen, Mylène Farmer, Enigma, also wirklich superviel. Ich liebe Musik einfach. Ich kann dir auch sagen, ob Stimmen in einem Song original sind, ob der Song ein Sample ist oder von wem das Original stammt. Ich habe, bevor ich mit Drag anfing, auch superviele Mashups gemacht, daher habe ich ein Ohr dafür.

Irgendwelche Lieblingsalben gerade?
Ja, Jessie Ware „What’s Your Pleasure?” und Roisin Murphy “Roisin Machine” finde ich mega. Also nicht das ganze Album, aber da sind schon ein paar richtig gute Songs drauf.

Und welche 3 Songs dürfen in keinem deiner DJ-Sets fehlen?
„Dancing On My Own“ von Robyn, “Sweet Dreams” von Eurythmics und irgendwas von Madonna. (lacht)

1 Comment

  • Mia
    25. November 2020 at 22:20

    Hallo, Jan,
    da hast Du ein sehr lesenswertes Interview geführt. Ich möchte hier jetzt nicht spoilern, sondern jedem empfehlen dieses Interview zu lesen 🙂

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