Interview

A Family Affair – Modehaus UNGER Hamburg

Michael Braun; Bild: UNGER

Als Ende des letzten Jahres bekannt wurde, dass das Düsseldorfer Familienunternehmen Eickhoff schließt, ging ein Aufschrei durch das deutsche Modevolk. „Multibrand Stores de Luxe könnten nicht mehr bestehen und Familienunternehmen seien ein Modell der Vergangenheit“ hieß es Vorlaut von einigen Branchen-Pessimisten. Aber weit gefehlt, denn Familienunternehmen sind im Modebusiness häufig die Innovatoren und die Inhaber der wahren Luxusmarken, wie zum Beispiel Häuser wie Hermès und Chanel, beweisen. Tradition in Innovation zu verwandeln ist das Zauberwort, das, wenn es gelingt, der Schlüssel zum Erfolg ist.

Ein wunderbares Beispiel eines Traditionshauses, das gerade seinen Generationswechsel erfolgreich abgeschlossen hat und mit frischen Ideen und Visionen in die Zukunft geht, ist das Modehaus UNGER am Neuen Wall in Hamburg. Unter der Leitung von Florian Braun gelingt der Spagat vom klassischen Einzel- zum Onlinehandel. Die Marke UNGER knüpft an ihre seit 1878 bestehende Historie an, indem sie die Erfahrung der vorigen Generationen nutzt und mit dem Zeitgeist und den Veränderungen unserer Zeit kombiniert. Dabei steht Florian sein Vater Michael Braun beratend zur Seite, der über die letzten Jahrzehnte das aus „der“ Hamburger Institution für Designer Mode entwickelte, was UNGER zum überregionalen Shoppingziel macht.

Wir führten mit Michael Braun ein Interview, das nicht nur einen interessanten Einblick in die Entwicklung des Unternehmens gibt, sondern auch ein bisschen die Geschichte der Designermode der letzten 40 Jahre widerspiegelt. Wie der internationale Chic nach Deutschland und Hamburg kam, ist dieser Familie zu verdanken …
Glücklicherweise gibt es in Deutschland noch einige dieser Leuchttürme, denn auch für morgen brauchen wir den Riecher von Menschen, die den Mut haben, bei vollem finanziellen Risiko, für Generationen zu denken und die nicht aus dreimonatiger Aktionärssicht handeln. Dabei kann man sicherlich, im wahrsten Sinne des Wortes, viel von solchen Unternehmern lernen …
Viel Spaß beim Lesen!

Als Sie das Geschäft von ihren Eltern übernahmen, wie war damals die Einstellung der Hamburger zu Mode und was verkauften Sie damals in den Salons von UNGER in der Großen Johannisstraße?
Die Hamburger Damen waren sehr aufnahmefähig und neugierig auf neue, internationale Designer-Mode; hauptsächlich aus Paris, Mailand/Florenz und London. Die Kundinnen hatten sich in den 50er und 60er Jahren langsam wieder an Luxus gewöhnt, nun wurden auch die Hanseatinnen mutiger und experimenteller.

Hatten Sie damals, als Sie das Geschäft übernahmen, die Ambitionen viel zu verändern und eine ganz bestimmte Vision vor den Augen?
Internationalisierung und Exklusivität standen an vorderster Stelle. UNGER sollte zu einer Einmaligkeit in Punkto Mode erblühen. Der große Erfolg setzte spontan ein und war schon damals etwas ganz Besonderes auf dem deutschen Modemarkt.

Welches waren damals die Marken, die Sie gerne gehabt hätten und was entsprach damals der ihrer Modevorstellung von UNGER? Hatten Sie eine bestimmte Kundin im Auge?
Damals hatten wir bereits exklusive Marken wie Fendi, Courreges, R. Cavalli, Genny, Krizia, Chloe, Ginochietti. Viele von den großen französischen Namen waren im Übrigen eine Zeit lang (80er/90er Jahre) im modischen Luxushandel kaum noch präsent. Erst Anfang 2000 begann die „Revitalisierung“ großer Namen wie Balenciaga, Dior oder Celine…
Eine kleine Anekdote: Ende der sechziger Jahre hatten wir in Paris die Möglichkeit einer exklusiven Zusammenarbeit mit Chanel. Meine Mutter empfand die Rocklänge aber als viel zu kurz für die Hanseatinnen…. Von Chanel bekamen wir von da an keine Einladungen mehr!

Welches waren damals die Haupt-Informationsquellen und welches die wichtigsten Messen für Sie?
Die exklusiven Modemessen in Paris, Mailand/Florenz und auch London- und natürlich die Mode-Fashion-Tage in München und Düsseldorf. Viele Wochen im Jahr waren wir immer in „Sachen-Fashion“-Einkauf unterwegs.

