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Zu Gast im … Espace Louis Vuitton München

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Installation view: Be the first of your friends, Espace Louis Vuitton München, Munich, Germany, April 24–August 8; Bild: Christian Kain, Courtesy of the artist and Espace Louis Vuitton München.

Digitale Fragen der Ästhetik – Wie schafft man es, Computer und Internet als ernstzunehmende Kunstform aufzugreifen? Der Künstler Cory Archangel macht es einfach, polarisiert und wird auf der ganzen Welt für seine Arbeiten gefeiert! Im Espace Louis Vuitton München läuft momentan die erste monographische Werkschau des smarten Amerikaners. „Be the first of your friends“ habe ich mir für Horstson einmal näher angeschaut.
Vor ein paar Tagen habe ich Cory noch zum Gespräch gebeten (das Interview gibt’s hier zum Nachlesen), trotz allem bin ich mir nicht wirklich sicher, was er mit vielen seiner Arbeiten ausdrücken will. Vielmehr steht die Frage im Raum, wie wir seine Kunst aufnehmen und ob wir sie zwangsläufig verstehen können müssen? Es folgt eine Annäherung.

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Nancy Zhang; Bild: Courtesy of Louis Vuitton

Beim Ausflug nach München habe ich die wunderbare Nancy Zhang kennenlernen dürfen, die als Künstlerin und Designerin in Berlin arbeitet. Sie ist der perfekte Partner, wenn man kritisch Kunst reflektieren will und dabei trotz allem nicht den Spaß aus den Augen verlieren möchte. Kurzum, es war super inspirierend mit ihr! Bereits im Eingang vom Espace fällt uns die markante Färbung des Teppichbodens auf: „Sah das beim letzten Besuch nicht noch anders aus?“, frage ich mich leise. Einvernehmliches Kopfnicken, ich scheine nicht der Einzige zu sein, dem der auffällig Rotton sofort ins Auge sticht.
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Installation view: Be the first of your friends, Espace Louis Vuitton München, Munich, Germany, April 24–August 8; Bild: Christian Kain, Courtesy of the artist and Espace Louis Vuitton München.

Auf dem Boden der Tatsachen  – Der Titel des Teppichs lautet (aufgepasst, kein Scherz) Photoshop CS: 684 by 4600 centimeters, 10 DPC, RGB, square pixels, default gradient „Russell`s Rainbow“, mousedown y=2357 x=4633, mouseup y=4548 x=4666 (2015) und stellt mit seiner ellenlangen Beschreibung eine Anleitung zur Reproduktion des Verlaufsbildes bei Photoshop dar. Der Pressetext verrät mir, dass der außergewöhnliche Titel emblematisch für den demokratischen, dem Open-Source-Gedanken verpflichteten Geist von von Arcangels Œuvre steht. Puh, erst einmal durchatmen und wirken lassen! Ich bin ehrlich gesagt überfordert und suche nach eigenen Erklärungsansätzen:
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Installation view: Be the first of your friends, Espace Louis Vuitton München, Munich, Germany, April 24–August 8; Bild: Christian Kain, Courtesy of the artist and Espace Louis Vuitton München.

Beim letzten Mal durfte ich die Arbeiten der Künstlerin Symrin Gill im Espace Louis Vuitton bewundern. Bei ihr spielte vor allem die Auseinandersetzung mit der „carte blanche“ eine wichtige Rolle, könnt ihr euch noch erinnern? Eine weiße Leinwand, die nach und nach mit ihren Gedanken und künstlerischen Ideen gefüllt wurde! Vielleicht sollte man diesen Vorgang auch bei Corys Arbeit mitberücksichtigen? Sollte meine Annahme richtig sein, würde ich stark davon ausgehen, dass sich der Amerikaner direkt den ganzen Galerieraum angeeignet und ihn verändert hat. Von einer „white cube“ keine Spur mehr, vielmehr satte Farben soweit das Auge reicht. Sowohl im Erd- als auch Obergeschoss ist der maßgeschneiderte Bodenteppich ausgelegt.
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Installation view: Be the first of your friends, Espace Louis Vuitton München, Munich, Germany, April 24–August 8; Bild: Christian Kain, Courtesy of the artist and Espace Louis Vuitton München.

Welche Beweggründe verbergen sich jedoch hinter dieser Idee? Bei unserem Rundgang bekommen wir erklärt, dass Cory ganz bewusst eine Nähe zum Showroom sichtbar machen wollte und somit den Fokus auf Konsumgüter, die fortwährend exhumiert und konsumiert werden, lenkt. Ich frage mich an dieser Stelle, ob es sich um eine reine Provokation handelt? Ist dieser Erklärungsansatz nicht ziemlich hochgegriffen und wesentlich anspruchsvoller als die eigentliche Arbeit? Ich lehne mich mit meinen inneren Fragen ganz bewusst aus dem Fenster, möchte verstehen können, wie und warum Cory diese Form der Präsentation gewählt hat. Vermutlich ist es genau dieser Prozess, diese Auseinandersetzung des Betrachters mit sich selbst, auf die der Künstler mit seinen Arbeiten abzielt.
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Installation view: Be the first of your friends, Espace Louis Vuitton München, Munich, Germany, April 24–August 8; Bild: Christian Kain, Courtesy of the artist and Espace Louis Vuitton München.