Welches war die erste richtige Zesur, die Sie in die Richtung brachte, dass ihr Modehaus auf dem Wege war, wie ihre Vision davon war. Gab es einen Designer oder eine Marke, die Sie gewannen, die praktisch als Grundstein für das heute international erfolgreiche Unternehmen gesehen werden kann?
Exklusivität von Top-Designern,- Cashmere eines unseren Hauptmaterialien, ganz speziell für eine neue sportliche Richtung, die dem Unterstatement im wohlhabenden Hamburg sehr entgegenkam. Hier war die schlichte Luxusmode von Jil Sander in unserem Haus sehr prägend. Diese Partnerschaft war schon sehr intensiv und für beide überaus erfolgreich.

In den 80er Jahren schlossen Sie sich mit einigen anderen sehr erfolgreichen Modehäusern zur FiF (First in Fashion) – Gruppe zusammen und brachten im Grunde genommen die damals aufkommenden italienischen Designer nach Deutschland und bauten Sie auf. Genny, Krizia, Umberto Ginocchetti, Coveri, Ferré wurden durch Sie in Deutschland bekannt und en vogue.
In den 80er Jahren war die FIF-Gruppe in Punkto Fashion sehr exklusiv und einmalig in Europa. Alle Einkaufsteams waren international sehr viel auf Fashion-Reisen,- und es wurden viele Eindrücke untereinander ausgetauscht und man konnte schnell und spontan reagieren. Schnelles Handeln war ein Garant für erfolgreiche Ergebnisse. Meine Idee war immer: Passt die Kollektion zu UNGER? Zu Hamburg? Und zu unseren Kundinnen? Der UNGER-Stil stand im Vordergrund.

Können Sie uns darüber erzählen, wie das damals war und wie Sie Designer entdeckten?
Die Zeit der 70er und 80er Jahre war sehr dynamisch und erfolgreich. Der anspruchsvolle „Konsument- die sogenannten Fashion-Ladies“ waren neuen Ideen- neuen Designern – gegenüber sehr aufgeschlossen und großzügig. Mode aus Paris war der Inbegriff für exklusive Mode. Uns zog es damals mehr nach Paris als nach Mailand. Die Seine-Metropole stand für Couture – Exzentrik und Internationalität!

Was bewegte Sie damals, den Sprung an den Neuen Wall zu machen und ein der Art avantgardistisches Geschäft zu eröffnen? Können Sie uns etwas über die Zeit erzählen und wie alles zu dem kam, was dann das Modehaus UNGER wurde?
Es war 1981/82 genau oder goldrichtiger Entschluss mit UNGER zum Neuen Wall zu gehen. Wir waren dort vom ersten Zeitpunkt „der Anziehungspunkt“ in Hamburg. Es entstand dort ein wahrer Mode-Luxus-Tempel. Die Kunden reisten jetzt aus ganz Deutschland zum Mode-Shopping zu UNGER nach Hamburg. Der große Umbau Anfang der 90er Jahre hat uns dann auch überregional endgültig in die Champions League geführt.

„UNGER hat Jil Sander groß gemacht“ heißt es in meiner Familie – wie wichtig war die Designerin für Sie und würden Sie diesen Satz bestätigen?
Jil Sander war für uns seinerzeit ein ganz besonderes Edel-Produkt; eine Fashion-Linie die perfekt in unser Haus passte. Es entstand eine sehr erfolgreiche Zusammenarbeit. Hamburg – Jil Sander – UNGER, das stand für Understatement und Luxus zugleich!

Waren die Frauen schicker und trend-affiner in der Zeit?
Nein, die Frauen waren nicht schicker- man könnte sagen, dass sie wohl etwas trend-affiner waren. Es gab ja seinerseits noch mehr klare Modetrends nach denen sich viele entsprechend gerichtet haben. Heute ist alles frei- alles unabhängig – Modetrends werden nicht mehr von den Modeschöpfern einfach so festgelegt. Es gibt mehr oder weniger keine festgelegten Trends mehr, die von den Designern geschweige denn vom Einzelhandel vorgegeben werden. Heute sind Musik, Metropolen und Lebensstil bestimmter Gesellschaftsgruppen viel wichtiger und stilprägender geworden. Die heutigen Frauen und jungen Mädchen sind außerdem viel informierter; was nicht heißt, dass sie stilsicherer sind.

Welches ist Ihr persönlicher Lieblings-Designer und wer ist für Sie persönlich der Designer, den Sie am liebsten in Ihrem Markenportfolio gehabt hätten, aber nie geführt haben?
Eindeutig Chanel und Hermès, zwei einmalige-noble Fashion-Linien. „Chapeau Monsieur Lagerfeld“. Mein Lieblingsdesigner und Freund ist heute Brunello Cucinelli- er ist unglaublich erfolgreich. Wenn ich mir die letzten fünf Jahre anschaue, erkenne ich in der Dimension sogar Parallelen zu Jil Sander.