Bildarchiv – Die Lake-Serie, ein breites Spektrum an digitalen Bildern des Künstlers aus dem Jahre 2013, wird im Obergeschoss erweitert und unter der Anwendung einer einst allgegenwärtigen Software aus den 90er-Jahren produziert. Weiß irgendjemand unter uns, wovon ich spreche? Niemand? Gemeint ist „Lake“, ein (mittlerweile oldschool) Java-Applet, das die Bilder mit dem Effekt einer sich kräuselnden Wasseroberfläche versieht! Die Software kenne ich persönlich auch nicht, was daran liegen mag, dass ich mich in den 1990er-Jahren primär mit Barbiepuppen und Grundschulkram auseinandergesetzt habe. Die Botschaft der Motive, die ähnlich wie herkömmliche Porträts gehangen sind, ist jedoch wesentlich einfacher erklärt: Die 70“-LED-Screens reflektieren unsere bild- und promibesessene Kultur und machen (bestenfalls) auf unsere Einstellung zur Bewahrung des kulturell Wertvollen aufmerksam.
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Installation view: Be the first of your friends, Espace Louis Vuitton München, Munich, Germany, April 24–August 8; Bilder: Christian Kain, Courtesy of the artist and Espace Louis Vuitton München.

Welchen Anspruch erfüllt eigentlich Gegenwartskunst? Mit dieser Frage scheint sich Cory beinahe spielerisch auseinanderzusetzen. Ich ertappe mich bei dem Gefühl, dass der smarte Amerikaner direkt hinter mir stehen könnte und lauthals über meine Interpretationen lacht. Er präsentiert vor allem vergänglichen Inhalt, den meine Großmutter bestenfalls als überflüssig, schlimmstenfalls als dumpfen bad taste abtun würde. Ich ertappe mich dabei, dass meine Generation angesprochen wird: Wir, die beim Fernsehen mit dem Ipad rumhantieren und gleichzeitig auf dem Iphone Instagram-Beiträge (vermeintlich) wichtiger Personen kommentieren. Haben wir, überspitzt ausgedrückt, überhaupt noch eine kritische Erwartungshaltung, wenn wir Galerien oder Museen aufsuchen?
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Installation view: Be the first of your friends, Espace Louis Vuitton München, Munich, Germany, April 24–August 8; Bild: Christian Kain, Courtesy of the artist and Espace Louis Vuitton München.

Ich für meinen Teil schon, ansonsten würde ich mir nicht die Mühe machen, meine Gedanken hier niederzuschreiben. Ich kann jedoch nicht im Kollektiv sprechen und würde mich riesig freuen, diesbezüglich ein Feedback von euch zu erhalten. Die restliche Ausstellung werde ich nicht weiter sezieren, Ehrenwort! Verschafft euch gerne ein eigenes Bild und apropos, der richtige Soundtrack spielt auch eine wichtige Rolle: Soviel sei verraten, mein Teenagerlieblingssong Since U Been Gone von Kelly Clarkson (oui, auch ich habe Jugendsünden) ist in eine Arbeit von Cory miteingebunden worden. Die Ausstellung verlasse ich, trotz offenen Fragen, mit einem sehr guten Gefühl. Wie sagte einst der verstorbene Christoph Schlingensief noch so passend: „Kunst wird erst dann interessant, wenn wir vor irgendwas stehen, das wir nicht gleich restlos erklären können“!
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Cory Arcangel; Bild: Courtesy of Louis Vuitton

Die Ausstellung „Be the first of your friends“ von Cory Arcangel kann bis zum 8. August 2015 im Espace Louis Vuitton München besucht werden. Der Eintritt ist frei.

Espace Louis Vuitton München

Maximilianstraße 2a

80539 München

Montag-Freitag 12 bis 19 Uhr
Samstag 10 bis 18 Uhr
Telefon: +49 89 55 89 38 100

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  • Die Woche auf Horstson – KW 19/2015 | Horstson
    10. Mai 2015 at 12:33

    […] uns in München und schaute sich die erste monografische Werkschau von Cory Archangel an: „Be the first of your friends“. Und weil Archangel auch äußerst smart ist, führte Julian auch gleich ein Interview […]

  • Siegmar
    11. Mai 2015 at 11:47

    sehr guter Beitrag, ich kann auch nicht klar definieren was für mich “ Gegenwartskunst “ bedeutet oder welchen Anspruch sie erfüllt oder etwa erfüllen soll. Ich habe mir die Frage am letzten Wochenende während des Galerie-Weekends hier in Berlin auch gestellt. Da muss ich C. Schlingesief zustimmen, es wurde dann interessant, wenn man vor einer Arbeit stand und diese sich nicht erklären konnte. Dadurch kommt man mit dem Künstler/in ins Gespräch mit Menschen und bekommt auch eventuell eine andere Sichtweise auf die Arbeit. Der Dialog ist für mich wichtig in der Gegenwartskunst und eine ganz schlichte Sache “ die Arbeit muss mich persönlich ansprechen“.