Würden Sie, wenn Sie heute noch einmal vor der Entscheidung stehen, ein Textilgeschäft von Ihren Eltern zu übernehmen (dementsprechend jung), es noch einmal tun?
Die Antwort lautet sofort ja!

Gibt es etwas, was Sie grundlegend anders machen würden, als Sie es in ihrer aktiven Zeit gemacht haben? Etwas, was Sie geschäftlich bereuen?
Nein, grundsätzlich glaube ich, dass wir mit UNGER genau den richtigen Weg gegangen sind. Wir haben die Mode-Saat voll zur Blüte gebracht. Im Detail gibt es immer mal Fehleinschätzungen. Gerade im Bezug auf das richtige Timing. Mitte der neunziger Jahre hatten wir in einer Saison ganz stark auf die Baguette-Bag von Fendi und die D-Bag von Tod’s gesetzt: Kein Mensch wollte die Taschen haben. Kurz vor Ende der Saison kam ein Japaner und kaufte 50 Taschen zum regulären Preis! Ein halbes Jahr später standen die Leute Schlange für beide Styles…

Im Gegensatz zu anderen Modehäusern haben Sie ihrem Sohn mit einer kurzen Übergangszeit die Verantwortung im Unternehmen UNGER übertragen. Viele Häuser schaffen das nicht und es kommt zum Generationskonflikt. Bei Ihnen scheint das sehr gut gelungen zu sein und unserer Meinung nach auch sehr erfolgreich! Warum schaffen viele Modehäuser dieses nicht?
Vertrauen und Glauben in die Nachfolge Generation sind das „Allerwichtigste“. Sich selber zurücknehmen von größter Bedeutung, und gegenseitige Achtung müssen unbedingt vorhanden sein. Der Erfolg spricht für unser System, es gibt zurzeit weit über 130 Designer-Linien unter unserem Dach. Der stationäre sowie der Online-Handel stehen bei uns in voller Blüte und sind beide zukunftsorientiert ausgerichtet. Weitere Projekte sind für 2014 angedacht. Perfekter Teamgeist ist von größter Wichtigkeit.

Wir glauben, dass im Gegensatz zum üblichen Tenor, familiengeführten Unternehmen die Zukunft gehört. Konzerne bestimmen zwar mittlerweile die Modewelt, aber zum Beispiel Hermès und Chanel sind super erfolgreich, weil Sie eine flache Hierarchie als Familienunternehmen haben. Was ist die größte Herausforderung für Sie als Familienunternehmen und wie sieht ihre Zukunftsvision für das Modehaus Unger aus, wenn es nach ihrem Willen gehen würde?
Die Zukunft liegt nun in den Händen unseres Sohns Florian. Er hat viele sehr neue und interessante Ideen. Er hat eine klare Zukunftsvision, die ich sehr gerne beratend begleite. Wir sehen der Zukunft sehr positiv mit Freude entgegen.

Herr Braun, vielen Dank für die Zeit, die Sie sich für das Interview genommen haben!

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  • Daisydora
    7. Januar 2014 at 12:29

    Für mich ein ganz wunderbarer Laden, in dem ich schon öfter fündig wurde, obwohl ich einen großen Bogen um die für früher typische Hamburger Mode in Beige und so weiter mache. Schönes Interview und interessante Fakten, wenn man das mit Eickhoff vergleicht. Hamburg ist halt mehr als dreimal so groß, als Düsseldorf, auch wenn alle Besucher zum einkaufen nach Düsseldorf kommen. Und die wohlhabende oder gar betuchte Hamburgerin ist vermutlich weniger flatterhaft, oder? 🙂

  • Pat
    7. Januar 2014 at 16:38

    Sympathisch

  • Horst
    7. Januar 2014 at 21:47

    Sehr spannendes Interview und die Anekdote mit Chanel ist toll 😀

  • monsieur_didier
    7. Januar 2014 at 22:54

    …was für ein sympathischer Mensch und ein tolles Interview…
    ist sehr schön zu lesen mit vielen schönen Details (Chanel und der Japaner mit den Baguette-Taschen) und kommt sehr warmherzig rüber…
    Toll…!

  • Philipp
    8. Januar 2014 at 06:53

    Für den Hamburger ist dann Braun Hamburg die Anlaufstelle Nr.1 :)http://www.braun-hamburg.de

  • Siegmar
    8. Januar 2014 at 10:20

    gelungenes Interview, man kann nur hoffen das es noch einige “ schaffen “ weiter zu bestehen. Ich wußte nicht das Braun massgeblich für den Jil Sander Aufstieg gesorgt hat. Respekt !

  • Sind Modeläden bald ganz aus der Mode? | Horstson
    19. Januar 2014 at 19:00

    […] Traditionsmodehäusern? Eine Antwort darauf gab es hier vor ein paar Tagen, da hatte Peter das Interview mit Michael Braun vom Modehaus Unger in Hamburg gebracht … aber man kann da die Standorte und den Charakter der Läden leider […]